Jātaka 257

Die Erzählung von Gamanicanda (Gamanicanda-Jātaka)

„Der ist doch nicht der Häuser kundig“

Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf das Lob der Einsicht.—In der Lehrhalle nämlich hatten sich die Mönche niedergesetzt und priesen die Einsicht des mit den zehn Kräften Ausgestatteten mit folgenden Worten: „Der Vollendete ist von großer Einsicht, von weiter Einsicht, von leichter Einsicht, von schneller Einsicht, von scharfer Einsicht, von durchdringender Einsicht. Die Welt mit Einschluss der Götter übertrifft er an Einsicht.“ Da kam der Meister und fragte: „Zu welcher Unterhaltung, ihr Mönche, habt ihr euch jetzt hier niedergelassen?“ Als sie antworteten: „Zu der und der“, sprach er: „Nicht nur jetzt, ihr Mönche, sondern auch früher schon war der Vollendete einsichtsvoll.“ Und nach diesen Worten erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

Als ehedem zu Benares Janasandha regierte, nahm der Bodhisattva im Schoße von dessen erster Gemahlin seine Wiedergeburt. Sein Antlitz war sehr glänzend; es war so rein wie die Fläche eines goldenen Spiegels und äußerst herrlich. Am Namengebungstage erhielt er den Namen Prinz Adasamukha (= „Spiegelantlitz“). Diesen ließ sein Vater schon innerhalb sieben Jahren die drei Veden und alles, was in der Welt zu tun ist, lernen; als er sieben Jahre alt war, starb der König.

Die Minister verbrannten den Leichnam des Königs unter großen Ehren und gaben ihm die Totenspenden. Am siebenten Tage versammelten sie sich im Hofe des königlichen Palastes und sagten: „Der Prinz ist noch zu jung; man kann ihn noch nicht zum Könige weihen. Wir wollen ihn erst auf die Probe stellen und dann weihen.“ Eines Tages ließen sie die Stadt schmücken, die Gerichtsstätte in Ordnung bringen und ein Polster ausbreiten; dann gingen sie zu dem Prinzen hin und sprachen: „Herr, es ziemt sich, nach der Gerichtsstätte zu gehen.“ Der Prinz erwiderte: „Gut“, begab sich mit großem Gefolge dorthin und ließ sich auf dem Polster nieder. Als er sich nun niedergelassen, legten sie einem Affen, der wie ein Mensch gehen konnte, die Kleidung eines den richtigen Ort für ein Haus bestimmenden Meisters an, führten ihn zur Gerichtsstätte hin und sagten: „O Fürst, dieser Mann war zur Zeit deines Vaters, des Großkönigs, ein weitbekannter Lehrer, der den richtigen Ort für die Erbauung der Häuser bestimmte; im Innern der Erde sieht er an einem sieben Ellen tiefen Orte einen Fehler. Durch ihn wurde der Ort für den Palast der Königsfamilien ausgesucht; diesen möge der Fürst für sich gewinnen und an seinen Platz stellen.“

Der Prinz schaute ihn von unten und oben an und merkte, dass dies kein Mensch, sondern nur ein Affe sei. Er dachte bei sich: „Die Affen verstehen doch nur alles, was gemacht ist, zu beschädigen; etwas noch nicht Gemachtes zu machen oder zu untersuchen verstehen sie nicht.“ Und er sagte den Ministern folgende erste Strophe:

„Der ist doch nicht der Häuser kundig;
ein Tier ist es mit Haar im Antlitz.
Zerstören würd' er, was gemacht ist;
von solcher Art ist dies Geschlecht.“

