Jātaka 415

Die Erzählung von der Schleimspende (Kummasapinda-Jātaka)

„Nicht gibt es doch“

Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf die Fürstin Mallikā . Diese nämlich, die Tochter des zu Savatthi wohnenden Ältesten der Kränzebinder, war von äußerster Schönheit und sehr tugendhaft. Als diese einmal im Alter von sechzehn Jahren mit anderen Mädchen in den Blumengarten gehen wollte, nahm sie drei Portionen sauren Schleim, tat sie in ihren Blumenkorb und ging fort.

Zur Zeit, als diese die Stadt verließ, sah sie den Erhabenen, wie er, Glanz von seinem Körper ausstrahlend, von der Gemeinde der Mönche umgeben die Stadt betrat. Sie bot ihm ihre drei Portionen sauren Schleimes an. Der Meister hielt die von dem Großkönig geschenkte Almosenschale hin und nahm die Gabe an. Nachdem sie dann die Füße des Vollendeten mit ihrem Haupte verehrt hatte, wurde sie mit der von Buddha ausgehenden Freude erfüllt und trat zur Seite.

Als sie der Meister anschaute, zeigte er ein Lächeln. Da dachte der ehrwürdige Ananda: „Was ist wohl der Grund, dass der Vollendete lächelt?“, und er fragte den Erhabenen. Darauf erwiderte ihm der Meister: „Ananda, dieses Mädchen wird durch die Frucht dieser Schleimspenden noch heute die erste Gemahlin des Königs von Kosala werden“, und erzählte ihm so, warum er gelächelt habe. Das Mädchen aber begab sich nach seinem Blumengarten.

An diesem Tage aber hatte der König von Kosala mit Ajātasattu gekämpft und war im Kampfe unterlegen und geflohen. Als er auf seinem Pferde sitzend herbeikam, hörte er, wie das Mädchen sang. Sein Herz wurde an sie gefesselt und er trieb sein Pferd nach dem Garten hin. Als das tugendhafte Mädchen den König sah, lief es nicht davon, sondern es kam herbei und fasste das Pferd am Nasenzügel. Während der König noch auf dem Rücken seines Pferdes saß, fragte er: „Bist du verheiratet oder unverheiratet?“ Als er dann erfuhr, sie sei unverheiratet, stieg er, vom Winde und der Hitze ermüdet, vom Rosse herab, legte sich in ihren Schoß und erholte sich ein wenig. Dann ließ er sie auf dem Rücken seines Pferdes Platz nehmen, zog von seinem starken Heer umgeben in die Stadt ein und verbrachte sie in das Haus ihrer Familie. Zur Abendzeit schickte er einen Wagen dorthin, ließ sie mit großer Ehrung und Auszeichnung aus dem Hause ihrer Familie holen, stellte sie auf einen Haufen von Kleinodien, erteilte ihr die Weihe und machte sie so zu seiner ersten Gemahlin.

Von da an war sie dem Könige lieb und hold; sie war versehen mit treuen Dienerinnen u. dgl. und ausgestattet mit den fünf weiblichen Reizen glich sie einer Göttin. Auch war sie eine Gönnerin der Buddhas. Dass sie aber zu dieser Herrlichkeit gelangt war, weil sie dem Meister drei Portionen sauren Schleim gegeben hatte, verbreitete sich in der ganzen Stadt.

Eines Tages aber begannen die Mönche in der Lehrhalle folgendes Gespräch: „Freund, weil die Fürstin Mallikā den Buddhas drei Portionen sauren Schleim geschenkt, ist sie durch die Frucht dieser Gabe noch an demselben Tage zur Weihe gekommen. O, wie groß ist der Vorzug der Buddhas!“ Da kam der Meister und fragte: „Zu welcher Unterhaltung, ihr Mönche, habt ihr euch jetzt hier niedergelassen?“ Als sie antworteten: „Zu der und der“, sprach er: „Wunderbar, ihr Mönche, ist es, dass Mallikā, weil sie einem allwissenden Buddha drei Portionen sauren Schleim geschenkt hat, zur ersten Gemahlin des Königs von Kosala wurde, und warum? Wegen der Größe der Vorzüge der Buddhas. In der Vorzeit aber gelangten Weise, die den Paccekabuddhas Schleim ohne Salz und ohne Öl gespendet hatten, durch die Frucht dieser Gabe in ihrer nächsten Existenz zum Glanz des Königtums in dem dreihundert Yojanas umfassenden Reiche Kasi.“ Nach diesen Worten erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, nahm der Bodhisattva in einer armen Familie seine Wiedergeburt. Nachdem er herangewachsen war, erwarb er sich seinen Unterhalt, indem er bei einem Großkaufmann um Lohn arbeitete. Eines Tages nahm er aus einem Laden vier Portionen sauren Schleim mit, damit sie ihm zum Frühmahle dienten, und ging an seine Arbeit. Da sah er, wie vier Paccekabuddhas auf die Stadt Benares zugingen. Er dachte: „Diese gehen nach Benares, um ein Almosen zu erhalten; ich aber besitze diese vier Portionen sauren Schleim. Wie, wenn ich sie ihnen geben würde?“

