Jātaka 400

Die Erzählung von der Grasblume (Dabbhapuppha-Jātaka)

„Heil dir, der du am Ufer wandelst“

Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf Upananda, den Sohn aus dem Sakya-Stamm. Dieser war im Orden Mönch geworden, hatte aber die Genügsamkeit und ähnliche Tugenden aufgegeben und war voll Begierde. Wenn die Regenzeit herannahte, so suchte er zwei oder drei Klöster auf, ließ in dem einen seinen Sonnenschirm oder seinen Schuh, in dem andern seinen Pilgerstab oder seinen Wasserkrug und im dritten wohnte er selbst. Als er in einem Kloster auf dem Lande die Regenzeit begann, sprach er zu den Mönchen: „Die Mönche müssen nämlich genügsam sein“, und lehrte so, wie wenn er den Mond am Himmel heraufführte, die Mönche die edle, berühmte Regel, die die Zufriedenheit mit den gebotenen Hilfsmitteln klarlegt. Als dies die Mönche hörten, warfen sie ihre schönen Gewänder und Almosenschalen fort und nahmen irdene Almosenschalen und Gewänder aus gesammelten Lumpen. Die andern ließ er an seinen Wohnort verbringen. Nachdem die Regenzeit vorüber war und er die Pavarana-Feier mitgemacht hatte, füllte er mit diesen Dingen einen Wagen und kehrte nach dem Jetavana zurück.

Unterwegs verstrickte er an der Rückseite eines Waldklosters seine Füße in einer Schlingpflanze; er dachte: „Sicherlich wird hier etwas zu bekommen sein“, und ging in das Kloster hinein. Dort aber verbrachten zwei hoch betagte Mönche die Regenzeit. Diese hatten zwei grobe Gewänder und ein feines wollenes Tuch erhalten und konnten dies nicht teilen. Als sie jenen sahen, dachten sie: „Der Thera wird es an uns verteilen und uns geben“; und voll Freude sagten sie: „Herr, wir können das Gewand für die Regenzeit nicht teilen; um seinetwillen haben wir Streit. Teilt Ihr es und gebt es uns.“ Jener erwiderte: „Gut, ich werde es teilen.“ Er gab den beiden die zwei groben Gewänder und sagte zu ihnen: „Dies ist für mich, den Träger der Lehre, bestimmt“; damit nahm er das feine Wollentuch und entfernte sich.

Aus Verlangen nach dem feinen Tuche gingen die beiden Mönche mit ihm nach dem Jetavana, erzählten die Sache den Mönchen, die Träger der Lehre waren, und fragten: „Ehrwürden, ist es einem Träger der Lehre erlaubt, uns so auszuplündern und aufzufressen?“—Als nun die Mönche den Haufen von Almosenschalen und Gewändern sahen, den der Thera Upananda herbeigebracht hatte, sprachen sie: „Du bist sehr tugendhaft, Freund; du hast viel Almosenschalen und Gewänder erhalten. Er aber antwortete: „Woher soll ich meine Tugend haben? Auf die und die Weise habe ich es erhalten“, und erzählte ihnen alles.

In der Lehrhalle aber begannen die Mönche folgendes Gespräch: „Freund, der Sakya-Sohn Upananda ist sehr gierig und habsüchtig.“ Da kam der Meister und fragte: „Zu welcher Unterhaltung, ihr Mönche, habt ihr euch jetzt hier versammelt?“ Als sie antworteten: „Zu der und der“, sprach er: „Ihr Mönche, Upananda hat nicht seiner Unterweisung entsprechend gehandelt. Wenn nämlich ein Mönch einem andern eine Vorschrift mitteilt, so soll er zuerst selbst ihr entsprechend handeln und dann erst den andern ermahnen.

„Sich selbst soll man zuerst in dem,
was passend ist, befestigen,
dann kann man erst die andern lehren;
der Weise soll nicht lästig fallen.“

Nachdem er mit dieser Strophe des Dhammapadam die Wahrheit erklärt hatte, fügte er hinzu: „Nicht nur jetzt, ihr Mönche, sondern auch früher schon war Upananda habgierig; nicht nur jetzt plündert er das Eigentum andrer, sondern auch früher tat er so.“ Nach diesen Worten erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, war der Bodhisattva eine Baumgottheit am Ufer eines Flusses. Damals hatte sich ein Schakal namens Mayavi ein Weibchen genommen und wohnte an einer Stelle am Flussufer. Eines Tages sprach das Weibchen zum Schakal: „Mein Gebieter, ein Gelüste ist in mir aufgestiegen; ich wünsche einen frischen roten Fisch zu fressen.“ Der Schakal antwortete: „Sei nur zufrieden; ich werde dir einen bringen.“ Während er aber am Flussufer wandelte, verstrickte er seine Füße in einer Schlingpflanze und ging deshalb den Strand entlang.