Die Minister erwiderten: „So wird es sein, o Fürst“, und führten den Affen fort. Nach einem oder zwei Tagen schmückten sie ihn abermals, brachten ihn an die Gerichtsstätte und sprachen: „O Fürst, dieser war zur Zeit deines Vaters, des Großkönigs, der dem Gerichte vorstehende Minister, der Rechtsprechung kundig; du musst ihn für dich gewinnen und ihm die Rechtsprechung übertragen.“ Der Prinz betrachtete ihn und merkte: „Ein denkendes, verständiges Wesen hat nicht solche Haare; dieser unverständige Affe wird nicht im Stande sein, einen Richterspruch zu fällen.“ Und er sprach folgende zweite Strophe:

„Dies sind nicht des Verständ'gen Haare,
dies Tier kann nicht Belehrung geben.
Gelehret hat mich Janasandha:
Gar nichts versteht ein solches Tier.“

Da die Minister auch diese Strophe hörten, sagten sie: „Es wird so sein, o Fürst“, und führten wieder den Affen fort. Abermals schmückten sie ihn eines Tages, brachten ihn nach der Gerichtsstätte und sprachen: „O Fürst; dieser Mann erfüllte zur Zeit deines Vaters, des Großkönigs, seine Pflichten gegen Vater und Mutter: er erwies dem Ältesten in der Familie Ehrung. Du musst ihn für dich gewinnen.“ Abermals schaute ihn der Prinz an und dachte bei sich: „Die Affen sind unbeständigen Sinnes; etwas Derartiges zu tun, sind sie nicht im Stande.“ Und er sprach folgende dritte Strophe:

„Nicht seine Mutter, seinen Vater,
nicht Bruder, Schwester oder Freund
ein solches Wesen würd' erhalten:
so lehrte mich Dasaratha.“

Die Minister antworteten: „So wird es sein, o Fürst“, und führten den Affen fort. Dann dachten sie: „Der Prinz ist weise; er wird im Stande sein, die Herrschaft zu führen.“ Sie weihten den Bodhisattva zum König und ließen in der Stadt durch Trommelschlag verkünden: „Die Befehle des Königs Adasamukha!“

Von da an regierte der Bodhisattva in Gerechtigkeit. Seine Weisheit aber wurde auf dem ganzen Jambu-Erdteil bekannt.—

Zur Erläuterung seiner Weisheit aber führt man folgende vierzehn Gegenstände an:

„Ein Rind, ein Kind und dann ein Pferd,
ein Korbflechter, ein Dorfvorsteher,
'ne Dirne, junge Frau und Schlange,
Gazelle, Rebhuhn, eine Gottheit,
ein Naga, eine Schar Asketen,
zum Schluss noch ein Brahmanenjüngling.“

Im folgenden wird dies der Reihe nach erzählt: Als der Bodhisattva zum Könige geweiht war, dachte ein Aufwärter des Königs Janasandha, Gamanicanda mit Namen, folgendermaßen: „Diese Regierung ist schön nur mit Gleichaltrigen. Ich aber bin alt; ich werde dem jungen Prinzen nicht dienen können. Ich werde auf dem Lande durch Ackerbau mein Leben fristen.“ Und er ging aus der Stadt drei Yojanas weit fort und nahm in einem Dörfchen Wohnung.

Er hatte aber keine Ochsen zum Pflügen. Als daher die Regenzeit vorbei war, bat er einen Freund um zwei Ochsen. Er pflügte mit ihnen den ganzen Tag und gab ihnen Gras zu fressen; dann begab er sich in das Haus ihres Herrn, um ihm die Ochsen zurückzugeben. Dieser saß gerade mit seiner Gattin in der Mitte des Hauses und verzehrte sein Abendessen. Die Ochsen gingen nun nach ihrer Gewohnheit in das Haus; als sie aber hereinkamen, hob ihr Herr die Schüssel mit dem Essen auf und seine Frau trug die Schüssel fort. Gamanicanda wartete, ob sie ihn nicht zum Essen einladen würden; dann ging er weg, ohne die Ochsen abgeliefert zu haben.

