Aṅguttara Nikāya

Das Siebener-Buch

66. Allvergänglichkeit

(Die sieben Sonnen)

(Im Haine der Ambapāli bei Vesālī)

„Vergänglich, ihr Mönche, sind die Gebilde! Unbeständig, ihr Mönche, sind die Gebilde! Trostlos, ihr Mönche, sind die Gebilde! Genug ist es, wahrlich, um aller Gebilde überdrüssig zu werden, genug, um sich von ihnen abzuwenden, genug, um sich von ihnen zu befreien.

Sineru, ihr Mönche, der König der Berge (auch Meru genannt; nach indischer Kosmologie der Mittelpunkt eines Weltsystems), zählt vierundachtzigtausend Yojanas in Länge, vierundachtzigtausend Yojanas in Breite, vierundachtzigtausend Yojanas tief reicht er in das Weltmeer hinein, und vierundachtzigtausend Yojanas ragt er darüber hinaus. Es kommt aber einmal die Zeit, ihr Mönche, wenn irgendwann einmal, am Ende eines langen Zeitlaufes, viele Jahre hindurch, viele hundert Jahre, viele tausend Jahre, viele hunderttausend Jahre hindurch kein Regen fällt. Was es da, ihr Mönche, an Keimlingen und Pflanzen, an Kräutern, Gräsern und Bäumen gibt, das muß, ohne Regen, verdorren, vertrocknen und verschwinden. So vergänglich, ihr Mönche, sind die Gebilde! So unbeständig, ihr Mönche, sind die Gebilde! So trostlos, ihr Mönche, sind die Gebilde! Genug ist es wahrlich, um aller Gebilde überdrüssig zu werden, genug, um sich von ihnen abzuwenden, genug, um sich von ihnen zu befreien.

Es kommt aber einmal die Zeit, ihr Mönche, wenn irgendwann einmal, am Ende eines langen Zeitlaufes, eine zweite Sonne erscheint. Ist aber, ihr Mönche, die zweite Sonne erschienen, so werden alle kleinen Flüsse und Teiche austrocknen, versiegen und schwinden. So vergänglich, ihr Mönche, sind die Gebilde! So unbeständig, ihr Mönche, sind die Gebilde! So trostlos, ihr Mönche, sind die Gebilde! Genug ist es, wahrlich, um aller Gebilde überdrüssig zu werden, genug, um sich von ihnen abzuwenden, genug, um sich von ihnen zu befreien.

Es kommt aber einmal eine Zeit, ihr Mönche, wenn irgendwann einmal, am Ende eines langen Zeitlaufes, eine dritte Sonne erscheint. Ist aber, ihr Mönche, die dritte Sonne erschienen, so werden alle die großen Ströme, die Gangā, Yamunā, Aciravatī, Sarabhū und Mahī austrocknen, versiegen und schwinden. So vergänglich, ihr Mönche...

Es kommt aber einmal die Zeit, ihr Mönche, wenn irgendwann einmal, am Ende eines langen Zeitlaufes, eine vierte Sonne erscheint. Ist aber, ihr Mönche, die vierte Sonne erschienen, so werden alle die großen Seen, aus denen die großen Ströme entspringen, als wie Anotattā, Sīhapapātā, Rathakārā, Kannamundā, Kunālā, Chaddantā und Mandākī, austrocknen, versiegen und schwinden. So vergänglich, ihr Mönche...

