Jātaka 423

Die Erzählung von den Sinnen (Indriya-Jātaka)

„Wer sich in die Gewalt der Sinne“

Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf die Verlockung durch die frühere Frau. Zu Savatthi nämlich dachte ein Sohn aus guter Familie, nachdem er die Predigt des Meisters vernommen hatte: „Wenn man inmitten des Hauses wohnt, kann man nicht den ganz vollständigen, ganz lauteren Wandel in Reinheit betätigen. Ich will in der zum Heile führenden Lehre Mönch werden und meinem Leiden ein Ende machen.“ Er übergab Haus und Vermögen an seine Frau und seine Kinder und bat den Meister um Aufnahme in den Orden. Der Meister ließ ihm die Aufnahme in den Orden erteilen.

Wenn er aber mit seinen Lehrern und Unterweisern seinen Almosengang machte, so erhielt er wegen seiner Neuheit und wegen der großen Anzahl der Mönche weder im Hause einer Familie, noch in der Versammlungshalle einen Sitz, sondern er bekam nur am Ende der Neulinge im Orden einen Stuhl oder eine Bank. Seine Nahrung wurde ihm auf einem Löffel vorgeworfen; er erhielt nur Schleim aus zerbröckelten Reisklumpen oder verdorbenen, trockenen Kuchen oder verbrannte, trockene Sprossen; aber er bekam auch davon nicht so viel, um satt zu werden.

Wenn er nun seinen Teil erhalten, ging er damit zu seiner früheren Frau. Diese nahm ihm die Almosenschale ab, begrüßte ihn ehrfurchtsvoll, nahm von seiner Schale die Speise weg und gab ihm gut zubereiteten sauren Schleim, Reisbrei, Suppe und Sauce. Von Lust nach Wohlgeschmack gefesselt konnte der Alte seine frühere Frau nicht aufgeben.

Da dachte sie: „Ist er nun wieder an mich gefesselt? Ich will ihn auf die Probe stellen.“ Eines Tages ließ sie einen Mann vom Lande sich mit weißer Tonerde waschen und in ihrem Hause Platz nehmen; auch einige andere Leute von ihm ließ sie ihn mitbringen und setzte ihnen etwas zu essen und zu trinken vor. Kauend und schlürfend saßen sie da. Am Haustore ließ sie einen Wagen aufstellen und an dessen Räder Ochsen spannen. Sie selbst aber setzte sich in einen hinteren Raum und backte Kuchen.

Da kam der Alte und trat in die Türe. Als ihn ein anderer Alter sah, sagte er ihr: „Edle, ein Thera steht an der Türe.“ „Begrüße ihn und lasse ihn ein andermal kommen“, erwiderte die Frau. Obwohl aber jener immer wieder sagte: „Kommet ein andermal, Herr“, sah er, dass der Alte nicht fort ging, und er meldete der Frau: „Edle, der Thera geht nicht.“ Da kam sie herbei, hob den Vorhang in die Höhe und schaute hinaus. Sie rief: „Holla, das ist der Vater meiner Kinder“, ging hinaus, begrüßte ihn, nahm ihm die Almosenschale ab und ließ ihn ins Haus eintreten. Hier setzte sie ihm ein Mahl vor und sprach zu ihm ehrfurchtsvoll am Ende der Mahlzeit: „Herr, Ihr erreicht noch hier auf Erden die Heiligkeit. Wir sind die ganze Zeit über in kein andres Haus gegangen; in einem Hause aber, das keinen Herrn hat, kann man auf die Dauer nicht wohnen. Wir wählen jetzt ein anderes Haus; wir wollen weit auf das Land hinaus gehen. Strebet ohne Unterlass; wenn ich eine Schuld habe, so verzeiht sie mir.“

Als der Alte das hörte, war es ihm, als sollte ihm das Herz brechen. Er sprach zu ihr: „Ich kann dich nicht verlassen. Gehe nicht fort! Ich will wieder in die Welt zurückkehren. Schicke mir an den und den Ort ein Gewand; ich will Almosenschale und Obergewand zurückgeben und dann zu dir zurückkehren.“ Sie gab ihre Zustimmung dazu.