In der Nacht aber brachen Diebe in den Stall ein und nahmen die Ochsen mit. Der Besitzer der Ochsen ging am Morgen in den Stall hinein. Als er die Ochsen nicht mehr sah, merkte er zwar, dass sie von Dieben mitgenommen seien; aber er dachte: „Ich werde Gamani die Schuld dafür aufbürden“, ging hin und sagte: „He, gib mir meine Ochsen.“ „Sind nicht die Ochsen in dein Haus gekommen?“ „Hast du sie mir aber zurückgegeben?“ „Ich habe sie dir nicht zurückgegeben.“ „Darum sei dir dies ein Königsbote; komm!“, versetzte der Eigentümer.—Wenn aber unter diesen Leuten einer ein Stück Kies oder eine Scherbe aufhebt und sagt: „Dies sei dir ein Königsbote“, und der andre geht nicht mit, so wird er mit der Königsstrafe belegt; darum ging auch Gamani sogleich, als er das Wort „Bote“ hörte.

Als er nun mit jenem nach dem Hofe des Königs ging, kam er an ein Dorf, in dem ein Freund von ihm wohnte. Er sagte: „He, ich bin zu hungrig; warte hier, bis ich in das Dorf gegangen bin, dort etwas gegessen habe und wieder zurückkehre.“ Mit diesen Worten ging er in das Haus seines Freundes. Sein Freund aber war gerade nicht zu Hause. Als dessen Frau ihn sah, sagte sie: „Herr, wir haben keine gekochte Speise. Warte einen Augenblick; ich will rasch etwas kochen und dir geben.“ Da sie aber rasch die Leiter zu dem Reisspeicher emporstieg, fiel sie auf die Erde. In diesem Augenblick entfiel ihr ihre siebenmonatliche Leibesfrucht. Jetzt kam ihr Gatte; als er dies sah, rief er: „Du hast meine Frau geschlagen und dadurch die Leibesfrucht zum Herausfallen gebracht. Dies ist für dich der Königsbote; komm!“ Und er nahm ihn mit und ging fort. Darauf nahmen die beiden Leute den Gamani in ihre Mitte und gingen fort.

Am Tore eines Dorfes konnte ein Pferdewärter ein Pferd nicht zum Stehen bringen; das Pferd aber lief auf jene zu. Als der Pferdewärter Gamani sah, rief er: „Onkel Candagamani, triff dies Pferd mit irgend etwas und bringe es dadurch zum Stehen!“ Jener nahm einen Stein und warf ihn nach dem Pferde. Der Stein traf die Füße des Pferdes und zerschmetterte sie wie einen Eranda-Baum. Darauf sagte der Pferdewärter zu ihm: „Du hast den Fuß meines Pferdes zerbrochen; dies ist für dich der Königsbote“, und fasste ihn an.

Während jener nun von den drei Leuten geführt wurde, dachte er bei sich: „Diese Leute wollen mich vor den König führen. Ich kann nicht einmal den Preis für die Ochsen zahlen; wie viel weniger die Strafe wegen des Falles der Leibesfrucht? Woher soll ich ferner den Preis für ein Pferd nehmen? Es ist besser, wenn ich sterbe.“ Während er aber so dahinging, sah er unterwegs im Walde nahe vom Wege einen Berg, der auf einer Seite steil abfiel. In dessen Schatten aber befanden sich zwei Korbflechter, Vater und Sohn, die eine Matte flochten. Jetzt sprach Gamanicanda: „Ich möchte ein Bedürfnis verrichten; bleibt hier, bis ich wiederkomme.“ Nach diesen Worten stieg er den Berg hinauf und stürzte sich den Abhang hinunter; doch er fiel auf den Rücken des Korbflechtervaters. Zufolge des einen Stoßes starb der Korbflechter; Gamani erhob sich und blieb stehen. Jetzt rief der andre Korbflechter: „Du bist ein Räuber, der meinen Vater getötet hat; dies sei für dich der Königsbote.“ Damit nahm er ihn bei der Hand und kam mit ihm aus dem Dickicht hervor. Als die andern fragten: „Was ist das?“, antwortete er: „Er ist ein Räuber, der meinen Vater getötet hat.“ Von da an nahmen die vier Leute Gamani in die Mitte und führten ihn fort, indem sie ihn umringten.