Darauf ging er zu ihnen hin, bezeigte ihnen seine Ehrfurcht und sagte: „Ihr Herren, hier habe ich vier Portionen sauren Schleim in meinem Besitz; ich gebe sie euch. Nehmt sie gut an, ihr Herren. So wird dies ein gutes Werk für mich werden, das für lange Zeit mir zu Heil und Glück gereichen wird.“ Als er ihre Zustimmung bemerkte, schüttete er den Sand auf, richtete vier Sitze her, streute abgebrochene Zweige darüber und ließ die Paccekabuddhas der Reihe nach Platz nehmen. Dann holte er Wasser in einem Blätterkorbe, sprengte das Schenkungswasser aus, schüttete die vier Portionen sauren Schleim auf vier Blätter, bezeigte ihnen seine Ehrfurcht und sprach: „Ihr Herren, durch den Erfolg dieser Gaben möge mir keine Wiedergeburt in einem armen Hause mehr zuteil werden; möge es ein Mittel sein zur Erlangung der Erkenntnis der Allwissenheit.“

Nachdem die Paccekabuddhas gespeist hatten, verrichteten sie am Ende des Mahles ihre Danksagung; hierauf flogen sie in die Luft empor und kehrten wieder in die Berghöhle Nandamula zurück. Der Bodhisattva faltete nach ihnen die Hände und wurde mit Freude erfüllt wegen dieser Begegnung mit den Paccekabuddhas. Als sie aus seinem Gesichtskreis verschwunden waren, ging er wieder an seine Arbeit. Solange er lebte, erinnerte er sich daran.

Als er gestorben war, wurde er durch die Frucht dieses guten Werkes im Schoße der ersten Gemahlin des Königs von Benares wiedergeboren. Man gab ihm den Namen „Prinz Brahmadatta“ (Brahmadattakumara). Seitdem er aber selbst gehen konnte, wusste er: „Ich war in dieser selben Stadt ein Lohnarbeiter. Als ich zur Arbeit ging, schenkte ich den Paccekabuddhas vier Portionen sauren Schleim und bin nur durch die Frucht dieses Geschenkes hier wiedergeboren worden.“ So sah er, wie man in einem klaren Spiegel das Bild seines Angesichts sieht, alles, was er in seiner früheren Existenz getan hatte, indem er es durch die Einsicht der Erinnerung an die frühere Existenz sich vor Augen stellte.

Als er herangewachsen war, erlernte er zu Takkasilā alle Künste. Dann kehrte er heim, zeigte seinem Vater die Künste, die er erlernt hatte, und wurde von seinem darüber hocherfreuten Vater zum Vizekönig gemacht. In der Folgezeit nach dem Tode seines Vaters bestieg er den Thron. Man führte ihm aber die mit größter Schönheit ausgestattete Tochter des Königs von Kosala zu und machte sie zu seiner ersten Gemahlin.

Am Sonnenschirm-Festtage aber wurde seine ganze Stadt geschmückt wie eine Götterstadt. Nachdem er die Stadt von rechts umritten, stieg er in seinen reich geschmückten Palast hinauf, bestieg in der Mitte des Thronsaales das Polster, über dem der weiße Sonnenschirm ausgespannt war, und setzte sich nieder. Um ihn her standen auf einer Seite die Minister, auf einer andern Seite die Brahmanen, Hausväter usw., die in mannigfachen schönen Gewändern erglänzten, auf der dritten Seite die Bewohner der Stadt mit mannigfachen Geschenken in den Händen, auf der vierten Seite endlich die sechzehntausend Tänzerinnen, die schön geschmückten Göttermädchen glichen.

