Jātaka 330

Die Erzählung von der Tugenduntersuchung (Silavimamsa-Jātaka)

„Die Tugend nur ist schön“

Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf einen Brahmanen, der die Tugend auf ihren Wert geprüft hatte.

Die beiden Begebenheiten sind schon oben erzählt; hier aber war der Bodhisattva der Hauspriester des Königs von Benares.

Um seine Tugend auf ihren Wert zu untersuchen nahm er an drei Tagen von der Schale des Schatzmeisters ein Kahapana. Darauf führte man ihn als einen Dieb zum König. Als er nun vor dem Könige stand, sprach er folgende erste Strophe:

„Die Tugend nur ist schön; die Tugend
ist auf der Welt unübertroffen.
Sieh, diese gift'ge Schlange wird ja,
weil sie voll Tugend, nicht getötet.“

Nachdem er mit dieser Strophe die Tugend gepriesen hatte, bat er den König um Erlaubnis, die Welt zu verlassen, und machte sich auf den Weg nach der Einsamkeit.

Da packte in einem leeren Laden ein Habicht ein Stück Fleisch und schwang sich damit in die Lüfte empor. Ihn umringten die anderen Vögel und stießen ihn mit Füßen, Krallen, Schnäbeln usw. Da jener diesen Schmerz nicht aushaken konnte, ließ er das Fleischstück fallen. Ein anderer nahm es an sich; da aber auch er auf diese Weise gepeinigt wurde, ließ auch er es fallen. Darauf nahm es wieder ein anderer und so ging es fort. Wer immer es nahm, den verfolgten die Vögel, und wer es weggeworfen hatte, der lebte in Frieden.

Als der Bodhisattva dies wahrnahm, dachte er bei sich: „Diese Lüste gleichen dem Fleischstück; wer sie ergreift, ist im Unglück, wer sie aber aufgibt, lebt glücklich.“ Und er sprach folgende zweite Strophe:

„Solange einer etwas hatte,
solange hackten sie auf ihn,
die Falken, die zusammenkamen;
doch den, der nichts hat, schonten sie.“—

Nachdem er die Stadt verlassen hatte, legte er sich unterwegs in einem Dorfe abends in einem Hause nieder. Dort aber hatte eine Sklavin namens Pingala mit einem Manne die Verabredung getroffen, er solle zu der und der Zeit kommen. Nachdem sie ihren Herren die Füße gewaschen und diese sich niedergelegt hatten, setzte sie sich auf die Schwelle und wartete auf sein Kommen, indem sie dachte: „Jetzt wird er kommen, jetzt wird er kommen.“ So verbrachte sie die erste und die mittlere Nachtwache. Zur Zeit der Morgendämmerung aber dachte sie: „Jetzt kommt er nicht mehr“; sie verlor die Lust, legte sich nieder und schlief ein.

Als der Bodhisattva diese Begebenheit bemerkte, dachte er bei sich: „Diese hat in der Erwartung, jetzt werde der Mann kommen, aus Lust solange Zeit dagesessen; da sie aber merkte, dass er nicht mehr komme, hat sie die Lust verloren und schläft ruhig. Die Lust zu den Begierden ist ein Unglück, von dieser Lust befreit zu sein aber ist das Glück.“ Und er sprach folgende dritte Strophe:

„Von Lust befreit sie schlummert glücklich;
erst die erfüllte Lust bringt Freude.
Nachdem die Lust sie aufgegeben,
schläft jetzt in Ruhe Pingala.“—

Als er am anderen Tage von diesem Dorfe aus in den Wald zog, sah er im Walde einen Asketen, der in Ekstase versunken dasaß. Da dachte er: „In dieser Welt und in einer anderen Welt gibt es nichts Höheres als das Glück der Ekstase.“ Und er sprach folgende vierte Strophe:

„Nichts Bessres gibt es als den Frieden
in dieser Welt und anderswo;
nicht einen andern, noch sich selbst
verletzt, wer Frieden hat gefunden.“

Er ging in den Wald hinein, betätigte die Weltflucht der Weisen, erlangte die Fähigkeit zur Ekstase und die Erkenntnisse und gelangte dann in die Brahma-Welt.

Nachdem der Meister diese Unterweisung beschlossen hatte, verband er das Jātaka mit folgenden Worten: „Damals war ich der Hauspriester.“

Ende der Erzählung von der Tugenduntersuchung