Am Tore eines andern Dorfes aber sah ein Dorfvorsteher den Gamanicanda und fragte ihn: „Onkel Canda, wohin gehst du?“ Als dieser antwortete: „Ich will den König aufsuchen“, sagte der Vorsteher: „Gewiss wirst du den König sehen. Ich möchte dem Könige eine Botschaft schicken; willst du sie überbringen? „Ja, ich werde sie überbringen.“ Darauf sprach der Dorfvorsteher: „Ich bin von Natur schön von Gestalt, vermögend, geehrt und gesund; jetzt aber geht es mir schlecht und ich bin gelbsüchtig. Frage den König nach dem Grund hiervon. Der König ist ja weise; er wird es dir sagen. Verkündige mir dann seinen Bescheid.“ Jener stimmte zu mit dem Worte: „Gut.“

Weiterhin sah ihn am Eingang eines Dorfes eine Dirne und fragte: „Onkel Canda, wohin gehst du?“ Als er antwortete: „Ich gehe, den König aufzusuchen“, fuhr sie fort: „Der König ist ja weise; überbringe eine Botschaft von mir“, und sprach: „Früher erhielt ich viel; jetzt aber erhalte ich nicht einmal mehr Betel. Niemand kommt mehr zu mir; frage den König nach dem Grunde hiervon und verkünde es mir.“

Weiterhin sah ihn am Tore eines Dorfes eine junge Frau. Nachdem sie ebenso gefragt, sagte sie: „Ich vermag nicht im Hause meines Gatten zu wohnen, noch auch im Hause meiner Familie; frage den König nach dem Grunde hiervon und teile ihn mir mit!“

Einige Zeit darauf sah ihn eine Schlange, die in der Nähe der Heerstraße in einem Ameisenhaufen wohnte. Als sie auf ihre Frage: „Canda, wohin gehst du?“ die Antwort erhielt: „Ich gehe, um den König zu besuchen“, sagte sie: „Der König ist ja weise; überbringe ihm eine Botschaft.“ Dann fuhr sie fort: „Wenn ich, um mir Nahrung zu suchen, hungrig mit geschwächtem Körper den Ameisenhügel verlassen will, so füllt mein Körper die Höhlung und nur mit Mühe komme ich heraus, indem ich meinen Körper nachziehe. Wenn ich aber von meinem Gange gesättigt, mit dickem Leibe zurückkehre, so komme ich rasch hinein, ohne die Seiten der Höhle zu berühren. Frage den König nach der Ursache hiervon und teile mir seine Antwort mit.“

Weiterhin sah ihn eine Gazelle. Nachdem sie ebenso gefragt hatte, sagte sie: „Ich kann an keinem andern Orte Gras fressen als am Fuße eines bestimmten Baumes; frage den König nach der Ursache hiervon.“

Einige Zeit darauf sah ihn ein Rebhuhn und sprach: „Ich kann nur, wenn ich mich auf einen bestimmten Ameisenhaufen setze, schön schreien; wenn ich anderswo sitze, kann ich es nicht. Frage den König, was der Grund hierfür ist.“

Des weitern sah ihn eine Baumgottheit. Als er auf ihre Frage: „Canda, wohin gehst du?“, geantwortet hatte: „Zum Könige“, sprach sie: „Der König ist ja weise. Ich wurde früher hoch geehrt; jetzt aber erhalte ich nicht einmal mehr eine Hand voll junger Sprossen. Frage den König, was die Ursache davon ist.“

Einige Zeit darauf sah ihn wieder ein Naga-König. Nachdem er ebenso gefragt, sagte er: „Der König ist ja weise. Früher war in diesem Teiche das Wasser klar und edelsteinfarbig; jetzt ist es getrübt und mit Schlamm bedeckt. Frage den König, was daran schuld ist.“

