Jātaka 431

Die Erzählung von Harita (Harita-Jātaka)

„Ich habe dies gehört, Brahmane“

Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf einen unzufriedenen Mönch. Dieser Mönch nämlich hatte ein geschmücktes Weib gesehen und war dadurch unzufrieden geworden; er ließ sich die Haare am Körper, die Nägel und die Kopfhaare lang wachsen und wollte wieder den Orden verlassen.

Seine Lehrer und Unterweiser führten ihn gegen seinen Willen zum Meister. Als dieser ihn fragte: „Ist es wahr, Mönch, dass du unzufrieden bist?“ und er zur Antwort gab: „Ja, es ist wahr, Herr“, fragte dieser weiter: „Was hat dich unzufrieden gemacht?“ Da jener erwiderte: „Die Gewalt der sinnlichen Lust, nachdem ich ein geschmücktes Weib gesehen“, sprach der Meister: „O Mönch, die sinnliche Lust zerstört die Tugenden, sie bringt Unglück und bewirkt die Wiedergeburt in der Hölle. Warum soll aber diese Lust dich nicht belästigen? Der Wind, der den Sineru-Berg bewegt, schämt sich ja auch nicht, ein altes Blatt mitzunehmen. Infolge dieser Lust vermochten selbst Helden der Reinheit, die der Einsicht ihrer Erkenntnis gemäß wandelten und die fünf Erkenntnisse nebst den acht Vollkommenheiten erlangt hatten, nicht die Besinnung zu behalten und verloren die Fähigkeiten zur Ekstase.“ Nach diesen Worten erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, nahm der Bodhisattva in einem Flecken in einer achthundert Millionen besitzenden Brahmanenfamilie seine Wiedergeburt. Wegen seiner goldenen Hautfarbe gab man ihm den Namen „Prinz Harittaca“ (= „Goldhaut“) . Nachdem er herangewachsen war und zu Takkasilā die Künste erlernt hatte, wählte er den häuslichen Beruf. Als er aber nach dem Tode seines Vaters sein Vermögen betrachtete, kam ihm folgender Gedanke: „Geld ist ja vorhanden; diejenigen aber, die dieses Geld erworben haben, sind nicht mehr da. Auch ich muss durch den Tod zu Staub zermalmt werden.“ Von Todesfurcht ergriffen spendete er ein großes Almosen, zog nach dem Himalaya und wurde Asket. Am siebenten Tage erlangte er die Erkenntnisse und die Vollendungen.

Nachdem er dort lange von den Wurzeln und Früchten des Waldes gelebt, stieg er, um sich mit Salz und Saurem zu versehen, vom Berge herab und gelangte allmählich nach Benares. Hier verbrachte er im Parke des Königs die Nacht und ging am nächsten Tage umher, um Almosen zu sammeln. Dabei kam er auch an das Tor des königlichen Palastes. Als ihn der König sah, ließ er voll Befriedigung ihn zu sich rufen; auf seinem königlichen Polster unter dem ausgespannten weißen Sonnenschirm wies er ihm seinen Platz an und setzte ihm Speise von verschiedenartigem, höchstem Wohlgeschmack vor. Am Schlusse der Danksagung wurde er noch mehr über ihn erfreut und er fragte ihn: „Wohin geht Ihr, Herr?“ Als der Asket antwortete: „O Großkönig, wir suchen nach einem Orte, um dort die Regenzeit zuzubringen“, versetzte er: „Gut, Herr.“ Nach dem Frühmahle begab er sich mit ihm nach seinem Parke, ließ für ihn dort Plätze für den Aufenthalt bei Nacht und für den Aufenthalt bei Tage anlegen und gab ihm den Parkwächter zum Diener; darauf grüßte er ihn ehrfurchtsvoll und entfernte sich. Von da an lebte der Bodhisattva dort zwölf Jahre lang, indem er beständig im Palaste des Königs sein Mahl einnahm.

Einmal aber musste der König fortziehen, um ein abgefallenes Grenzland wieder zu unterwerfen. Er übergab die Pflege des Bodhisattva seiner Gattin mit den Worten: „Pflege sorgfältig unser Feld der guten Werke“, und reiste ab. Von da an bewirtete sie den Bodhisattva mit eigener Hand.

Eines Tages, als sie das Mahl zubereitet hatte und der Asket lange ausblieb, badete sie sich mit wohlriechendem Wasser, zog ein weiches, frisch gereinigtes Gewand an und ließ das Fenster öffnen, damit der Wind über ihren Körper hinstreiche. So lag sie auf einem kleinen Sofa. Etwas später als sonst kam der Bodhisattva, unten und oben gut gekleidet und seine Almosenschale in der Hand, durch die Luft herbei und gelangte an das Fenster. Als die Königin das Geräusch von seinem Bastgewand vernahm, stand sie rasch auf; dabei entfiel ihr das glänzende Gewand (Vgl. die ähnliche Schilderung im Jātaka 66).

Da traf das Auge des Bodhisattva dieser unpassende Anblick; die Begierde, die viele hunderttausend Millionen von Jahren in ihm geschlummert hatte, erhob sich wie eine giftige Schlange in einem Korbe und bewirkte, dass die Fähigkeit zur Ekstase in ihm verschwand. Er konnte seine Besinnung nicht behalten und fasste die Königin bei der Hand; sogleich aber brachte man ein Zelt rings um sie an. Nachdem er sich in weltlicher Weise mit ihr vergnügt, nahm er sein Mahl ein und kehrte dann in den Park zurück; und von da an tat er täglich so.

