Jātaka 346

Die Erzählung von Kesava (Kesava-Jātaka)

„Da du der Menschen Fürst verlassen“

Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf das freundschaftliche Mahl.—Im Hause des Anāthapindika nämlich wurde beständig fünfhundert Mönchen das Mahl gereicht. Sein Haus war fortwährend für die Mönchsgemeinde ein Gasthaus; es erglänzte von den gelben Gewändern und war erfüllt von dem Dufte der Weisen. Als nun eines Tages der König die Stadt von rechts her umfuhr und im Hause des Großkaufmanns die Mönchsgemeinde erblickte, dachte er: „Auch ich will der edlen Gemeinde beständig das Mahl spenden.“ Er ging ins Kloster, begrüßte den Meister und stellte fünfhundert Mönchen beständig das Almosen zur Verfügung.

Von da an wurden im Palaste des Königs den Mönchen beständig Almosen gegeben, ausgezeichnete Reisspeise mit Regenduft; man gab sie ihnen aber nicht voll Freundschaft und Liebe mit eigenen Händen, sondern die Beamten des Königs ließen ihnen die Speisen vorsetzen. Die Mönche wollten sich nicht setzen, um die Speise zu verzehren, sondern sie nahmen die von verschiedenen Wohlgerüchen erfüllte Speise mit sich, begaben sich in das Haus der ihnen aufwartenden Familien und gaben ihnen diese Speise. Sie selbst aber verzehrten, was diese ihnen gaben, mochte es ohne Wohlgeschmack oder gut sein.

Eines Tages brachte man dem Könige viele Waldfrüchte. Der König sagte: „Gebt sie der Mönchsgemeinde.“ Darauf gingen seine Leute in das Speisehaus, meldeten aber dem Könige, kein einziger Mönch sei dort. „Ist denn jetzt nicht die Zeit?“ fragte der König. „Ja“, erwiderten jene, „es ist Zeit. Die Mönche aber nehmen in Eurem Hause die Speise und gehen damit nach dem Hause ihrer befreundeten Aufwärter. Diesen geben sie die Speise und verzehren selbst das, was ihnen diese geben, mag es nun ohne Wohlgeschmack oder gut sein.“

Nun dachte der König: „Unsere Speise ist vorzüglich; aus welchem Grunde verzehren sie sie nicht, sondern genießen die Speise der anderen? Ich werde den Meister fragen.“ Und er begab sich nach dem Kloster und fragte den Meister. Der Meister erwiderte: „O Großkönig, das beste Mahl ist das Freundschaftsmahl. Weil in Eurem Hause niemand ist, der mit Freundschaft und Liebe gibt, nehmen die Mönche das Mahl und verzehren es da, wo ihre Freunde weilen. O Großkönig, kein Wohlgeschmack gleicht dem der Freundschaft. Vierfach süße Speise, die nicht von einem Freunde gegeben wird, ist an Wert nicht gleich einem Mahle von wildem Reis, das ein Freund spendet. Auch in der Vorzeit hörte bei Weisen, als sie krank geworden waren und der König von fünf Ärztefamilien Heilmittel bereiten ließ, ihre Krankheit nicht auf; als sie aber zu Freunden gingen und dort ungesalzenen Schleim aus wildem Reis und Blätter, die nur mit Wasser ohne Salz beträufelt waren, genossen hatten, wurden sie wieder gesund.“ Nach diesen Worten erzählte er auf die Bitte des Königs folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, nahm der Bodhisattva im Reiche Kasi in einer Brahmanenfamilie seine Wiedergeburt. Man gab ihm den Namen „Prinz Kappa“ (Kappakumara). Nachdem er herangewachsen war und zu Takkasilā alle Künste erlernt hatte, betätigte er in der Folgezeit die Weltflucht der Weisen.—Damals weilte ein Asket namens Kesava, von fünfhundert Asketen umgeben, als Meister der Schar im Himalaya. Der Bodhisattva begab sich zu ihm und blieb bei ihm als sein erster Schüler. Er war voll Anhänglichkeit und Liebe zu Kesava; sie waren untereinander sehr befreundet.

