Aṅguttara Nikāya

Das Zehner-Buch

29. Allvergänglichkeit

Wieweit, ihr Mönche, es Kasier und Kosaler gibt und wieweit sich das Reich des Kosaler-Königs Pasenadi erstreckt, soweit eben gilt der Kosaler-König Pasenadi als der Höchste. Doch auch beim Kosaler-König Pasenadi, ihr Mönche, da zeigt sich Veränderung und Wechsel („Wechsel“ viparināma). Solches erkennend, ihr Mönche, wendet der wissende, edle Jünger sich davon ab. Sich davon abwendend, wird er beim Höchsten entsüchtet, um wieviel mehr noch beim Niedrigen.

Wieweit, ihr Mönche, Sonne und Mond kreisen, die Himmel im Glanze erstrahlen, tausendmal so weit reicht eine Welt. In dieser tausendfachen Welt gibt es

  • tausend Monde,
  • tausend Sonnen,
  • tausend Merus, die Könige der Berge,
  • tausend Rosenapfel-Kontinente,
  • tausend westliche Goyāna-Kontinente,
  • tausend nördliche Kuru-Kontinente,
  • tausend östliche Videha-Kontinente,
  • viertausend Weltmeere,
  • tausendmal vier Große Götterkönige,
  • tausend Himmel der vier Großen Götterkönige,
  • tausend Himmel der Dreiunddreißig,
  • tausend Himmel der Yāma-Götter,
  • tausend Himmel der Seligen Götter,
  • tausend Himmel der Schöpfungsfreudigen Götter,
  • tausend Himmel der über die Erzeugnisse anderer verfügenden Götter,
  • tausend Brahmawelten.

Aber auch beim großen Brahma, ihr Mönche, da zeigt sich Veränderung und Wechsel. Solches erkennend, ihr Mönche, wendet der wissende, edle Jünger sich davon ab. Sich davon abwendend, wird er beim Höchsten entsüchtet, um wieviel mehr noch beim Niedrigen.

Es kommt eine Zeit, ihr Mönche, wo diese Welt untergeht. Beim Untergang der Welt aber, ihr Mönche, werden die Wesen gewöhnlich unter den Strahlenden Göttern wiedergeboren. Dort verweilen sie, geistgezeugt, Wonne genießend, im eigenen Glanze strahlend, die Lüfte durchquerend und in Seligkeit dahinlebend, lange Zeiten hindurch. Bei einem Weltuntergang aber, ihr Mönche, da gelten die Strahlenden Götter als die Höchsten. Aber auch bei den Strahlenden Göttern, ihr Mönche, da zeigt sich Veränderung und Wechsel. Solches erkennend, ihr Mönche, wendet der wissende, edle Jünger sich davon ab. Sich davon abwendend, wird er beim Höchsten entsüchtet, um wieviel mehr noch beim Niedrigen.

Zehn Allheitsgebiete (kasina) gibt es, ihr Mönche. Welche zehn?

Da nimmt einer die Erde als Allheit wahr, über sich, unter sich, ringsherum, einheitlich, unermeßlich. Ein anderer nimmt das Wasser als Allheit wahr, andere das Feuer, den Wind, das Blaue, das Gelbe, das Rote, das Weiße, den Raum oder das Bewußtsein, über sich, unter sich, ringsherum, einheitlich, unermeßlich.

Als höchstes aber, ihr Mönche, von diesen zehn Allheitsgebieten gilt es, wenn einer das Bewußtsein als Allheit wahrnimmt, über sich, unter sich, ringsherum, einheitlich, unermeßlich. Solcherart wahrnehmende Wesen gibt es, ihr Mönche. Aber auch bei den solcherart wahrnehmenden Wesen, ihr Mönche, da zeigt sich Veränderung und Wechsel. Solches erkennend, ihr Mönche, wendet der wissende, edle Jünger sich davon ab. Sich davon abwendend, wird er beim Höchsten entsüchtet, um wieviel mehr noch beim Niedrigen.

Acht Überwindungsgebiete (abhibhāyatana) gibt es, ihr Mönche (abhibhāyatana). Welche acht?

Am eigenen Körper Formen wahrnehmend, sieht da einer nach außen hin begrenzte Formen, schöne oder häßliche; und diese überwindend, ist er sich dessen bewußt, daß er dies weiß und kennt. Dies ist das erste Überwindungsgebiet.

Am eigenen Körper Formen wahrnehmend, sieht da einer nach außen hin unbegrenzte Formen, schöne oder häßliche; und diese überwindend, ist er sich dessen bewußt, daß er dies weiß und kennt. Dies ist das zweite Überwindungsgebiet.

