Jātaka 11

Die Erzählung von der Gazelle „Schön“ (Lakkhana-Jātaka)

„Den Tugendhaften geht es wohl“

Dies erzählte der Meister, da er bei Rājagaha im Veluvana sich aufhielt, mit Beziehung auf Devadatta.

Die Geschichte von Devadatta bis zum Amt als Abhimara wird im Khandahala-Jātaka (Jātaka 542) erzählt werden, bis zu seiner Entlassung als Geldwächter im Cullahamsa-Jātaka (Jātaka 533) und bis zu seiner Geburt auf der Erde im sechzehnten Buch im Samuddavanija-Jātaka (Jātaka 466).

Zu einer Zeit nämlich hatte Devadatta seine fünf Forderungen gestellt; und als sie ihm nicht genehmigt wurden, hatte er die Gemeinde gespalten und war mit fünfhundert Mönchen auf den Geierskopf gezogen. Da kam diesen Mönchen die reife Einsicht. Der Meister erkannte dies und sprach zu seinen beiden besten Schülern: „Sāriputta, fünfhundert Mönche, Schüler von euch, haben an Devadattas Irrlehre Gefallen gefunden und sind mit ihm gegangen. Jetzt aber ist ihre Einsicht reif geworden. Gehet daher mit vielen Mönchen dorthin, verkündet ihnen die Lehre und erleuchtet sie mit den Früchten der Wege; dann nehmt sie mit und kommt zurück.“ Sie gingen dorthin, verkündeten ihnen die Lehre, erleuchteten sie mit den Früchten der Wege und am nächsten Tage, zur Zeit des Sonnenaufgangs, kamen sie mit den Mönchen nach dem Veluvana.

Als aber der Thera Sāriputta gekommen war, den Erhabenen begrüßt hatte und nun dastand, da priesen die Mönche den Thera und sprachen zu dem Erhabenen: „Herr, unser ältester Bruder, der Heerführer der Lehre, strahlt gar sehr, da er von fünfhundert Mönchen umgeben kommt; Devadatta aber hat seine Gefolgschaft verloren.“ Darauf sprach Buddha: „Nicht nur jetzt, ihr Mönche, strahlt Sāriputta, da er kommt, umgeben von der Gemeinde seiner Verwandten, sondern auch früher strahlte er; und Devadatta hat nicht nur jetzt seine Schar verloren, sondern auch früher hat er sie schon verloren.“ Die Mönche baten den Erhabenen, ihnen dies bekannt zu machen. Und der Erhabene offenbarte die von einer früheren Geburt her verborgene Begebenheit.

Ehedem hatte im Reiche Magadha in der Stadt Rājagaha ein König von Magadha die Regierung. Damals hatte der Bodhisattva als eine Gazelle seine Wiedergeburt genommen. Als er herangewachsen war, lebte er im Walde, von tausend Gazellen umgeben. Er hatte zwei Söhne, „Schön“ und „Schwarz“. Als er nun alt geworden war, sprach er zu diesen: „Ihr Lieben, ich bin jetzt alt, leitet ihr diese Herde“; und er setzte jeden der Söhne an die Spitze von fünfhundert Gazellen. Von da an leiteten die beiden die Gazellenherde.—Im Reiche Magadha ist es zur Erntezeit, wenn das Getreide dicht steht, gefährlich für die Gazellen im Walde. Da graben die Menschen, um die Kornfresser zu töten, da und dort Fallgruben, sie stecken spitze Pfähle, sie verfertigen Fallen aus Steinen und legen Schlingenfallen und dergleichen. Viele Gazellen gehen zugrunde. Als der Bodhisattva merkte, dass die Zeit gekommen war, da das Korn dicht stand, ließ er seine Söhne rufen und sprach: „Ihr Lieben, jetzt ist die Zeit, da das Korn dicht steht; viele Gazellen gehen zugrunde. Wir sind alt und wenn irgend möglich wollen wir an einem Orte bleiben. Ihr aber nehmt eure Gazellenherden und begebt euch nach den gebirgigen Gegenden im Walde; wenn dann das Korn fortgeschafft ist, dann kommt wieder.“ Sie sagten: „Gut“, als sie die Worte ihres Vaters vernahmen, und gingen mit ihrem Gefolge fort.

An dem Wege aber, den sie gingen, wissen die Menschen: „Zu dieser Zeit steigen die Gazellen auf den Berg hinauf, zu dieser Zeit steigen sie herunter.“ Und sie lauern ihnen an einer verborgenen Stelle auf, erjagen viele Gazellen und töten sie. Die Gazelle Schwarz nun wusste infolge ihrer Torheit nicht, dass man zu dieser Zeit gehen und zu dieser Zeit nicht gehen müsse; und sie ging mit ihrer Gazellenherde in der Frühe und am Abend, im Zwielicht und in der Morgendämmerung an dem Eingang des Dorfes vorüber. Die Leute stellten sich, wie es ihre Gewohnheit war, da und dort auf und lauerten und brachten vielen Gazellen den Tod. So verursachte diese infolge ihrer Torheit den Tod vieler Gazellen und gelangte mit nur wenigen Gazellen in den Wald. Die Gazelle Schön war weise, klug und gescheit und wusste, dass man zu dieser Zeit gehen dürfe und zu dieser Zeit nicht. Sie ging nicht am Eingang des Dorfes vorüber, sie ging nicht am Tage und auch nicht im Zwielicht oder in der Morgendämmerung, sondern sie zog mit ihrer Gazellenherde um die Mitternachtszeit und gelangte daher in den Wald, ohne auch nur eine Gazelle verloren zu haben. Als sie nun dort vier Monate zugebracht hatten, kamen sie, nachdem das Korn fortgeschafft war, wieder vom Berge herab. Schwarz, der hinterdrein zog, hatte auf die frühere Weise auch den Rest seiner Gazellen ins Verderben gebracht und kam allein. Schön aber kam, ohne auch nur eine einzige Gazelle verloren zu haben, von seinen fünfhundert Gazellen umgeben, zu seinen Eltern. Als nun der Bodhisattva seine zwei Söhne kommen sah, da sprach er, zusammen mit der Gazellenherde seine Stimme erhebend, folgende Strophe:

„Den Tugendhaften geht es wohl,
die freundlich in der Rede sind.
Seht da, wie Schön des Weges kommt,
geehrt von seiner Freunde Schar,
und schauet dann auf Schwarz,
wie er verloren hat die Freunde all.“

Nachdem der Bodhisattva so seinen Sohn gelobt hatte und hierauf zu hohem Alter gelangt war, kam er an den Ort seiner Verdienste.

Als dann der Meister mit den Worten: „Nicht nur jetzt strahlt Sariputta, umgeben von der Gemeinde seiner Verwandten, sondern auch früher strahlte er; und nicht nur jetzt hat Devadatta seine Schar verloren, sondern auch früher hat er sie schon verloren“, die Lehrunterweisung erklärt und die beiden Begebenheiten verknüpft hatte, legte er ihre Beziehung zueinander klar und verband das Jātaka mit den Worten: „Damals war Schwarz Devadatta, sein Gefolge war Devadattas Gefolge, Schön war Sariputta, sein Gefolge war das Buddhagefolge, ihre Mutter war Rāhulas Mutter, ihr Vater aber war ich.“

Ende der Erzählung von der Gazelle „Schön“