Des weitern sahen ihn in der Nähe der Stadt Asketen, die dort in einem Parke wohnten. Nachdem sie ebenso gefragt, sprachen sie: „Der König ist ja weise. Früher waren in diesem Parke die Waldfrüchte süß; jetzt aber sind sie unschmackhaft und fade geworden. Frage den König, was daran schuld ist.“

Zum Schlusse sahen ihn in der Nähe des Stadttores in einer Halle einige Brahmanenjünglinge. Sie fragten auch: „Wohin gehst du, Canda?“ Als sie zur Antwort erhielten: „Zum Könige“, sagten sie: „Nimm daher eine Botschaft von uns mit. Früher nämlich behielten wir alles, was wir gelernt hatten; jetzt aber bleibt es nicht bei uns wie Wasser in einem zerbrochenen Topfe. Wir behalten es nicht; es bleibt uns verborgen. Frage den König, was daran schuld ist.“—

Nachdem so Gamanicanda diese vierzehn Aufträge erhalten, ging er zum Könige hin. Der König saß gerade auf seinem Richterstuhle. Der Besitzer der Ochsen nahm Gamanicanda mit sich und begab sich zum König. Als der König Gamanicanda sah, erkannte er ihn und dachte bei sich: „Dieser Diener meines Vaters pflegte mich aufzuheben und herumzutragen. Wo ist er diese ganze Zeit über geblieben?“ Und er sprach: „He, Canda, wo weiltest du so lange Zeit? Schon lange sieht man dich nicht mehr; warum bist du gekommen?“ Jener erwiderte: „Ja, o Fürst, seitdem unser König in den Himmel einging, ging ich auf das Land und ernährte mich durch Ackerbau. Dann hat mir dieser Mann wegen eines Rechtsstreites um Ochsen den Königsboten verkündet und mich zu Euch hingeschleppt.“ „Ohne dass du herbeigeschleppt wurdest, wärest du also nicht gekommen. Es ist gut, dass du herbeigeschleppt wurdest; jetzt kann ich dich sehen. Wo ist der Mann?“ „Hier ist er, Fürst.“ „Ist es wahr, dass du unserm Canda den Königsboten gezeigt hast?“ „Es ist wahr, o Fürst.“ „Warum?“ „Er gibt mir meine zwei Ochsen nicht.“ „Ist dies denn wahr, Canda?“

Gamanicanda erwiderte: „Höret darum, o Fürst, auch auf mich“, und erzählte die ganze Begebenheit. Als dies der König hörte, fragte er den Eigentümer der Ochsen: „He, hast du die Ochsen gesehen, da sie in dein Haus hineingingen?“ Er antwortete: „Ich sah sie nicht, o Fürst.“ „Hast du nicht schon früher sagen hören, ich sei der König Spiegelantlitz? Sage es offen!“ Jener erwiderte: „Ja, Herr, ich sah sie.“ Darauf sprach der König: „He, Canda, weil du die Ochsen nicht zurückgegeben, fallen sie dir zur Last. Dieser Mann aber hat sie gesehen und behauptet, er habe sie nicht gesehen. Also hat er eine bewusste Lüge ausgesprochen. Darum reiße, als wenn du ein Arbeiter wärest, diesem Manne die Augen heraus und gib ihm dann als Preis für seine Ochsen vierundzwanzig Kahapanas.“

Nach diesen Worten führten sie den Eigentümer der Ochsen hinaus. Dieser dachte: „Wenn meine Augen herausgerissen sind, was tue ich da mit den Kahapanas?“ Und er fiel Gamanicanda zu Füßen und bat ihn: „Lieber Canda, die Kahapanas, die der Preis der Ochsen sind, sollen dein sein und diese nimm noch dazu.“ Damit gab er ihm noch andere Kahapanas und machte sich dann davon.

