Aṅguttara Nikāya

Das Zehner-Buch

99. Upālis Unreife zur Einsamkeit

Der ehrwürdige Upāli sprach zum Erhabenen:

„Ich möchte, o Herr, im Walde leben, in waldigen, einsamen Plätzen.“

„Schwer ist es, Upāli, im Walde zu leben, in waldigen, einsamen Plätzen; schwer ist es, die Abgeschiedenheit zu ertragen und am Alleinsein Freude zu finden. Wenn der Mönch keine Sammlung erreicht, so ergreifen die Wälder gleichsam von seinem Geiste Besitz. Wer da sagt, er wolle, ohne die Sammlung des Geistes erreicht zu haben, im Walde, in waldigen, einsamen Plätzen leben, der hat zu erwarten, daß er entweder untergehen oder abgetrieben wird.

Angenommen, Upāli, es befindet sich da ein großer Teich. Und ein gewaltiger Elefant von sieben oder acht Fuß Höhe kommt heran und denkt: ‚Ich will doch in diesen Teich steigen und mich an einem Ohren- und Rückenbad erfreuen. Wenn ich mich an einem Ohren- und Rückenbad erfreut, gebadet und getrunken habe, dann will ich wieder heraus steigen und gehen, wohin es mir beliebt.‘ Darauf steigt er in diesen Teich hinab, erfreut sich am Ohren- und Rückenbade; und nachdem er sich daran erfreut und auch gebadet und getrunken hat, steigt er wieder heraus und geht, wohin es ihm beliebt. Wie aber ist solches möglich? Weil eben ein großes Lebewesen selbst in der Tiefe Fuß fassen kann.

Nun kommt aber ein Hase oder eine Katze heran und sagt sich: ‚Was bin ich und was ist dieser große Elefant? Ich will doch auch in diesen Teich steigen und mich an einem Ohren- und Rückenbad erfreuen. Wenn ich mich daran erfreut und auch gebadet und getrunken habe, dann will ich wieder heraus steigen und gehen, wohin es mir beliebt.‘ Und hastig und ohne Überlegung springt das Tier in jenen Teich hinein. Da aber hat es zu erwarten, daß es entweder untergehen oder abgetrieben wird. Und warum? Weil eben ein kleines Lebewesen in der Tiefe keinen Fuß fassen kann.

Ebenso auch, Upāli, wer da sagt, er wolle, ohne die Sammlung des Geistes erreicht zu haben, im Walde, in waldigen, einsamen Plätzen leben, der hat zu erwarten, daß er entweder untergehen oder abgetrieben wird. Wenn da, Upāli, ein kleiner, unmündiger Säugling mit seinem eigenen Schmutze spielt, meinst du da nicht, daß dies ein ganz und gar törichtes Vergnügen ist?“

„Gewiß, o Herr.“

„Wenn nun aber, Upāli, jenes Kind späterhin, in Verfolg seines Wachstums und einer entwickelten Fähigkeiten, sich an den üblichen Kinderspielen ergötzt, wie dem Kinderpfluge, dem Schlagholzspiel, dem Purzelbaum, der Windmühle, dem Blattmaß (pattālhaka ist, lt. K, ein Blatt, mit dem die Kinder beim Spielen den Sand abmessen), dem Wägelchen und der Armbrust, meinst du da nicht, daß dieses Vergnügen weit besser und schöner ist als das frühere?“

„Gewiß, o Herr.“

„Wenn nun aber, Upāli, jenes Kind späterhin, in Verfolge seines Wachstums und seiner entwickelten Fähigkeiten, sich am Besitz und Genusse der durch Auge, Ohr, Nase, Zunge und Körper zugänglichen fünf Sinnendinge erfreut, der erwünschten, erfreulichen, angenehmen und lieblichen Formen, Töne, Gerüche, Geschmäcke und Berührungen, meinst du da nicht, daß dieses Vergnügen weit besser und schöner ist das frühere?“

„Gewiß, o Herr.“

„Da aber, Upāli, erscheint der Vollendete in der Welt, der Heilige, vollkommen Erleuchtete, der in Wissen und Wandel Bewährte, der Gesegnete, der Kenner der Welt, der unvergleichliche Lenker führungsbedürftiger Menschen, der Meister der Götter und Menschen, der Erleuchtete, der Erhabene. Er erklärt diese Welt mit ihren guten und bösen Geistern und ihren Brahmagöttern, mit ihrer Schar von Asketen und Priestern, Göttern und Menschen, nachdem er sie selber erkannt und durchschaut hat. Er verkündet die Lehre, die am Anfang schöne, in der Mitte schöne und am Ende schöne; dem Sinne wie dem Wortlaut nach verkündet er den ganz vollkommenen, lauteren Reinheitswandel.

