Jātaka 425

Die Erzählung von dem Unmöglichen (Atthana-Jātaka)

„Voll Lotos fließe still der Ganges“

Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf einen unzufriedenen Mönch. Diesen fragte nämlich der Meister: „Ist es wahr, Mönch, dass du unzufrieden bist?“, und erhielt zur Antwort: „Es ist wahr, o Herr.“ Als er weiter fragte: „Aus welchem Grunde“, erwiderte jener: „Wegen der Macht der sinnlichen Lust.“ Darauf sprach der Meister: „O Mönch, das weibliche Geschlecht ist undankbar, verräterisch und man darf ihm kein Vertrauen schenken. In der Vorzeit vermochten Weise, obwohl sie täglich tausend Kahapanas gaben, ein Weib nicht zu befriedigen. Als dies nämlich an einem einzigen Tage die tausend Geldstücke nicht erhielt, ließ es jenen am Halse packen und hinauswerfen. So undankbar ist das weibliche Geschlecht. Begib dich nicht um seinetwillen in die Gewalt der sinnlichen Lust.“ Nach diesen Worten erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, waren dessen Sohn, „der Prinz Brahmadatta“ (Brahmadattakumara), und der Sohn des Großkaufmanns von Benares, „Prinz Mahadhana“ (= „viel Geld“) (Mahadhanakumara) mit Namen, miteinander von Kindheit an befreundet; bei demselben Lehrer erlernten sie die Künste. Nach dem Tode seines Vaters kam der Prinz auf den Thron und der Sohn des Großkaufmanns weilte immer in seiner Nähe.

Zu Benares aber war eine Stadtschöne, eine Dirne von großer Schönheit und wunderbarem Liebreiz. Der Großkaufmannssohn gab ihr jeden Tag tausend Geldstücke und vergnügte sich die ganze Zeit mit ihr allein; auch als er nach seines Vaters Tode die Großkaufmannsstelle erhalten, gab er sie nicht auf, sondern schenkte ihr auch jetzt tausend Geldstücke jeden Tag und vergnügte sich mit ihr.

Jeden Tag ging er dreimal zum Könige, um ihm seine Aufwartung zu machen. Als er nun eines Tages am Abend sich zur Aufwartung des Königs begab und sich mit dem Könige unterhielt, ging inzwischen die Sonne unter und es wurde dunkel. Bei seinem Weggang aus dem königlichen Palast dachte er: „Jetzt ist keine Zeit mehr, nach Hause zu gehen und wiederzukommen; ich will sogleich in das Haus der Stadtschönen gehen.“ Er entließ seine Diener und trat in ihr Haus ein.

Als diese ihn sah, fragte sie ihn: „Du Sohn eines Edlen, hast du die tausend Geldstücke mitgebracht?“ Er antwortete: „Liebe, heute ist es zu spät geworden; darum ging ich nicht mehr nach Hause, sondern schickte meine Leute fort und bin allein hereingekommen. Morgen aber werde ich dir zweitausend bringen.“ Da dachte die Dirne: „Wenn ich ihm heute zu Willen bin, so wird er auch am anderen Tage mit leeren Händen kommen. Auf diese Weise wird mein Geld zugrunde gehen; ich werde ihm jetzt nicht zu Willen sein.“ Und sie sprach zu ihm: „Herr, ich bin eine Dirne; wenn man mir nicht tausend gibt, gibt es keine Ergötzung. Bringe uns die tausend!“ Er aber bat immer: „Liebe, morgen werde ich dir das Zweifache bringen.“ Da gab die Stadtschöne ihren Dienerinnen folgenden Auftrag: „Lasst diesen nicht hier stehen und mich anschauen; packt ihn am Halse, werft ihn hinaus und schließt die Türe!“ Sie taten so.

Da dachte der Jüngling: „Ich habe mit dieser die Summe von achthundert Millionen verschwendet, und nachdem ich an einem einzigen Tage mit leeren Händen kam, ließ sie mich am Halse packen und hinauswerfen. Ach, das weibliche Geschlecht ist schlecht, schamlos, undankbar und verräterisch!“ Während er aber so immer wieder an die Fehler des weiblichen Geschlechts dachte, verlor er den Gefallen daran; er bekam das Bewusstsein seiner Unreinheit und wurde auch unzufrieden mit dem Aufenthalt im Hause. Daher dachte er: „Was soll mir das häusliche Leben? Heute noch will ich fortgehen und die Welt verlassen.“ Ohne noch einmal nach Hause zu gehen und ohne den König nochmals zu besuchen, verließ er die Stadt und zog in den Wald. Am Ufer des Ganges erbaute er sich eine Einsiedelei, wurde Asket und erlangte die Fähigkeit zur Ekstase und die Erkenntnisse. Dort wohnte er, indem er sich von den Wurzeln und den Früchten des Waldes ernährte.

