Jātaka 411

Die Erzählung von Susima (Susima-Jātaka)

„Zu frührer Zeit besaß ich schwarze Haare“

Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf die große Weltentsagung. Zu dieser Zeit nämlich hatten sich die Mönche in der Lehrhalle versammelt und priesen die Weltentsagung des mit den zehn Kräften Ausgestatteten. Da kam der Meister und fragte: „Zu welcher Unterhaltung, ihr Mönche, habt ihr euch jetzt hier versammelt?“ Als sie antworteten: „Zu der und der“, sprach er: „Wunderbar, ihr Mönche, ist es, dass ich jetzt, nachdem ich so manche hunderttausend Kotis von Weltaltern hindurch die Vollendung betätigt habe, durch meine große Weltentsagung die Welt verlassen habe. Früher gab ich in dem dreihundert Yojanas messenden Reiche Kasi die Herrschaft auf und betätigte die Weltentsagung.“ Nach diesen Worten erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, nahm der Bodhisattva im Schoße der ersten Gemahlin von dessen Hauspriester seine Wiedergeburt. Am Tage seiner Geburt wurde auch dem König von Benares ein Sohn geboren. Am Tage nun, da sie ihre Namen erhalten sollten, gab man dem Bodhisattva den Namen „Prinz Susima“ und dem Königssohn den Namen „Prinz Brahmadatta“ . Der König von Benares hörte, jener sei an demselben Tage geboren wie sein eigener Sohn. Daher ließ er ihn zu sich bringen, gab ihm Ammen und zog ihn mit seinem eigenen Sohne zusammen auf.

Als die beiden herangewachsen waren, war ihre Schönheit wie die von Göttersöhnen. Sie erlernten zu Takkasilā alle Künste und kehrten darauf nach Hause zurück. Der Königssohn wurde Vizekönig; er speiste, trank und ruhte mit dem Bodhisattva zusammen. Als er dann nach dem Tode seines Vaters den Thron bestiegen hatte, erwies er dem Bodhisattva große Ehrung und verlieh ihm die Hauspriesterstelle.

Eines Tages ließ er die Stadt zieren; und nachdem er sich, geschmückt wie der Götterkönig Sakka, auf die Schulter seines brünstigen herrlichen Elefanten, der dem Eravana glich, gesetzt hatte, ließ er den Bodhisattva auf dem hinteren Sitze auf dem Rücken des Elefanten Platz nehmen und umritt von rechts her die Stadt. Seine Mutter dachte: „Ich will meinen Sohn anschauen“, und trat an das Fenster. Als jener nun die Stadt von rechts her umritten hatte und zurückkehrte, sah sie den Hauspriester hinter ihrem Sohne sitzen. Sie verlor ihr Herz an ihn, ging in ihr Schlafgemach hinein, und indem sie nur dachte: „Wenn ich ihn nicht erhalte, werde ich hier sterben“, legte sie sich nieder und wies das Essen zurück.

Als der König seine Mutter nicht sah und auf seine Frage, wo sie sei, hörte, sie sei krank, ging er zu ihr hinein, begrüßte sie und fragte: „Was fehlt dir, Mutter?“ Sie aber sagte es ihm nicht aus Scham. Darauf ging er wieder fort, setzte sich auf seinen Thronsessel, rief seine erste Gemahlin herbei und schickte sie fort mit den Worten: „Gehe und sieh, was der Mutter fehlt.“ Sie ging hin und fragte die Mutter, indem sie ihr den Rücken rieb. Die Frauen halten aber vor Frauen kein Geheimnis verborgen. Darum erzählte ihr jene den Grund.

Als die andere dies vernommen, kehrte sie zum Könige zurück und berichtete es ihm. Dieser versetzte: „Meinetwegen; gehe hin und tröste sie. Ich werde den Hauspriester zum König machen und sie seine erste Gemahlin werden lassen.“ Sie ging hin und tröstete die Mutter. Darauf ließ der König den Hauspriester rufen, erzählte ihm die Angelegenheit und sprach: „Lieber, rette meiner Mutter das Leben! Du wirst König sein, meine Mutter deine erste Gemahlin und ich der Vizekönig.“ Der Bodhisattva wies das Anerbieten zurück, indem er sagte: „Ich kann nicht so tun“; als er aber wieder darum gebeten wurde, gab er seine Zustimmung. So machte der König den Hauspriester zum König, seine Mutter zu dessen erster Gemahlin und wurde selbst der Vizekönig.

Als sie aber so einträchtig miteinander lebten, wurde der Bodhisattva unzufrieden mit dem häuslichen Leben. Sein Herz wandte sich dazu, die Lüste aufzugeben und die Welt zu verlassen. Da er an der Sinnenlust keine Freude hatte, war er allein, wenn er stand, allein, wenn er saß, allein, wenn er lag. Er war wie ein Mann, der im Gefängnisse gefesselt ist, oder wie ein Hahn, der in einen Käfig gesperrt ist.