Während er nun diese übergroße Fülle der Pracht betrachtete, erinnerte er sich an seine frühere Tat und dachte: „Dieser weiße Sonnenschirm mit goldenen Kugeln und mit goldenen Kränzen, diese vielen Tausende von Elefanten und Wagen, die mit Edelsteinen und Perlen gefüllte Schatzkammer, das mit den verschiedenartigen Schätzen erfüllte große Land, die Frauen, die Göttermädchen an Anmut gleichen: all diese Fülle des Glückes kommt mir nicht anderswoher, sondern nur von der Spendung der vier Portionen sauren Schleimes, die ich den Paccekabuddhas schenkte. Durch sie habe ich dies erlangt.“ Während er so an den Vorzug der Paccekabuddhas dachte, machte er seine Tat bekannt. Indem er sich aber daran erinnerte, wurde sein ganzer Körper mit Freude erfüllt. Da nun sein Herz ganz feucht war von Freude, sprach er, indem er ein Freudenlied sang, folgende zwei Strophen:

„Nicht gibt es doch einen wertlosen Dienst
bei den das Edle lehrenden Buddhas;
jetzt kann man sehn des sauren Schleimes Frucht,
der ganz vertrocknet war und ohne Salz.

Viel Elefanten, Kühe, Pferde hab ich,
dazu auch Schätze und das ganze Land
und diese Frauen, Göttermädchen gleichend;
da kann man sehn des sauren Schleimes Frucht.“

So sang der Bodhisattva an seinem Sonnenschirm-Festtage von höchster Freude erfüllt dies begeisterte Lied mit diesen beiden Strophen. Von da an sagten alle: „Es ist das Freudenlied des Königs“, und es sangen es die Tänzerinnen des Königs, die übrigen Schauspieler und Musiker, die Leute im Harem, in der Stadt die Einwohner und in den Kreisen der Minister, weil es das Freudenlied des Königs war.

Als aber die Zeit verging, wollte seine erste Gemahlin den Sinn dieses Liedes kennen lernen; sie getraute sich aber nicht, den Bodhisattva zu fragen. Eines Tages sagte zu ihr der König, befriedigt über einen Vorzug von ihr: „Liebe, ich will dir einen Wunsch erfüllen; denke dir einen Wunsch!“ Sie erwiderte: „Gut, o Fürst, ich denke mir einen Wunsch.“ „Von Elefanten und Pferden angefangen, was soll ich dir geben?“, fragte der König. Doch sie antwortete: „O Fürst, durch Euch brauche ich nichts; nicht bedarf ich solcher Dinge. Wenn Ihr mir aber etwas geben wollt, so erklärt mir den Inhalt Eures Liedes und macht mir damit ein Geschenk!“

Der König erwiderte: „Liebe, was brauchst du diesen Wunsch? Denke dir einen andern aus.“ Doch sie sagte: „O Fürst, einen andern will ich nicht, diesen nur wähle ich.“ Darauf sprach der König: „Gut, Liebe, ich will es dir erzählen. Dir allein aber werde ich das Geheimnis nicht verkünden, sondern man soll in der zwölf Yojanas messenden Stadt Benares die Trommel herumgehen lassen, am Tore des königlichen Palastes einen Edelsteinpavillon erbauen und ein Edelsteinpolster herrichten. Dann werde ich, umgeben von den Ministern, Brahmanen usw., von den Stadtbewohnern und von den sechzehntausend Frauen, in ihrer Mitte mich auf das Edelsteinpolster setzen und es erzählen.“ Jene willigte ein.

