Jātaka 418

Die Erzählung von den acht Tönen (Atthasadda-Jātaka)

„Dies war vordem ein tiefer Teich“

Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf den unbestimmbaren schrecklichen Laut, den der (König) von Kosala zur Mitternachtszeit hörte.

Die Begebenheit ist schon oben im Lohakumbhi-Jātaka erzählt. (Vgl. dazu auch die Vorgeschichte zum 77. Jātaka).—

Als aber hier der Meister gefragt wurde: „Was wird mir geschehen, Herr, weil ich diese Laute hörte?“ sagte er: „Fürchte dich nicht, o großer König; durch das Hören dieser Töne wird für dich keine Gefahr entstehen. Denn nicht du allein, o Großkönig, hast einen derartigen unbestimmbaren, schrecklichen Laut gehört. Früher schon hörten Könige einen solchen Laut, nahmen das Wort der Brahmanen an und wollten ein vollständiges vierfaches Opfer darbringen; als sie aber der Weisen Wort vernahmen, gaben sie die Wesen, die zum Zwecke des Opfers gefangen waren, wieder frei und ließen in der Stadt durch Trommelschlag verkünden, man solle nicht töten.“ Nach diesen Worten erzählte er auf die Bitte des Königs folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, nahm der Bodhisattva seine Wiedergeburt in einer Brahmanenfamilie, die achthundert Millionen besaß. Nachdem er herangewachsen war und zu Takkasilā die Künste erlernt hatte, starben seine Eltern. Da betrachtete er alle seine Kostbarkeiten und gab das ganze Vermögen, das ihm geworden war, zu Almosenzwecken aus; er verzichtete auf die Lüste, zog in den Himalaya, betätigte die Weltflucht der Weisen und erlangte die Fähigkeit zur Ekstase und die Erkenntnisse. In der Folgezeit begab er sich einmal, um sich mit Salz und Saurem zu versehen, in das Bereich der Menschen, gelangte dabei nach Benares und nahm seine Wohnung im Parke.

Damals hatte der König von Benares, da er auf seinem königlichen Bette lag, zur Mitternachtszeit acht Töne vernommen:

  • Zuerst gab in dem Parke, der dem Königspalaste benachbart war, ein Kranich einen Laut von sich;

  • zum Zweiten, als dieser Laut noch nicht verklungen war, schrie ein Krähenweibchen, das auf dem Torbogen des Elefantenstalles saß;

  • zum Dritten gab ein großer Wurm, der auf der Spitze des Königspalastes saß, einen Laut von sich;

  • zum Vierten schrie ein Kuckuck, der im Königspalaste gehalten wurde;

  • zum Fünften schrie eine Gazelle, die ebendort gehalten wurde;

  • zum Sechsten schrie ein Affe, der ebendort gehalten wurde;

  • zum Siebenten gab ein Halbgott, der dort lebte, einen Laut von sich;

  • zum Achten, als dieser Klang noch nicht verhallt war, stieß ein Paccekabuddha, der sich über den königlichen Palast hin zum Parke begab, einen begeisterten Ausruf aus und gab so einen Laut von sich.

Als der König von Benares diese acht Laute gehört hatte, ward er von Furcht erfüllt und fragte am nächsten Tage die Brahmanen. Sie antworteten: „O Großkönig, für dich besteht eine Gefahr; wir wollen ein vierfaches Opfer von allen Arten der Wesen veranstalten.“ Der König gab ihnen die Erlaubnis dazu mit den Worten: „Tut, wie es euch gefällt.“ Darauf verließen sie voll Freude und Jubel den königlichen Palast und begannen die Zurüstungen zum Opfer.

Da fragte der Schüler des ältesten der das Opfer rüstenden Brahmanen, ein weiser, kluger, junger Brahmane, seinen Lehrer: „Meister, tue nicht ein solches rohes und grausames Werk, das vielen Wesen Verderben bringt!“ Doch dieser erwiderte: „Mein Sohn, was weißt du? Wenn auch nichts anderes daraus entsteht, so werden wir doch viel Fisch und Fleisch essen dürfen.“ Doch der Jüngling fuhr fort: „Meister, begeht eures Bauches wegen keine Tat, die zur Wiedergeburt in der Hölle führt!“ Als dies die übrigen Brahmanen hörten, sagten sie: „Dieser bildet eine Gefahr für unsere Ehrung“, und zürnten ihm. Aus Furcht vor ihnen sprach der junge Brahmane: „Tut also nur, dass ihr Fisch und Fleisch zu essen bekommt“, und verließ diesen Ort.