Darauf sprach der zweite: „Dieser, o Fürst, hat meine Gattin geschlagen und dadurch ihre Leibesfrucht zum Herausfallen gebracht.“ „Ist dies wahr, Canda?“ fragte der König. Canda erzählte alles ausführlich. Der König fragte ihn weiter: „Hast du also dadurch, dass du seine Frau schlugest, ihre Leibesfrucht zum Herausfallen gebracht?“ „Ich habe dies nicht veranlasst, o Fürst.“ Darauf sprach er zu dem ersten: „He, kannst du diese vorzeitige Entbindung wieder gut machen?“ „Das kann ich nicht, o Fürst:“ „Was musst du jetzt tun?“ „Ich muss einen Sohn bekommen.“ Jetzt sprach der König: „Darum also, Canda, nimm dessen Gattin in dein Haus. Wenn sie einen Sohn bekommen hat, dann nimm ihn und gib ihn diesem.“ Darauf fiel auch der zweite Gamanicanda zu Füßen und sagte: „Herr, zerstöre nicht mein Haus.“ Er gab ihm Geld und machte sich davon.

Hierauf kam der dritte und sagte: „Da dieser einen Wurf tat, o Fürst, zerschmetterte er den Fuß eines Pferdes.“ „Ist dies wahr, Canda?“ „Höre, o Großkönig“, erwiderte Canda und erzählte genau den Hergang. Als der König ihn gehört, fragte er den Pferdehüter: „Ist es wahr, dass du ihm sagtest, er solle das Pferd treffen und dadurch zum Stehen bringen?“ „Dies sagte ich nicht, o Fürst“, war die Antwort. Als er aber ein zweites Mal gefragt wurde, gab er es zu. Darauf sprach der König zu Canda: „Holla, Canda, dieser behauptete, er habe es nicht getan, und hat damit eine Lüge gesagt. Reiße ihm die Zunge heraus; dann nimm dir von uns tausend und gib sie ihm als Preis für sein Pferd.“ Der Pferdewärter aber gab ihm noch anderes Geld dazu und entfloh auch.

Darauf kam der Sohn des Korbflechters und sagte: „Dies, o Fürst, ist ein Räuber, der meinen Vater tötete.“ „Ist dies denn wahr, Canda?“, fragte der König. „Höre zu, o Fürst“, versetzte Canda und erzählte auch diese Begebenheit ausführlich. Hierauf fragte der König, zu dem Korbflechter gewendet: „Was willst du jetzt tun?“ „O Fürst, ich muss einen Vater erhalten.“ Der König erwiderte: „Holla, Canda, dieser muss einen Vater erhalten; einen Toten aber kann man nicht zurückbringen. Hole du dessen Mutter, führe sie in dein Haus und sei du sein Vater!“ Der Korbflechter bat nun: „Herr, zerstöre nicht das Haus meines toten Vaters“, gab Gaminicanda noch anderes Geld und entfloh ebenfalls.—

Nachdem so Gamanicanda im Rechtsstreit den Sieg errungen, sprach er beruhigten Herzens zum Könige: „O Fürst, von einigen sind mir Aufträge an Euch mitgegeben worden; ich will sie euch mitteilen.“ „Sprich, Canda“, versetzte der König. Nun teilte Canda alle Aufträge mit, von dem der Brahmanenjünglinge angefangen in umgekehrter Reihenfolge. Der König beantwortete sie der Reihe nach folgenderweise:

Als er den ersten gehört, sagte er: „Früher war in ihrer Wohnung ein krähender Hahn, der sich auf die Zeit verstand. Wenn sie bei seinem Schrei aufstanden, ihre Sprüche lernten und sich zu eigen machten, ging unterdessen die Sonne auf; darum ging ihnen nicht verloren, was sie erlernt hatten. Jetzt aber weilt in ihrer Wohnung ein Hahn, der zur Unzeit kräht. Dieser kräht entweder noch tief in der Nacht oder schon zu spät am Morgen. Wenn er nun tief in der Nacht kräht und sie stehen bei seinem Schrei auf, so überfällt sie beim Erlernen der Sprüche der Schlaf und sie legen sich nochmals nieder, ohne sie sich zu eigen gemacht zu haben. Wenn er aber zu spät kräht und sie stehen erst bei seinem Schrei auf, so können sie sich die Sprüche auch nicht mehr zu eigen machen. Darum behalten sie nicht, was immer sie lernen.“

