Jātaka 200

Die Erzählung von der großen Tugend (Sadhusila-Jātaka)

„Von schönem Körper, hohem Alter“

Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf einen Brahmanen.—Dieser besaß nämlich vier Töchter. Sie wurden von vier Leuten begehrt. Von diesen war der eine sehr schön und mit körperlichen Vorzügen ausgestattet, der zweite war alt und hochbetagt, der dritte war von edler Abkunft, der vierte war durch Tugend ausgezeichnet. Nun dachte der Brahmane bei sich: „Wenn einer seine Töchter unterbringen und versorgen will, wem muss er sie dann geben, dem mit Schönheit Ausgestatteten oder dem zu hohem Alter Gelangten, einem von edler Abkunft oder einem durch Tugend Ausgezeichneten?“

Während er aber so nachdachte und es nicht fand, kam ihm folgender Gedanke: „Diese Sache wird der völlig Erleuchtete verstehen. Ich will ihn fragen und dann meine Töchter dem Entsprechenden unter ihnen geben.“ Und er ließ Parfüms, Kränze u. dgl. nehmen und begab sich nach dem Kloster. Hier begrüßte er den Meister, setzte sich ihm zur Seite und erzählte von Anfang an die Begebenheit. Dann fragte er: „Herr, welchem von den vier Leuten soll ich sie geben?“ Der Meister erwiderte: „Auch früher schon beantworteten Weise diese Frage; weil ihm aber das Bewusstsein der früheren Existenzen geschwunden ist, kann er es nicht verstehen.“ Und nach diesen Worten erzählte er, von jenem gebeten, folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, nahm der Bodhisattva in einer Brahmanenfamilie seine Wiedergeburt. Nachdem er herangewachsen war und zu Takkasilā die Wissenschaft erlernt hatte, kehrte er nach Benares zurück und wurde dort ein weltbekannter Lehrer.

Damals aber hatte ein Brahmane vier Töchter, die ebenso von vier Leuten begehrt wurden. Da der Brahmane nicht wusste, welchem er sie geben sollte, dachte er: „Ich will den Lehrer fragen und sie dem geben, der verdient, dass man sie ihm gibt.“ Und er ging zu ihm hin und sprach, indem er nach dieser Angelegenheit fragte, folgende erste Strophe:

„Von schönem Körper, hohem Alter,
von edler Abkunft, großer Tugend,—
dich, den Brahmanen, fragen wir:
wen sollen wir von diesen wählen?“

Als dies der Lehrer hörte, sagte er: „Auch wenn körperliche Schönheit usw. vorhanden ist, ist das Fehlen der Tugend zu tadeln; darum ist dies nicht maßgebend. Uns gefällt der Zustand des Tugendhaften.“ Und indem er diese Sache erklärte, sprach er folgende zweite Strophe:

„Ein Nutzen liegt im schönen Körper,
dem Alter bring ich Ehrfurcht dar,
ein Nutzen liegt in edler Abkunft;
doch uns gefällt allein die Tugend.“

Als der Brahmane seine Worte vernommen, gab er dem Tugendhaften allein seine Töchter.

Nachdem der Meister diese Lehrunterweisung vollendet und die Wahrheiten verkündigt hatte, verband er das Jātaka mit folgenden Worten (am Ende der Verkündigung der Wahrheiten aber gelangte jener Brahmane zur Frucht der Bekehrung): „Der damalige Brahmane war der nämliche wie jetzt, der weltberühmte Lehrer aber war ich.“

Ende der Erzählung von der großen Tugend