Es kommt aber einmal die Zeit, ihr Mönche, wenn irgendwann einmal, am Ende eines langen Zeitlaufes, eine fünfte Sonne erscheint. Ist aber, ihr Mönche, die fünfte Sonne erschienen, so gehen die Wasser des Weltmeeres hundert Yojanas zurück, gehen zweihundert, dreihundert, siebenhundert Yojanas zurück. Und das Wasser des Weltmeeres steht dann nur noch sieben Palmen hoch, nur noch sechs, fünf, vier, drei, zwei, ja bloß eine Palme hoch. Darauf steht das Wasser des Weltmeeres nur noch sieben Mann hoch, steht nur noch, sechs, fünf, vier, drei, zwei Mann hoch, sinkt auf eine Manneshöhe herab, auf eine halbe Manneshöhe, geht bloß noch bis zur Hüfte, dann nur noch bis zum Knie und schließlich nur noch bis zum Knöchel. Gleichwie, ihr Mönche, wenn zur Herbstzeit ein starker Regen niedergeht, da und dort das Wasser in den Hufspuren der Rinder stehen bleibt, ebenso auch, ihr Mönche, reicht dann das Wasser des Weltmeeres hier und da nur noch bis an die Knöchel. Nach dem Erscheinen der fünften Sonne aber steht das Wasser des Weltmeeres auch nicht einmal ein Fingerglied hoch. So vergänglich, ihr Mönche...

Es kommt aber einmal die Zeit, ihr Mönche, wenn irgendwann einmal, am Ende eines langen Zeitlaufes, eine sechste Sonne erscheint. Ist aber, ihr Mönche, die sechste Sonne erschienen, so beginnt diese große Erde mitsamt dem Sineru, dem König der Berge, zu rauchen und zu qualmen. Gleichwie, ihr Mönche, der Ofen des Töpfers, wenn er frisch mit Lehm verschmiert wurde, zunächst raucht und qualmt; ebenso auch, ihr Mönche, beginnt beim Erscheinen der sechsten Sonne diese große Erde mitsamt dem Sineru, dem König der Berge, zu rauchen und zu qualmen. So vergänglich, ihr Mönche...

Es kommt aber einmal die Zeit, ihr Mönche, wenn irgendwann einmal, am Ende eines langen Zeitlaufes, eine siebente Sonne erscheint. Ist aber, ihr Mönche, die siebente Sonne erschienen, so beginnt diese große Erde mitsamt dem Sineru, dem König der Berge, aufzuflammen, aufzulodern, zu einer einzigen Feuermasse zu werden. Während aber, ihr Mönche, diese große Erde mitsamt dem Sineru, dem König der Berge, in Flammen steht und brennt, steigen die Flammen, vom Winde getrieben, hinauf bis zur Brahmawelt. Während aber, ihr Mönche, der Sineru, der König der Berge, in Flammen steht, brennt, untergeht und von einem mächtigen Flammenmeere überflutet wird, bersten die ein-, zwei-, drei-, vier- und fünfhundert Yojanas hohen Gipfel auseinander. Während aber, ihr Mönche, diese große Erde mitsamt dem Sineru, dem König der Berge in Flammen steht und brennt, zeigen sich weder Schlacken noch Asche. Gleichwie, ihr Mönche, beim Verbrennen von ausgelassener Butter oder Öl sich weder Schlacken noch Asche zeigen, ebenso auch zeigen sich weder Schlacken nod Asche, wenn diese große Erde mitsamt dem Sineru, dem König der Berge, in Flammen steht und brennt. So vergänglich, ihr Mönche, sind die Gebilde! So unbeständig, ihr Mönche, sind die Gebilde! So trostlos, ihr Mönche, sind die Gebilde! Genug ist es, wahrlich, um aller Gebilde überdrüssig zu werden, genug, um sich von ihnen abzuwenden, genug, um sich von ihnen zu befreien.

Wer, ihr Mönche, mag dies wohl erkennen oder glauben, daß diese gewaltige Erde mitsamt dem Sineru, dem König der Berge, vom Feuer verzehrt werden, vergehen und schwinden wird, außer solchen, die das Ziel geschaut haben !

