Jātaka 312

Die Erzählung von Kassapa und der Torheit (Kassapa-Mandiya-Jātaka)

„Durch seine Torheit, Kassapa“

Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf einen hochbetagten Mönch. Zu Savatthi nämlich hatte ein Sohn aus edler Familie die Sündlichkeit der Lüste eingesehen und war beim Meister Mönch geworden. Der Meditation sich ganz hingebend, erlangte er bald darauf die Heiligkeit.—Später starb seine Mutter. Nach dem Tode der Mutter veranlasste er seinen Vater und seinen jüngern Bruder, in den Orden einzutreten, und wohnte mit ihnen im Jetavana. Als die Regenzeit begann, begaben sich die drei in ein Dorf, weil sie gehört hatten, dass man dort leicht Gewänder und die andern Hilfsmittel erhalten könne, und verbrachten zusammen dort die Regenzeit. Dann kehrten sie nach dem Jetavana zurück.

An einer Stelle unweit dem Jetavana sagte nun der junge Mönch: „Novize, führe du den Thera, indem du ihn dabei ausruhen lassest. Ich will voraus gehen und unsre Zelle in Ordnung bringen.“ Nach diesen Worten ging er in das Jetavana hinein.—Der alte Thera ging langsam weiter; der Novize aber sagte, wie wenn er ihn mit dem Kopfe vorwärts drücken wollte, immer wieder: „So gehe doch, Herr“, und führte ihn mit Gewalt weiter. Der Thera aber erwiderte: „Du führst mich ja, als ob ich gar keine Gewalt mehr besäße“, kehrte um und ging wieder vom Ausgangspunkt an vorwärts.

Während sie so miteinander stritten, ging die Sonne unter und die Finsternis brach herein. Nachdem aber der andre die Zelle zusammengekehrt und Wasser bereit gestellt hatte, nahm er, als er sie noch nicht kommen sah, eine Fackel und ging ihnen entgegen. Als er sie kommen sah, fragte er: „Warum bleibt ihr so lange?“ Der Alte erzählte den Grund. Jener aber ließ die beiden sich ausruhen und führte sie so langsam vorwärts.

An diesem Tage aber fand er deshalb nicht die Zeit, Buddha seine Aufwartung zu machen. Als er nun am zweiten Tage kam, um Buddha aufzuwarten, und ihn ehrfurchtsvoll begrüßt hatte, fragte der Meister den neben ihm Sitzenden: „Wann bist du gekommen?“ „Gestern, Herr“, war die Antwort. Buddha fragte weiter: „Gestern kamest du und erst heute machst du die Buddha-Aufwartung?“ „Ja, Herr“, erwiderte jener und erzählte die Ursache davon. Darauf tadelte der Meister den Alten und sprach: „Nicht nur jetzt hat dieser dergleichen getan, sondern auch früher schon tat er so; jetzt aber hat er dich damit belästigt, früher jedoch belästigte er damit auch Weise.“ Nach diesen Worten erzählte er, von jenem gebeten, folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, nahm der Bodhisattva in einem Flecken des Reiches Kasi in einer Brahmanenfamilie seine Wiedergeburt. Nachdem er herangewachsen war, starb seine Mutter. Er erwies dem Leichnam seiner Mutter die letzte Ehrung; nach anderthalb Monaten aber verschenkte er das in seinem Hause vorhandene Geld als Almosen, nahm seinen Vater und seinen jüngeren Bruder mit sich, bekleidete sich im Himalaya mit einem von Gott gesandten Bastgewande und betätigte die Weltflucht der Weisen. Indem er sich von übrig gelassenen Ähren, die er sammelte, von Wurzeln und Früchten ernährte, wohnte er dort in einem entzückenden Walde.

Im Himalaya aber ist es während der Regenzeit, wenn der Gott unaufhörlich Regen herabströmen lässt, nicht möglich, Baumwurzeln herauszugraben und Waldfrüchte zu sammeln; auch die Blätter fallen ab. Darum steigen dann allgemein die Asketen von dem Himalaya-Gebirge herunter und bleiben im Bereich der Menschen. Damals nun nahm auch der Bodhisattva seinen Vater und seinen jüngeren Bruder mit und blieb im Bereiche der Menschen. Als aber der Himalaya wieder Blumen und Früchte trug, kehrte er mit den beiden in seine Einsiedelei im Himalaya zurück.

Als er unweit von seiner Einsiedelei war und die Sonne gerade unterging, sagte er zu den anderen: „Kommt langsam nach; ich will vorausgehen und die Einsiedelei in Ordnung bringen.“ Damit verließ er sie und ging fort. Als nun der kleine Asket mit seinem Vater langsam dahinging, stieß er ihm beim Gehen mit dem Kopf an die Hüfte. Der Alte sagte: „Du führst mich nicht so, wie es mir gefällt“; er kehrte um und ging wieder vom Ausgangspunkte an vorwärts.

Während sie aber stritten, wurde es finster. Nachdem der Bodhisattva die Laubhütte ausgefegt und Wasser bereitgestellt hatte, ging er ihnen mit einer Fackel entgegen. Als er sie sah, fragte er: „Was habt ihr während dieser ganzen Zeit getan?“ Darauf erzählte der kleine Asket, was der Vater getan hatte. Der Bodhisattva führte sie nun langsam heim, räumte ihre Gerätschaften beiseite, bereitete dem Vater ein Bad, wusch ihm die Füße, bestrich ihn mit Öl, rieb ihm den Rücken und stellte einen Topf mit glühenden Kohlen hinzu. Als dann die Ermüdung des Vaters gewichen war, ließ er den Vater sich niedersetzen und sagte zu ihm: „Lieber, die jungen Knaben gleichen irdenen Gefäßen. In einem Augenblick zerbrechen sie, und wenn sie einmal zerbrochen sind, kann man sie nicht wieder zusammenfügen. Auch wenn sie schelten, müssen die älteren Leute sie mit Geduld ertragen.“ Und nach diesen Worten sprach er, um seinen Vater zu ermahnen, folgende Strophen:

„Durch seine Torheit, Kassapa,
ein Junger immer zankt und schlägt.
Der Kluge hält dies alles aus,
der Weise trägt es mit Geduld.

Und wenn auch wirklich Weise streiten,
sie söhnen rasch sich wieder aus;
wie irdne Schüsseln aber brechen
die Toren, nicht zur Ruh gelangend.

Viel besser kommen die zusammen
und nicht zugrunde geht ihr Bund,
wenn einer einsieht seinen Fehler,
der andre aber dieses würdigt.

Denn dieses ist die höchste Last
und dieses ist das schwerste Joch,
wenn einer, was die andern fehlten,
auf sich zu nehmen ist bereit.“

So gab der Bodhisattva seinem Vater eine Ermahnung. Von da an aber hielt sich dieser fest im Zügel.

Nachdem der Meister diese Unterweisung beschlossen hatte, verband er das Jātaka mit folgenden Worten: „Damals war der Asketenvater dieser alte Mönch, der kleine Asket war der Novize; derjenige aber, der dem Vater die Ermahnung gab, war ich.“

Ende der Erzählung von Kassapa und der Torheit