Jātaka 401

Die Erzählung von Dasannaka (Dasannaka-Jātaka)

„Von Dasanna das scharfe Schwert“

Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf die Verlockung durch die frühere Frau. Er fragte nämlich den Mönch: „Ist es wahr, dass du unzufrieden bist?“, und dieser antwortete: „Es ist wahr, Herr.“ Auf die weitere Frage: „Durch wen bist du unzufrieden gemacht worden?“ erwiderte jener: „Durch meine frühere Frau.“ Darauf sprach der Meister: „O Mönch, dies Weib ist dir verderblich. Schon früher warst du durch sie im Begriff, an einer Geisteskrankheit zu sterben; aber durch Weise wurde dir das Leben erhalten.“ Nach diesen Worten erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

Als ehedem zu Benares der Großkönig Maddava regierte, nahm der Bodhisattva seine Wiedergeburt in einer Brahmanenfamilie. Man gab ihm den Namen „Prinz Senaka“ (Senakakumara). Als er herangewachsen war, erlernte er zu Takkasilā alle Künste. Nach seiner Rückkehr nach Benares wurde er der Ratgeber des Königs Maddava in geistlichen und weltlichen Dingen. Unter dem Namen „der weise Senaka“ (Senakapandita) erglänzte er in der Stadt wie der Mond oder die Sonne.

Damals sah der Sohn des königlichen Hauspriesters, als er dem Könige seine Aufwartung machte, die mit all ihrem Schmuck gezierte, in herrlichster Schönheit prangende erste Gemahlin des Königs. Da ward sein Herz an sie gefesselt; er ging nach Hause und legte sich nieder, ohne Nahrung zu sich zu nehmen. Als seine Freunde ihn fragten, erzählte er ihnen die Begebenheit.—Der König fragte nun: „Man sieht den Sohn des Hauspriesters nicht mehr; wo ist er denn?“ Als er den Grund erfuhr, ließ er jenen zu sich rufen und sprach: „Ich gebe sie dir sieben Tage lang; behalte sie sieben Tage lang in deinem Hause und führe sie am achten Tage hierher zurück.“ Der Jüngling stimmte zu, führte sie in sein Haus und erfreute sich mit ihr.

Dabei verliebten sie sich ineinander. Ohne etwas merken zu lassen, entflohen sie durch das Haupttor und begaben sich in das Reich eines andern Königs. Niemand wusste, wohin sie gegangen waren; es war, als seien sie auf einem Schiffe entflohen. Der König ließ in der Stadt die Trommel herumgehen und suchte auf alle mögliche Art nach; aber er fand nicht, wohin sie sich geflüchtet hatte.

Um ihretwillen aber befiel den König tiefer Kummer. Sein Herz wurde heiß, sein Blut fing an zu kochen und von da an kam ihm beim Leibe Blut heraus. Die Krankheit wurde schwer. Selbst die hervorragenden Ärzte des Königs konnten ihn nicht heilen. Der Bodhisattva aber dachte: „Dieser König hat keine eigentliche Krankheit; sondern weil er seine Gattin nicht findet, ist er von einer seelischen Krankheit befallen. Durch eine List werde ich ihn gesund machen.“

Darauf sprach er zu den weisen Ministern des Königs, welche Ayura und Pukkusa hießen, folgendermaßen: „Unser König hat keine andere Krankheit außer dem seelischen Leiden, weil er die Königin nicht mehr sieht. Wir besitzen aber viele Hilfsmittel; durch eine List wollen wir ihn heilen. Wir wollen im Hofe des königlichen Palastes eine Versammlung abhalten und einen, der sich auf das Schwerterschlucken versteht, ein Schwert verschlucken lassen. Den König lassen wir sich an sein Fenster stellen und der Versammlung zuschauen. Wenn der König den Mann sieht, wie er das Schwert verschluckt, wird er fragen: ‚Gibt es noch etwas Härteres als dies?‘ Darauf, lieber Ayura, sollst du ihm antworten: ‚Noch härter ist es zu sagen, dass man dies und das gebe.‘ Dann, lieber Pukkusa, wird er dich fragen; du aber antworte ihm folgendermaßen: ‚O Großkönig, wenn man sagt, man wolle etwas hergeben, und gibt es doch nicht, so ist dies Wort fruchtlos; durch ein solches Wort kann niemand leben, noch essen, noch trinken. Wer aber seinem Worte entsprechend handelt und den Gegenstand hergibt, wie er ihn versprochen hat, etwas Derartiges ist noch härter.‘ Was dann weiter zu tun ist, werde ich selbst sehen.“

Nach diesen Worten ließ er eine Versammlung berufen. Dann gingen die drei Weisen zum Könige hin und sagten: „O Großkönig, im Hofe des königlichen Palastes ist eine Versammlung; wenn man sie anschaut, so ist das Traurige nicht mehr traurig. Kommt, wir wollen gehen.“ Sie führten den König an das Fenster hin, öffneten es und ließen ihn die Versammlung betrachten. Viele Leute zeigten da einander ihre Kunststücke. Ein Mann aber verschlang ein dreiunddreißig Zoll langes gutes Schwert, das sehr scharf war.