Diese Lehre nun hört ein Hausvater, der Sohn eines Hausvaters oder ein in irgendeinem anderen Stande Wiedergeborener. Nach dem Vernehmen der Lehre gewinnt er Vertrauen zum Vollendeten, und, von diesem Vertrauen erfüllt, sagt er sich: ‚Voller Hindernisse ist das Hausleben, eine Stätte der Unreinheit! Wie der freie Himmel aber ist die Hauslosigkeit! Nicht leicht ist es, wenn man im Hause lebt, einen fleckenlosen, heiligen Wandel zu führen. Wie wenn ich mir nun Haar und Bart scherte, das gelbe Gewand anlegte und von Hause fortzöge in die Hauslosigkeit?‘ Und nach einiger Zeit ein kleines oder großes Vermögen aufgebend, einen kleinen oder großen Verwandtenkreis aufgebend, schert er Haar und Bart, legt das gelbe Gewand an und zieht vom Hause fort in die Hauslosigkeit.

Also ein hausloser Mönch geworden, erfüllt er die Lebensregeln der Mönche. Er meidet das Töten, steht ab vom Töten, Stock und Schwert ablegend, ist er von Zartgefühl und Liebe erfüllt; für alle Wesen und Geschöpfe empfindet er Wohlwollen und Mitgefühl.—Er meidet das Stehlen, steht ab vom Nehmen des Nichtgegebenen, nur das Gegebene nehmend, das Gegebene abwartend, bleibt er ehrlich und lauter im Herzen.—Er meidet die Unkeuschheit, keusch und entsagend lebt er, steht ab vom Geschlechtsverkehr, dem gemeinen.—Er meidet das Lügen, vom Lügen steht er ab; die Wahrheit spricht er, der Wahrheit ist er ergeben, verläßlich, vertrauenswürdig, kein Betrüger der Welt.—Zwischenträgerei meidet er, von Zwischenträgerei steht er ab: was er hier gehört hat, erzählt er dort nicht wieder, um jene zu entzweien; und was er dort gehört hat, erzählt er hier nicht wieder, um diese zu entzweien. So einigt er Entzweite, festigt Verbundene, Eintracht liebt er, an Eintracht findet er Freude und Gefallen, Eintracht fördernde Worte spricht er.—Er meidet rohe Rede, von roher Rede steht er ab; milde Worte, die dem Ohre angenehm sind, liebreich, zu Herzen gehend, höflich, viele beglückend und erfreuend, solche Worte spricht er.—Er meidet törichtes Geschwätz, von törichtem Geschwätz steht er ab; er redet zur rechten Zeit, den Tatsachen entsprechend, zweckmäßig, spricht über die Lehre und über die Zucht; seine Rede ist gehaltvoll, gelegentlich mit Gleichnissen geschmückt, bemessen und sinnreich.

Er meidet die Zerstörung von Keim- und Pflanzenleben. Nur zu einer Tageszeit (am Morgen, bis zum Mittag) nimmt er Nahrung zu sich, des Nachts bleibt er nüchtern und enthält sich des Essens zur Unzeit. Er meidet Tanz, Gesang und Musik und den Besuch von Schaustellungen. Er meidet Blumen, Riechstoffe, Salben sowie jeder Art Schmuck, Zierat und Schönheitsmittel. Hohe und üppige Betten benutzt er nicht. Vom Annehmen von Gold und Silber steht er ab. Rohes Getreide und rohes Fleisch nimmt er nicht an. Frauen und Mädchen nimmt er nicht an. Diener und Dienerinnen nimmt er nicht an. Ziegen, Schafe, Hühner, Schweine, Elefanten, Rinder oder Pferde sowie Grund und Boden nimmt er nicht an. Er übernimmt keine Aufträge, tut keine Botendienste. Von Kauf und Verkauf hält er sich fern. Er hat nichts zu schaffen mit falschem Maß, Metall und Gewicht. Die schiefen Wege der Bestechung, Täuschung und Betrügerei vermeidet er. Stechen, Schlagen, Binden, Überfallen, Plündern und Vergewaltigen liegen ihm fern.

Er begnügt sich mit dem Gewande, das seinen Körper schützt, mit der Almosenspeise, womit er sein Leben fristet. Wohin er auch immer zieht, damit eben versehen zieht er, genauso wie ein beschwingter Vogel stets seine Flügel mit sich trägt.

Durch die Befolgung dieser edlen Sittensatzung empfindet er in seinem Inneren ein untadeliges Glück.

Erblickt er nun mit dem Auge eine Form, oder vernimmt mit dem Ohre einen Ton, riecht mit der Nase einen Duft, schmeckt mit der Zunge einen Saft, empfindet mit dem Körper einen Körpereindruck oder ist sich im Geiste eines Gedankens bewußt, so haftet er da weder am Gesamteindruck noch an den Einzelheiten. Und woraus ihm, bei unbewachten Sinnen, Begehren und Kummer, üble, unheilsame Dinge entstehen möchten, dem bemüht er sich abzuwehren; er bewacht seine Sinne, hält eine Sinne im Zaume. Durch Ausübung dieser edlen Sinnenzügelung empfindet er ein ungetrübtes Glück.