Am eigenen Körper keine Formen wahrnehmend, sieht da einer nach außen hin begrenzte Formen, schöne oder häßliche; und diese überwindend, ist er sich dessen bewußt, daß er dies weiß und kennt. Dies ist das dritte Überwindungsgebiet.

Am eigenen Körper keine Formen wahrnehmend, sieht da einer nach außen hin unbegrenzte Formen, schöne oder häßliche; und diese überwindend, ist er sich dessen bewußt, daß er dies weiß und kennt. Dies ist das vierte Überwindungsgebiet.

Am eigenen Körper keine Formen wahrnehmend, sieht da einer nach außen hin blaue Formen, von blauer Farbe, blauem Aussehen, blauem Glanz. Gleichwie etwa Flachsblüte oder ein beiderseits geglätteter Benaresstoff blau ist, von blauer Farbe, blauem Aussehen, blauem Glanz; ebenso auch sieht da einer, am eigenen Körper keine Formen wahrnehmend, nach außen hin blaue Formen, von blauer Farbe, blauem Aussehen, blauem Glanz. Und diese überwindend, ist er sich dessen bewußt, daß er dies weiß und kennt. Dies ist das fünfte Überwindungsgebiet.

Am eigenen Körper keine Formen wahrnehmend, sieht da einer nach außen hin gelbe Formen, von gelber Farbe, gelbem Aussehen, gelbem Glanz. Gleichwie etwa die Kannikāra-Blüte oder ein beiderseits geglätteter Benaresstoff gelb ist, von gelber Farbe, gelbem Aussehen, gelbem Glanz; ebenso auch sieht da einer am eigenen Körper keine Formen wahrnehmend, nach außen hin gelbe Formen, von gelber Farbe, gelbem Aussehen, gelbem Glanz. Und diese überwindend, ist er sich dessen bewußt, daß er dies weiß und kennt. Dies ist das sechste Überwindungsgebiet.

Am eigenen Körper keine Formen wahrnehmend, sieht da einer nach außen hin rote Formen, von roter Farbe, rotem Aussehen, rotem Glanz. Gleichwie da etwa die Eibischblüte (bandhujīvaka, pentapetes phoenicea, Hibiskus) oder ein beiderseits geglätteter Benaresstoff rot ist, von roter Farbe, rotem Aussehen, rotem Glanz; ebenso auch sieht da einer, am eigenen Körper keine Formen wahrnehmend, nach außen hin rote Formen, von roter Farbe, rotem Aussehen, rotem Glanz. Und diese überwindend, ist er sich dessen bewußt, daß er dies weiß und kennt. Dies ist das siebente Überwindungsgebiet.

Am eigenen Körper keine Formen wahrnehmend, sieht da einer nach außen hin weiße Formen, von weißer Farbe, weißem Aussehen, weißem Glanz. Gleichwie etwa der Morgenstern oder ein beiderseits geglätteter Benaresstoff weiß ist, von weißer Farbe, weißem Aussehen, weißem Glanz; ebenso auch sieht da einer, am eigenen Körper keine Formen wahrnehmend, nach außen hin weiße Formen, von weißer Farbe, weißem Aussehen, weißem Glanz. Und diese überwindend, ist er sich dessen bewußt, daß er dies weiß und kennt. Dies ist das achte Überwindungsgebiet. Diese acht Überwindungsgebiete gibt es, ihr Mönche.

Als höchstes aber von diesen acht Überwindungsgebieten gilt es, ihr Mönche, wenn da einer, am eigenen Körper keine Formen wahrnehmend, nach außen hin weiße Formen sieht, von weißer Farbe, weißem Aussehen, weißem Glanz; und wenn er, diese überwindend, sich dessen bewußt ist, daß er dies weiß und kennt. Solcherart wahrnehmende Wesen gibt es, ihr Mönche. Aber auch bei den solcherart wahrnehmenden Wesen, ihr Mönche, da zeigt sich Veränderung und Wechsel. Solches erkennend, ihr Mönche, wendet sich der wissende, edle Jünger davon ab. Sich davon abwendend, wird er beim Höchsten entsüchtet, um wieviel mehr noch beim Niedrigen.

Vier Wege des Fortschritts gibt es, ihr Mönche. Welche vier?

  • Den mühsamen Fortschritt, verbunden mit langsamem Verständnis;
  • den mühsamen Fortschritt, verbunden mit schnellem Verständnis;
  • den mühelosen Fortschritt, verbunden mit langsamem Verständnis;
  • den mühelosen Fortschritt, verbunden mit schnellem Verständnis.

