Aṅguttara Nikāya

Das Dreier-Buch

60. Die drei Wunder

Es begab sich Sangārava, der Brahmane, zum Erhabenen und sprach:

„Wir, Herr Gotama, sind Brahmanen; wir opfern und lassen opfern. Sowohl derjenige, der opfert, wie derjenige, der opfern läßt, beide vollbringen eine viele Personen betreffende verdienstliche Handlung, nämlich die Opferhandlung. Derjenige aber, Herr Gotama, der aus dieser oder jener Familie von Hause fort in die Hauslosigkeit zieht, bezähmt bloß sich allein, macht bloß sich selber still, läßt bloß sich allein die Befreiung erreichen. Demgemäß vollbringt er eine nur eine einzige Person betreffende verdienstliche Handlung, nämlich das Hinausziehen in die Hauslosigkeit.“

„So will ich dir denn, Brahmane, eben hierüber eine Frage stellen. Wie es dir recht dünkt, so mögest du antworten. Was meinst du wohl, Brahmane: Da erscheint der Vollendete in der Welt, der Heilige, vollkommen Erwachte, der im Wissen und Wandel Bewährte, der Gesegnete, der Kenner der Welt, der unübertreffliche Lenker führungsbedürftiger Menschen, der Meister der Götter und Menschen, der Erleuchtete, der Erhabene. Der spricht also: ‚Kommt! Dies ist der Weg, dies der Pfad, auf welchem wandelnd, ich das höchste Ziel des Reinheitslebens selber erkannt und verwirklicht habe und es nun verkünde. Kommt! Wandelt auch ihr auf diesem Wege, auf daß auch ihr durch solchen Wandel das höchste Ziel des Reinheitslebens selber erkennen, verwirklichen und erreichen möget!‘ So eben weist dieser Meister die Lehre und die anderen wandeln in diesem Sinne. Solcher aber gibt es viele Hunderte, viele Tausende, viele Hunderttausende. Was meinst du wohl, Brahmane; wenn dem so ist, ist dann dies, nämlich die Handlung des Hinausziehens in die Hauslosigkeit, eine nur eine einzelne Person betreffende verdienstliche Handlung oder ist es eine viele Personen betreffende verdienstliche Handlung?“

„Wenn dem so ist, Herr Gotama, dann ist dies, nämlich die Handlung des Hinausziehens, eine viele Personen betreffende verdienstliche Handlung.“

Auf diese Worte sprach nun der ehrwürdige Ānanda zu Sangārava, dem Brahmanen: „Welche nun von diesen beiden Handlungen, Brahmane, glaubst du, beansprucht weniger Mittel, verursacht weniger Schaden, ist segensreicher und verdienstvoller?“

Darauf sprach Sangārava, der Brahmane, zum ehrwürdigen Ānanda also:

„Solche, wie den Herrn Gotama und den Herrn Ānanda, die muß ich ehren, die muß ich loben!“

Und zum zweiten und dritten Male wandte sich der ehrwürdige Ānanda an Sangārava, den Brahmanen: „Nicht frage ich dich ja, Brahmane, wen du ehrst und lobst, sondern ich frage dich, welche von jenen beiden Handlungen nach deiner Ansicht weniger Mittel beansprucht, weniger Schaden verursacht, segensreicher ist und verdienstvoller.“

Doch auch zum zweiten und dritten Male sprach Sangārava, der Brahmane, also zum ehrwürdigen Ānanda: „Solche, wie den Herrn Gotama und den Herrn Ānanda, die muß ich ehren, die muß ich loben!“

Da nun dachte der Erhabene: „Wahrlich, selbst zum dritten Male gerät Sangārava, der Brahmane, nachdem ihm Ānanda eine berechtigte Frage gestellt hat, in Verlegenheit und antwortet nicht. Wie, wenn ich ihn nun aus der Verlegenheit befreite?“ Und der Erhabene sprach zu Sangārava, dem Brahmanen: „Welches Gespräch, Brahmane, hatte sich wohl heute unter den Hofleuten entsponnen, als sie im Königspalast zusammen saßen?“

„Folgendes Gespräch, Herr Gotama, hatte sich heute unter den Hofleuten entsponnen, als sie im Königspalast zusammen saßen: ‚Früher gab es zwar weniger Mönche, aber mehr mit übermenschlichen Eigenschaften. Begabte taten magische Wunder kund. Heutzutage gibt es zwar mehr Mönche, doch es sind weniger, die, mit übermenschlichen Eigenschaften begabt, magische Wunder kund tun.‘ Dieses Gespräch hatte sich heute entsponnen.“

„Drei Wunder (pātihariya) gibt es, Brahmane. Welche drei?

  • Das magische Wunder,
  • das Wunder der Wahrsagung und
  • das Wunder der Belehrung.

Was aber, Brahmane ist das magische Wunder? Da erfreut sich einer der verschiedenartigen magischen Kräfte: einer seiend, wird er vielfältig, vielfältig geworden. wird er einer; er erscheint und verschwindet; ungehindert geht er durch Mauern, Wälle und Berge hindurch, gleichwie durch die Luft; in der Erde taucht er auf und unter, gleichwie im Wasser; auf dem Wasser geht er, ohne unterzusinken, gleichwie auf der Erde; durch die Lüfte bewegt er sich mit untergeschlagenen Beinen, gleichwie ein beschwingter Vogel; selbst diesen Mond und diese Sonne, die so mächtigen, so gewaltigen, berührt er, streicht er mit der Hand; ja selbst bis zur Brahmawelt bewegt er sich mit seinem Körper. Das, Brahmane, nennt man das magische Wunder.

