Jātaka 292

Die Erzählung von Supatta (Saputta-Jātaka)

„O großer König, bei Benares“

Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf den vom Thera Sāriputta der Fürstin Bimba geschenkten Reisbrei mit roter Fisch-Sauce, der mit frischer zerlassener Butter gemischt war.

Die Begebenheit ist der oben im Abbhantara-Jātaka erzählten ähnlich.—

Auch damals litt die Fürstin an Blähungen im Leibe. Ihr Sohn Rāhula teilte dies dem Thera mit. Der Thera ließ ihn einstweilen in der Wartehalle Platz nehmen, begab sich nach dem Palaste des Königs von Kosala, brachte von dort Reisbrei, der mit frischer zerlassener Butter gemischt war, und rote Fisch-Sauce mit und gab ihm dieses. Sobald aber jene dies Mahl zu sich genommen hatte, hörten die Blähungen auf. Der König aber hatte Leute nachgeschickt und dies beobachten lassen; und von da an ließ er der Ehrwürdigen immer ein solches Mahl reichen.

Eines Tages nun begann man in der Lehrhalle folgendes Gespräch: „Freund, der Heerführer der Lehre hat die Ehrwürdige mit einem derartigen Mahle befriedigt.“ Da kam der Meister und fragte: „Zu welcher Unterhaltung, ihr Mönche, habt ihr euch jetzt hier niedergelassen?“ Als sie antworteten: „Zu der und der“, sprach er: „Nicht nur jetzt, ihr Mönche, gab Sāriputta der Mutter Rāhulas das Gewünschte, sondern auch früher schon gab er es.“ Und nach diesen Worten erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, nahm der Bodhisattva im Krähengeschlechte seine Wiedergeburt. Nachdem er herangewachsen war, wurde er der Anführer von achtzigtausend Krähen und hieß der Krähenkönig Supatta; seine erste Gemahlin aber war ein Krähenweibchen namens Suphassa und der Heerführer hieß Sumukha. Er weilte, von achtzigtausend Krähen umgeben, in der Nähe von Benares.

Als er eines Tages mit Suphassa sich sein Futter suchte, flog er über die Küche des Königs von Benares hin. Der Koch hatte gerade für den König mancherlei Fisch- und Fleischspeisen in verschiedener Zubereitungsart zurechtgemacht und stand dabei, indem er ein wenig die Töpfe abdeckte, um den Dampf hinauszulassen. Suphassa roch den Duft von dem Fischfleisch und bekam Lust, das Mahl des Königs zu verzehren. An diesem Tage sagte sie nichts; am nächsten Tage aber, als ihr Gatte zu ihr sprach: „Komm Liebe, wir wollen weggehen, um uns Futter zu suchen“, erwiderte sie: „Geht Ihr nur; ich habe ein Gelüste bekommen.“ Als ihr Gatte weiter fragte: „Wonach gelüstet es dich?“, antwortete sie: „Ich habe Lust, das Mahl des Königs von Benares zu verzehren; ich kann es aber nicht erhalten. Darum werde ich mein Leben aufgeben, o Fürst.“

Der Bodhisattva setzte sich bekümmert nieder. Da kam Sumukha und fragte: „Warum bist du betrübt, großer König?“ Der König erzählte die Begebenheit. Da sprach der Heerführer: „Bekümmere dich nicht, o Großkönig.“ Er tröstete beide mit den Worten: „Bleibt heute hier; wir werden das Mahl herbeibringen“, und flog davon.

Darauf versammelte er die Krähen, erzählte ihnen die Sache und flog dann mit den Worten: „Kommt, wir wollen das Mahl herbeiholen“, mit den Krähen zusammen nach Benares hinein. Unweit von der Küche teilte er die Krähen in Abteilungen und stellte sie allenthalben auf, um Wache zu halten; er selbst setzte sich mit acht Krähenhelden auf das Küchendach. Während er auf die Zeit wartete, bis dem Könige das Mahl gebracht wurde, sagte er zu den Krähen: „Wenn für den König das Mahl herbeigebracht wird, werde ich bewirken, dass die Töpfe herabfallen. Wenn die Töpfe zur Erde gefallen sind, ist es um mein Leben geschehen. Von euch sollen dann vier einen Schnabel voll Reisbrei und die anderen vier einen Schnabel voll Fischfleisch nehmen und dies dem Krähenkönig samt seiner Gattin vorsetzen. Wenn er euch fragt: ‚Wo ist der Heerführer?‘, so sollt ihr sagen, ich werde nachkommen.“