Als er den zweiten Auftrag gehört, sagte er: „Früher übten diese Leute die Asketentugend aus und waren nur auf die Betätigung der Mittel zur Herbeiführung der Askese bedacht. Jetzt aber gaben sie ihre Asketentugend auf, sind auf Unziemliches bedacht, geben die Waldfrüchte, die sie im Parke finden, ihren Aufwärtern und ernähren sich selbst verbotenerweise von Almosenspenden und Gegenspenden. Darum waren für sie die Waldfrüchte nicht mehr süß. Wenn sie aber wie früher einträchtig und den Asketentugenden ergeben sein werden, so werden für sie auch die Waldfrüchte wieder süß sein. Diese Asketen kennen nicht die Weisheit der königlichen Familien; sage ihnen, sie sollen wieder das Asketenleben betätigen.“

Nachdem er den dritten Auftrag vernommen, sagte er: „Diese Naga-Könige haben Streit miteinander; darum ist das Wasser trübe geworden. Wenn sie wie früher einträchtig sein werden, so wird auch das Wasser wieder klar werden.“

Als er den vierten Auftrag gehört, sagte er: „Jene Baumgottheit beschützte früher die Leute, die in den Wald kamen; darum erhielt sie mannigfache Opferspenden. Jetzt aber beschützt sie dieselben nicht mehr und darum erhält sie auch keine Opferspenden mehr. Wenn sie wie früher ihnen wieder ihren Schutz angedeihen lässt, so wird sie wieder zu höchster Ehrung gelangen. Sie kennt nicht die Beschaffenheit von Königen; darum sage ihr, sie solle wieder die Leute behüten, die in den Wald hinaufsteigen.“

Als er den fünften Auftrag vernommen, sprach er: „Über dem Baum, an dessen Wurzel die Gazelle Gräser fressen kann, ist eine große Menge Bienenhonig. Auf die mit Honig beträufelten Gräser ist sie versessen und kann daher keine anderen mehr verzehren. Nimm du den Honigklumpen herunter und schicke uns den besten Honig; den übrigen verzehre selbst.“

Als er den sechsten gehört, sagte er: „Unter dem Ameisenhügel, auf dem sitzend das Rebhuhn so schön schreien kann, liegt ein Topf mit einem großen Schatz; hole ihn heraus und nimm ihn dir.“

Als er den siebenten Auftrag vernommen, sprach er: „Unter dem Ameisenhügel, in dem die Schlange haust, ist ein Topf mit einem großen Schatz. Diesen bewacht die Schlange. Wenn sie nun die Höhle verlässt, so geht sie hinaus, indem sie aus Gier nach dem Schatze ihren Körper nachschleifen lässt; wenn sie sich aber Nahrung gesucht hat, so eilt sie aus Liebe zu dem Schatze rasch in die Höhle ohne ihren Körper nachzuziehen. Hebe diesen Schatz und nimm ihn dir.“

Als er den achten Auftrag gehört, sagte er: „Zwischen den Dörfern, in denen der Gatte und die Eltern dieser jungen Frau wohnen, befindet sich in einem Dorfe ihr Liebhaber. Wenn sie seiner gedenkt, kann sie aus Liebe zu ihm nicht im Hause ihres Gatten bleiben und sagt, sie wolle ihre Eltern besuchen. Wenn sie dann einige Tage im Hause ihres Liebhabers geweilt, begibt sie sich nach dem Hause ihrer Eltern. Nachdem sie dort einige Tage geblieben, gedenkt sie wieder ihres Liebhabers, sagt, sie wolle in das Haus ihres Gatten zurückkehren und geht wieder in das Haus ihres Liebhabers. Melde dieser Frau, dass es einen König gibt, und sage ihr, wenn sie nicht im Hause ihres Gatten bleiben wolle, werde sie der König fest nehmen lassen und sie müsse sterben. Es zieme sich für sie, Ordnung zu halten. Dies sage ihr.“