In der Folgezeit zog einmal Kesava mit seinen Asketen nach Benares, um sich mit Salz und Saurem zu versehen. Nachdem er im Parke die Nacht verbracht, ging er am nächsten Tage in die Stadt hinein, um Almosen zu sammeln, und gelangte dabei an das Tor des königlichen Palastes. Als der König die Asketenschar sah, ließ er sie zu sich rufen, bewirtete sie in seinem eigenen Palaste und gab ihnen in seinem Parke Wohnung, nachdem er ihre Einwilligung erhalten.

Als nun die Regenzeit vorüber war, verabschiedete sich Kesava vom Könige. Der König sprach: „Herr, Ihr seid hochbetagt; bleibet hier bei uns wohnen und schickt die jungen Asketen in den Himalaya.“ Jener antwortete: „Gut“; er schickte die anderen mit seinem ersten Schüler nach dem Himalaya und blieb selbst allein zurück. Als aber Kesava fern von Kappa war, wurde er unzufrieden; da er ihn sehen wollte, konnte er nicht schlafen. Weil er aber nicht schlafen konnte, wurde auch die beste Nahrung von ihm nicht richtig verdaut; er bekam die rote Ruhr und es entstanden starke Schmerzen.

Der König nahm fünf Ärztefamilien und pflegte den Asketen; die Krankheit aber hörte nicht auf. Da sprach der Asket zum König: „O Großkönig, wünscht Ihr meinen Tod oder meine Genesung?“ „Eure Genesung, Herr.“ „Schickt mich daher nach dem Himalaya.“ „Gut, Herr“, versetzte der König und er beauftragte einen Minister namens Narada: „Nimm den Ehrwürdigen mit dir und gehe mit Jägern nach dem Himalaya.“ Narada führte den Asketen dorthin und kehrte dann zurück.

Kaum aber hatte Kesava den Kappa gesehen, da hörte seine Gemütskrankheit auf und seine Unzufriedenheit legte sich. Hierauf gab ihm Kappa Schleim von wildem Reis mit Blättern, die mit ungesalzenem und ungewürztem Wasser beträufelt waren; in demselben Augenblick aber hörte die rote Ruhr auf.

Darauf beauftragte der König den Narada wieder: „Gehe und suche zu erfahren, wie es Kesava geht.“ Als dieser dorthin kam und den Asketen gesund fand, sagte er: „Herr, der König von Benares hat Euch durch fünf Ärztefamilien pflegen lassen und Euch doch nicht gesund machen können; wie hat Euch denn Kappa gepflegt?“ Und er sprach folgende erste Strophe:

„Da du den Menschenfürst verlassen,
der alle Wünsche dir erfüllte,
wie kann jetzt der ehrwürd'ge Kesi
in Kappas Hütte sich erfreuen?“

Als dies Kesava hörte, sprach er folgende zweite Strophe:

„Süß und entzückend ist es hier,
gar anmutig sind diese Bäume;
die lieben Worte meines Kappa,
o Narada, erfreuen mich.“

Nach diesen Worten aber fügte er hinzu: „Da mich Kappa solche Freude empfinden ließ, gab er mir Schleim von wildem Reis bereitet, gemischt mit Blättern, die mit ungesalzenem, ungewürztem Wasser beträufelt waren, zu genießen. Dadurch wurde die Krankheit meines Körpers gehoben und ich wurde gesund.“

Da dies Narada hörte, sprach er folgende dritte Strophe:

„Du trankst doch Brei von edlem Reis
und klaren Saft von gutem Fleische;
wie kann da Schleim aus wildem Reis,
der nicht gesalzen, dich erfrischen?“

Als dies Kesava vernahm, sprach er folgende vierte Strophe:

„Ob etwas nicht süß oder süß,
ob viel es oder wenig ist,—
wo man im Freundeskreise isst,
da ist der Wohlgeschmack am größten.“

Nachdem Narada dessen Worte vernommen, kehrte er zum Könige zurück und berichtete, was Kesava gesagt hatte.

Nachdem der Meister diese Unterweisung beschlossen hatte, verband er das Jātaka mit folgenden Worten: „Damals war der König Ānanda, Narada war Sāriputta, Kesava war Bakabrahma, Kappa aber war ich.“

Ende der Erzählung von Kesava