Dass er sich aber mit der Königin verging, wurde in der ganzen Stadt bekannt. Die Minister sandten dem Könige einen Brief, der Asket Harita habe so getan. Der König aber dachte: „Sie reden so, weil sie mich mit ihm entzweien wollen“, und glaubte ihnen nicht.—Als er bei seiner Rückkehr von der Unterwerfung des Grenzlandes die Stadt von rechts umfahren hatte, ging er zu seiner Gemahlin und fragte sie: „Ist es wahr, dass mein edler Asket Harita sich mit dir vergangen hat?“ Sie antwortete: „Es ist wahr, o Fürst.“ Er aber glaubte auch ihr nicht, sondern dachte: „Ich muss ihn selbst fragen.“ Er ging nach dem Parke, begrüßte den Asketen ehrfurchtsvoll und setzte sich ihm zur Seite. Dann sprach er, um ihn zu fragen, die folgende erste Strophe:

„Ich habe dies gehört, Brahmane,
in Lüsten lebe Harita.
Ist etwa diese Rede grundlos
und wandelst du in Reinheit noch?“

Da dachte jener: „Auch wenn ich sagen würde, ich diene den Lüsten nicht, so würde mir dieser König glauben. In dieser Welt aber gibt es keine Hilfe, die der Wahrheit gliche. Denn wer die Wahrheit verleugnet, der erlangt die Erleuchtung nicht, auch wenn er schon auf dem Boden der Erleuchtung säße. Ich muss nur die Wahrheit sagen.“ Bei dem Bodhisattva nämlich kommt manchmal auch die Tötung lebender Wesen oder das Wegnehmen von Dingen, die ihm nicht gegeben wurden, oder unzüchtiger Wandel oder Branntwein Trinken vor; Lügen aber mit absichtlicher Täuschung, die die Wirklichkeit aufhebt, gibt es nicht bei ihm. Darum sprach er, um die reine Wahrheit zu sagen, folgende zweite Strophe:

„Gerade so verhält es sich,
wie du gehört hast, großer König;
auf bösen Weg bin ich geraten,
gesunken in die falschen Lüste.“

Als dies der König hörte, sprach er folgende dritte Strophe:

„Wozu ist denn die Weisheit nütze,
die klare, die das Gute sucht,
wenn sie die aufgestiegne Lust
nicht irgendwie kann unterdrücken?“

Um ihm die Stärke der Lust zu schildern, sprach jener folgende vierte Strophe:

„Vier Dinge sind es, großer König,
die auf der Welt sind allgewaltig;
Die Lust, die Schuld, Rausch und Verblendung;
da kann die Weisheit nicht bestehen.“

Als dies der König hörte, sprach er folgende fünfte Strophe:

„Als Heiliger, der Tugend voll,
in Reinheit wandelt Harita,
weise ist er und einsichtsvoll;
drum bist du, Herr, bei uns geehrt.“

Darauf sprach Harita folgende sechste Strophe:

„Auch einen weisen Seher, König,
der sich an Tugend nur erfreut,
böser Gedanke bringt zu Falle,
der reizvoll ist mit Lust gepaart.“

Um ihn aber zum Aufgeben der sinnlichen Lust zu befähigen, sprach der König folgende siebente Strophe:

„Die Lust, die in dem Körper dein
aufstieg, raubt dir der Tugend Glanz.
Drum lass sie fahren, Heil sei dir;
dich Weisen werden viele ehren.“

Dadurch kam der Bodhisattva wieder zur Besinnung; er sah den Schaden ein, den die Lüste bringen, und sprach folgende achte Strophe:

„Die Lüste, die den Blick verfinstern,
die unglücksvoll und giftgeschwollen,
die Wurzel such ich auf von ihnen
und reiß sie aus samt ihren Fesseln.“

Nach diesen Worten aber sagte er: „O Großkönig, gib mir jetzt Erlaubnis dazu“; und als er die Erlaubnis erhalten, ging er in seine Laubhütte hinein, blickte scharf auf den zur Erregung der Ekstase dienenden Kreis und erlangte so die Fähigkeit zur Ekstase wieder. Hierauf kam er wieder aus seiner Laubhütte hervor, setzte sich in der Luft mit gekreuzten Beinen nieder, erklärte dem König die Wahrheit und sprach: „O Großkönig, weil ich an einem für mich unpassenden Platze wohnte, zog ich mir inmitten einer großen Volksmenge Tadel zu. Strebe ohne Unterlass! Jetzt werde ich wieder in meinen Wald zurückkehren, der frei ist vom Duft des Weibes.“ Während der König darüber weinte und klagte, begab er sich in den Himalaya und gelangte dann in die Brahma-Welt.

Als der Meister diese Begebenheit kennen gelernt hatte, sprach er, der völlig Erleuchtete, folgende Strophe:

Nachdem Harita so gesprochen,
der Weise, der für Wahrheit stritt,
gab er die Lust auf und Begierde
und kam so in den Brahma-Himmel.“

Dann verkündete er die Wahrheiten und verband das Jātaka mit folgenden Worten (am Ende der Verkündigung der Wahrheiten aber gelangte jener unzufriedene Mönch zur Heiligkeit): „Damals war der König Ananda, Harita aber war ich.“

Ende der Erzählung von Harita