Aṅguttara Nikāya

Das Elfer-Buch

9. Das Sinnen der Edlen

Einst weilte der Erhabene im Ziegelhause bei Nātika. Dort wandte er sich an den ehrwürdigen Saddha (auch die Lesart ‚Sandha‘ findet sich für diesen Namen) und sprach:

„Wie ein edles Roß sollst du sinnen, Saddha, nicht wie ein ungebärdiges Roß

„Inwiefern aber, Saddha, sinnt man wie ein ungebärdiges Roß? Während, Saddha, das ungebärdige Roß am Futtertroge angebunden ist, sinnt es bloß über das Futter nach. Und warum? Weil eben das am Futtertroge angebundene ungebärdige Roß nicht darüber nachdenkt: „Was wird mich wohl heute der Rosselenker tun lassen? Werde ich es ihm wohl gut genug machen?“ Während es am Futtertroge angebunden ist, sinnt es eben bloß über das Futter nach.

Ebenso auch, Saddha, hat sich da ein ungebärdiger Mensch in den Wald begeben, an den Fuß eines Baumes oder in eine leere Behausung. Und im Geiste von Sinnenlust gefesselt, von Sinnenlust verzehrt, verweilt er dort; und nicht weiß er der Wirklichkeit gemäß, wie man der aufgestiegenen Sinnenlust entrinnt. Im Inneren voller Sinnenlust sinnt er, sinnt er hin, sinnt er her, sinnt er vor sich hin. Im Geiste von Übelwollen gefesselt—von Starrheit und Mattigkeit gefesselt—von Aufgeregtheit und Gewissensunruhe gefesselt—von Zweifelsucht gefesselt, von Zweifelsucht verzehrt, verweilt er dort: und nicht weiß er der Wirklichkeit gemäß, wie er der aufgestiegenen Zweifelsucht entrinnt. Im Inneren voller Zweifel sinnt er, sinnt er hin, sinnt er her, sinnt er vor sich hin. Er sinnt über die Erde, sinnt über das Wasser, sinnt über das Feuer, sinnt über den Wind, sinnt über das Gebiet der Raumunendlichkeit, der Bewußtseinsunendlichkeit, der Nichtsheit, der Weder-Wahrnehmung-noch-Nichtwahr-nehmung, sinnt über diese Welt, sinnt über jene Welt, sinnt über das, was er gesehen, gehört, empfunden, erkannt, erreicht, gesucht und im Geiste erforscht hat. So, Saddha, sinnt man wie ein ungebärdiges Roß.

Wie aber, Saddha, sinnt man wie ein edles Roß? Während, Saddha, das gute, edle Roß am Futtertroge angebunden ist, sinnt es nicht über das Futter nach. Und warum nicht? Weil eben das am Futtertroge angebundene gute, edle Roß darüber nachdenkt: „Was wird mich wohl heute der Rosselenker tun lassen? Werde ich es ihm gut genug machen?“ Denn das gute, edle Roß betrachtet die Anwendung der Treibgerte als eine Schuld, eine Knechtung, eine Schande, eine Niederlage.

Ebenso auch, Saddha, hat sich da ein guter, edler Mensch in den Wald begeben, an den Fuß eines Baumes oder in eine leere Behausung. Und im Geiste nicht gefesselt und verzehrt von Sinnenlust—von Übelwollen—von Starrheit und Mattigkeit—von Aufgeregtheit und Gewissensunruhe—von Zweifelsucht, verweilt er dort; und wohl weiß er der Wirklichkeit gemäß, wie man der aufgestiegenen Zweifelsucht entrinnt. Nicht sinnt er über die Erde, das Wasser, das Feuer oder den Wind; nicht sinnt er über das Gebiet der Raumunendlichkeit, der Bewußtseinsunendlichkeit, der Nichtsheit oder der Weder-Wahrnehmung-noch-Nichtwahrnehmung; sinnt nicht über diese Welt oder jene Welt; auch nicht über das, was er gesehen, gehört, empfunden, erkannt, erreicht, gesucht oder im Geiste erforscht hat; aber dennoch sinnt er. Dem also sinnenden guten, edlen Menschen aber, o Saddha, bringen die Himmelswesen mit Indra, Brahma und Pajāpati an der Spitze selbst von ferne ihre Verehrung dar:

‚Verehrung dir, dem edlen Menschen,
Verehrung dir, dem höchsten Herrn,
von dem wir nicht erkennen können,
worüber du im Geiste sinnst!‘“

Auf diese Worte sprach der ehrwürdige Saddha also zum Erhabenen:

„In welcher Weise aber, o Herr, sinnt der gute, edle Mensch?“

„Da, Saddha, ist für einen guten, edlen Menschen bei der Erde die Erdwahrnehmung ganz klar geworden, ist beim Wasser die Wasserwahrnehmung, beim Feuer die Feuerwahrnehmung, beim Winde die Windwahrnehmung ganz klar geworden; ist bei der Wahrnehmung des Gebietes der Raumunendlichkeit, der Bewußtseinsunendlichkeit, der Nichtsheit, der Weder-Wahrnehmung-noch-Nichtwahrnehmung deren Wahrnehmung ganz klar geworden; ist bei der Wahrnehmung dieser oder jener Welt deren Wahrnehmung ganz klar geworden; ist auch bei allem, das er gesehen, gehört, empfunden, erkannt, erreicht, gesucht und im Geiste erforscht hat, die Wahrnehmung davon ganz klar geworden.

Also sinnend, Saddha, sinnt der gute, edle Mensch nicht über die Erde, das Wasser... sinnt er auch nicht über das, was er gesehen, gehört, empfunden, erkannt, erreicht, gesucht und im Geiste erforscht hat; aber dennoch sinnt er. Dem also sinnenden guten, edlen Menschen, o Saddha, bringen die Himmelswesen mit Indra, Brahma und Pajāpati an der Spitze selbst von ferne ihre Verehrung dar:

‚Verehrung dir, dem edlen Menschen,
Verehrung dir, dem höchsten Herrn,
von dem wir nicht erkennen können,
worüber du im Geiste sinnst!‘“