Aṅguttara Nikāya

Das Sechser-Buch

60. Citta, des Elefantentreibers Sohn

So habe ich gehört. Einst weilte der Erhabene im Hirschpark bei Benares, am Einsiedlersteige. Damals aber saßen mehrere ältere Mönche am Nachmittage, nach Beendigung des Mahls, in der Empfangshalle beisammen und unterhielten sich über die höhere Lehre (abhidhamma-kathā). Während sich aber die älteren Mönche über die höhere Lehre unterhielten, redete der ehrwürdige Citta, der Sohn des Elefantentreibers, immerfort dazwischen. Da sprach der ehrwürdige Mahā-Kotthita zum ehrwürdigen Citta:

„Möge der ehrwürdige Citta den älteren Mönchen in ihrer Unterhaltung über die höhere Lehre nicht immer dazwischenreden! Möge der ehrwürdige Citta das Ende der Unterhaltung abwarten!“

Auf diese Worte sprachen die dem ehrwürdigen Citta befreundeten Mönche zum ehrwürdigen Mahā-Kotthita:

„Möge der ehrwürdige Mahā-Kotthita den ehrwürdigen Citta, den Sohn des Elefantentreibers, nicht mißbilligen! Weise ist der ehrwürdige Citta, der Sohn des Elefantentreibers. Befähigt ist er, zu den älteren Mönchen über die höhere Lehre zu sprechen.“

(Mahā-Kotthita:) „Schwerlich, ihr Brüder, können das solche beurteilen, die eines anderen Gedankengang nicht durchschauen.

Da ist einer, ihr Brüder, solange er beim Meister weilt oder bei einem verehrungswürdigen Ordensbruder, ganz milde, ganz demütig, ganz ruhig. Ist er aber vom Meister oder von verehrungswürdigen Ordensbrüdern getrennt, so lebt er gesellig mit Mönchen und Nonnen, Laienjüngern und Laienjüngerinnen, Königen und königlichen Räten, Irrlehrern und Jüngern der Irrlehrer. Und während er in dieser Gesellschaft weilt, ungebunden, ungezügelt, dem Plaudern ergeben, da quält Begierde sein Herz. Giergequälten Herzens aber gibt er die mönchische Schulung auf und kehrt zum niederen Mönchsleben zurück.

Angenommen, ihr Brüder, es ist da eine Kuh, die von der jungen Saat frißt; die legte man dann an einen Strick oder sperrte sie in den Stall. Wenn man nun, ihr Brüder, sagen wollte, daß jene Kuh von nun ab nicht mehr in die junge Saat hineinlaufen wird, würde man da wohl mit solcher Aussage Recht haben?“

—„Das wohl nicht, o Bruder. Denn es mag ja sein, daß jene die Jungsaat fressende Kuh den Strick durchreißen oder aus dem Stall ausbrechen und wieder in die junge Saat hineinlaufen wird.“

—„Ebenso auch, ihr Brüder, ist da einer, solange er beim Meister weilt oder bei einem verehrungswürdigen Ordensbruder, ganz milde, ganz demütig, ganz ruhig. Ist er aber vom Meister oder von verehrungswürdigen Ordensbrüdern getrennt, so lebt er gesellig mit Mönchen und Nonnen, mit Laienjüngern und Laienjüngerinnen, Königen und königlichen Räten, Irrlehrern und Jüngern der Irrlehrer. Und während er in deren Gesellschaft weilt, ungebunden, ungezügelt, dem Plaudern ergeben, da quält Begierde sein Herz. Giergequälten Herzens aber gibt er die mönchische Schulung auf und kehrt zum niederen Weltleben zurück.