Als er nun außerhalb der Stadt sich nach einem tugendhaften Asketen umsah, der im Stande wäre, den König von seinem Tun abzuhalten, und nach dem königlichen Parke hin ging, bemerkte er den Bodhisattva. Er bezeigte ihm seine Verehrung und fragte: „Habt Ihr kein Mitleid zu den Wesen? Der König lässt viele lebende Wesen töten und damit ein Opfer zurüsten; ziemt es dir nicht, Vielen die Befreiung von ihren Banden zu bringen?“ Der Bodhisattva antwortete: „Du junger Brahmane, hier kennt weder uns der König, noch kennen wir ihn.“ Der Jüngling fragte weiter: „Kennt Ihr aber, Herr, die Bedeutung der Laute, die der König hörte?“ „Ja, ich kenne sie“, war die Antwort. „Wenn Ihr sie kennt, warum teilt Ihr sie denn dem König nicht mit?“ Doch der Bodhisattva versetzte: „O Jüngling, wie kann ich, ein Horn an meiner Stirn befestigt, zu ihm hingehen und sagen: ‚Ich kenne sie?‘ Wenn er aber hierher kommt und mich fragt, so werde ich sie ihm erklären.“

Darauf eilte der junge Brahmane rasch in den Königspalast. Als ihn der König fragte: „Was willst du, mein Sohn?“, sagte er: „O Großkönig, ein Asket, der die Bedeutung der von Euch vernommenen Laute kennt, sitzt in Eurem Parke auf dem königlichen Steinsitze und sagt: ‚Wenn er mich fragt, so werde ich es ihm deuten.‘ Ihr müsst zu ihm gehen und ihn fragen.“ Der König eilte rasch dorthin, begrüßte ehrfurchtsvoll den Asketen, begann eine liebenswürdige Unterhaltung mit ihm, setzte sich zu ihm und fragte: „Ist es wahr, Herr, dass Ihr die Bedeutung der von mir vernommenen Laute kennt?“ „Ja, o Großkönig“, war die Antwort. „Teilt sie mir also mit!“

Darauf sprach der Bodhisattva: „O Großkönig, daraus, dass du dies hörtest, entsteht durchaus keine Gefahr für dich. In deinem alten Parke aber befindet sich ein Kranich; da dieser kein Futter fand, gab er von Hunger überwältigt den ersten Ton von sich.“ Und indem er dessen Tun vermittelst seiner Einsicht erklärte, sprach er folgende erste Strophe:

„Dies war vordem ein tiefer Teich
mit vielen Fischen, reich an Wasser,
des Kranichkönigs Aufenthalt
und meine väterliche Wohnung.
Zwar heute muss ich Frösche fressen
und doch verlass ich nicht den Ort.“

„So, o Großkönig, hat der Kranich geschrieen von Hunger gequält; wenn du ihn von seinem Hunger befreien willst, so lasse den Park reinigen und den Lotosteich wieder mit Wasser füllen.“ Um dies zu tun, betraute der König einen Minister mit diesem Auftrage.

Der Bodhisattva fuhr fort: „Auf dem Torbogen deines Elefantenstalles wohnt ein Krähenweibchen und hat aus Schmerz über ihre Jungen den zweiten Schrei ausgestoßen; auch daraus entsteht dir keine Gefahr.“ Und er sprach folgende zweite Strophe:

„Wer wird dem bösen Bandhura
sein zweites Auge noch zerstören?
Wer wird wohl meinen Kindern und
dem Neste Sicherheit verschaffen?“

Nach diesen Worten aber fragte er den König: „Wie heißt, o Großkönig, der Elefantenwärter in diesem Elefantenstalle?“ „Er heißt Bandhura, Herr.“ „Ist er einäugig, o Großkönig?“ „Ja, Herr.“ Darauf sprach der Bodhisattva: „O Großkönig, auf dem Torbogen deines Elefantenstalles hat ein Krähenweibchen sein Nest gebaut und seine Eier hineingelegt; diese wurden reif und die jungen Krähen kamen heraus. Wenn nun der Elefantenwärter auf seinem Elefanten sitzend den Stall verließ oder in den Stall zurückkehrte, stieß er mit seinem Haken nach dem Krähenweibchen und nach seinen Jungen und beschädigte das Nest. Durch dieses Unglück bedrückt wünscht sie ihm, dass er sein Auge verliert, und hat deshalb so gesprochen. Wenn du gegen das Krähenweibchen freundlich gesinnt bist, so lasse diesen Bandhura rufen und verbiete ihm, das Nest zu beschädigen.“ Der König ließ ihn rufen, schalt ihn, nahm ihm seine Stelle und übergab den Elefanten einem andern.