Nachdem nun der Koch die verschiedenen Teile des Mahls zubereitet hatte, nahm er es an eine Tragstange und ging nach dem königlichen Palaste hin. Als er aber in den Hof des königlichen Palastes gekommen war, gab der Krähenheerführer den Krähen ein Zeichen. Er selbst flog auf, setzte sich auf die Brust des Speisenträgers, schlug nach ihm mit dem Gitterwerke seiner Krallen, hieb ihm mit seinem einem Speere an Aussehen gleichenden Schnabel die Nasenspitze ab, erhob sich dann und bedeckte ihm mit seinen beiden Füßen das Gesicht.

Der König, der gerade auf seinem Söller lustwandelte, sah gerade durch das große Fenster hinaus und bemerkte, was die Krähe tat. Er rief dem Speisenträger zu: „He, Speisenträger, wirf die Töpfe fort und ergreife nur die Krähe!“ Jener warf die Töpfe ab und packte die Krähe fest. Der König aber sprach: „Komm hierher!“ In diesem Augenblick kamen die Krähen herbei, fraßen selbst soviel sie konnten, nahmen das Übrige auf die angegebene Art mit und flogen fort. Darauf kamen noch die anderen und verzehrten, was noch übrig geblieben war. Die acht Vögel aber flogen zu ihrem König und setzten ihm und seiner Gattin das Mahl vor. Da wurde das Gelüste der Suphassa befriedigt.

Der Speisenträger aber brachte die Krähe zum Könige hin. Der König fragte sie: „He, du Krähe, du hast dich vor mir nicht gescheut, hast dem Speisenträger die Nase abgehackt und die Speisentöpfe zerbrochen, ohne auf dein Leben zu achten. Warum hast du Derartiges getan?“ Die Krähe antwortete: „O Großkönig, unser König wohnt in der Nähe von Benares; ich bin sein Heerführer. Seine Gattin, Suphassa mit Namen, hat ein Gelüste bekommen und wollte von Eurem Mahle essen. Der König teilte mir ihr Gelüste mit. Darum bin ich gekommen und habe mein Leben geopfert. Jetzt habe ich ihr die Speise geschickt; meine Absicht ist ausgeführt. Aus diesem Grunde habe ich Derartiges getan.“ Indem er dies erzählte, sprach er folgende Strophen:

„O großer König, bei Benares
da wohnt der König von uns Krähen,
von achtzigtausenden umgeben;
er heißt der Schöngeflügelte.

Suphassa, seine Frau, ist schwanger
und hat nach einem Fisch Gelüste;
und in der Königs Küche wurde
für ihn ein kostbar Mahl gekocht.

Sie sandten mich als Boten her;
so bin ich, Herr, zu dir gekommen.
Weil meinem Herrn ich Ehr' erwies,
darum musst' ich die Nase treffen.“

Als der König dessen Worte vernommen, dachte er: „Wenn wir den als Mensch Geborenen große Auszeichnung zuteil werden lassen, so können wir sie doch darum nicht zu unseren Freunden machen. Auch wenn wir Dörfer u. dgl. verschenken, finden wir niemand, der für uns sein Lehen opfert. Dieser Vogel aber, eine einfache Krähe, opfert für seinen König sein Leben; fürwahr, er ist ein Braver, ein süß Redender, ein Tugendreicher!“ Und befriedigt über seine Tugenden ehrte er ihn durch Verleihung des weißen Sonnenschirms. Jener ehrte mit dem ihm verliehenen weißen Sonnenschirm wieder den König und erzählte von den Vorzügen des Supatta. Der König ließ diesen zu sich kommen, hörte von ihm die Lehre und ließ ihnen beiden Speise vorsetzen von derselben Art, wie er selbst sie verzehrte. Für die übrigen Krähen ließ er täglich ein Ammana Reis kochen. Er selbst aber beharrte bei der Ermahnung des Bodhisattva, gewährte allen lebenden Wesen Sicherheit des Lebens und beobachtete die fünf Gebote. Die Ermahnung der Krähe Supatta aber blieb hunderttausend Jahre in Geltung.

Nachdem der Meister diese Unterweisung beschlossen, verband er das Jātaka mit folgenden Worten: „Damals war der König Ananda, der Heerführer war Sāriputta, Suphassa war die Rāhula-Mutter, Supatta aber war ich.“

Ende der Erzählung von Supatta