Aṅguttara Nikāya

Das Sechser-Buch

62. Des Vollendeten Erkenntnis der menschlichen Fähigkeiten

So habe ich gehört. Einstmals, auf einer Wanderung im Lande der Kosaler, gelangte der Erhabene, von einer großen Schar Mönche begleitet, vor eine Ortschaft der Kosaler namens Dandakappa. Da bog der Erhabene vom Wege ab, und am Fuße eines Baumes setzte er sich auf bereitetem Sitze nieder. Die Mönche aber gingen nach Dandakappa hinein, um eine Unterkunft zu suchen.

Der ehrwürdige Ānanda jedoch, von einer Anzahl Mönche begleitet, begab sich zum Flusse Aciravatī, um sich die Glieder zu spülen. Nachdem er sich die Glieder gespült hatte und wieder ans Ufer gestiegen war, stellte er sich, mit einem einzigen Gewande bekleidet, hin, um die Glieder trocknen zu lassen. Da trat einer der Mönche zum ehrwürdigen Ānanda und sprach zu ihm:

„Sag‘, Bruder Ānanda, als der Erhabene von Devadatta erklärte: ‚Der niederen Welt, der Hölle verfallen ist Devadatta, äonenlang und unrettbar!‘, hatte wohl damals der Erhabene alles im Geiste erwogen oder wurde es von ihm bloß in gewisser Hinsicht gesagt?“

„So hat dies freilich der Erhabene erklärt, Bruder.“ Und der ehrwürdige Ānanda begab sich zum Erhabenen und begrüßte ihn ehrerbietig. Darauf setzte er sich zur Seite nieder und berichtete dem Erhabenen, was sich zugetragen hatte.

(Der Erhabene:) „Dies wird wohl, Ānanda, ein jüngerer Mönch gewesen sein, der erst kürzlich in die Hauslosigkeit gezogen ist, oder aber ein alter, unverständiger Tor. Wie kann man wohl über das, was ich in unzweideutiger Weise (ekamsena) erklärt habe, noch im Zweifel sein? Nicht weiß ich, Ānanda, von einem anderen Menschen, bei dem ich, vor einer Äußerung über ihn, so sehr über alles nachgedacht hätte, wie gerade bei Devadatta. Solange ich nämlich, Ānanda, bei Devadatta noch so viel wie eine Haarspitze des Guten bemerkte, solange habe ich von ihm noch nicht erklärt: ‚Der niederen Welt, der Hölle verfallen ist Devadatta, äonenlang und unrettbar!‘ Als ich aber, Ānanda, nicht einmal so viel wie eine Haarspitze des Guten bei Devadatta bemerken konnte, da habe ich dieses von ihm erklärt.

Angenommen, Ānanda, es befindet sich da eine Dunggrube, die der Eigentümer bis zum Rande mit Kot gefüllt hat. Darin wäre nun ein Mann bis über den Kopf versunken. Und es kommt da ein anderer Mann daher, der jenem wohlgesinnt, auf sein Heil und seine Rettung bedacht ist und ihn aus jener Dunggrube herauszuziehen wünscht. Doch während er um jene Dunggrube ganz herumgeht, kann er bei jenem Manne auch nicht einmal eine haarbreite Stelle finden, die unbesudelt wäre vom Kote, wo er ihn anfassen könnte, um ihn herauszuziehen. Ebenso auch, Ānanda: als ich bei, Devadatta nicht einmal soviel wie eine Haarspitze des Guten bemerkte, da habe ich von ihm erklärt: ‚Der niederen Welt, der Hölle verfallen ist Devadatta, äonenlang und unrettbar!‘

Wenn ihr es hören wollt, Ānanda, so will ich euch des Vollendeten Erkenntnis der menschlichen Fähigkeiten erklären.“

„An der Zeit ist es jetzt, Erhabener, an der Zeit ist es, Gesegneter, daß da der Erhabene seine Erkenntnis der menschlichen Fähigkeiten erkläre.“

„So höre denn, Ānanda, und achte wohl auf meine Worte!“—„Ja, o Herr!“ erwiderte der ehrwürdige Ānanda, und der Erhabene sprach:

„Angenommen, Ānanda, es seien da unversehrte und unverdorbene Samenkörner, durch Wind und Sonne unbeschädigt, kerngesund und gut erhalten; die säte man auf fette Erde, auf gut bearbeiteten Boden. Wüßtest du da nicht, Ānanda, daß diese Samenkörner gedeihen, wachsen und sich entfalten werden?“

