Aṅguttara Nikāya

Das Dreier-Buch

101. Die hohe Geistessübung I

Es gibt, ihr Mönche, grobe Unreinheiten des Goldes, als wie mit Erde vermengter Sand und steiniger Kies. Der Goldwäscher oder Goldwäschergehilfe schüttet nun das Gold in eine Wanne, säubert es, reinigt es gründlich, wäscht es. Wenn nun diese Unreinheiten geschwunden und entfernt sind, so bleiben noch mittlere Unreinheiten übrig, als wie feiner Kies und grober Sand. Und der Goldwäscher oder Goldwäschergehilfe säubert eben jenes Gold, reinigt es gründlich, wäscht es. Wenn nun diese Unreinheiten geschwunden und entfernt sind, so bleiben noch kleine Unreinheiten übrig, als wie feiner Sand und schwarzer Staub. Und der Goldwäscher oder Goldwäschergehilfe säubert eben jenes Gold, reinigt es gründlich, wäscht es. Wenn nun diese Unreinheiten geschwunden und entfernt sind, so bleibt nur noch der Goldstaub übrig. Diesen schüttet der Goldschmied oder Goldschmiedegehilfe in einen Schmelztiegel, schmilzt ihn darin, schmilzt ihn zusammen, (doch) schmilzt ihn (noch nicht) gründlich ein. Jenes Gold ist nun wohl geschmolzen, zusammengeschmolzen, doch es ist noch nicht gründlich eingeschmolzen, (seine Mängel) sind noch nicht ganz beseitigt, die Schlacken noch nicht gänzlich ausgeschieden; es ist noch nicht geschmeidig und formbar, ist ohne Glanz, spröde und eignet sich noch nicht recht zur Verarbeitung.

Es kommt jedoch die Zeit, wo der Goldschmied oder Goldschmiedegehilfe jenes Gold (nochmals) schmilzt, zusammenschmilzt, es gründlich einschmilzt. Dann ist jenes Gold geschmolzen, zusammengeschmolzen, gründlich eingeschmolzen; (seine Mängel) sind nun beseitigt, die Schlacken ausgeschieden, es ist geschmeidig und formbar, glänzend, nicht spröde und gut zur Verarbeitung geeignet. Welche Schmuckstücke auch immer man daraus herzustellen wünscht, sei es ein Stirnband, Ohrringe, Halsschmuck oder eine goldene Kette, diesen Zweck wird es erfüllen.

Ebenso nun auch, ihr Mönche, gibt es für den die hohe Geistigkeit pflegenden Mönch grobe Unreinheiten, wie den schlechten Wandel in Werken, Worten und Gedanken. Diese gibt der gedankenvolle, edel geartete Mönch auf, entfernt sie, beseitigt sie, bringt sie zum Schwinden.

Sind aber diese aufgegeben und beseitigt, so bleiben für den die hohe Geistigkeit pflegenden Mönch noch die mittleren Unreinheiten übrig, wie sinnliche Gedanken, gehässige Gedanken und grausame Gedanken. Diese gibt der gedankenvolle, edel geartete Mönch auf, entfernt sie, beseitigt sie, bringt sie zum Schwinden.

Sind aber diese aufgegeben und beseitigt, so bleiben für den die hohe Geistigkeit pflegenden Mönch noch die kleinen Unreinheiten übrig, wie Gedanken über seine Angehörige, über sein Land und der Gedanke, nicht mißachtet zu werden. Diese gibt der gedankenvolle, edel geartete Mönch auf, entfernt sie, beseitigt sie, bringt sie zum Schwinden.

Sind aber diese aufgehoben und beseitigt, so bleiben noch Gedanken an geistige Vorgänge übrig, (die während der Meditation auftreten). Dann aber ist die Geistessammlung weder friedlich noch erhaben, noch hat sie Ruhe und geistige Einheitlichkeit erreicht, sondern ist eine durch mühsame Unterdrückung aufrecht erhaltene Übung. Es kommt aber die Zeit, wo das Bewußtsein sich innerlich festigt, völlig beruhigt, einig wird und sich sammelt. Diese Geistessammlung aber ist friedlich, erhaben, voll Ruhe und Harmonie, ist keine durch mühsame Unterdrückung erzwungene Übung. Auf welchen durch höhere Geisteskräfte erreichbaren Zustand auch immer er nun seinen Geist richtet, um ihn durch diese höheren Geisteskräfte zu verwirklichen, so erreicht er dabei stets die Fähigkeit der Verwirklichung, wenn immer die Bedingungen erfüllt sind.