Da dachte seine erste Gemahlin bei sich: „Dieser König erfreut sich nicht mit mir; er steht allein, er sitzt allein, er bereitet sich allein sein Lager. Er ist aber sehr jung und ich bin alt; meine Haare sind grau. Wie, wenn ich nun lügen würde: ‚O Fürst, auf deinem Haupte sieht man ein graues Haar‘, und so den König umstimmen und veranlassen würde, sich mit mir zu vergnügen?“ Eines Tages tat sie, als suche sie auf dem Haupte des Königs die Läuse, und sagte dabei: „O Fürst, du bist alt geworden; auf deinem Kopfe ist ein graues Haar sichtbar.“ Der Bodhisattva versetzte: „Darum, Liebe, reiße mir das eine graue Haar aus und lege es auf meine Hand!“ Darauf riss sie von seinem Kopfe ein Haar aus, warf es aber weg, nahm von ihrem Kopfe ein graues Haar und legte es dem Könige auf die Hand mit den Worten: „Dies, o Fürst, ist dein graues Haar.“

Als der Bodhisattva es sah, wurde er von Furcht ergriffen und auf seiner Stirne, die einer goldenen Platte glich, begannen Schweißtropfen zu perlen. Indem er sich selbst ermahnte, sagte er zu sich: „Susima, du bist jung gewesen und bist jetzt alt geworden. Wie ein Dorfeber, der sich in den Schmutz des Mistes eingräbt, hast du dich diese ganze Zeit hindurch in den Schmutz der Lüste versenkt und bist nicht im Stande, diesen Schmutz zu verlassen. Ist es nicht Zeit für dich, die Lüste aufzugeben, nach dem Himalaya zu ziehen, die Welt zu verlassen und ein Leben in Reinheit zu führen?“ Indem er dies bei sich erwog, sprach er folgende erste Strophe:

„In frührer Zeit besaß ich schwarze Haare,
die auf dem Haupt mir wuchsen überall.
Da du, Susima, heute weiß sie siehst,
sei tugendhaft; Zeit ist 's zu heil'gem Wandel.“

Als aber so der Bodhisattva das Leben in Reinheit pries, dachte die andere: „Ich wollte Begierde in ihm erwecken und habe das Aufgeben der Lüste in ihm bewirkt.“ Von Furcht erfüllt beschloss sie: „Jetzt werde ich, damit er nicht die Welt verlässt, die Schönheit seines Körpers preisen“, und sie sprach folgende zwei Strophen:

„Mein Haar ist grau, o Fürst, und nicht das deine;
von meinem Haupte stammt 's, von meinem Kopf.
Um mir zu nützen, sagt' ich eine Lüge;
die eine Schuld verzeih mir, bester Fürst.

Du bist ja jung und sehenswert, o König,
frisch aufgeschossen wie ein junger Spross.
Führ die Regierung und sieh auch auf mich,
nicht folge dem Entlegnen, Völkerfürst.“—

Als der Bodhisattva ihre Worte vernommen, erwiderte er: „Liebe, du hast nur gesagt, was geschehen muss. Denn wenn das Lebensalter sich neigt, so müssen diese schwarzen Haare sich verändern und schwach und weiß werden. Ich sehe auch, wie Fürstentöchter, die zart sind wie blaue Lotosblumen, die einem goldenen Bilde gleichen und in der herrlichsten Jugend und Schönheit prangen, wenn das Lebensalter sich neigt, alt werden und ihr körperliches Aussehen verändern. So, Liebe, steht das Unglück am Ende des Lebens.“ Nach diesen Worten sprach er noch dazu, indem er mit Buddha-Anmut die Wahrheit verkündete, folgendes Strophenpaar:

„Ich seh das junge Mädchen, schön von Farbe,
mit wohl gebautem Körper, hübscher Taille;
sie schießt empor gleich einem Kala-Schößling
und wandelt Lust erweckend bei den Männern.

Dieselbe Frau seh ich in spätrer Zeit,
wenn achtzig oder neunzig Jahr sie alt,
wie sie mit einem Stabe zitternd geht,
der Dachsparre vergleichbar, die zerbrochen.“

Nachdem so der Bodhisattva mit dieser Strophe die Nachteile der Schönheit gezeigt hatte, sprach er, um zu verkünden, dass er jetzt am Leben im Hause keinen Gefallen mehr finde:

„Da ich nun dieses so mir überlege,
lieg ich allein in meines Lagers Mitte.
Und da ich dies erwäge, freut 's mich nicht,
im Haus zu bleiben; Zeit ist 's zur Askese.

Dem schwanken Seile gleicht die Freude
bei dem, der in dem Hause wohnt;
dieses zerreißend wandeln frei die Weisen
der Lüste Glück verlassend ohn' Bedauern.“

Nachdem so der Bodhisattva den Reiz und auch die Nachteile der Lüste verkündigt und mit Buddha-Anmut die Wahrheit gelehrt hatte, rief er seinen Freund herbei und übergab ihm die Regierung. Dann warf er, obwohl seine Verwandten, Freunde und Vertrauten immer wieder jammerten, den Glanz seiner Macht von sich, zog nach dem Himalaya und betätigte hier die Weltflucht der Weisen. Nachdem er die Fähigkeit zur Ekstase und die Erkenntnisse erlangt hatte, gelangte er in den Brahma-Himmel.

Nachdem der Meister diese Unterweisung beschlossen hatte, verkündigte er die Wahrheiten. Viele ließ er dabei den Trank der Unsterblichkeit trinken und verband sodann das Jātaka mit folgenden Worten: „Damals war die erste Gemahlin die Mutter Rāhulas, der König war Ananda, Susima aber war ich.“

Ende der Erzählung von Susima.