Jātaka 433

Die Erzählung von Lomasakassapa (Lomasakassapa-Jātaka)

„Dem Indra wirst du gleichen, König“

Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf einen unzufriedenen Mönch. Als diesen nämlich der Meister fragte: „Ist es wahr, o Mönch, dass du unzufrieden bist?“, und zur Antwort erhielt: „Es ist wahr“, sprach er: „O Mönch, auch die mit Ruhm Bedeckten stürzen in Ruhmlosigkeit. Die Begierden nämlich machen auch ganz reine Wesen befleckt; um wie viel mehr Leute wie du bist?“ Nach diesen Worten erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

Ehedem waren der Sohn des Königs Brahmadatta von Benares, „Prinz Brahmadatta“ (Brahmadattakumara) mit Namen, und der Sohn des Hauspriesters namens „Kassapa“ miteinander befreundet und erlernten bei demselben Lehrer alle Künste. In der Folgezeit bestieg der Prinz nach seines Vaters Tode den Thron. Da dachte Kassapa: „Mein Freund ist König geworden; jetzt wird er mir große Macht verleihen. Was soll mir aber die Macht? Ich will mich von meinen Eltern und dem Könige verabschieden und die Welt verlassen.“ Nachdem er vom Könige sowie von seinen Eltern Abschied genommen, zog er nach dem Himalaya und betätigte die Weltflucht der Weisen. Am siebenten Tage schon erlangte er die Erkenntnisse und die Vollkommenheiten. Er lebte dort, indem er sich von den übrig gebliebenen Ähren ernährte. Den Asketen nannte man aber „Lomasakassapa“ (der behaarte Kassapa).

Er war ein Büßer, der seine Sinne wohl abgetötet hatte und eifrig Askese übte. Infolge des Glanzes seiner Askese aber erzitterte der Palast Sakkas. Gott Sakka dachte über den Grund nach; da sah er jenen und dachte: „Dieser Asket verbreitet allzu hellen Glanz und könnte mich von meiner Sakka-Würde verdrängen; vereint mit dem König von Benares will ich seine Askese zerstören.“ Durch seine göttliche Macht trat er zur Mitternachtszeit in das Schlafgemach des Königs von Benares und erfüllte das ganze Gemach mit dem Glanze seines Körpers.

In der Nähe des Königs in der Luft stehend weckte er den König auf mit den Worten: „Stehe auf, o Großkönig!“ Als dieser fragte: „Wer bist du?“, antwortete er: „Ich bin Sakka.“ „Warum bist du gekommen?“ „O Großkönig, wünschst du auf dem ganzen Jambu-Erdteil die Alleinherrschaft zu erhalten oder wünschst du es nicht?“ „Warum sollte ich es nicht wünschen?“

Darauf versetzte Sakka: „Bringe darum den Lomasakassapa herbei und lasse ihn ein Opfer aus getöteten Tieren darbringen; dann wirst du göttergleich werden, ohne zu altern oder zu sterben, und wirst auf dem ganzen Jambu-Erdteil die Herrschaft ausüben.“ Und er sprach zu ihm folgende erste Strophe:

„Dem Indra wirst du gleichen, König,
nie wirst du altern, wirst nie sterben,
wenn du ein Opfer lässt verrichten
durch den Asketen Kassapa.“

Als der König seine Worte vernommen, stimmte er freudig bei. Sakka sagte noch: „Tue es aber ohne Zögern“, und entfernte sich.

Am andern Tage rief der König einen Minister namens „Sayha“ zu sich und gab ihm folgenden Auftrag: „Lieber, begib dich zu meinem teuren Freunde Lomasakassapa und sage zu ihm in meinem Namen: ‚Der König will durch Euch ein Opfer darbringen lassen, um dadurch auf dem ganzen Jambu-Erdteil der Alleinherrscher zu werden. Auch Euch wird er so viel Land geben als Ihr wünscht. Gehet mit mir, um das Opfer darzubringen.‘“ Jener versetzte: „Gut, o Fürst.“ Um den Aufenthaltsort des Asketen zu erfahren, ließ er in der Stadt die Trommel herumgehen. Als ein Jäger sagte, er kenne ihn, ließ er ihn den Führer machen und zog mit großem Gefolge dorthin. Hier bezeigte er dem Asketen seine Ehrfurcht und richtete ihm, während er neben ihm saß, seinen Auftrag aus.

Der Asket aber wies ihn zurück mit den Worten: „Sayha, was sagst du da?“, und er sprach folgende vier Strophen:

„Die Erde, die vom Meer umgrenzet,
die rings der Ozean umgibt,
die wünsche man sich nicht zur Schande;
dies merke, Sayha, dir genau.