Der König tat so und ließ sich, wie der von den Scharen der Unsterblichen umgebene Götterkönig Sakka, von einer großen Menge Volkes umgeben auf dem Edelsteinpolster nieder. Die Königin, mit all ihrem Schmuck geziert, ließ eine herrliche goldene Bank aufstellen, setzte sich auf diesen Platz und sagte, indem sie ihn mit einem leichten Blick von der Seite anschaute: „O Fürst, erklärt mir jetzt den Sinn des Liedes, das Ihr in Eurer Freude beim Feste sanget; verkündigt ihn, als wolltet Ihr den Mond an der Fläche des Himmels heraufführen.“ Und sie sprach folgende dritte Strophe:

„Immer aufs Neue, edelster der Fürsten,
sagst diese Strophe du, des Rechtes Herrscher.
Ich frage dich danach, des Reiches Mehrer;
aus übergroßer Freude sagst du es.“

Um aber den Sinn dieser Strophen klar zu machen, sprach der Bodhisattva die folgenden vier Strophen:

„In eben dieser Stadt, da lebt' ich
in einer anderen Familie;
für andere arbeitet' ich,
ein tugendhafter Lohnarbeiter.

Als einst ich auf die Arbeit ging,
da sah ich vor mir vier Asketen,
mit gutem Wandel ausgestattet,
leidenschaftslos und ohne Sünde.

An ihnen fand mein Herz Gefallen;
auf Blätter setzten sich die Buddhas
und ich gab ihnen sauren Schleim
gläubigen Sinns mit eignen Händen.

Von diesem guten Werke ist
so herrlich mir die Frucht gediehen;
mit Glanz herrsch ich in diesem Land,
dem mächtigsten der ganzen Erde.“

Als so der Bodhisattva die Frucht seines Werkes ausführlich erklärt, sagte die Fürstin, da sie es gehört, gläubigen Sinnes: „Wenn Ihr, o Großkönig, mit eigenen Augen die Frucht der Freigebigkeit kennt, so esset von nun an, wenn Ihr auch einen einzigen Bissen Speise nehmet, erst dann, wenn Ihr tugendhaften Asketen und Brahmanen davon gegeben.“ Und indem sie den Bodhisattva pries, sprach sie folgende Strophe:

„Spende und iss selbst, ohne zu ermatten,
das Rad setz in Bewegung, Fürst des Rechts.
Sei nicht ein Freund des Unrechts, großer König,
bewahr Gerechtigkeit, des Rechtes Herrscher.“

Ihren Worten zustimmend sprach der Bodhisattva folgende Strophe:

„Nur diesen Wandel werd' ich immer wieder
betreiben, Tochter du des Königs Kosala;
den edlen Weg nur will ich gehn, du Gute,
und stets erfreuet mich der Heil'gen Anblick.“

Nach diesen Worten aber betrachtete er die Vollkommenheit der Königin und sagte: „Liebe, ich habe dir meine guten Taten in früheren Existenzen ausführlich erzählt; unter all diesen Frauen aber gibt es keine, die dir an Schönheit oder an Anmut gliche. Was hast du für Taten getan, dass du zu solcher Vollendung gelangtest?“ Und indem er sie danach fragte, sprach er folgende Strophe:

„O Fürstin, wie ein Göttermädchen
erstrahlst du in der Frauen Mitte;
was tatst du für ein gutes Werk,
warum bist du so Glanzes voll?“

Jene aber sprach, um ihm das gute Werk zu er zählen, das sie in einer früheren Existenz getan, das folgende letzte Strophenpaar:

„O Fürst, in einem Bauernhause
ward ich als Magd umhergeschickt;
voll Selbstbeherrschung, rechtlich lebend,
der Tugend voll, nicht böse schauend.

Die Speise, die ich selbst mir aufgehoben,
gab damals einem Bettelmönche ich
mit großer Freude und mit frohem Herzen;
von dieser Tat die Frucht genieß ich jetzt.“

Auch sie erzählte dies, da sie es infolge der Erkenntnis der Erinnerung an ihre früheren Existenzen unterscheiden konnte.

Nachdem so die beiden ihre früheren guten Werke ausführlich geschildert, ließen sie von da ab an den vier Stadttoren, in der Mitte der Stadt und an dem Tore ihres Palastes im ganzen sechs Almosenhallen errichten und spendeten große Almosen, dass der ganze Jambu-Erdteil davon erdröhnte. Auch befolgten sie die Gebote, beobachteten die Uposatha-Gebräuche und gelangten am Ende ihres Lebens in den Himmel.

Nachdem der Meister diese Unterweisung beschlossen hatte, verband er das Jātaka mit folgenden Worten: „Damals war die Fürstin die Mutter Rāhulas, der König aber war ich.“

Ende der Erzählung von der Schleimspende