Jātaka 397

Die Erzählung von Manoja (Manoja-Jātaka)

„Weil jetzt der Bogen ist gekrümmt“

Dies erzählte der Meister, da er im Veluvana verweilte, mit Beziehung auf einen verräterischen Mönch.

Die Begebenheit gleicht der oben im Mahilamukha-Jātaka (Jātaka 26) erzählten.

Nachdem damals aber der Meister gesagt hatte: „Nicht nur jetzt, ihr Mönche, sondern auch früher schon war dieser ein Verräter“, erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, war der Bodhisattva ein Löwe. Während er mit seiner Löwin zusammenwohnte, bekam er zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter. Der Sohn erhielt den Namen „Manoja“. Als dieser herangewachsen war, nahm er eine junge Löwin zu sich. So waren es zusammen fünf. Manoja tötete Büffel und andere Tiere des Waldes, brachte ihr Fleisch heim und ernährte damit seine Eltern, seine Schwester und seine Gattin.

Eines Tages sah er in seinem Futterbereiche einen Schakal namens Giriya, der nicht mehr davonlaufen konnte und sich auf den Bauch gelegt hatte. Als er ihn fragte: „Was gibt 's, Freund?“, antwortete dieser: „Ich möchte dir dienen.“ „Gut, diene mir“, erwiderte der Löwe; er nahm ihn mit sich und führte ihn nach der Höhle, wo er wohnte. Als ihn der Bodhisattva sah, sagte er: „Lieber Manoja, die Schakale sind lasterhaft und schlecht, sie sind auf verbotene Taten versessen; lass ihn nicht in deine Nähe!“ Trotzdem konnte er ihn nicht davon abhalten.

Eines Tages nun wollte der Schakal Pferdefleisch verzehren und sprach zu Manoja: „Gebieter, außer Pferdefleisch gibt es keines, das wir noch nicht gegessen hätten; wir wollen ein Pferd erlegen.“ Manoja versetzte: „Wo gibt es aber Pferde, Freund?“ „Am Ufer des Stromes zu Benares“, war die Antwort. Jener nahm seine Worte an und begab sich mit ihm dorthin zur Zeit, da die Pferde im Flusse zu baden pflegten. Er packte ein Pferd, lud es auf seinen Rücken und kehrte damit rasch nach dem Eingang seiner Höhle zurück. Nachdem sein Vater von dem Pferdefleisch gefressen hatte, sprach er: „Mein Sohn, die Rosse sind Eigentum des Königs. Die Könige aber besitzen vielerlei Mittel; sie lassen dich durch kundige Bogenschützen treffen. Löwen, die Pferdefleisch verzehren, haben kein langes Leben; raube von jetzt an kein Pferd mehr!“ Der Löwe aber tat nicht nach den Worten seines Vaters, sondern fing sie immer wieder.

Als der König hörte, ein Löwe raube die Rosse, ließ er innerhalb der Stadt einen Lotosteich für die Pferde anlegen. Aber auch dorthin drang der Löwe und raubte. Darauf ließ der König eine Pferdehalle erbauen und ließ ihnen im Innern der Halle Gras und Wasser geben. Der Löwe aber kam über die Mauer gesprungen und raubte die Pferde im Innern der Halle.

Da ließ der König einen Bogenschützen zu sich rufen, der wie der Blitz traf, und fragte ihn: „Wirst du im Stande sein, Freund, einen Löwen zu töten?“ Er antwortete: „Ich kann es“; und er errichtete sich neben der Mauer, da wo der Löwe aus- und einzugehen pflegte, eine Warte. Der Löwe kam heran, ließ den Schakal draußen auf dem Leichenfelde und sprang in die Stadt, um sich ein Pferd zu holen. Der Bogenschütze dachte: „Wenn er kommt, ist seine Schnelligkeit noch zu stark“, und schoss nicht auf den Löwen. Als dieser aber mit einem Pferde wieder weglaufen wollte, da traf er den Löwen, dessen Schnelligkeit infolge der schweren Last vermindert war, mit einem spitzen Pfeil in sein Hinterteil. Der Pfeil kam an der Vorderseite des Körpers wieder heraus und flog in die Luft.

Der Löwe merkte, dass er getroffen war, und schrie. Als ihn aber der Bogenschütze getroffen hatte, ließ er seine Bogensehne erdröhnen wie Donner. Da nun der Schakal das Geschrei des Löwen und den Laut der Sehne hörte, dachte er: „Mein Freund wird getroffen und tot sein; mit einem Toten aber gibt es keine Freundschaft. Jetzt werde ich in meinen gewohnten Aufenthaltsort, in den Wald zurückkehren.“ Und indem er mit sich selbst redete, sprach er folgende zwei Strophen:

„Weil jetzt der Bogen ist gekrümmt
und angezogen ist die Sehne,
so wird Manoja jetzt getötet,
mein lieber Freund, der Tiere König.

Holla, jetzt geh ich in den Wald
und tue, wie es mir gefällt.
Ich kann nicht tote Freunde brauchen;
ich werd' noch einen andern kriegen.“—

Der Löwe aber war mit einem Sprunge davongeeilt, hatte das Ross an den Eingang seiner Höhle geworfen und war selbst tot zusammengestürzt. Da kamen seine Verwandten heraus und sahen, wie er mit Blut befleckt war, wie ihm Blut aus den Öffnungen der Wunden floss und wie er, weil er einem Bösen gefolgt war, den Tod gefunden hatte. Als sie dies gesehen, sprachen sein Vater, seine Mutter, seine Schwester und seine Gattin der Reihe nach folgende vier Strophen:

„Wer einem Bösen ist gehorsam,
dem geht 's nicht bis zum Ende gut.
Seht, wie Manoja liegt am Boden;
verleitet hat ihn Giriya.“

„Wenn einem Bösen folgt ein Sohn,
so hat die Mutter keine Freude.
Seht, wie Manoja liegt am Boden,
wie er mit Blut ist ganz bedeckt.“

„Zu solchem Ende kommt ein Mann,
so stürzt ins Unglück er hinein,
wenn er nicht achtet auf das Wort
der Weisen, die ihm Gutes raten.“

„So geht es einem oder auch noch schlechter,
der, selbst der Höchste, folgt dem Niedrigsten.
Seht, wie den Hohen, der dem Niedern folgte,
der Tiere König, dieser Pfeil durchbohrte.“

Die letzte Strophe sprach der völlig Erleuchtete:

„Wer Niedrem ist ergeben, wird erniedrigt;
doch nie geht unter, wer dem Edlen dient.
Wer sich dem Besten neigt, kommt rasch voran;
drum ehret den, der besser ist als ihr.“

Nachdem der Meister diese Unterweisung beschlossen und die Wahrheiten verkündigt hatte, verband er das Jātaka mit folgenden Worten (am Ende der Verkündigung der Wahrheiten aber gelangte jener verräterische Mönch zur Frucht der Bekehrung): „Damals war der Schakal Devadatta, Manoja war der verräterische Mönch, die Schwester war Uppalavanna, die Gattin war die Nonne Khema, die Mutter war die Mutter Rāhulas, der Vater aber war ich.“

Ende der Erzählung von Manoja