  1. Wünscht er nun, sich der verschiedenartigen magischen Kräfte zu erfreuen: einer seiend vielfach zu werden, vielfach geworden einer zu werden, zu erscheinen und zu verschwinden, ungehindert durch Mauern, Wälle und Berge hindurch zu gehen, gleichwie durch die Luft; in der Erde auf- und unterzutauchen, gleichwie im Wasser; auf dem Wasser zu schreiten, gleichwie auf der Erde; mit untergeschlagenen Beinen sich durch die Lüfte fortzubewegen, gleichwie ein beschwingter Vogel; selbst diese Sonne und diesen Mond, die so mächtigen, so gewaltigen, mit der Hand zu berühren, zu streichen; ja bis hinauf zur Brahmawelt sich mit seinem Körper zu bewegen: wünscht er dies, so erreicht er dabei stets die Fähigkeit der Verwirklichung, wenn immer die Bedingungen erfüllt sind.
  2. Wünscht er nun, mit dem himmlischen Ohre, dem geklärten, übermenschlichen, beide Arten der Töne zu vernehmen, die himmlischen und die menschlichen, die fernen und die nahen, so erreicht er dabei stets die Fähigkeit der Verwirklichung, wenn immer die Bedingungen erfüllt sind.
  3. Wünscht er nun, der anderen Wesen, der anderen Personen Gesinnung mit seinem Geiste durchdringend zu erkennen: den begehrlichen Geist als begehrlich, den gierfreien Geist als gierfrei, den gehässigen Geist als gehässig, den haßfreien Geist als haßfrei, den verblendeten Geist als verblendet, den unverblendeten Geist als unverblendet, den verkrampften Geist als verkrampft, den zerstreuten Geist als zerstreut, den entwickelten Geist als entwickelt, den unentwickelten Geist als unentwickelt, den übertreffbaren Geist als übertreffbar, den unübertreffbaren Geist als unübertreffbar, den gesammelten Geist als gesammelt, den ungesammelten Geist als ungesammelt, den befreiten Geist als befreit, den unbefreiten Geist als unbefreit : wünscht er dies, so erreicht er dabei stets die Fähigkeit der Verwirklichung, wenn immer die Bedingungen erfüllt sind.
  4. Wünscht er nun: ‚Ach, möchte ich mich doch der mannigfachen früheren Daseinsformen erinnern, als wie an ein Leben, an zwei Leben, an drei Leben, an vier Leben, an fünf Leben, an zehn Leben, an zwanzig, dreißig, vierzig und fünfzig Leben, an hundert Leben, an tausend Leben, an hunderttausend Leben; an die Zeiten während mancher Weltentstehungen, an die Zeiten mancher Weltuntergänge, an die Zeiten während mancher Weltuntergänge und Weltentstehungen: ‚Dort war ich, solchen Namen hatte ich, solcher Familie und solchem Stande gehörte ich an, solche Nahrung wurde mir zuteil, solches Wohl und Wehe habe ich erfahren, solches Lebensalter erreichte ich. Von da abgeschieden, trat ich dort wieder ins Dasein: dort hatte ich solchen Namen, gehörte solcher Familie und solchem Stande an, solche Nahrung wurde mir zuteil, solches Wohl und Wehe habe ich erfahren, solches Lebensalter erreichte ich. Von dort nun abgeschieden, trat ich hier wieder ins Dasein‘. Möchte ich mich doch so an mannigfache frühere Daseinsformen erinnern, samt ihren besonderen Merkmalen, ihren besonderen Kennzeichen!‘: wünscht er dies, so erreicht er dabei stets die Fähigkeit der Verwirklichung, wenn immer die Bedingungen erfüllt sind.
  5. Wünscht er nun: ‚Ach möchte ich doch mit dem himmlischen Auge, dem geklärten, übermenschlichen, die Wesen abscheiden und wiedererscheinen sehen, gemeine und edle, schöne und häßliche, glückliche und unglückliche. Möchte ich doch erkennen, wie die Wesen je nach ihren Taten wiedererscheinen; wie die einen Wesen einen schlechten Wandel führen in Werken, Worten und Gedanken, die Heiligen schmähen, verkehrte Ansichten haben, gemäß ihrer verkehrten Ansicht handeln, und wie sie beim Zerfall des Körpers, nach dem Tode, in niedere Welt gelangen, auf eine Leidensfährte, in Daseinsabgründe, in die Hölle; wie aber andere Wesen einen guten Wandel fahren in Werken, Worten und Gedanken, nicht die Heiligen schmähen, rechte Erkenntnis besitzen, gemäß ihrer rechten Erkenntnis handeln und wie sie beim Zerfall des Körpers, nach dem Tode, auf eine gute Daseinsfährte gelangen, in himmlische Welt! Möchte ich doch derart mit dem himmlischen Auge, dem geklärten, übermenschlichen, die Wesen abscheiden und wiedererscheinen sehen, gemeine und edle, schöne und häßliche, glückliche und unglückliche! Möchte ich doch erkennen, wie die Wesen entsprechend ihren Taten wiedererscheinen!‘: wünscht er dies, so erreicht er dabei stets die Fähigkeit der Verwirklichung, wenn immer die Bedingungen erfüllt sind.
  6. Wünscht er nun, durch Versiegung der Triebe noch bei Lebzeiten in den Besitz der triebfreien Gemütserlösung und Weisheitserlösung zu gelangen, sie selber erkennend und verwirklichend; wünscht er dies, so erreicht er dabei stets die Fähigkeit der Verwirklichung, wenn immer die Bedingungen erfüllt sind.