Angenommen, ihr Brüder, an einem Kreuzungspunkt von vier Straßen entlüde sich eine dick geballte Regenwolke, die den Staub zum Schwinden bringt und den Boden schlammig macht. Wenn man nun, ihr Brüder, sagen wollte, daß dort von nun ab kein Staub mehr entstehen wird, würde man da mit solcher Aussage wohl Recht haben?“

—„Das wohl nicht, Bruder. Denn es ist doch wahrscheinlich, daß Menschen oder Rinder oder Ziegen wieder über jenen Platz laufen, daß Wind und Sonne die Feuchtigkeit auftrocknen und sich so wieder von neuem Staub bilden wird.“

„Ebenso, ihr Brüder, gewinnt da einer, ganz abgeschieden von den Sinnendingen... die erste Vertiefung. Im Bewußtsein aber: ‚Ich habe die erste Vertiefung gewonnen‘, lebt er gesellig... Und während er gesellig lebt... quält Begierde sein Herz. Giergequälten Herzens aber gibt er die mönchische Schulung auf und kehrt zum niederen Weltleben zurück.

Angenommen, ihr Brüder, unweit eines Dorfes oder einer Stadt befindet sich ein großer Teich. Und eine dick geballte Regenwolke entlüde sich und machte die Schalentiere und Muscheln, den Kies und die Steine unsichtbar. Wenn man nun, ihr Brüder, sagen wollte, daß von nun ab die Schalentiere und Muscheln, der Kies und die Steine nicht mehr zum Vorschein kommen werden, würde man da wohl mit solcher Aussage Recht haben?“

„Das wohl nicht, Bruder. Denn es ist doch anzunehmen, daß Menschen oder Rinder und Ziegen wieder von jenem Teiche trinken, daß Wind und Sonne das Wasser auftrocknen werden und dann die Schalentiere und Muscheln, der Kies und die Steine wieder zum Vorschein kommen werden.“

—„Ebenso, ihr Brüder, gewinnt da einer... die zweite Vertiefung. Im Bewußtsein aber: ‚Ich habe die zweite Vertiefung gewonnen‘, lebt er gesellig... Und während er gesellig lebt... quält Begierde sein Herz. Giergequälten Herzens aber gibt er die mönchische Schulung auf und kehrt zum niederen Weltleben zurück.

Angenommen, ihr Brüder, nachdem einer vorzügliche Speise gegessen hat, schmeckt ihm eine schlechtere Speise nicht mehr. Wenn man nun, ihr Brüder, sagen wollte, daß diesem Manne von nun ab das Essen nicht mehr schmecken wird, würde man da wohl mit solcher Aussage Recht haben?“

—„Das wohl nicht, Bruder. Denn es ist wohl anzunehmen, daß diesem Manne, der die vorzügliche Speise genossen hat, nur solange keine andere Speise schmecken wird, wie jener Nährstoff sich noch in seinem Leibe befindet; daß aber, sobald jener Nährstoff geschwunden ist, ihm das Essen wieder schmecken wird.“

—„Ebenso, ihr Brüder, gewinnt da einer... die dritte Vertiefung. Im Bewußtsein aber: ‚Ich habe die dritte Vertiefung gewonnen‘, lebt er gesellig... Und während er gesellig lebt... quält Begierde sein Herz. Giergequälten Herzens aber gibt er die mönchische Schulung auf und kehrt zum niederen Weltleben zurück.

Angenommen, ihr Brüder, es befindet sich da in einer Bergmulde ein Teich, windstill, frei von Wellen. Wenn man nun, ihr Brüder, sagen wollte, daß sich auf diesem Teiche von nun an keine Wellen mehr zeigen werden, würde man da wohl mit solcher Aussage Recht haben?“

—„Das wohl nicht, Bruder. Denn es ist wohl anzunehmen, daß einmal von Osten, Westen, Norden oder Süden heftiger Wind und Regen kommen und auf jenem Teiche Wellen erzeugen werden.“

—„Ebenso, ihr Brüder, gewinnt da einer... die vierte Vertiefung. Im Bewußtsein aber: ‚Ich habe die vierte Vertiefung gewonnen‘, lebt er gesellig... Und während er gesellig lebt... quält Begierde sein Herz. Giergequälten Herzens aber gibt er die mönchische Schulung auf und kehrt zum niederen Weltleben zurück.