In diesem Augenblick standen zwei Fischottern namens Gambhīracārī und Anutīracārī am Ufer und suchten Fische. Von ihnen sah Gambhīracārī einen großen roten Fisch; schnell tauchte er in das Wasser und packte ihn am Schwanze. Der starke Fisch aber schwamm weiter, indem er ihn nach sich zog. Der Fischotter rief: „Der große Fisch wird für uns beide genügen; komm und leiste mir Beistand!“ Und indem er den anderen anredete, sprach er folgende erste Strophe:

„Heil dir, der du am Ufer wandelst;
zu Hilfe eile mir, mein Freund.
Ich hab 'nen großen Fisch gepackt
und dieser reißt mich rasch mit fort.“

Als dies der andere hörte, sprach er folgende zweite Strophe:

„Heil dir, der in der Tiefe wandelt,
halt ihn gepackt fest und mit Kraft;
ich will dich aus dem Wasser ziehen,
wie ein Supanna eine Schlange.“

Darauf zogen die beiden zusammen den roten Fisch heraus, legten ihn auf den Boden und töteten ihn. Wegen der Teilung aber bekamen sie Streit. Als sie ihn nicht zu teilen vermochten, ließen sie ihn liegen und setzten sich dazu. In diesem Augenblick kam der Schakal an diesen Ort. Als jene ihn sahen, gingen sie ihm ehrfurchtsvoll entgegen und sagten: „Freund Grasblume, wir haben zusammen einen Fisch gefangen. Weil wir ihn nicht teilen können, haben wir Streit bekommen. Teile ihn in gleiche Teile und gib ihn uns!“ Und sie sprachen folgende dritte Strophe:

„Ein Streit ist bei uns ausgebrochen,
Grasblume , hör auf unser Wort;
beschwichtige den Zwist, o Freund,
ein Ende nehmen soll der Zwist.“

Als der Schakal ihre Worte vernahm, sprach er, um seine Fähigkeit zu beleuchten:

„Früher war ich ein Ratgeber,
viel Nutzen habe ich gestiftet.
Den Streit will ich euch schlichten, Freunde;
ein Ende nehmen soll der Zwist.“

Dann sprach er, während er teilte, folgende Strophe:

„Anutīracārī den Schwanz,
den Kopf dem Gambhīracārī;
doch dieses hier, das Mittelstück,
das soll dem Ratgeber gehören.“

Nachdem er so den Fisch zerteilt hatte, sagte er noch: „Verzehrt jetzt, ohne zu streiten, den Schwanz und den Kopf“; er selbst packte das Mittelstück mit dem Maule und lief davon, während sie ihm nachschauten. Die andern blieben tief betrübt sitzen, wie wenn sie tausend verloren hätten, und sprachen folgende sechste Strophe:

„Längst hätten wir ihn essen können,
wenn wir nicht so gestritten hätten;
den Fisch, der ohne Kopf und Schwanz,
den trägt der Schakal jetzt davon.“

Der Schakal aber dachte befriedigt: „Heute werde ich meiner Gattin das Fleisch des roten Fisches zu essen geben“, und ging zu ihr hin. Als sie ihn kommen sah, sprach sie hocherfreut folgende Strophe:

„So wie ein König wohl sich freut,
ein Edler, der ein Reich erhalten,
so freue ich mich, da ich sehe
den Gatten mit dem vollen Maul.“

Danach sprach sie, indem sie ihn fragte, auf welches Mittel er dazu gelangt sei, folgende Strophe:

„Wie hast du, der ein Landtier ist,
den Fisch im Wasser fangen können?
Da ich dich frage, sag mir, Lieber,
wie du dazu gekommen bist!“

Indem der Schakal ihr die Art und Weise mitteilte, wie er dazu gekommen, sprach er folgende nächste Strophe:

„Durch Streitigkeiten wird man mager,
durch Streit verliert man seine Habe.
Durch Streit verloren ihn die Ottern;
iss, Mayavi, den roten Fisch.“

Die letzte Strophe sprach der völlig Erleuchtete:

„So geht es bei den Menschen auch.
Sobald bei ihnen Streit entsteht,
da laufen sie zum Richter hin,
denn dieser soll Vermittler sein.
Dadurch verlieren sie ihr Geld;
der Schatz des Königs aber wächst.“

Nachdem der Meister diese Unterweisung beschlossen und die Wahrheiten verkündet hatte, verband er das Jātaka mit folgenden Worten: „Damals war der Schakal Upananda, die Fischottern waren die zwei Alten; die Baumgottheit aber, die diesen Vorgang selbst beobachtete, war ich.“

Ende der Erzählung von der Grasblume