Jātaka 311

Die Erzählung von dem Pucimanda-Baum (Pucimanda-Jātaka)

„Steh auf, du Räuber“

Dies erzählte der Meister, da er im Veluvana verweilte, mit Beziehung auf den großen Thera Mogallana. Während nämlich der Thera bei Rājagaha in einer Waldhütte weilte, kam ein Dieb, der in einem Dorfe am Stadttore in einem Hause die Mauer durchbrochen, eine Handvoll Kostbarkeiten mitgenommen hatte und dann fortgelaufen war, an die Wohnung des Thera und legte sich am Eingang der Laubhütte nieder, da er dachte: „Hier werde ich in Sicherheit sein.“ Als der Thera ihn vor seinen Augen liegen sah, stiegen Zweifel in ihm auf und er dachte: „Mit einem Diebe zu verkehren, ziemt sich nicht“; er ging hinaus und trieb ihn fort mit den Worten: „Bleibe hier nicht liegen.“ Der Dieb entfernte sich wieder und lief davon, indem er die Füße rührte.—Darauf kamen Leute mit einer Fackel, indem sie den Spuren des Diebes nachgingen, an diesen Platz. Da sie die Stellen sahen, wo er gekommen, wo er gestanden, wo er gesessen, wo er gelegen hatte, sagten sie: „Von hier her ist der Dieb gekommen, hier hat er gestanden, hier hat er gesessen, von dieser Stelle ist er fortgelaufen, aber wir haben ihn nicht gesehen.“ Und indem sie hier und dorthin sprangen und ihn nicht fanden, kehrten sie wieder zurück.

Am nächsten Tage ging der Thera zur Zeit des Vormittags, um Almosen zu sammeln, nach Rājagaha. Als er von seinem Almosengang zurückkehrte, begab er sich in das Veluvana und teilte dem Meister diese Begebenheit mit. Darauf sprach der Meister: „Nicht nur du, Mogallana, hast an etwas gezweifelt, worüber es recht war zu zweifeln, sondern auch in der Vorzeit schon hegten Weise Zweifel.“ Und nach diesen Worten erzählte er auf die Bitte des Thera folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, nahm der Bodhisattva in einem Gehölz auf dem Leichenfelde der Stadt als eine Gottheit in einem Nimba-Baume seine Wiedergeburt. Eines Tages nun kam ein Dieb, der in dem Dorfe beim Stadttore sein Geschäft ausgeübt hatte, in dies Leichenfeldgehölze. Dort waren aber damals ein Nimba-Baum und ein Assattha-Baum die beiden hervorragendsten Bäume. Der Dieb legte sein Bündel an den Fuß des Nimba-Baumes und legte sich nieder.

Da dachte die Gottheit bei sich: „Wenn die Leute herkommen und diesen Dieb ergreifen, werden sie von diesem Nimba-Baum einen Ast abbrechen, einen Pfahl daraus machen und jenen damit durchbohren. Unter diesen Umständen wird der Nimba-Baum zugrunde gehen. Wohlan, ich will ihn von hier vertreiben.“ Und indem sie den Dieb anredete, sprach sie folgende erste Strophe:

„Steh auf, du Dieb, wie kannst du ruhen?
Was überlässt du dich dem Schlaf?
Dass dich nur nicht des Königs Leute
einfangen, weil im Dorf du raubtest.“

Nachdem sie so gesprochen, fügte sie hinzu: „Damit dich nicht die Leute des Königs fangen, gehe rasch anderswohin.“ Durch diese Worte flößte sie jenem Furcht ein und veranlasste ihn davonzulaufen.

Als er aber weggelaufen war, sprach die Assattha-Baum-Gottheit folgende zweite Strophe:

„Wenn man jetzt diesen Dieb kann fangen,
der in dem Dorf gestohlen hat,
was kann den Pucimanda-Baum
dies angehn, der im Walde steht?“

Als dies die Nimba-Baumgottheit vernahm, sprach sie folgende dritte Strophe:

„Assattha, du verstehst dies nicht,
was mit dem Diebe ich bezwecke.
Wenn diesen Dieb die Leute fangen,
der in dem Dorf gestohlen hat,
so spießen sie ihn an mein Holz;
darüber ängstigt sich mein Herz.“—

Während so diese Gottheiten miteinander redeten, kamen die Besitzer des gestohlenen Gutes, mit Fackeln in den Händen seiner Spur folgend, dorthin. Als sie die Stelle sahen, wo der Dieb gelegen hatte, riefen sie: „Holla, jetzt ist der Dieb aufgestanden und davongelaufen; wir haben den Dieb nicht erwischt. Wenn wir ihn fangen, so werden wir ihn an die Wurzel dieses Nimba-Baumes spießen oder ihn an einem Zweig aufhängen und dann nach Hause zurückkehren.“ Nach diesen Worten sprangen sie überall umher; als sie aber den Dieb nicht fanden, entfernten sie sich.

Als die Assattha-Baum-Gottheit sie angehört hatte, sprach sie folgende vierte Strophe:

„Man habe Angst, wo Grund zur Angst;
man schütze sich aus Furcht vor später.
Aus Furcht vor dem, was später kommt,
der Weise schaut nach beiden Welten.“

Nachdem der Meister diese Unterweisung beschlossen, verband er das Jātaka mit folgenden Worten: „Damals war die in dem Assatha-Baume wohnende Gottheit Sāriputta, die Nimba-Gottheit aber war ich.“

Ende der Erzählung von dem Pucimanda-Baum