Einst, ihr Mönche, da lebte ein Meister und Glaubensstifter namens Sunetta, der frei war von Gier nach den Sinnendingen. Dieser Meister Sunetta aber, ihr Mönche, hatte viele Hunderte von Jüngern, und diesen Jüngern wies er den Weg zur Wiedergeburt unter den Göttern der Brahmawelt. Diejenigen nun, die, während der Meister Sunetta die Lehre zur Wiedergeburt in der Brahmawelt vortrug, seine Weisung ganz und gar erfaßten, diese gelangten beim Zerfall des Körpers, nach dem Tode, auf eine glückliche Fährte, in eine Brahmawelt.

Diejenigen aber, die seine Weisung noch nicht ganz und gar erfaßten, erschienen wieder, teils unter den „Über die Erzeugnisse anderer verfügenden Gottheiten“, teils unter den „Schöpfungsfreudigen Gottheiten“, teils unter den „Seligen Gottheiten“, teils unter den Yāma-Göttern, teils unter den Göttern der Dreiunddreißig, teils unter den Vier Großen Götterkönigen, teils unter mächtigen Adligen, unter mächtigen Brahmanen oder mächtigen Bürgern.

Da aber kam dem Meister Sunetta der Gedanke: „Nicht recht ist es für mich, wenn ich denselben künftigen Ausgang haben sollte wie meine Jünger. Wie wenn ich nun einen höheren Pfad beschritte?“ Und der Meister Sunetta, ihr Mönche, übte sieben Jahre lang gütige Gesinnung, und nachdem er sieben Jahre lang gütige Gesinnung geübt hatte, kehrte er für die Zeit von sieben Weltuntergängen und Weltentstehungen nicht mehr zu dieser Welt zurück. Als die Welt am Untergehen war, da erschien er unter den Strahlenden Göttern wieder. Und als die Welt wieder neu erstand, da trat er in einem leeren Brahma-Palaste wieder in Erscheinung. Dort nun, ihr Mönche, war er der Brahma, der Große Brahma, der Sieger, der Unbesiegte, der Allsehende, der Allmächtige. Sechsunddreißig mal, ihr Mönche, ward er Sakka, Herr der Götter. Einige hundert Male ward er ein Weltherrscher, ein gerechter Gesetzeskönig, Beherrscher der vier Weltteile, seinem Reiche Sicherheit gebend, im Besitze der sieben idealen Dinge. Über tausend Söhne besaß er, ihr Mönche, Helden, Heldengestalten, die es vermocht hätten, die feindlichen Heere zu vernichten. So lebte er auf dieser Erde, die er bis zum Meere hin durch das Gesetz, ohne Stock und Schwert, erobert hatte.

Obwohl nun dieser Meister Sunetta, ihr Mönche, solch hohes Alter erreichte, so lange am Leben blieb, so wurde er dennoch nicht befreit von Geburt, Altern und Sterben, von Sorge, Jammer, Schmerz, Trübsal und Verzweiflung, wurde er nicht befreit vom Leiden, sage ich. Und warum nicht? Weil er vier Dinge nicht verstanden und durchdrungen hat. Welche vier?

  • Edle Sittlichkeit,
  • edle Sammlung des Geistes,
  • edle Weisheit und
  • edle Befreiung.

Nun aber ist jene edle Sittlichkeit verstanden und durchdrungen, ist jene edle Sammlung des Geistes verstanden und durchdrungen, ist jene edle Weisheit verstanden und durchdrungen, ist jene edle Befreiung verstanden und durchdrungen. Abgeschnitten ist das Daseinsbegehren, das Daseinsleitseil ist gelöst, kein weiteres Dasein steht mehr bevor.“

Also sprach der Erhabene. Und nach diesen Worten sprach der Gesegnete, der Meister, noch dieses:

„Tugend, Weisheit und Vertiefung,
unvergleichliche Befreiung
eben diese Dinge schaute er,
der hehre Gotama.

Und der Buddha, dies durchschauend,
wies die Wahrheit seinen Jüngern,
er, der Meister, Leidvernichter,
Seher, der vom Wahn erlöst.“