Der Bodhisattva erklärte weiter: „Auf der Spitze deines Palastes, o Großkönig, wohnt ein großer Holzwurm, der dort das weiche Feigenbaumholz fraß. Als dieses aufgezehrt war, konnte er das harte Holz nicht fressen; weil er nun keine Nahrung mehr findet und auch von dort nicht weg kann, hat er jammernd jenen dritten Ton ausgestoßen. Auch daraus entsteht dir also keine Gefahr.“ Und indem er dessen Tun vermittelst seiner Einsicht erklärte, sprach er folgende dritte Strophe:

„Ganz aufgezehrt ist jetzt das Holz
vom Feigenbaum, so viel es war.
An Futter fehlt 's mir, großer König;
das harte Holz kann mir nichts nützen.“

Der König schickte einen Mann fort und ließ das Tier vorsichtig herunterholen.

Darauf fuhr der Bodhisattva fort: „Hast du, o Großkönig, in deinem Palaste einen zahmen Kuckuck?“ „Ja, Herr“, war die Antwort. Der Bodhisattva sprach weiter: „O Großkönig, dieser erinnerte sich an den Wald, in dem er früher wohnte, und in seiner Sehnsucht dachte er: ‚Wann werde ich wohl aus diesem Käfig befreit und in den lieblichen Wald zurückkehren?‘ Darum hat er jenen vierten Laut ausgestoßen; auch daher entsteht also für dich keine Gefahr.“ Und er sprach folgende vierte Strophe:

„Wenn ich von hier mich nun entferne
und frei bin vom Palast des Königs,
dann werde ich mich wieder freuen,
wenn ich in Baum und Zweigen wohne.“

Nach diesen Worten aber fügte er hinzu: „Unbefriedigt, o Großkönig, ist dieser Kuckuck; lasse ihn frei.“ Der König tat so.

Dann sprach der Bodhisattva weiter: „Hast du aber, o Großkönig, in deinem Palaste eine zahme Gazelle?“ „Ja, Herr“, war die Antwort. Der Bodhisattva fuhr fort: „O Großkönig, dieser Herr der Herde gedenkt eines Gazellenweibchens und ist infolge seiner Begierde unzufrieden geworden; darum hat er jenen fünften Laut ausgestoßen. Auch daher droht dir also keine Gefahr.“ Und er sprach folgende fünfte Strophe:

„Wenn ich von hier mich nun entferne
und frei bin vom Palast des Königs,
werd' ich das beste Wasser trinken,
wenn ich voran der Herde gehe.“

Nachdem der Bodhisattva veranlasst hatte, dass auch die Gazelle freigelassen wurde, fragte er weiter: „Befindet sich, o Großkönig, in deinem Palast ein zahmer Affe?“ Auf die bejahende Antwort des Königs fuhr er fort: „O Großkönig, dieser war ein Herr der Herde im Himalaya-Gebirge. Als er gierig nach Genuss mit den Affenweibchen dort umherschweifte, wurde er von einem Jäger namens Bharata hierher gebracht. Jetzt ist er unzufrieden und hat, da er dorthin zurückkehren möchte, jenen sechsten Laut ausgestoßen. Auch von daher droht dir also keine Gefahr.“ Und er sprach folgende sechste Strophe:

„Mich, der ich war von Lust erfüllt,
der ganz betört war von den Lüsten,
nahm Bharata, der fremde Jäger,
mit fort; o König, Heil sei dir!“

