Jātaka 410

Die Erzählung von Somadatta (Somadatta-Jātaka)

„Der mir sonst stets entgegenkam“

Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf einen Alten. Dieser hatte nämlich einem Novizen die Mönchsweihe erteilt. Der Novize wurde sein Aufwärter; aber an einer bestimmten Krankheit starb er. Nachdem dieser gestorben war, ging der Alte umher, indem er beständig klagte und jammerte.

Als dies die Mönche bemerkten, begannen sie in der Lehrhalle folgendes Gespräch: „Freund, der alte Mönch so und so weint und klagt beständig über den Tod des Novizen; er hat, glaub ich, die Betrachtung über die Beherzigung des Todes verloren.“ Da kam der Meister und fragte: „Zu welcher Unterhaltung, ihr Mönche, habt ihr euch jetzt hier versammelt?“ Als sie antworteten: „Zu der und der“, sprach er: „Nicht nur jetzt, ihr Mönche, sondern auch früher schon klagte dieser über den Tod von jenem.“ Nach diesen Worten erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, bekleidete der Bodhisattva die Würde des Gottes Sakka. Damals aber gab ein in einem Flecken des Reiches Kasi wohnender reich begüterter Brahmane die Lüste auf, zog in den Himalaya und betätigte die Weltflucht der Weisen, wobei er sich von liegen gebliebenen Ähren und von den Wurzeln und Früchten des Waldes nährte.

Als er eines Tages fortging, um sich Waldbeeren zu holen, sah er ein Elefantenjunges. Er verbrachte es in seine Einsiedelei, setzte es an Sohnesstelle ein und gab ihm den Namen Somadatta. Indem er ihm Gras und Blätter zu fressen gab, zog er es auf. Als es nun herangewachsen war und einen großen Körper bekommen hatte, nahm es eines Tages zu viel Futter zu sich und erkrankte an einer Verdauungsstörung. Der Asket verbrachte es in seine Einsiedelei und ging selbst fort, um Waldbeeren zu suchen. Als er aber nicht zurückkam, verendete der junge Elefant.

Als nun der Asket mit seinen Waldbeeren zurückkehrte, dachte er: „An anderen Tagen kam mir mein Sohn entgegen; heute sieht man nichts von ihm. Wohin ist er gegangen?“ Und klagend sprach er folgende erste Strophe:

„Der mir sonst stets entgegen kam
schon aus der Ferne in dem Walde,
der Elefant lässt sich nicht sehen;
wo ging denn Somadatta hin?“

Als er so klagend daherkam, sah er ihn am Ende des Wandelganges am Boden liegen. Er fasste ihn um den Hals und sprach fortjammernd folgende zweite Strophe:

„Da liegt nun dieser tot vor mir,
zerschmettert wie ein junger Spross.
Zur Erde ist er hingesunken;
tot ist fürwahr der Elefant.“—

In diesem Augenblicke dachte der Gott Sakka, während er die Welt betrachtete: „Dieser Asket hat Weib und Kind verlassen und das Asketenleben gewählt; jetzt hegt er väterliche Gefühle für diesen jungen Elefanten und jammert. Ich werde ihn aufrütteln und ihn wieder zur Besinnung bringen.“ Er begab sich nach der Einsiedelei von jenem und sprach in der Luft stehend folgende dritte Strophe:

„Für den, der Haus und Hof verlassen,
der auch sein Herz hat losgeschält,
für den Asketen ist 's nicht gut,
dass einen Toten er betrauert.

Als jener dessen Worte vernommen, sprach er folgende vierte Strophe:

„Ach, Sakka, durch Zusammenwohnen
mit einem Menschen oder Tiere
entsteht im Herzen drin die Liebe;
ich kann nicht unbeweint ihn lassen.“

Darauf sprach, um ihn zu ermahnen, Sakka folgende zwei Strophen:

„Wer über einen Sterbenden
und Toten weint, der handelt töricht.
Darum, o Büßer, weine nicht;
fruchtlos die Tränen nennen Weise.

Doch wenn, Brahmane, durch das Klagen
ein Toter wieder aufersteht,
so wollen alle gegenseitig
unsre Verwandten wir beweinen.“

Als der Asket Sakkas Worte vernommen, kam er wieder zur Vernunft und sein Schmerz verschwand. Nachdem er sich die Tränen getrocknet, sprach er, um den Gott Sakka zu preisen, die folgenden übrigen Strophen:

„Da ich vor Kummer brannt' wie Feuer,
in das man flüss'ge Butter schüttet,
hat er mir allen Schmerz genommen,
wie wenn er ihn mit Wasser löschte.

Befreit hat er mich von dem Spieße,
der mir in meinem Herzen steckte,
er, der den Vaterschmerz mir nahm,
der mich bisher so ganz erfüllte.

Jetzt bin ich frei von meinem Kummer;
der Schmerz ist fort und ich bin heiter.
Nicht traure ich und weine fürder,
da ich dich hörte, Vasava.“

Diese Strophen sind schon oben angeführt.

Als so Sakka den Asketen ermahnt hatte, kehrte er an seinen Ort zurück.

Nachdem der Meister diese Unterweisung beschlossen hatte, verband er das Jātaka mit folgenden Worten: „Damals war das Elefantenjunge der Novize, der Asket war der Alte, Gott Sakka aber war ich.“

Ende der Erzählung von Somadatta