Als er den neunten Auftrag vernommen, sprach er: „Wenn früher diese Dirne von einem Manne ihren Lohn erhalten hatte, so nahm sie kein Geld von einem andern an, ohne den ersten befriedigt zu haben. Darum strömte ihr früher viel Geld zu. Jetzt aber hat sie diese Tugend aufgegeben und nimmt von einem andern Geld, ohne den ersten, der Geld gegeben, befriedigt zu haben. Ohne dem ersten Gelegenheit gegeben zu haben, gibt sie dem spätem Gelegenheit. Darum erhält sie kein Geld mehr und niemand kommt noch zu ihr. Wenn sie bei ihrer früheren Art bleiben wird, wird es wieder werden wie zuvor; sage ihr, sie solle bei ihrer Tugend beharren.“

Als er noch den zehnten Auftrag gehört, sagte er: „Jener Dorfvorsteher entschied früher in Gerechtigkeit und Billigkeit bei Streitigkeiten. Darum war er den Menschen lieb und angenehm; in ihrer Zufriedenheit brachten ihm die Leute viele Geschenke. Deshalb war er sehr stattlich, vermögend und geehrt. Jetzt aber lässt er sich bestechen und entscheidet die Streitigkeiten auf ungerechte Weise. Darum geht es ihm schlecht; darum ist er arm geworden und hat die Gelbsucht bekommen. Wenn er wie früher auf gerechte Weise die Streitigkeiten entscheiden wird, so wird er wieder werden wie zuvor. Er weiß nicht, dass es einen König gibt; sage ihm, er solle gerecht die Streitigkeiten entscheiden.“—

So richtete Gamanicanda diese sämtlichen Aufträge aus.

Nachdem aber der König infolge seiner Weisheit sie alle gleich einem allwissenden Buddha beantwortet hatte, gab er Gamanicanda viel Geld, schenkte ihm das Dorf, in dem er wohnte, als Brahmanengabe und schickte ihn dann fort. Als jener die Stadt verlassen, richtete er die vom Bodhisattva erteilte Antwort den Brahmanenjünglingen, den Asketen, dem Naga-König und der Baumgottheit aus, nahm von der Stelle, wo das Rebhuhn saß, den Schatz weg, holte an der Stelle, wo die Gazelle Gräser verzehrte, von dem Baume den Bienenhonig und schickte auch dem König Honig. Dann ließ er an der Stelle, wo die Schlange hauste, den Ameisenhügel zerstören und nahm den Schatz für sich in Besitz. Nachdem er dann noch der jungen Frau, der Dirne und dem Dorfvorsteher in der angegebenen Art die Antwort ausgerichtet, kehrte er mit großer Ehrung in sein Dorf zurück. Hier blieb er, solange er lebte, und gelangte hierauf an den Ort seiner Verdienste.—Auch der König Adasamukha kam, nachdem er gute Werke wie Almosen Geben u. dgl. verrichtet hatte, am Ende seines Lebens in den Himmel.

Nachdem der Meister mit den Worten: „Nicht nur jetzt, ihr Mönche, ist der Vollendete von großer Einsicht, sondern auch früher schon besaß er große Einsicht“, diese Lehrunterweisung beschlossen und die Wahrheiten verkündigt hatte, verband er das Jātaka mit folgenden Worten (am Ende der Verkündigung der Wahrheiten aber wurden viele bekehrt oder einmal zurückkehrend oder nichtzurückkehrend oder heilig): „Damals war Gamanicanda Ananda, der König Adasamukha aber war ich.“

Ende der Erzählung von Gamanicanda