Was aber, Brahmane, ist das Wunder der Wahrsagung? Da wahrsagt einer aus Anzeichen: ‚So ist deine Gesinnung, solcherart ist deine Gesinnung, diesen Gedanken hast du.‘ Auch wenn er vieles wahrsagt, so verhält es sich so, nicht anders.—Ferner wahrsagt da einer zwar nicht aus Anzeichen, sondern aus Stimmen, die er von Menschen, Unholden oder Götterwesen vernommen hat: ‚So ist deine Gesinnung, solcherart ist deine Gesinnung, diesen Gedanken hast du.‘ Auch wenn er vieles wahrsagt, so verhält es sich so, nicht anders.—Ferner wahrsagt da einer weder aus Anzeichen, noch aus den von ihm vernommenen Stimmen von Menschen, Unholden oder Götterwesen, sondern bei einem Sinnenden und Nachdenkenden das Stimmgeräusch seiner Gedankenvibrationen wahrnehmend, wahrsagt er: ‚So ist deine Gesinnung, solcherart ist deine Gesinnung, diesen Gedanken hast du.‘ Auch wenn er vieles wahrsagt, so verhält es sich so, nicht anders.—Ferner wahrsagt da einer weder aus Anzeichen, noch aus den von Menschen, Unholden oder Götterwesen vernommenen Stimmen, noch aus dem Stimmgeräusch der Gedankenvibrationen eines Sinnenden und Nachdenkenden, sondern, wenn er sich in der von Sinnen und Nachdenken freien Geistessammlung befindet, durchdringt er im Geiste des anderen Gesinnung: ‚So wie dieses Verehrten Geistestätigkeiten gerichtet sind, wird er unmittelbar nach diesem Bewußtseinsmoment einen solchen Gedanken fassen.‘ Auch wenn er vieles wahrsagt, so verhält es sich so, nicht anders. Das, Brahmane, nennt man das Wunder der Wahrsagung.

Was aber, Brahmane, ist das Wunder der Belehrung? Da, Brahmane, lehrt einer also: ‚So sollt ihr denken, so sollt ihr nicht denken! So sollt ihr erwägen, so sollt ihr nicht erwägen! Das sollt ihr überwinden, das sollt ihr euch zu eigen machen!‘ Das, Brahmane, nennt man das Wunder der Belehrung.

Diese drei Wunder gibt es. Welches von diesen drei Wundern aber, Brahmane, gilt dir als das edlere und erhabenere?“

„Was da, Herr Gotama, das magische Wunder und das Wunder der Wahrsagung anbetrifft, so genießt bloß derjenige die Früchte, der diese Wunder wirkt, und bloß demjenigen, der sie wirkt, gehören sie an. Diese beiden Wunder, Herr Gotama, scheinen mir die Natur von Illusionen zu haben. Was aber, Herr Gotama, das Wunder der Belehrung anbetrifft, so gilt mir dieses als das edlere und erhabenere. Wunderbar ist es, erstaunlich ist es, wie da der Herr Gotama so recht gesprochen hat. Als dieser drei Wunder mächtig aber wollen wir des Herrn Gotama gedenken. Denn der Herr Gotama erfreut sich der verschiedenartigen magischen Kräfte.... Und während der Herr Gotama sich in der von Sinnen und Nachdenken freien Geistessammlung befindet, durchdringt und erkennt er im Geiste des anderen Gesinnung: ‚So wie dieses Verehrten Geistestätigkeiten gerichtet sind, wird er unmittelbar nach diesem Bewußtseinsmoment einen solchen Gedanken fassen. Und der Herr Gotama lehrt: ‚So sollt ihr denken, so sollt ihr nicht denken! Dies sollt ihr erwägen, das sollt ihr nicht erwägen! Dies sollt ihr überwinden, das sollt ihr euch zu eigen machen!‘“

„Wahrlich, Brahmane, das sind zutreffende und angemessene Worte, die du da gesprochen hast. So will denn auch ich erklären, daß ich mich der verschiedenartigen magischen Kräfte erfreue. Und während ich mich in der von Sinnen und Nachdenken freien Geistessammlung befinde, da durchdringe und erkenne ich im Geiste des anderen Gesinnung. Und ich lehre: ‚So sollt ihr denken, so sollt ihr nicht denken! Dies sollt ihr erwägen, das sollt ihr nicht erwägen! Dies sollt ihr überwinden, das sollt ihr euch zu eigen machen!‘“

„Gibt es aber wohl, Herr Gotama, außer dem Herrn Gotama auch noch einen anderen Mönch, der dieser drei Wunder mächtig ist?“

„Nicht gibt es, Brahmane, nur hundert oder zwei-, drei-, vier- oder fünfhundert, sondern noch mehr der Mönche gibt es, die jener drei Wunder mächtig sind.“

„Wo aber, Herr Gotama, weilen jetzt diese Mönche?“

„In eben dieser Mönchsgemeinde, Brahmane.“

„Vortrefflich, Herr Gotama! Vortrefflich, Herr Gotama!... Als Anhänger möge mich der Herr Gotama betrachten, als einen, der von heute ab zeitlebens Zuflucht genommen hat.“