Klarbewußt handelt er beim Auf- und Abgehen, klarbewußt beim Hin- und Wegblicken, klarbewußt beim Beugen und Strecken seiner Glieder, klarbewußt beim Tragen der Mönchsgewänder und der Schale, klarbewußt beim Essen, Trinken, Kauen und Schmecken, klarbewußt beim Verrichten der Notdurft, klarbewußt beim Gehen, Stehen, Sitzen, Einschlafen, Erwachen, Sprechen und Schweigen.

Ist er nun ausgerüstet mit diesem edlen Sittenwandel, ausgerüstet mit dieser edlen Sinnenzügelung und ausgerüstet mit dieser edlen Achtsamkeit und Bewußtseinsklarheit, so wählt er sich einen abgeschiedenen Wohnort, im Walde oder am Fuße eines Baumes, auf einem Bergipfel, in einer Kluft, einer Felsenhöhle, auf dem Leichenfelde, unter freiem Himmel oder auf einem Streulager. Ist er dann in den Wald gegangen, zum Fuß eines Baumes oder in eine leere Behausung, so setzt er sich mit untergeschlagenen Beinen nieder, den Körper gerade aufgerichtet und die Achtsamkeit vor sich heftend.

Weltliche Begierde hat er aufgegeben, begierdelosen Herzens weilt er, von Begierde läutert er sein Herz. Haß und Bosheit hat er aufgegeben, haßfreien Herzens weilt er, für alle Wesen und Geschöpfe Wohlwollen und Mitgefühl empfindend, läutert er sein Herz von Haß und Bosheit. Starrheit und Mattigkeit hat er aufgegeben, frei von Starrheit und Mattigkeit weilt er hellen Geistes, achtsam, wissensklar läutert er sein Herz von Starrheit und Mattigkeit. Aufgeregtheit und Gewissensunruhe hat er aufgegeben, frei von Unruhe weilt er; und mit innerlich friedvollem Geiste läutert er sein Herz von Aufgeregtheit und Gewissensunruhe. Zweifelsucht hat er aufgegeben, zweifelentronnen weilt er; er zweifelt nicht am Guten und läutert sein Herz von Zweifelsucht.

Hat er nun diese fünf Hemmungen beseitigt, die den Geist beflecken und die Weisheit lähmen, so gewinnt er, ganz abgeschieden von den Sinnendingen, abgeschieden von unheilsamen Geisteszuständen, die mit Gedankenfassen und Überlegen verbundene, in der Abgeschiedenheit geborene, von Verzücken und Glücksgefühl erfüllte erste Vertiefung. Was meinst du, Upāli: ist nicht dieser Zustand bei weitem edler und erhabener als jene früheren Vergnügungen?“

„Gewiß, o Herr.“

„Diese Tatsache aber in sich bemerkend, Upāli, leben meine Jünger im Walde, in waldigen, einsamen Plätzen. Noch aber haben sie ihr Ziel nicht erreicht.

Fernerhin, Upāli, nach Stillung von Gedankenfassen und Überlegen gewinnt der Mönch den inneren Frieden, die Einheit des Geistes, die von Gedankenfassen und Überlegen freie, in der Sammlung geborene, von Verzücken und Glücksgefühl erfüllte zweite Vertiefung. Was meinst du, Upāli ist nicht dieser Zustand edler und erhabener als der frühere?“

„Gewiß, o Herr.“

„Diese Tatsache aber in sich bemerkend, Upāli, leben meine Jünger im Walde, in waldigen, einsamen Plätzen. Noch aber haben sie ihr Ziel nicht erreicht.

Fernerhin, Upāli, gewinnt der Mönch... die dritte Vertiefung... die vierte Vertiefung... das Gebiet der Raumunendlichkeit... das Gebiet der Bewußtseinsunendlichkeit... das Gebiet der Nichtsheit... das Gebiet von Weder-Wahrnehmung-noch-Nicht-Wahrnehmung... die Aufhebung von Wahrnehmung und Gefühl; und nach weisem Erkennen gelangen in ihm die Triebe zur Versiegung. Was meinst du, Upäli, ist nicht dieser Zustand bei weitem edler und erhabener als die früheren Zustände?“

„Gewiß, o Herr.“

„Auch diese Tatsache in sich bemerkend, Upāli, leben meine Jünger im Walde, in waldigen, einsamen Plätzen; und sie haben nun ihr Ziel erreicht.

Komm, Upāli, lebe mit der Mönchsgemeinde! Mit der Mönchsgemeinde lebend, wird es dir wohlergehen.“