Jātaka 199

Die Erzählung von dem Hausvater (Gahapati-Jātaka)

„Dies beides nicht beruhigt mich“

Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf einen Unzufriedenen. Während er dies erzählte, sprach er: „Das weibliche Geschlecht ist unbehütbar; auch wenn es Böses getan hat, betrügt es seinen Gatten auf alle mögliche Weise.“ Nach diesen Worten erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, nahm der Bodhisattva im Reiche Kasi in einer Hausväterfamilie seine Wiedergeburt. Nachdem er herangewachsen war, wählte er den Aufenthalt im Hause.—Seine Gattin aber war lasterhaft und trieb mit dem Dorfvorsteher Unzucht. Der Bodhisattva merkte dies und beobachtete sie beständig.

Damals aber waren während der Regenzeit die Reiskörner fortgetrieben worden und es entstand eine Hungersnot. Es war erst die Zeit gekommen, wo das Getreide zu sprossen begann. Da sagten die sämtlichen Dorfbewohner: „Von jetzt ab in zwei Monaten werden wir das Getreide ernten und mit Reis zahlen“; und sie vereinigten sich und erhielten von dem Dorfvorsteher ein altes Rind, dessen Fleisch sie verzehrten.

Eines Tages aber wartete der Dorfvorsteher die Gelegenheit ab und kam, als der Bodhisattva fort gegangen war, in sein Haus. Als sie gerade vergnügt beisammen ruhten, kam der Bodhisattva zum Dorftor herein und ging auf sein Haus zu. Das Weib aber, das nach dem Eingang des Dorfes hingewendet war, sah ihn; und indem sie dachte: „Wer ist dies?“, trat sie auf die Schwelle und blickte hinaus. Da merkte sie, dass es ihr Mann sei, und sagte es dem Dorfvorsteher. Der Dorfvorsteher fing vor Furcht an zu zittern. Da sprach sie zu ihm: „Fürchte dich nicht; es gibt ein Mittel. Wir haben das von dir erhaltene Rindfleisch gegessen. Stelle du dich, als wolltest du den Preis für das Fleisch bereinigt haben. Ich werde auf den Kornspeicher hinaufsteigen und an der Speichertüre stehend sagen: ‚Wir haben keinen Reis.‘ Du aber wirst dich in die Mitte des Hauses stellen und immer wieder drängen: ‚In unserm Hause sind Kinder; gib den Preis her.‘“—Nach diesen Worten stieg sie auf den Speicher und setzte sich an der Speichertüre nieder. Der andre stellte sich in des Hauses Mitte und sagte: „Gib mir den Preis für das Fleisch.“ Sie aber sprach: „Im Speicher ist kein Reis; wenn das Getreide geerntet ist, werde ich es dir geben. Gehe fort!“

Als nun der Bodhisattva in das Haus kam und ihr Tun sah, merkte er: „Von diesem bösen Weibe wird eine List angewendet worden sein.“ Und er sprach zu dem Dorfvorsteher: „He, Dorfvorsteher, als wir das Fleisch von deinem alten Rinde verzehrten, taten wir es unter der Bedingung, dass wir dir nach Ablauf von zwei Monaten Reis dafür geben wollten. Warum willst du ihn aber schon jetzt holen, wo nicht mehr als vierzehn Tage verstrichen sind? Du bist nicht aus diesem Grunde gekommen; aus einem andern Grunde wirst du gekommen sein. Dein Tun gefällt mir nicht. Auch dies lasterhafte, böse Weib weiß, dass im Speicher keine Reiskörner sind, und doch ist sie in den Speicher hinaufgestiegen und sagt: ‚Es ist kein Reis da‘, während du rufst: ‚Gib her.‘ Euer beider Handlungsweise gefällt mir nicht.“ Und indem er ihn so überführte, sprach er folgende Strophen:

„Dies beides nicht beruhigt mich,
dies beides kann mir nicht gefallen,
dass nämlich sie zum Speicher geht
und sagt: ‚Ich kann dir ja nichts geben.‘

Dass ferner du so sprichst, Vorsteher.
Da ich ein dürft'ges Leben führe,
gabst du zwei Monate mir Frist
fürs Fleisch der alten, magern Kuh.
Zur Unzeit forderst du es jetzt;
auch dieses kann mir nicht gefallen.“

Während er so sprach, packte er den Dorfvorsteher beim Schopf, schleifte ihn herum und warf ihn inmitten des Hauses nieder. Als jener rief: „Ich bin der Dorfvorsteher“, schalt er ihn mit den Worten: „Du verfehlst dich gegen das treu behütete Gut eines andern“, u. dgl. mehr. Und er schlug ihn, bis er krank wurde; dann packte er ihn am Halse und stieß ihn zum Hause hinaus. Darauf fasste er das schlechte Weib an den Haaren, zog sie vom Speicher herab und schlug sie mit den Worten: „Wenn du noch einmal etwas Derartiges tust, dann sollst du sehen!“ So flößte er ihr Furcht ein. Von da an aber getraute sich der Dorfvorsteher dies Haus nicht einmal anzusehen und das böse Weib vermochte nicht einmal mehr, in Gedanken zu sündigen.

Nachdem der Meister diese Lehrunterweisung beschlossen hatte, verkündigte er die Wahrheiten und sagte (am Ende der Verkündigung der Wahrheiten aber gelangte jener unzufriedene Mönch zur Frucht der Bekehrung): „Damals war ich der Hausvater, der den Dorfvorsteher züchtigte.“

Ende der Erzählung von dem Hausvater