Als der König dies sah, dachte er: „Dieser Mann verschlingt dies Schwert; ich will die Weisen fragen, ob es noch etwas Härteres gibt als das.“ Und indem er den Ayura fragte, sprach er folgende erste Strophe:

Von Dasanna das scharfe Schwert,
das Menschenblut vergießen kann,
verschlingt der Mann in der Versammlung;
gibt es noch Härteres als dies?
Wenn etwas andres auch so hart,
so sag es mir, da ich dich frage!

Jener aber sprach dies erklärend folgende zweite Strophe:

Aus Habgier kann der Mann verschlingen
dies Schwert, das Menschenblut vergießt;
doch wer da sagt: ‚Ich gebe dies‘,
der tut wohl Härt'res noch als dies.
Leicht ist dagegen alles andre;
dies merke dir, o Magadha.

Als der König diese Worte des weisen Ayura vernommen, dachte er: „Noch härter als das Schwertverschlucken ist das Wort: ‚Dies gebe ich.‘ Ich aber sagte: ‚Dem Sohne des Hauspriesters gebe ich die Königin.‘ Etwas gar Hartes fürwahr habe ich getan.“ Während er aber so überlegte, wurde sein Herzeleid etwas kleiner.

Darauf dachte er bei sich: „Gibt es nun noch etwas, das härter wäre als das Wort: ‚Dieses gebe ich einem anderen?‘“ Und indem er den weisen Pukkusa anredete, sprach er folgende dritte Strophe:

Gelöst hat Ayura die Frage,
der wohl versteht, was nützt und frommt.
Jetzt frag ich dich, o Pukkusa,
was ist wohl härter noch als dies?
Wenn etwas andres auch so hart,
so sag es mir, der ich dich frage.

Ihm antwortend sprach der weise Pukkusa folgende vierte Strophe:

Von einem Worte lebt man nicht,
das fruchtlos ausgesprochen wird.
Doch wer es gibt und sich entäußert,
der ist noch härter dran als jener.
Leicht ist dagegen alles andre;
dies merke dir, o Magadha.

Als der König auch diese Worte vernommen, dachte er: „Ich habe zuerst gesagt: ‚Ich gebe dem Sohne des Hauspriesters die Königin‘, und gab sie ihm auch, indem ich das Entsprechende tat. Etwas gar Hartes fürwahr habe ich getan.“ Während er aber so überlegte, wurde sein Schmerz kleiner.

Darauf dachte er bei sich: „Weiser als der weise Senaka ist keiner; ich will ihm diese Frage vorlegen.“ Und indem er ihn fragte, sprach er folgende fünfte Strophe:

Gelöst hat Pukkusa die Frage,
der wohl versteht, was nützt und frommt.
Jetzt frag ich dich, o Senaka,
was ist wohl härter noch als dies?
Wenn etwas andres auch so hart,
so sag es mir, der ich dich frage.

Ihm antwortend sprach Senaka folgende sechste Strophe:

Hergeben mag ein Mann die Gabe,
mag sie nun klein sein oder groß;
doch wer es gibt und nicht bereut,
das ist das Schwierigste von allem.
Leicht ist dagegen alles andre;
dies merke dir, o Magadha.

Als der König des Bodhisattva Wort vernommen, da merkte er: „Ich habe nach seinem Wunsch dem Sohne des Hauspriesters die Königin gegeben und kann jetzt den eigenen Wunsch nicht ertragen, sondern bin voll Trauer und Schmerz. Dies ist für mich nicht passend. Wenn sie voll Liebe zu mir gewesen wäre, so hätte sie nicht diese ihre Macht aufgegeben und wäre nicht davon gelaufen. Nachdem sie aber keine Liebe zu mir gezeigt hat und davonlief, was geht sie mich an?“ Während er aber so nachdachte, zerging sein ganzer Schmerz wie ein Wassertropfen auf einem Lotosblatte und hörte auf. In diesem Augenblicke wurde auch sein Leib wieder gesund.—Da er nun gesund und wiederhergestellt war, sprach er, um den Bodhisattva zu preisen, folgende Schlussstrophe:

Es löste Ayura die Frage
und nach ihm tat es Pukkusa;
doch alle Antwort übertrifft,
was Senaka gesprochen hat.

Nachdem aber der Meister diese Unterweisung beschlossen und die Wahrheiten verkündigt hatte, verband er das Jātaka mit folgenden Worten (am Ende der Verkündigung der Wahrheiten aber gelangte jener unzufriedene Mönch zur Frucht der Bekehrung): „Damals war die erste Gemahlin des Königs die frühere Frau, der König war der unzufriedene Mönch, der weise Ayura war Mogallāna, der weise Pukkusa war Sāriputta, der weise Senaka aber war ich.“

Ende der Erzählung von Dasannaka