Jātaka 412

Die Erzählung von der Seidenbaumspitze (Kotisimbali-Jātaka)

„Ich kam hierher mit einer Schlange“

Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf die Besiegung der Begierde.

Die Begebenheit wird im Panna-Jātaka (sonst als Paniya-Jātaka bezeichnete Jātaka 459) berichtet werden.—

Als aber auch hier der Meister sah, wie in dem mit Millionen belegten Kloster die fünfhundert Mönche von einem Gedanken der Lust befallen wurden, ließ er die Mönchsgemeinde versammeln und sprach: „Ihr Mönche, vor dem, was zu fürchten ist, soll man sich fürchten. Wenn nämlich die Begierden wachsen, so zerstören sie den Mann, wie der Nigrodha und ähnliche Pflanzen einen Baum. Als daher früher eine Gottheit, die in der Spitze eines Simbali-Baumes wohnte, sah, wie ein Vogel Nigrodha-Samen fraß und dann seinen Mist in die Zweige des von ihm bewohnten Baumes fallen ließ, dachte sie: ‚Daraus wird für meine Wohnung Verderben entstehen‘, und geriet in Furcht.“ Nach diesen Worten erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

Als ehedem zu Benares Mahapatapa regierte, wurde der Bodhisattva als eine in der Spitze eines Simbali-Baumes wohnende Baumgottheit wiedergeboren. Ein Supanna-König aber schuf für sich eine anderthalb Yojanas lange Gestalt, zerteilte durch das Wehen seiner Schwingen im großen Meere das Wasser und packte einen Naga-König, der tausend Klafter lang war, am Schwanze, dass dieser seine Nahrung, die er im Maule hatte, fallen ließ. Dann flog er in der Richtung nach dem Seidenbaume nach der Waldspitze zu. Der Schlangenkönig dachte: „Ich will mich festklammern und dadurch mich retten“; er streckte seinen Körper nach einem Nigrodha-Baume aus und umklammerte den Baum.

Durch die große Kraft des Supanna-Königs aber und durch die Größe des Naga-Königs wurde der Nigrodha-Baum ausgerissen. Der Naga-König aber ließ den Baum nicht los. Da packte der Supanna den Naga-König mitsamt dem Nigrodha-Baum und flog nach dem Seidenbaume hin. Den Naga-König warf er auf den Stamm des Baumes, hackte ihm den Leib auf und verzehrte das Schlangenfett; den übrigen Leichnam warf er in das Meer.

Auf jenem Nigrodha-Baume aber war ein Vogel. Als nun dieser Nigrodha-Baum ausgerissen wurde, flog er in die Höhe und setzte sich in das Laubwerk des Seidenbaumes. Als ihn die Baumgottheit sah, dachte sie: „Dieses Vogelweibchen wird auf den Stamm meines Baumes seinen Kot fallen lassen; daraus wird ein Nigrodha-Strauch oder ein Pilakkha-Strauch entstehen, der sich über den ganzen Baum ausbreiten wird. Dadurch wird meine Wohnung vernichtet werden.“ Von Furcht ergriffen fing sie an zu zittern.

Als aber sie zitterte, zitterte auch der Seidenbaum bis zur Wurzel hinab. Als ihn der Supanna-König zittern sah, sprach er, um nach dem Grunde zu fragen, folgende zwei Strophen:

„Ich kam hierher mit einer Schlange,
die zehnmalhundert Klafter maß;
als sie und mich mit meiner Größe
du trugest, zittertest du nicht.

Doch da du diesen kleinen Vogel,
der doch viel leichter ist als ich,
auf dir gefühlt, erzitterst du;
was fürchtest du, o Seidenbaum?“

Um ihm aber den Grund davon zu erklären, sprach der Göttersohn folgende vier Strophen:

„Du, König, nährest dich von Fleisch,
der Vogel da nährt sich von Früchten.
Er hat die Samen des Nigrodha,
des Pilakkha, des Dumbara
und des Assattha-Baumes verzehrt
und lässt auf meinen Stamm sie fallen.

Die Bäume wachsen in die Höhe
an meiner Seite, windgeschützt;
sie werden rings mich überziehen
und meine Baumwohnung mir rauben.

So ging es auch schon andren Bäumen
mit starker Wurzel, Stamm und Holz;
durch diese Vögel, die den Samen
herbeigebracht, sind sie getötet.

Wenn sie herangewachsen sind, besiegen
sie den gewalt'gen Herrn des Waldes;
deshalb, o König, zittre ich,
weil ich Gefahr seh, eh sie kommt.“

Als aber der Supanna-König die Worte der Baumgottheit vernommen, sprach er folgende Schlussstrophe:

„Man fürchte, was zu fürchten ist,
Gefahr man meide, eh sie kommt;
aus Furcht vor dem Zukünftigen
der Weise blickt nach beiden Welten.“

Nach diesen Worten aber vertrieb der Supanna durch seine Macht den Vogel von jenem Baum.

Nachdem der Meister mit den Worten: „Was zu fürchten ist, davor soll man Furcht haben“, diese Unterweisung beschlossen und die Wahrheiten verkündigt hatte, verband er das Jātaka mit folgenden Worten (am Ende der Verkündigung der Wahrheiten aber gelangten die fünfhundert Mönche zur Heiligkeit): „Damals war der Supanna-König Sāriputta, die Baumgottheit aber war ich.“

Ende der Erzählung von der Seidenbaumspitze