Angenommen, ihr Brüder, ein König oder ein königlicher Rat befindet sich mit viergliedriger Heeresmacht auf einem langen Marsche und schlägt in einem Waldgelände für die Nacht sein Lager auf; und infolge des Lärms der Elefanten, Rosse, Wagen und Soldaten und des Getöses der Pauken, Trommeln und Trompeten wird das Gezirpe der Grillen unhörbar. Wenn man nun aber, ihr Brüder, sagen wollte, daß man in jenem Waldgelände von nun ab kein Grillengezirpe mehr hören wird, würde man da wohl mit solcher Aussage Recht haben?“

—„Das wohl nicht, Bruder. Denn es ist ja anzunehmen, daß jener König oder königliche Rat das Waldgelände verläßt und so das Grillengezirpe wieder hörbar sein wird.“

—„Ebenso auch, ihr Brüder, gewinnt da einer durch Nichtbeachtung aller Daseinsbedingungen die bedingungslose Sammlung des Geistes. Im Bewußtsein aber: ‚Ich habe die bedingungslose Sammlung des Geistes gewonnen‘, lebt er gesellig mit Mönchen und Nonnen, Laienjüngern und Laienjüngerinnen, Königen und königlichen Räten, Irrlehrern und Jüngern der Irrlehrer. Und während er in deren Gesellschaft weilt, ungebunden, ungezügelt, dem Plaudern ergeben, da quält Begierde sein Herz. Giergequälten Herzens aber gibt er die mönchische Schulung auf und kehrt zum niederen Weltleben zurück.“

Einige Zeit darauf gab nun der ehrwürdige Citta, der Sohn des Elefantentreibers, die mönchische Schulung auf und kehrte zum niederen Weltleben zurück. Da begaben sich die Freunde des ehrwürdigen Citta zum ehrwürdigen Mahā-Kotthita und sprachen:

„Hatte wohl der ehrwürdige Mahā-Kotthita das Herz Cittas im Geiste durchschaut und erkannt, daß er im Besitze dieser und jener Erreichungszustände sei, daß er aber dennoch die mönchische Schulung aufgeben und zum niederen Weltleben zurückkehren werde? Oder aber haben ihm Gottheiten dieses mitgeteilt?“

—„Im Geiste, ihr Brüder, habe ich das Herz Cittas, des Sohnes des Elefantentreibers, durchschaut und erkannt, und auch Gottheiten haben es mir gesagt.“

Darauf begaben sich die Freunde Cittas zum Erhabenen. Dort angelangt, begrüßten sie den Erhabenen ehrfurchtsvoll, setzten sich zur Seite nieder und sprachen zu ihm:

„Citta, der Sohn des Elefantentreibers, o Herr, der im Besitze dieser und jener Erreichungszustände war, hat dennoch die mönchische Schulung aufgegeben und ist zum niederen Weltleben zurückgekehrt.“

(Der Erhabene:) „Nach gar nicht langer Zeit, ihr Mönche, wird Citta, der Sohn des Elefantentreibers, sich der Weltentsagung erinnern.“ Und nach gar nicht langer Zeit schor sich Citta, der Sohn des Elefantentreibers, Haar und Bart, kleidete sich in die fahlen Gewänder und zog von Hause in die Hauslosigkeit. Und einsam, abgeschieden, unermüdlich, eifrig und entschlossen verweilend, errang Citta, der Sohn des Elefantentreibers, jenes höchste Ziel des Reinheitswandels, dem zuliebe edle Söhne gänzlich fort von Hause in die Hauslosigkeit ziehen, indem er es selber erkannte und verwirklichte. Und er wußte: „Versiegt ist die Wiedergeburt, erfüllt der heilige Wandel; getan ist, was zu tun war; nichts Weiteres mehr nach diesem hier.“