Als der König ihn nicht mehr sah, fragte er: „Wo ist mein Freund?“ Das Vorgehen der Stadtschönen aber war in der ganzen Stadt bekannt geworden. Man berichtete ihm also die Sache und sagte: „So, o Fürst, ist dein Freund aus Schamgefühl nicht zurückgekehrt, sondern in den Wald gegangen und Asket geworden.“ Der König ließ darauf die Stadtschöne zu sich rufen und fragte sie: „Ist es wahr, dass du, weil du an einem Tage die tausend Geldstücke nicht erhieltest, meinen Freund am Halse packen und hinauswerfen ließest?“ Sie antwortete: „Es ist wahr, o Fürst.“ Da sprach er: „Du Böse, du Verächtliche, begib dich rasch an den Ort, wo mein Freund hingegangen ist, und bringe ihn zurück. Wenn du ihn nicht zurückbringst, musst du sterben.“

Als sie des Königs Worte vernommen, wurde sie von Furcht erfüllt. Sie bestieg ihren Wagen, zog mit großem Gefolge aus der Stadt und suchte nach dem Orte, wohin er sich gewendet hatte. Als sie gerüchtweise davon erfahren, ging sie hin, begrüßte ihn ehrfurchtsvoll und bat ihn: „Edler, verzeihe mir meine Schuld, die ich aus blinder Torheit begangen; ich werde nicht wieder so tun.“ Er erwiderte: „Gut, ich verzeihe dir; ich habe keinen Zorn gegen dich.“ Da sagte sie: „Wenn Ihr mir verzeiht, so besteiget mit mir den Wagen. Wir wollen in die Stadt zurückkehren; wenn wir in die Stadt kommen, werde ich Euch alles Geld geben, das in meinem Hause ist.“

Als er ihre Worte vernommen, entgegnete er: „Liebe, jetzt kann ich nicht mehr mit dir gehen; wenn aber in dieser Welt das Unmögliche wahr würde, dann könnte auch ich mit dir gehen.“ Und er sprach folgende erste Strophe:

„Voll Lotos fließe still der Ganges,
wie Muscheln sei gefärbt der Kuckuck,
der Jambu trage Palmenfrüchte:
dann könnte dieses auch geschehen.“

Nach diesen Worten aber sagte sie abermals: „Komm, wir wollen gehen.“ Als er antwortete: „Wir werden ja gehen“, fragte sie: „Zu welcher Zeit?“ Da erwiderte er: „Zu der und der“, und er sprach die folgenden übrigen Strophen:

„Wenn man aus der Schildkröte Haaren
ein dreifaches Gewand kann weben
zum Schutze gegen Winterkälte,
dann könnte dieses auch geschehen.

Wenn aus den Zähnen der Moskitos
man einen starken Turm kann bauen,
der fest ist und sich wenig rührt,
dann könnte dieses auch geschehen.

Wenn aus der Hasen Hörnern
man 'ne feste Treppe könnte bauen,
um in den Himmel aufzusteigen,
dann könnte dieses auch geschehen.

Wenn auf 'ner Treppe aufwärts steigen
die Mäuse und den Mond auffressen
und Rāhu auch zu Falle bringen,
dann könnte dieses auch geschehen.

Wenn einen Topf voll Branntwein trinken
Mücken in dichtem Schwärme fliegend
und auf glühenden Kohlen wohnen,
dann könnte dieses auch geschehen.

Wenn Esel rote Lippen haben
und schön von Angesicht erscheinen,
wenn tanzen sie und singen lernen,
dann könnte dieses auch geschehen.

Wenn je die Krähen und die Eulen
zusammen plaudern im Geheimen
und gegenseitig sich verehren,
dann könnte dieses auch geschehen.

Wenn von des dünnen Strauches Blättern
der Schatten stark genug wird scheinen,
um auch den Regen abzuwehren,
dann könnte dieses auch geschehen.

Wenn je ein kleines Vögelein
den hohen Gandhamadana
in seinem Schnabel mit sich trüge,
dann könnte dieses auch geschehen.

Wenn ein Schiff, das das Meer befährt
und das still liegt vom Tau gehalten,
ein Knabe mit sich nehmen könnte,
dann könnte dieses auch geschehen.“

So sprach der Bodhisattva diese elf Strophen mit der Bestimmung dessen, was unmöglich ist. Als dies die Stadtschöne hörte, bat sie den Bodhisattva um Verzeihung, kehrte in die Stadt zurück und berichtete dem König die Begebenheit. Sie bat ihn um ihr Leben und erhielt es auch.

Nachdem der Meister diese Unterweisung beschlossen hatte, fügte er noch hinzu: „So, o Mönch, ist das weibliche Geschlecht undankbar und verräterisch.“

Dann verkündete er die Wahrheiten und verband das Jātaka mit folgenden Worten (am Ende der Verkündigung der Wahrheiten aber gelangte jener Mönch zur Frucht der Bekehrung): „Damals war der König Ananda, der Asket aber war ich.“

Ende der Erzählung von dem Unmöglichen