Der höchste aber von diesen vier Wegen des Fortschritts ist der leichte Fortschritt, verbunden mit schnellem Verständnis. Solcherart wahrnehmende Wesen gibt es. Aber auch bei solcherart wahrnehmenden Wesen da zeigt sich Veränderung und Wechsel. Solches erkennend, ihr Mönche, wendet der wissende, edle Jünger sich davon ab. Sich davon abwendend, wird er beim Höchsten entsüchtet, um wieviel mehr noch beim Niedrigen.

Vier Arten der Wahrnehmung gibt es, ihr Mönche. Welche vier?

  • Einer nimmt Begrenztes wahr;
  • einer nimmt Erhabenes wahr;
  • einer nimmt Unbegrenztes wahr;
  • einer nimmt in der Vorstellung ‚Nichts ist da‘, das Nichtheitsgebiet wahr.

Diese vier Arten der Wahrnehmung gibt es. Die höchste aber von diesen vier Arten der Wahrnehmung ist es, wenn einer, in der Vorstellung ‚Nichts ist da‘, das Nichtheitsgebiet wahrnimmt. Solcherart wahrnehmende Wesen gibt es. Aber auch bei solcherart wahrnehmenden Wesen, ihr Mönche, da zeigt sich Veränderung und Wechsel. Solches erkennend, ihr Mönche, wendet der wissende, edle Jünger sich davon ab. Sich davon abwendend, wird er beim Höchsten entsüchtet, um wieviel mehr noch beim Niedrigen.

Das, ihr Mönche, ist die höchste unter den Ansichten der anderen Asketen, nämlich:

  • „Hätte es nicht (in früherem Dasein Wiedergeburt erzeugendes Wirken) geben, so wäre mir jetzt kein (Dasein) beschieden;
  • wenn es (jetzt) kein (Karma) geben wird, so wird mir kein (künftiges Dasein) beschieden sein.“

Bei einem, ihr Mönche, der solche Ansicht hat, kann man erwarten, daß er keine Zuneigung zum Dasein mehr haben wird und keine Abneigung gegen die Aufhebung des Daseins. Wesen mit solcherart Ansichten gibt es. Aber auch bei Wesen mit solchen Ansichten, ihr Mönche, da zeigt sich Veränderung und Wechsel. Solches erkennend, ihr Mönche, wendet der wissende, edle Jünger sich davon ab. Sich davon abwendend, wird er beim Höchsten entsüchtet, um wieviel mehr noch beim Niedrigen.

Es gibt da, ihr Mönche, einige Asketen und Brahmanen, welche die absolute Reinheit (paramattha-visuddhi) verkünden. Als Höchstes aber, ihr Mönche, gilt es bei den Lehrern der absoluten Reinheit, wenn man nach völliger Überwindung des Nichtheitsgebietes in das Gebiet der Weder-Wahrnehmung-noch-Nichtwahrnehmung eingetreten ist. Dieses lernen sie kennen und zu dessen Verwirklichung weisen sie die Lehre. Solcherart de Wesen gibt es. Aber auch bei Wesen, die solches lehren, da zeigt sich Veränderung und Wechsel. Solches erkennend, ihr Mönche, wendet der wissende, edle Jünger sich davon ab. Sich davon abwendend, wird er beim Höchsten entsüchtet, um wieviel mehr noch beim Niedrigen.

Es gibt da, ihr Mönche, einige Asketen und Brahmanen, welche das höchste Nibbāna bei Lebzeiten verkünden. Als Höchstes aber, ihr Mönche, gilt bei den Lehrern des höchsten Nibbāna bei Lebzeiten, bei den sechs Grundlagen des Sinneneindrucks Entstehen und Vergehen, den Genuß, das Elend und die Entrinnung der Wirklichkeit gemäß erkannt zu haben und so die haftlose Erlösung zu gewinnen. Mich aber, ihr Mönche, der ich solches lehre, solches verkünde, beschuldigen einige Asketen und Brahmanen in falscher, nichtiger, unehrlicher, unwahrer Weise, indem sie sagen:

  • Nicht verkündet der Asket Gotama der Sinnendinge völlige Durchschauung,
  • nicht verkündet er der körperlichen Dinge völlige Durchschauung,
  • nicht verkündet er der Gefühle völlige Durchschauung.“

Doch gewiß verkünde ich, ihr Mönche,

  • der Sinnendinge völlige Durchschauung,
  • der körperlichen Dinge völlige Durchschauung,
  • der Gefühle völlige Durchschauung;
  • und schon bei Lebzeiten gestillt, entwähnt, kühl geworden, verkünde ich das haftlose völlige Nibbāna.