„Gewiß, o Herr.“

„Ebenso auch, Ānanda, erkenne ich, wenn ich im Geiste eines Menschen Herz durchschaue: ‚In diesem Menschen befinden sich heilsame wie auch unheilsame Eigenschaften.‘ In der Folgezeit aber erkenne ich, während ich im Geiste sein Herz durchschaue: ‚Die heilsamen Eigenschaften dieses Menschen sind geschwunden, unheilsame Eigenschaften machen sich bemerkbar, doch die Triebfeder zum Guten (kusala-mūla, wtl: die Wurzeln des Heilsamen) ist in ihm noch nicht zerstört. Aus jener Triebfeder zum Guten wird in ihm Heilsames in Erscheinung treten, und so wird dieser Mensch in Zukunft dem Rückschritt nicht mehr ausgesetzt sein. So, Ānanda, kennt der Vollendete einen Menschen, wenn er im Geiste sein Herz durchschaut. Und so, Ānanda, sind dem Vollendeten die Fähigkeiten der Menschen bekannt, wenn er sie im Geiste durchschaut. Und so, Ānanda, kennt der Vollendete die zukünftige Entstehung von Eigenschaften, wenn er im Geiste des Menschen Herz durchschaut.

Angenommen aber, Ānanda, es seien da unversehrte und unverdorbene Samenkörner, durch Wind und Sonne unbeschädigt, kerngesund und gut erhalten; die säte man auf einen großen Felsen. Wüßtest du da nicht, Ānanda, daß diese Samenkörner nicht gedeihen, nicht wachsen, sich nicht entfalten können?“—„Gewiß, o Herr.“

„Ebenso auch, Ānanda, erkenne ich, wenn ich im Geiste eines Menschen Herz durchschaue: ‚In diesem Menschen befinden sich heilsame, wie auch unheilsame Eigenschaften.‘ In der Folgezeit aber erkenne ich, wenn ich im Geiste sein Herz durchschaue: ‚Die unheilsamen Eigenschaften dieses Menschen sind geschwunden, heilsame Eigenschaften machen sich bemerkbar; doch die Triebfeder zum Schlechten ist in ihm noch nicht zerstört. Aus jener Triebfeder zum Schlechten aber wird in ihm Unheilsames in Erscheinung treten; und so wird dieser Mensch in Zukunft noch dem Rückschritt ausgesetzt sein. So, Ānanda, kennt der Vollendete einen Menschen, wenn er im Geiste sein Herz durchschaut. Und so, Ānanda, sind dem Vollendeten die Fähigkeiten der Menschen bekannt, wenn er sie im Geiste durchschaut. Und so, Ānanda, kennt der Vollendete die zukünftige Entstehung von Eigenschaften, wenn er im Geiste des Menschen Herz durchschaut.

Angenommen aber, Ānanda, es seien da verdorbene und verfaulte Samenkörner, von Wind und Sonne beschädigt; die säte man auf fette Erde, auf gut bearbeiteten Boden. Wüßtest du da nicht, Ānanda, daß diese Samenkörner nicht gedeihen, nicht wachsen, sich nicht entfalten können?“—„Gewiß, o Herr.“

„Ebenso auch, Ānanda, erkenne ich, wenn ich im Geiste eines Menschen Herz durchschaue: ‚In diesem Menschen befinden sich heilsame, wie auch unheilsame Eigenschaften.‘ In der Folgezeit aber erkenne ich, wenn ich im Geiste sein Herz durchschaue: ‚Auch nicht einmal so viel wie eine Haarspitze des Guten befindet sich in diesem Menschen. Mit äußerst finsteren, unheilsamen Eigenschaften ist dieser Mensch behaftet. Beim Zerfall des Körpers, nach dem Tode, wird er in niedere Welt gelangen, auf eine Leidensfährte, in die Daseinsabgründe, zur Hölle.‘ So, Ānanda, kennt der Vollendete einen Menschen, wenn er im Geiste sein Herz durchschaut. Und so, Ānanda, sind dem Vollendeten die Fähigkeiten der Menschen bekannt, wenn er sie im Geiste durchschaut. Und so, Ānanda, kennt der Vollendete die zukünftige Entstehung von Eigenschaften, wenn er im Geiste des Menschen Herz durchschaut.“

Auf diese Worte nun sprach der ehrwürdige Ānanda zum Erhabenen also:

„Kann man wohl, o Herr, noch drei weitere Menschen anführen als Gegenstück zu jenen dreien?“

„Das kann man wohl, Ānanda“, erwiderte der Erhabene.