Darauf ging der Alte in das Kloster und wollte seinen Lehrern und Unterweisern Almosenschale und Obergewand zurückgeben. Als sie ihn fragten: „Warum tust du so?“, antwortete er: „Ich kann meine frühere Frau nicht verlassen, ich will in die Welt zurückkehren.“ Da führten sie ihn gegen seinen Willen zum Meister hin. Als dieser fragte: „Warum, ihr Mönche, bringt ihr diesen gegen seinen Willen herbei?“, sprachen sie: „Herr, dieser ist unzufrieden und will wieder in die Welt zurückkehren.“ Darauf fragte jenen der Meister: „Ist es wahr, dass du unzufrieden bist?“ Auf seine bejahende Antwort fragte der Meister weiter: „Wer hat dich unzufrieden gemacht?“, und jener erwiderte: „Meine frühere Frau, Herr.“ Da sprach der Meister: „O Mönch, diese Frau bringt dir Schaden. In früherer Zeit wurdest durch sie der vierfachen Ekstase beraubt und gerietest in großes Unglück; durch mich aber wurdest du von diesem Unglück erlöst und erhieltest die verlorene Fähigkeit zur Ekstase wieder.“ Nach diesen Worten erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, nahm der Bodhisattva durch dessen Hauspriester im Schoße von dessen Gattin seine Wiedergeburt. Am Tage seiner Geburt erglänzten in der ganzen Stadt die Waffen; daher gab man ihm den Namen „Jung-Jotipala“ (Jotipalakumara) (= „Glanzbewahrer“). Als er herangewachsen war und zu Takkasilā alle Künste erlernt hatte, zeigte er dem Könige seine Kunst. Doch gab er seine angesehene Stellung auf, verließ, ohne jemand etwas davon wissen zu lassen, durch das Haupttor die Stadt und zog in den Wald. Hier betätigte er in der ihm vom Gott Sakka gegebenen Kavitthaka-Einsiedelei (Kavitthakaassama) die Weltflucht der Weisen und erlangte die Fähigkeit zur Ekstase und die Erkenntnisse.

Während er dort weilte, scharten sich um ihn viele hundert Asketen. Es war eine große Versammlung; hundert Anführer der Schüler waren da. Von ihnen verließ ein Weiser namens Sālissara die Einsiedelei Kavitthaka und wohnte im Lande Serattha an einem Flusse namens Satodika, umgeben von vielen tausend Asketen. Ein Weiser namens Mendissara wohnte im Reiche des Königs Pajaka bei einem Dorfe namens Lambaculaka, auch umgeben von vielen tausend Asketen. Der weise Pabbata wohnte in der Nähe von einer Waldgegend, umgeben von vielen tausend Asketen. Der weise Kāladevala wohnte im Avanti-Südlande bei einem schattigen Berge, umgeben von vielen tausend Asketen. Der weise Kisavaccha wohnte allein bei der Stadt Kumbhavati, die dem König Dandaka gehörte, in einem Parke. Der Asket Anusista aber war der Aufwärter des Bodhisattva und blieb bei ihm wohnen.

Der Asket Nārada aber, der jüngere Bruder des Kāladevala, wohnte allein im Mittellande im Arañjara-Gebirge in einer Bergkette in einer Steinhöhle. Unweit von dem Arañjara-Gebirge aber befand sich ein dicht bevölkerter Flecken. Dazwischen war ein großer Fluss, in diesen Fluss stiegen viele Menschen hinab, um zu baden; auch Dirnen von höchster Schönheit setzten sich an das Ufer dieses Flusses, um die Männer zu verlocken.

Als der Asket Nārada eine von ihnen sah, verliebte er sich in sie; er verlor die Fähigkeit zur Ekstase und lag, ohne Nahrung zu sich zu nehmen, ganz ausgetrocknet von seiner Leidenschaft auf seinem Lager. Als aber sein Bruder Kāladevala im Geiste Umschau hielt, merkte er diese Begebenheit; er kam durch die Luft herbei und ging in die Höhle hinein. Als Nārada ihn sah, fragte er: „Warum bist du gekommen, Herr?“ „Der Herr ist krank; darum bin ich gekommen, um den Herrn zu pflegen.“ Aber Nārada erwiderte: „Etwas Unwahres sagst du, Herr, etwas Erlogenes und Falsches sagst du“; und er tadelte ihn wegen der Unwahrheit. Kāladevala aber dachte: „Man darf ihn nicht aufgeben“, und er brachte den Sālissara, den Mendissara und den Pabbatissara herbei. Der andere aber wies auch sie zurück, weil sie die Unwahrheit gesagt hätten.

