Jātaka 279

Die Erzählung von dem Kranich (Satapatta-Jātaka)

„So wie der Jüngling auf dem Wege“

Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf Panduka und Lohita.—Von den sechs bösen Mönchen nämlich wohnten zwei, Mettiya und Bhummajaka, bei Rājagaha, zwei andre, nämlich Assaji und Punabbasuka, bei Kitagiri, die zwei letzten endlich, Panduka und Lohitaka, bei Savatthi im Jetavana. Diese warfen Fragen wieder auf, die schon in der Lehre niedergelegt waren; sie unterstützten ihre Genossen und Freunde, indem sie sagten: „Freunde, ihr seid nicht geringer als die andern nach Geburt, Abstammung oder Lebenswandel. Wenn ihr eure eignen Ansichten aufgebt, werden jene noch besser Herr über euch werden.“ Mit solchen und ähnlichen Worten veranlassten sie die andern, ihre eigenen Ansichten nicht aufzugeben; daraus entstanden Streitigkeiten, Zwist, Wortwechsel und Zänkereien.

Die Mönche teilten dies dem Erhabenen mit. Der Meister ließ aus dieser Ursache, wegen dieser Veranlassung die Mönche zusammenkommen. Er tadelte Panduka und Lohitaka und fragte: „Ist es wahr, ihr Mönche, dass ihr von euch aus Fragen wieder aufwerft und dass ihr andre veranlasst, bei ihrer eigenen Ansicht zu beharren?“ Als sie antworteten: „Es ist wahr, Herr“, sprach er: „Da dies sich so verhält, ihr Mönche, macht ihr es so wie der Kranich und der junge Brahmane.“ Und nach diesen Worten erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, nahm der Bodhisattva in einem Dorfe des Landes Kasi in einer Familie seine Wiedergeburt. Als er herangewachsen war, erwarb er sich nicht durch Ackerbau, Handel u. dgl. seinen Lebensunterhalt, sondern er nahm fünfhundert Räuber mit sich und wurde ihr Hauptmann, indem er durch Straßenraub, Einbrüche u. dgl. sich seinen Unterhalt erwarb.

Damals hatte ein Gutsbesitzer zu Benares einem Landbewohner tausend Kahapanas gegeben, war aber gestorben, ohne sie wieder erhalten zu haben. In der Folgezeit sprach dessen Gattin, als sie krank wurde und auf dem Bette lag, zu ihrem Sohne: „Mein Sohn, dein Vater hat jemand tausend gegeben und ist gestorben, ohne sie wieder erhalten zu haben. Wenn auch ich sterbe, wird jener sie dir nicht geben. Gehe hin, solange ich noch lebe, lass es dir geben und bringe es mit.“ Der Sohn versetzte: „Gut“; er ging hin und nahm die Kahapanas in Empfang. Seine Mutter aber starb inzwischen und aus Liebe zu ihrem Sohne nahm sie ihre Wiedergeburt als ein an dem Weg, den jener kommen musste, sich aufhaltendes Schakalweibchen.

Damals weilte jener Räuberhauptmann an dieser Straße mit seiner Schar und plünderte die Leute aus, die des Weges kamen. Als nun der junge Mann an den Rand des Waldes kam, sprach jenes Schakalweibchen zu ihm: „Mein Sohn, gehe nicht in den Wald hinein! Räuber hausen hier; diese werden dich töten und dir dein Geld nehmen.“ Und sie versperrte ihm immer wieder den Weg und suchte ihn aufzuhalten. Jener aber, der die Ursache hierfür nicht kannte, dachte: „Dieses Unglückstier von Schakalweibchen versperrt mir den Weg“; und er nahm einen Erdklumpen, trieb damit seine Mutter in die Flucht und betrat den Wald.