„Angenommen, Ānanda, man streute da brennende, feurige, glühende Kohlen auf einen großen Felsen. Wüßtest du da nicht, Ānanda, daß dieses Kohlenfeuer nicht weiter anwachsen, nicht stärker werden und sich nicht ausbreiten wird?“

„Allerdings, o Herr.“

„Oder wenn da, Ānanda, am Abend die Sonne untergeht, weißt du da nicht, daß dann das Licht schwinden und Dunkelheit eintreten wird?“

„Gewiß, o Herr.“

„Oder wenn es, Ānanda, auf die zweite Nachthälfte zugeht, zur Essenszeit, weißt du dann nicht, daß dann das Licht geschwunden und Dunkelheit eingetreten ist?“

„Gewiß, o Herr.“

„Ebenso auch, Ānanda, erkenne ich, wenn ich im Geiste eines Menschen Herz durchschaue: ‚In diesem Menschen befinden sich heilsame, wie auch unheilsame Eigenschaften.‘ In der Folgezeit aber erkenne ich, während ich im Geiste sein Herz durchschaue: ‚Die heilsamen Eigenschaften dieses Menschen sind geschwunden, unheilsame Eigenschaften machen sich bemerkbar, doch die Triebfeder zum Guten ist in ihm noch nicht zerstört. Doch auch sie gelangt ganz und gar zum Schwinden. Daher wird dieser Mensch in Zukunft dem Rückschritt ausgesetzt sein.‘ So, Ānanda, kennt der Vollendete einen Menschen, wenn er im Geiste sein Herz durchschaut. Und so, Ānanda, sind dem Vollendeten die Fähigkeiten der Menschen bekannt, wenn er sie im Geiste durchschaut. Und so, Ānanda, kennt der Vollendete die künftige Entstehung von Eigenschaften, wenn er im Geiste des Menschen Herz durchschaut.

Angenommen aber, Ānanda, man streute brennende, feurige, glühende Kohlen auf einen Haufen trockenes Gras oder auf einen Haufen Brennholz. Wüßtest du da nicht, daß dieses Feuer weiter anwachsen, stärker werden und sich ausbreiten wird?“

„Gewiß, o Herr.“

„Oder wenn da, Ānanda, in der Frühe, beim Morgengrauen, die Sonne aufgeht, weißt du da nicht, daß dann die Finsternis weichen und Helle eintreten wird?“

„Gewiß, o Herr.“

„Oder wenn es, Ānanda, auf den Mittag zugeht (abhido majjhantike), zur Essenszeit, weißt du dann nicht, daß die Finsternis geschwunden und Helle eingetreten ist?“

„Gewiß, o Herr.“

„Ebenso auch, Ānanda, erkenne ich, wenn ich im Geiste eines Menschen Herz durchschaue: ‚In diesem Menschen befinden sich heilsame, wie auch unheilsame Eigenschaften.‘ In der Folgezeit aber erkenne ich, wenn ich im Geiste sein Herz durchschaue: ‚Die unheilsamen Eigenschaften dieses Menschen sind geschwunden, heilsame Eigenschaften machen sich bemerkbar. Zwar ist die Triebfeder zum Schlechten noch nicht zerstört, doch auch sie gelangt ganz und gar zum Schwinden. Daher wird dieser Mensch in Zukunft dem Rückschritt nicht mehr ausgesetzt sein.‘ So, Ānanda, kennt der Vollendete einen Menschen, wenn er im Geiste sein Herz durchschaut. Und so, Ānanda, sind dem Vollendeten die Fähigkeiten der Menschen bekannt, wenn er sie im Geiste durchschaut. Und so, Ānanda, kennt der Vollendete die künftige Entstehung von Eigenschaften, wenn er im Geiste des Menschen Herz durchschaut.

Angenommen, aber, Ānanda, man streut kalte, ausgeglühte Kohlen auf einen Haufen trockenen Grases oder auf einen Haufen Brennholz. Wüßtest du da nicht, daß durch diese Kohlen kein Feuer entstehen, sich entwickeln und ausbreiten kann?“

„Gewiß, o Herr.“

„Ebenso auch, Ānanda, erkenne ich, wenn ich im Geiste eines Menschen Herz durch schaue: ‚In diesem Menschen befinden sich heilsame, wie auch unheilsame Eigenschaften.‘ In der Folgezeit aber erkenne ich, wenn ich im Geiste sein Herz durchschaue: ‚Auch nicht einmal soviel wie eine Haarspitze des Schlechten befindet sich in diesem Menschen. Mit äußerst lauteren, untadeligen Eigenschaften ist dieser Mensch ausgestattet. Noch bei Lebzeiten wird er das Nibbāna erreichen.‘ So, Ānanda, kennt der Vollendete einen Menschen, wenn er im Geiste sein Herz durchschaut. Und so, Ānanda, sind dem Vollendeten die Fähigkeiten der Menschen bekannt, wenn er sie im Geiste durchschaut. Und so, Ānanda, kennt der Vollendete die künftige Entstehung von Eigenschaften, wenn er im Geiste des Menschen Herz durchschaut.

Hier nun, Ānanda, ist von den ersten drei Menschen der eine keinem Rückschritt ausgesetzt, der andere aber ist dem Rückschritt ausgesetzt, und der dritte ist den niederen Welten, der Hölle verfallen. Von den letzten drei Menschen aber, Ānanda, ist der eine dem Rückschritt ausgesetzt, der andere aber ist keinem Rückschritt ausgesetzt, und der dritte ist des Nibbānas gewiß.“