Jetzt dachte Kāladevala: „Ich will den Meister Sarabhanga herbeiholen“; er begab sich durch die Luft zu ihm hin und brachte ihn herbei. Als dieser kam und den Nārada sah, merkte er, dass jener in die Gewalt der Sinne geraten sei, und fragte: „Bist du etwa in die Gewalt der Sinnlichkeit gekommen, Nārada?“ Als der andere diese Worte hörte, erhob er sich, bezeigte ihm seine Ehrfurcht und sagte: „Ja, Meister.“ Da sprach dieser: „Nārada, diejenigen, welche in die Gewalt der Sinnlichkeit kommen, verzehren sich in diesem Leben und stürzen dadurch ins Unglück; in ihrer nächsten Existenz aber werden sie in der Hölle wiedergeboren.“ Nach diesen Worten sprach er folgende erste Strophe:

„Wer sich in die Gewalt der Sinne
durch Lust begibt, o Nārada,
der geht verlustig der zwei Welten
und er verdorrt noch hier im Leben.“

Als dies Nārada hörte, fragte er: „Meister, den Lüsten nachgeben zu können, ist doch schön; aus welcher Erwägung bezeichnest du ein solches Glück als Unglück?“ Sarabhanga versetzte: „Höre also“, und sprach folgende zweite Strophe:

„Dem Glück der Lust folgt gleich das Leid,
auf Leid jedoch folgt gleich das Glück;
du, der durch Glück zu Leid du kamst,
begehre dir das wahre Glück!“

Nārada erwiderte: „Dieses Leid, Meister, ist schwer zu ertragen; ich kann es nicht aushalten.“ Doch der Bodhisattva versetzte: „Das Leid, Nārada, das uns trifft, müssen wir auch aushalten“, und er sprach folgende dritte Strophe:

„Wer Leid erträgt zur Zeit des Leids
und sich vom Leid nicht lässt beherrschen,
erreicht, wenn dann das Leid zu Ende,
durch seine Weisheit wahres Glück.“

Doch Nārada erwiderte: „O Meister, das Glück der Sinne ist das höchste Glück; ich kann davon nicht ablassen.“ Darauf antwortete ihm der Bodhisattva: „Die Tugend darf man aus keiner Veranlassung zerstören“, und er sprach folgende vierte Strophe:

„Nicht durch die Lust nach Sinnlichkeit,
nicht durch des Schlechten Unterstützung,
nicht durch Preisgabe des Erreichten
darfst du die Heiligkeit zerstören.“

Nachdem so Sarabhariga mit diesen vier Strophen die Wahrheit erklärt hatte, sprach Kāladevala, um seinen jüngeren Bruder zu ermahnen, folgende fünfte Strophe:

„Gut sind der Hausbewohner Sorgen,
gut ist 's, wenn sie ihr Gut verteilen;
sie freuen sich nicht beim Gewinn
und sind nicht beim Verlust betrübt.“

In Erinnerung an die Ermahnung des Nārada durch Devala aber sprach der Meister, der völlig Erleuchtete, folgende sechste Strophe:

So sprach der schwarze Devala (Asita Devala)
mit solchen Worten weise Lehren;
doch gibt 's nichts Schlimmeres, als wenn
man fällt in die Gewalt der Sinne.

Darauf sagte Sarabhanga zu ihm: „Nārada, höre jetzt folgendes. Denn wer das nicht tut, was er zuerst tun müsste, der kommt in Leid und Trauer wie der junge Brahmane, der in den Wald gegangen war.“ Nach diesen Worten erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit:

Ehedem lebte in einem Flecken im Reiche Kasi ein junger Brahmane; der war sehr schön und war mit Stärke und Kraft ausgerüstet wie ein Elefant. Dieser dachte bei sich: „Was soll ich durch Ackerbau und ähnliche Arbeiten meine Eltern unterhalten, was soll ich mit Frau und Kindern, was soll ich Almosen geben und andere gute Werke tun? Ich will niemand mehr ernähren, kein gutes Werk mehr tun, sondern ich will in den Wald gehen, das Wild töten und mich allein ernähren.“ Mit fünffachen Waffen versehen zog er nach dem Himalaya und tötete und verzehrte dort mannigfache wilde Tiere. Im Himalaya kam er am Ufer des Flusses Vidhava an ein großes Tal, das von Bergen rings umgeben war; dort tötete er das Wild, briet das Fleisch auf Kohlen und verzehrte es. So lebte er dort.