Nachdem der Bodhisattva auch seine Freilassung veranlasst hatte, fuhr er fort: „Befindet sich aber auch, o Großkönig, in deinem Palaste ein zahmer Dämon?“ Als der König antwortete: „Ja“, sprach er weiter: „Dieser, o Großkönig, gedenkt des Guten, das ihm seine Dämonin erwiesen, und hat von Liebeslust erfüllt jenen siebenten Laut von sich gegeben. Dieser bestieg nämlich eines Tages mit ihr zusammen den Gipfel eines hohen Berges. Während sie dort mancherlei Blumen voll Schönheit und Duft sammelten und sich damit schmückten, merkten sie nicht, dass die Sonne unterging. Als sie nun nach Sonnenuntergang herabstiegen, herrschte tiefes Dunkel. Da sagte sein Koboldweibchen zu ihm: ‚Gebieter, es ist dunkel, stolpere nicht und steige unablässig herab.‘ Dabei nahm sie ihn bei der Hand und führte ihn herunter. Weil er nun an diese ihre Worte gedachte, gab er jenen Laut von sich; auch von daher also droht dir keine Gefahr.“ Und indem er diesen Vorgang infolge seiner Einsicht bestimmte und klarlegte, sprach er folgende siebente Strophe:

„In Finsternis und tiefem Dunkel
hoch oben auf des Berges Spitze
sprach sie mit leiser, sanfter Stimme:
‚Stoß dir den Fuß nicht an dem Stein!‘“

Nachdem so der Bodhisattva den Grund erzählt hatte, warum der Dämon seinen Laut ausgestoßen, ließ er auch ihn freigeben und fuhr dann fort: „O Großkönig, der achte Ton stammt von einem begeisterten Ausrufe. In der Berghöhle Nandamula nämlich hat ein Paccekabuddha erkannt, dass für ihn die Bedingungen des Lebens vernichtet sind; er hat sich zu dem Bereiche der Menschen begeben, weil er dachte: ‚Im Parke des Königs von Benares will ich zum vollständigen Nirvana eingehen. Dann werden seine Leute meinen Leib bestatten, ein Freudenfest feiern, meine Reliquien verehren und dadurch in den Himmel kommen.‘ Darum ist er durch seine übernatürliche Macht hierher gekommen und hat gerade, als er über deinen Palast gelangt war, die Bürde des Lebens abgestreift und den begeisterten Ruf angestimmt, um zu zeigen, dass er in die Stadt des Nirvana einziehe.“ Und er sprach folgende von dem Paccekabuddha gesungene Strophe:

„Unzweifelhaft seh ich das Ende des Lebens,
nicht wieder werd' ich kommen in Mutterschoß.
Denn dies ist jetzt mein letztes Weltendasein;
zerstört ist die Bedingung zu weiterm Leben.“

Dann fuhr der Bodhisattva fort: „Nachdem er aber diesen begeisterten Ausruf ausgestoßen, ging er in diesen Park und ist am Fuße eines schön blühenden Sala-Baumes zum völligen Nirvava eingegangen. Komm, o Großkönig, erweise seinem Leichnam die letzte Ehrung!“ Mit diesen Worten nahm der Bodhisattva den König mit sich, ging nach dem Orte hin, wo jener zum völligen Nirvana eingegangen war, und zeigte ihm dessen Leichnam. Als der König den Leichnam gesehen, ehrte er ihn mit seinem ganzen Heere mit Wohlgerüchen und Girlanden. Auf die Worte des Bodhisattva aber vereitelte er das Opfer, schenkte allen lebenden Wesen das Leben und ließ in der Stadt durch Trommelschlag verkünden, man solle nicht töten. Hierauf feierte er sieben Tage lang ein Freudenfest, ließ auf einem mit allen Wohlgerüchen erfüllten Scheiterhaufen unter großer Ehrung den Leichnam des Paccekabuddha verbrennen und errichtete ihm ein Stupa an der Kreuzung der Heerstraßen. Nachdem dann der Bodhisattva dem König die Wahrheit gepredigt und ihn ermahnt hatte, unablässig weiter zu streben, kehrte er in den Himalaya zurück und tat seine Werke in dem Zustand der höchsten Vollendung; hierauf gelangte er, unaufhörlicher Ekstase sich erfreuend, in den Brahma-Himmel.

Nachdem der Meister diese Unterweisung beschlossen, fügte er hinzu: „O Großkönig, durch diese Töne entsteht keine Gefahr für dich; lasse das Opfer aufhören und schenke vielen Leuten das Leben!“ So rettete er vielen Wesen das Leben und ließ dies durch Trommelschlag in der Stadt verkünden.

Hierauf verband er das Jātaka mit folgenden Worten: „Damals war der König Ananda, der junge Brahmane war Sariputta, der Asket aber war ich.“

Ende der Erzählung von den acht Tönen