Jātaka 20

Die Erzählung von dem Rohrtrinken (Nalapana-Jātaka)

„Da ich die Spur hinabgehn nur“

Dies erzählte der Meister, da er, während er im Gebiete von Kosala Almosen sammelte, in das Dorf Nalakapana gekommen war und am Lotosteich von Nalakapana im Ketaka-Walde verweilte, mit Beziehung auf die Rohrstängel. Damals nämlich hatten die Mönche, nachdem sie im Lotosteich von Nalakapana gebadet hatten, die Novizen Rohrstängel holen lassen, um Nadelbüchsen zu verfertigen. Als sie aber sahen, dass sie überall gespalten waren, gingen sie zu dem Erhabenen hin und fragten: „Herr, wir wollen Rohrstängel holen, um Nadelbüchsen zu verfertigen; diese sind aber von der Wurzel bis zur Spitze überall gespalten. Was ist jetzt dies?“ Der Meister erwiderte: „Dies, ihr Mönche, war schon früher einmal mein Aufenthaltsort“; und er erzählte folgende Geschichte aus der Vergangenheit.

In früherer Zeit war dies Gehölz ein Wald. Ein Wasserdämon fraß die auf, welche in dessen Lotosteich hinabstiegen. Damals war der Bodhisattva ein Affenkönig, so groß wie das Junge einer roten Gazelle; und von achtzigtausend Affen umgeben lebte er in diesem Walde, seine Herde leitend. Er gab der Affenschar folgende Ermahnung: „Freunde, in diesem Walde sind Giftbäume und auch von Dämonen bewohnte Lotosteiche; wenn ihr Früchte und Blätter esst, die ihr vorher noch nicht gegessen habt, oder wenn ihr Wasser trinken wollt, von dem ihr noch nicht getrunken habt, so fragt erst mich um Erlaubnis.“ Sie gaben mit dem Worte: „Gut“, ihre Zustimmung zu erkennen.

Eines Tages kamen sie an einen Ort, wo sie vorher noch nicht gewesen waren. Als sie dort einen großen Teil des Tages gewandert waren und nach Wasser suchten, sahen sie einen Lotosteich; sie tranken aber nicht von dem Wasser, sondern setzten sich nieder, indem sie die Ankunft des Bodhisattva erwarteten. Als der Bodhisattva kam, fragte er sie: „Warum, Freunde, trinkt ihr kein Wasser?“ Sie antworteten: „Wir wollen Eure Ankunft erwarten.“ „Gut, Freunde“, versetzte der Bodhisattva, ging um den Lotosteich herum und untersuchte die Spuren. Da sah er nur hinabführende, aber keine heraufführenden und er merkte, dass dieser ohne Zweifel von einem Dämon bewohnt sei. Und er sprach: „Recht habt ihr daran getan, dass ihr kein Wasser tranket; der Teich ist von einem Dämon bewohnt.“—Als nun der Wasserdämon merkte, dass sie nicht in den Teich hinabstiegen, teilte er, mit blauem Leib, weißem Antlitz, hochroten Händen und Füßen furchtbar aussehend, das Wasser, stieg heraus und sprach: „Warum sitzt ihr hier? Steigt hinab und trinket Wasser!“ Da fragte ihn der Bodhisattva: „Bist du der hier wohnende Wasserdämon?“ „Ja, ich bin es.“ „Ergreifst du die in den Lotosteich Hinabsteigenden?“ „Ja, ich ergreife sie. Sogar vom Vogel angefangen, der hier hinabsteigt, lasse ich keinen los; auch euch werde ich alle fressen.“ „Wir werden uns nicht von dir fressen lassen.“ „Aber ihr werdet doch Wasser trinken.“ „Ja, wir werden Wasser trinken, aber wir werden uns nicht in deine Gewalt begeben.“ „Aber wie werdet ihr Wasser trinken?“ „Wie? Du denkst, wir werden hinabsteigen und trinken. Wir werden aber nicht hinabsteigen, sondern zu achtzigtausend je einen Rohrstängel nehmen und gleichsam durch das Lotosrohr Wasser trinken. So werden wir aus deinem Lotosteiche Wasser trinken und so wirst du uns nicht fressen können.“

Da nun der Meister diesen Sachverhalt bemerkte, sagte er, als er völlig erleuchtet war, von der folgenden Strophe die erste Vershälfte:

„Da ich die Spur hinabgehn nur
und nicht heraufgehn wieder sah,
will mit dem Rohr ich Wasser trinken;
so kannst du dann nicht töten mich.“

Nach diesen Worten ließ der Bodhisattva einen Rohrstängel herbeibringen, dachte über die Vollkommenheiten nach, betätigte den Glauben und blies mit dem Munde hinein. Da wurde das Rohr überall ganz hohl, ohne dass im Innern ein Knoten zurückblieb. Auf diese Weise ließ er einen um den andern holen, blies hinein und gab ihn ihnen. Wenn er es so gemacht hätte, wäre er nicht zu Ende gekommen, deshalb ist dies nicht so aufzufassen. Der Bodhisattva ging vielmehr um den Lotosteich herum und befahl: „Alle Rohre sollen ganz gespalten werden.“ Und durch die Größe des guten Wandels der Bodhisattvas geht ein Befehl von ihnen in Erfüllung. Von da an waren alle Rohre, die rings um den Lotosteich standen, ganz gespalten.—

In diesem Weltalter gibt es vier Wunder, die das Weltalter hindurch dauern. Welche vier?

(1.) Das Zeichen des Hasen im Monde wird dies ganze Weltalter hindurch bestehen,
(2.) den im Vattaka-Jātaka (Jātaka 35) genannten Ort, wo das Feuer ausging, wird dies ganze Weltalter hindurch das Feuer nicht verbrennen,
(3.) der Ort an dem Töpferhause (siehe M.81) wird dies ganze Weltalter hindurch unberegnet bleiben und
(4.) die Rohre, die rings um diesen Lotosteich stehen, werden das ganze Weltalter hindurch ganz gespalten bleiben.

Dies sind die vier Wunder, die dies Weltalter hindurch dauern.—

Als der Bodhisattva diesen Befehl gegeben hatte, nahm er einen Stängel und setzte sich nieder. Auch die achtzigtausend Affen nahmen jeder ein Rohr und setzten sich rings um den Lotosteich nieder. Diese zogen wie der Bodhisattva an dem Stängel und tranken alle, am Ufer sitzend, Wasser zur Zeit des Wassertrinkens. Als sie so Wasser getrunken hatten, ging der Wasserdämon, ohne etwas gefangen zu haben, missmutig in seine Behausung. Auch der Bodhisattva begab sich mit seiner Umgebung in den Wald.

Nachdem der Meister mit den Worten: „Dass, ihr Mönche, diese Rohre ganz gespalten sind, ist nur ein früherer Befehl von mir“, diese Belehrung beendigt hatte, legte er die Beziehungen klar und verband das Jātaka mit den Worten: „Damals war der Wasserdämon Devadatta, die achtzigtausend Affen waren die Buddhaschar, der erfinderische Affenkönig aber war ich.“

Ende der Erzählung vom Rohrtrinken