Da kam ihm folgender Gedanke: „Ich werde nicht immer so bei Kräften sein; wenn ich aber schwach bin, werde ich nicht im Stande sein, in den Wald zu gehen. Darum will ich jetzt Wild von mancherlei Art in das Bergtal hineinbringen und dies mit einer Türe verschließen. So werde ich, ohne in den Wald zu gehen, nach Lust Wild töten und verzehren können.“ Und er tat so.

Als aber seine Zeit abgelaufen war, hatte seine Tätigkeit ihr Ende erreicht und alle Schmerzen dieser Welt befielen ihn: er konnte seine Hände und Füße nicht mehr benutzen, er konnte sich nicht auf die eine oder die andere Seite herumdrehen, er fand nichts mehr zu essen oder zu trinken. Sein Körper vertrocknete und er wurde zu einem menschlichen Gespenst; sein Körper bekam Sprünge und Risse wie die Erde zur Sommerzeit. So von hässlichem Aussehen und von hässlicher Gestalt litt er großes Unglück.

Während aber so die Zeit verging, dachte der König Sivi im Reiche Sivi: „Ich will im Walde Fleisch essen, das an Kohlen gebraten ist“; er übergab seinen Ministern die Regierung und zog mit den fünf Waffen versehen in den Wald, wo er Wild tötete und sein Fleisch verzehrte. Allmählich kam er auch an jene Stelle und sah den Mann. Er geriet in Furcht, doch fasste er sich wieder und fragte: „Holla, wer bist du?“ Jener antwortete: „O Herr, ich bin ein menschliches Gespenst und muss jetzt büßen für das, was ich selbst getan. Wer bist aber du?“ „Ich bin der König Sivi.“ „Zu welchem Zwecke bist du denn hierher gekommen?“ „Um Wildfleisch zu verzehren.“ Da sagte jener: „Auch ich, o Großkönig, bin aus demselben Grunde hierher gekommen und darum zu einem Menschengespenst geworden.“ Er erzählte ihm darauf alles ausführlich und sprach dann, um dem Könige sein Unglück zu schildern, die folgenden übrigen Strophen:

„Als sei ich in der Hand der Feinde,
so schlecht ergeht es, Siva, mir.
Arbeit, Geschicklichkeit und Wissen,
die Ehe und der Tugend Milde,
all diese Güter gab ich auf
und büße nun für meine Taten.

Wie einer, der tausend verloren,
beraubt der Freunde, ohne Zuflucht
hab ich die Menschlichkeit verloren
und irr umher wie ein Gespenst.

Durch Lust, die sich in Leid verwandelt,
gelangte ich in diesen Zustand
und nicht erreiche ich das Glück
gleich einem, der zu nah dem Feuer.“

Nach diesen Worten fügte er noch hinzu: „Ich, o Großkönig, habe aus Lust nach Befriedigung andere in Leid gestürzt und bin deshalb noch auf dieser Welt zu einem menschlichen Gespenst geworden. Tue du nicht mehr Böses, sondern kehre in deine Stadt zurück, spende Almosen und tue noch andere gute Werke.“ Der König tat so und gelangte dadurch in den Himmel.

Durch diese Erzählung belehrte der Meister Sarabhariga den Asketen. Dieser wurde durch die Erzählung mit Reue erfüllt, bezeigte ihm seine Verehrung und bat ihn um Verzeihung. Dann betätigte er die Mittel zur Herbeiführung der Ekstase und stellte die verlorene Fähigkeit zur Ekstase wieder her wie früher. Sarabhahga aber gestattete ihm nicht, dort wohnen zu bleiben, sondern nahm ihn mit sich und kehrte in seine Einsiedelei zurück.

Nachdem der Meister diese Unterweisung beschlossen und die Wahrheiten verkündigt hatte, verband er das Jātaka mit folgenden Worten (am Ende der Verkündigung der Wahrheiten aber gelangte jener unzufriedene Mönch zur Frucht der Bekehrung): „Damals war Nārada der unzufriedene Mönch, Sālissara war Sāriputta, Mendissara war Kassapa, Pabbata war Anuruddha, Kāladevala war Kaccana, Anusissa war Ananda, Kisavaccha war Mogallana, Sarabhanga aber war ich.“

Ende der Erzählung von den Sinnen