Da schrie ein Kranich: „In den Händen dieses Mannes sind tausend Kahapanas; tötet ihn und nehmt ihm sein Geld!“ Und so schreiend flog er auf die Räuber zu. Der junge Brahmane, der nicht verstand, was der Vogel tat, dachte: „Dies ist ein Glück bringender Vogel; jetzt wird mir Heil widerfahren“; und er rief: „Singe, Herr; singe, Herr“, und faltete gegen ihn die Hände.

Als der Bodhisattva, der alle Tierstimmen kannte, das Tun dieser beiden Tiere bemerkte, dachte er bei sich: „Jenes Schakalweibchen muss seine Mutter sein; darum hält sie ihn zurück aus Furcht, man möchte ihn töten und ihm sein Geld nehmen. Jener Kranich aber muss ein Feind von ihm sein; darum meldet er uns, wir sollen ihn töten und ihm sein Geld nehmen. Da nun der Jüngling dies nicht weiß, hat er seine Mutter, die auf seinen Nutzen bedacht ist, verjagt; von dem Kranich aber, der ihm schaden will, denkt er, er wolle ihm nützen, und faltet gegen ihn die Hände. Ach, ein Tor ist dieser fürwahr!“

Denn obwohl die Bodhisattvas so große Wesen sind, so nehmen sie doch gelegentlich auch das Eigentum anderer weg, wenn sie ihre Wiedergeburt als ein Bösewicht nehmen; man sagt, dies komme von der ungünstigen Konstellation.

Der junge Brahmane kam heran und fiel unter die Räuber. Der Bodhisattva ließ ihn festnehmen und fragte ihn: „Wo wohnst du?“ Er antwortete: „Ich bin ein Einwohner von Benares.“ „Wohin gehst du?“ „In einem Dorfe musste ich tausend Kahapanas erhalten; zu diesem Zwecke begab ich mich dorthin.“ „Hast du sie aber erhalten?“ „Ja, ich habe sie erhalten.“ „Wer hat dich denn geschickt?“ „Herr, mein Vater ist gestorben, und meine Mutter ist krank; da sie nun meinte, ich werde nach ihrem Tode das Geld nicht mehr erhalten, schickte sie mich fort.“ „Kennst du die jetzige Beschaffenheit deiner Mutter?“ „Ich kenne sie nicht, Herr.“

Hierauf sprach der Bodhisattva: „Deine Mutter starb nach deinem Weggange. Aus Liebe zu ihrem Sohn wurde sie ein Schakalweibchen, versperrte dir aus Furcht, du könntest getötet werden, den Weg und suchte, dich zurückzuhalten; du aber hast ihr Schrecken eingeflößt und sie verjagt. Der Kranich aber ist dein Feind; er verkündete uns, wir sollten dich töten und dein Geld nehmen. Infolge deiner Torheit meinst du nun, deine Mutter, die nur deinen Vorteil will, wolle dir schaden und der Kranich, der dir schaden will, wolle dir nützen. Er hat dir doch nichts Gutes getan; deine Mutter aber ist deine große Wohltäterin. Nimm deine Kahapanas mit und gehe!“ Mit diesen Worten entließ er ihn.

Nachdem der Meister diese Unterweisung beendet, sprach er folgende Strophen:

„So wie der Jüngling auf dem Wege
vom Schakalweibchen aus dem Walde,
das ihn gewarnt, um ihm zu nützen,
geglaubt, es wolle ihm nur schaden,
vom Kranich aber, der ihm schadet,
gemeint, er wollt' ihm Nutzen bringen,

So kommt es auch auf Erden vor,
dass mancher Mann auch derart ist;
wenn er das Wort des Freundes hört,
so fasst er oft verkehrt es auf.

Doch wer ihn immer nur belobt
und ihn aus seiner Furcht erhebt,
den hält er dann für seinen Freund,
so wie den Kranich der Brahmane.“

Nachdem der Meister diese Lehrunterweisung beschlossen, verband er das Jātaka mit folgenden Worten: „Damals war ich der Räuberhauptmann.“

Ende der Erzählung von dem Kranich