Aṅguttara Nikāya

Das Achter-Buch

20. Uposatha

Einst weilte der Erhabene im Ostkloster bei Sāvatthī, im Terrassenbau der Mutter Migāras. Damals nun saß an einem Uposatha-Tage der Erhabene zusammen mit der Mönchsgemeinde. Als nun die Nacht vorgerückt und die erste Nachtwache bereits überschritten war, erhob sich der ehrwürdige Ānanda von seinem Sitze, warf das Obergewand über eine Schulter und sprach, indem er dem Erhabenen den ehrerbietigen Handgruß darbot:

„Die Nacht, o Herr, ist vorgerückt, die erste Nachtwache überschritten; schon lange sitzt die Mönchsgemeinde da. Möge doch der Erhabene den Mönchen die Ordenssatzung (pātimokkha) vortragen!“

Auf diese Worte schwieg der Erhabene.

Als aber die Nacht weiter vorrückte und die mittlere Nachtwache überschritten war, erhob sich der ehrwürdige Ānanda zum zweitenmal von seinem Sitze und sprach zum Erhabenen:

„Die Nacht, o Herr, ist vorgerückt und die mittlere Nachtwache ist überschritten; schon lange sitzt die Mönchsgemeinde da. Möge doch der Erhabene den Mönchen die Ordenssatzung vortragen!“

Und auch zum zweiten Male schwieg der Erhabene.

Als nun die Nacht weiter vorrückte und auch die letzte Nachtwache überschritten war, die Morgenröte aufstieg und es begann, hell zu werden, da erhob sich der ehrwürdige Ānanda zum dritten Male von seinem Sitze und sprach zum Erhabenen:

„Die Nacht, o Herr, ist vorgerückt und die letzte Nachtwache überschritten, die Morgenröte ist aufgestiegen, und es beginnt hell zu werden (nandimukhī ratti, wtl: die Nacht zeigt ein freundliches Gesicht). Schon lange sitzt die Mönchsgemeinde da. Möge doch der Erhabene den Mönchen die Ordenssatzung vortragen!“

—„Unrein, Ānanda, ist die Versammlung.“

Da dachte der ehrwürdige Mahā-Moggallāna: „Wegen welches Menschen hat wohl der Erhabene die Versammlung als unrein erklärt?“ Und der ehrwürdige Mahā-Moggallāna sann darüber nach, indem er im Geiste die Herzen der ganzen Mönchsgemeinde durchschaute; und er erkannte da einen sittenlosen, dem Bösen ergebenen Menschen von unlauterem und verdächtigem Benehmen, von versteckter Tat, einen Nichtasketen, der sich als Asketen ausgibt, einen Unkeuschen, der sich als keusch lebend ausgibt, innerlich verdorben, befleckt, von schmutzigem Wesen. Sobald ihn aber der ehrwürdige Mahā-Moggallāna erkannt hatte, erhob er sich von seinem Sitze, ging auf jenen Menschen zu und sprach zu ihm:

„Hebe dich weg, Verehrter! Erkannt hat dich der Erhabene. Keine Gemeinschaft hast du mehr mit den Mönchen.“

Auf diese Worte aber schwieg dieser Mensch.

Und zum zweiten Male sprach der ehrwürdige Mahā-Moggallāna zu jenem Menschen:

„Hebe dich weg, Verehrter! Erkannt hat dich der Erhabene. Keine Gemeinschaft hast du mehr mit den Mönchen.“

Aber auch zum zweiten Male schwieg jener Mensch.

Und zum dritten Male sprach der ehrwürdige Mahā-Moggallāna:

„Hebe dich weg, Verehrter! Erkannt hat dich der Erhabene. Keine Gemeinschaft hast du mehr mit den Mönchen.“

Und auch zum dritten Male schwieg jener Mensch. Da faßte der ehrwürdige Mahā-Moggallāna jenen Menschen am Arme, führte ihn hinaus vor die Türe, schob den Riegel vor, trat dann zum Erhabenen und sprach:

„Hinausgebracht, o Herr, habe ich diesen Menschen. Rein ist nun die Versammlung. Möge nun, o Herr, der Erhabene den Mönchen die Ordenssatzung vortragen!“

—„Wunderbar ist es doch, Moggallāna, erstaunlich ist es, daß jener Tor es soweit kommen lassen mußte, bis man ihn am Arme packte.“

Und der Erhabene wandte sich an die Mönche und sprach:

„Von nun ab, ihr Mönche, möget ihr allein den Uposatha abhalten und die Ordenssatzung vortragen. Ich werde von heute ab nicht mehr den Uposatha abhalten und die Ordenssatzung vortragen. Unmöglich ist es, ihr Mönche, es kann nicht sein, daß der Vollendete einer unreinen Versammlung die Ordenssatzung vorträgt.“

(Hieran schließt sich eine Wiederholung der ‚Gleichnisse vom Weltmeer‘, wie in Text 19, doch ohne Bezug auf Pahārāda.)