Jātaka 426

Die Erzählung von dem Panter (Dipi-Jātaka)

„Wie steht 's mit dir, wie ist dein Leben“

Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf eine Ziege. Zu einer Zeit nämlich weilte der Thera Mogallāna in einer Hütte in einem Bergtale, das von Bergen rings umgeben war und nur einen einzigen Eingang hatte. In der Nähe dieses Eingangs aber war sein Wandelgang.—

Damals nun dachten die Ziegenhirten: „Die Ziegen sollen hier umherwandeln“; sie ließen die Ziegen in das Bergtal hinein und trieben dort Kurzweil. Als diese nun eines Tages am Abend wiederkamen und mit den Ziegen sich entfernten, hatte eine Ziege, die etwas weiter entfernt sich aufgehalten hatte, nicht gemerkt, dass die Ziegen fortgingen, und war zurückgeblieben. Als sie hinterdrein ging, sah sie ein Panter und stellte sich an den Ausgang des Bergtales, um sie zu fressen. Auch die Ziege schaute nach allen Seiten hin und gewahrte den Panter. Da dachte sie: „Dieser steht da, weil er mich töten und auffressen will. Wenn ich umkehre und davonlaufe, bin ich verloren. Heute muss ich Mannesmut zeigen!“ Sie lief mit gesenkten Hörnern auf den Panter zu; als dieser auf sie lossprang, um sie von hier aus zu erfassen, entkam sie seinem Sprung, lief schnell davon und gelangte zu den anderen Ziegen zurück.

Der Thera, der ihr Tun beobachtet hatte, erzählte dies am andern Tage dem Vollendeten und sagte: „So, Herr, hat diese Ziege durch ihre Klugheit sich angestrengt und ist dadurch von dem Panter losgekommen.“ Da sprach der Meister: „Jetzt, Mogallana, konnte dieser Panter die Ziege nicht erhaschen; früher aber tötete er sie, die Schreiende, und fraß sie auf.“ Nach diesen Worten erzählte er auf die Bitte des Thera folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

Ehedem nahm der Bodhisattva in einem Dorfe in einer sehr wohlhabenden Familie seine Wiedergeburt. Als er herangewachsen war, gab er die Lüste auf, betätigte die Weltflucht der Weisen und erlangte die Fähigkeit zur Ekstase und die Erkenntnisse. Nachdem er lange im Himalaya geweilt, zog er, um sich mit Salz und Saurem zu versehen, nach Rājagaha. Dort erbaute er sich in einem Bergtale eine Einsiedelei und wohnte daselbst.

Dort ließen auf dieselbe Weise die Ziegenhirten ihre Ziegen weiden. Eines Tages sah ein Panter, wie eine Ziege hinter den anderen daherkam, und er stellte sich an den Ausgang, um sie aufzufressen. Als die Ziege ihn sah, dachte sie: „Heute ist mein Leben verloren; durch eine List muss ich mit ihm eine freundliche Unterhaltung beginnen, sein Herz erweichen und dadurch mein Leben retten.“ Und indem sie von ferne mit ihm eine Unterhaltung begann, sprach sie näher kommend folgende erste Strophe:

„Wie steht 's mit dir, wie ist dein Leben?
Geht es dir gut, mein lieber Onkel?
Die Mutter trug mir auf zu fragen;
wir wünschen, dass es wohl dir gehe.“

Als dies der Panter hörte, dachte er: „Diese Falsche möchte mich durch die Anrede ‚Onkel‘ betören; sie kennt nicht meine Grausamkeit.“ Und er sprach folgende zweite Strophe:

„Du hast mir auf den Schwanz getreten
und Kränkung zugefügt, du Ziege;
und weil du heute ‚Onkel‘ sagst,
glaubst du, ich werde dich verschonen.“

Da dies die andere hörte, entgegnete sie: „Onkel, sprich nicht so!“ und sie sprach folgende dritte Strophe:

„Den Kopf nach vorne sitzest du
und ich kam doch vor dein Gesicht,
den Schwanz jedoch trägst du nach hinten;
wie könnte ich wohl auf ihn treten?“

Doch der Panter erwiderte: „Was sagst du da, Ziege? Es gibt keinen Ort, wo mein Schwanz sich nicht befindet.“ Und er sprach folgende vierte Strophe:

„Soweit die vier Erdteile reichen
mit ihren Meeren, ihren Bergen,
soweit erstreckt sich auch mein Schwanz;
wie könntest du ihn da verfehlen?“

Als dies die Ziege hörte, dachte sie: „Dieser Bösewicht wird durch meine süßen Worte nicht gebeugt; jetzt will ich reden als seine Feindin.“ Und sie sprach folgende fünfte Strophe:

„In frührer Zeit verkündigten
mir Mutter, Vater und die Brüder:
Lang ist des Bösewichtes Schweif.
Drum bin ich durch die Luft gekommen.“

Doch der Panter erwiderte: „Ich weiß schon, wie du durch die Luft herbeigekommen bist; während du so daherkamst, hast du mir die Beute genommen.“ Und er sprach folgende sechste Strophe:

„Als sie dich sahen, wie du, Ziege,
hoch durch den Luftraum kamst herbei,
da flüchteten der Tiere Scharen;
der Nahrung hast du mich beraubt.“

Als dies die Ziege hörte, jammerte sie, da sie voll Todesfurcht keinen anderen Grund mehr angeben konnte: „Onkel, begehe nicht eine so grausame Tat; schenke mir das Leben!“ Doch der andere packte sie, während sie noch klagte, an der Schulter, tötete sie und fraß sie auf.

Und eben dort, während die Ziege
noch klagte, der Blutgierige
zermalmte ihr die Kehle; denn
nicht gilt ein gutes Wort beim Bösen.

Nicht hat Klugheit Erfolg beim Bösen,
auch nicht das Recht und gute Worte.
Besiegt die Bösen nur im Kampf;
denn nicht bezwingt sie kluge Rede.

Der Asket aber sah die ganze Begebenheit mit an.

Nachdem der Meister diese Unterweisung beschlossen, verband er das Jātaka mit folgenden Worten: „Die damalige Ziege war dieselbe wie die jetzige, auch der Panter war derselbe wie jetzt; der Asket aber war ich.“

Ende der Erzählung von dem Panter