Aṅguttara Nikāya

Das Zweier-Buch

36. Die Gefesselten

So habe ich gehört. Einst weilte der Erhabene im Jetahaine bei Sāvatthī, im Kloster des Anāthapindika. Zu jener Zeit nun lebte der ehrwürdige Sāriputta im Ostkloster bei Sāvatthī, im Terrassenbau der Mutter Migāras (Visākhā). Dort wandte sich der ehrwürdige Sāriputta an die Mönche: „Den diesseits gefesselten Menschen, o Brüder, will ich euch weisen und den jenseits gefesselten. So höret denn und achtet wohl auf meine Worte.“—„Ja, Bruder!“ erwiderten jene Mönche dem ehrwürdigen Sāriputta. Und der ehrwürdige Sāriputta sprach: „Wer ist nun, ihr Brüder, ein diesseits gefesselter Mensch? Da, ihr Brüder, ist ein Mönch sittenrein, befolgt die Ordenssatzung, ist vollkommen im Wandel und Umgang, und vor den geringsten Vergehen zurückschreckend, übt er sich in der Befolgung der Übungsregeln. Bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, erscheint er in einer Götterwelt, und von dort abgeschieden wird er ein Rückkehrender (āgāmi) kehrt er zu dieser Welt zurück. Diesen, ihr Brüder, nennt man den diesseits gefesselten Menschen, der ein Rückkehrender ist, der zu dieser Welt zurückkehrt. Wer aber, Brüder, ist ein jenseits gefesselter Mensch? Da ist ein Mönch sittenrein, befolgt die Ordenssatzung, ist vollkommen im Wandel und Umgang, und, vor den geringsten Vergehen zurückschreckend, übt er sich in der Befolgung der Übungsregeln. Er gewinnt dann eine gewisse friedvolle Gemütsbefreiung. Bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, erscheint er in einer Götterwelt, und von dort abgeschieden ist er kein Rückkehrender, kehrt nicht mehr zu dieser Welt zurück. Und ferner noch, ihr Brüder: Da ist ein Mönch sittenrein, befolgt die Ordenssatzung, ist vollkommen im Wandel und Umgang, und, vor dem geringsten Vergehen zurückschreckend, übt er sich in der Befolgung der Übungsregeln. Sein Wandel dient der Abkehr und Loslösung von den Sinnenlüsten, dient ihrer Aufhebung; sein Wandel dient der Abkehr und Loslösung von den Daseinsformen, dient ihrer Aufhebung; sein Wandel dient der Vernichtung des Begehrens, der Vernichtung der Gier. Bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, erscheint er in einer Götterwelt, und, von dort abgeschieden, ist er kein Rückkehrender, kehrt nicht mehr zu dieser Welt zurück. Diesen, ihr Brüder, nennt man den jenseits gefesselten Menschen, der kein Rückkehrender ist, nicht mehr zurückkehrt zu dieser Welt.“ Darauf nun begaben sich zahlreiche, ein Ebenmaß des Geistes besitzende Gottheiten zum Erhabenen. Dort angelangt, begrüßten sie den Erhabenen ehrfurchtsvoll und stellten sich zur Seite hin. Zur Seite stehend, sprachen jene Gottheiten zum Erhabenen also: „Jener ehrwürdige Sāriputta, o Herr, hat im Ostkloster, im Terassenbau der Mutter Migāras, den Mönchen den diesseits gefesselten Menschen gewiesen und den jenseits gefesselten. Erfreut, o Herr, war die Hörerschaft. Gut wäre es, o Herr, wenn der Erhabene sich zum ehrwürdigen Sāriputta begeben wollte, von Mitleid bewogen.“ Durch Schweigen gab der Erhabene seine Zustimmung zu erkennen. Gleichwie nun ein starker Mann den gebeugten Arm streckt oder den gestreckten Arm beugt, ebenso verschwand da der Erhabene aus dem Jetahaine und erschien im Ostkloster, im Terrassenbau der Mutter Migāras, vor dem ehrwürdigen Sāriputta. Es nahm der Erhabene auf dem angebotenen Sitze Platz. Und auch der ehrwürdige Sāriputta, nachdem er den Erhabenen ehrfurchtsvoll begrüßt hatte, setzte sich seitwärts nieder. Und der Erhabene sprach also zum ehrwürdigen Sāriputta:

„Es kamen da, Sāriputta, zahlreiche, ein Ebenmaß des Geistes besitzende Gottheiten zu mir, begrüßten mich ehrfurchtsvoll und standen zur Seite. Zur Seite stehend, sprachen jene Gottheiten zu mir also: ‚Jener ehrwürdige Sāriputta, o Herr, hat im Ostkloster, im Terrassenbau der Mutter Migaras, den Mönchen den diesseits gefesselten Menschen gewiesen und den jenseits gefesselten. Erfreut, o Herr, war die Hörerschaft. Gut wäre es, o Herr, wenn sich der Erhabene zum ehrwürdigen Sāriputta begeben wollte, von Mitleid bewogen.‘ Jene Gottheiten aber, Sāriputta, standen in Gruppen von zehn, zwanzig, dreißig, vierzig, fünfzig und sechzig auf einem Fleck, der bloß so groß war wie der Stich einer Nadelspitze; doch keiner belästigte den anderen.

Du magst nun denken, Sāriputta, daß wohl in der dortigen Welt jene Gottheiten ihr Gemüt derart ausgebildet haben, daß sie in Gruppen von zehn, zwanzig, dreißig, vierzig, fünfzig und sechzig auf je einem Fleck zu stehen vermögen, der bloß so groß ist wie der Stich einer Nadelspitze, ohne sich einander zu belästigen. Doch so ist das nicht zu verstehen. Hier nämlich, in dieser Welt, Sāriputta, haben jene Gottheiten ihr Gemüt derart ausgebildet, daß sie in Gruppen von zehn, zwanzig, dreißig, vierzig, fünfzig und sechzig auf einem Fleck zu stehen vermögen, der bloß so groß ist wie der Stich einer Nadelspitze, ohne einander zu belästigen. Darum, Sāriputta, sei euer Streben: ‚Mit gestillten Sinnen wollen wir verweilen, besänftigten Herzens!‘ Danach, Sāriputta, sollt ihr streben‘. Denn wenn ihr, Sāriputta, mit gestillten Sinnen verweilt, besänftigten Herzens, so werden eben eure Werke sanft sein, eure Gedanken sanft sein. ‚Ein Opfer der Sanftmut wollen wir den Ordensbrüdern darbingen!‘, das, Sāriputta, sei euer Streben! Schade, Sāriputta, ist es um die andersfährtigen Pilger, die sich diese Darlegung der Lehre nicht angehört haben.“