Pfui über dieses Ruhm Erlangen
und Geld Erlangen, o Brahmane,
wenn durch Strafwürdiges, durch Laster
man sich den Unterhalt erwirbt.

Wenn man mit der Almosenschale
das Haus verlässt, der Welt entsagt,
so ist dies Leben besser wohl,
als durch das Laster satt zu werden.

Wenn man mit der Almosenschale
das Haus verlässt, der Welt entsagt
und niemand auf der Welt verletzt,
so ist dies besser als ein Thron.“

Als der Minister seine Worte vernommen, ging er weg und meldete es dem Könige. Der König dachte: „Wenn er nicht kommt, was kann man da tun?“, und blieb stumm.

Da kam abermals zur Mitternachtszeit Gott Sakka und sprach, in der Luft stehend: „Wie, o Großkönig, hast du nicht den Lomasakassapa herbefohlen, damit er das Opfer vollbringe?“ Der König antwortete: „Obwohl ich nach ihm schickte, kommt er nicht.“ Da sagte der Gott: „O Großkönig, schmücke deine Tochter, die „Prinzessin Candavati“ (Candavatikumari), schicke sie mit Sayha und lasse diesen sagen: ‚Wenn du kommst und das Opfer verrichtest, wird dir der König diese Prinzessin geben.‘ Sicherlich wird er sich in die Prinzessin verlieben und hierher kommen.“

Der König gab mit Freuden seine Zustimmung und schickte am nächsten Tage seine Tochter mit Sayha fort. Dieser begab sich mit dem Mädchen zu dem Asketen, begann ein liebenswürdiges Gespräch mit ihm und zeigte ihm die einem Göttermädchen gleichende Königstochter. Dann trat er zur Seite. Der Asket gab die Hut über seine Sinne auf und schaute sie an; bei diesem Blicke aber verliebte er sich in sie und er verlor die Fähigkeit zur Ekstase.

Als der Minister dessen Verliebtheit erkannte, sprach er: „Herr, wenn Ihr das Opfer vollbringt, so wird der König dies Mädchen zu Eurer Sklavin machen und Euch schenken.“ Vor Begierde zitternd sagte der Asket: „Diese wird er mir schenken?“ „Ja“, antwortete Sayha, „wenn du das Opfer vollbringst, wird er sie dir schenken.“ Darauf sprach der Asket: „Gut; wenn ich sie erhalte, will ich opfern.“ Er nahm sie mit sich, bestieg mit den Flechten, die er noch trug, den Wagen und fuhr nach Benares.

Der König aber hatte gehört, dass er komme, und ließ auf dem Opferherde alles herrichten. Als er ihn kommen sah, sagte er: „Wenn Ihr das Opfer darbringt, werde ich dem Gotte Indra gleich werden; nach Beendigung des Opfers aber werde ich Euch meine Tochter geben.“ Kassapa gab mit Freuden seine Zustimmung.

Am nächsten Tage ging der König mit ihm und der Prinzessin Candavati nach dem Opferherde. Dort waren Elefanten, Pferde, Büffel usw., kurz alle Arten der vierfüßigen Tiere der Reihe nach aufgestellt. Kassapa wollte gerade beginnen, sie alle zu töten und abzuschlachten und so das Opfer zu vollbringen. Als ihn aber die dort versammelte Volksmenge sah, rief sie: „Dies ist unpassend und unziemlich für dich, Lomasakassapa; was tust du denn da?“ Und klagend sprachen die Leute folgende zwei Strophen:

„Stark ist der Mond, stark ist die Sonne,
stark sind Asketen und Brahmanen,
gar stark ist auch des Meeres Ufer,
doch, ach, am stärksten sind die Weiber.

Denn den Lomasakassapa,
den weisen, heiligen Asketen,
zum Opfern hat Candavati
veranlasst um des Vaters willen.“

In diesem Augenblick hob Kassapa, um das Opfer darzubringen, das kostbare Messer, indem er es dem königlichen Elefanten in den Hals stoßen wollte. Als dies der Elefant sah, stieß er von Todesfurcht erfüllt ein lautes Gebrüll aus. Als sie dessen Stimme hörten, erhoben auch die übrigen Elefanten, Pferde und Büffel aus Todesangst ein Gebrüll und die Volksmenge schrie auch. Da nun Kassapa dies laute Geschrei hörte, geriet er in Aufregung und schaute seine Haarflechten usw. an. Da zeigten sich ihm seine Haarflechten, sein Bart, seine Haare an Leib und Brust. Er machte sich Vorwürfe und sagte: „Fürwahr, ein unpassendes, bösen Werk habe ich getan!“ Und indem er seine Erregung kund tat, sprach er folgende achte Strophe:

„Dies Werk, das nur durch Gier veranlasst,
das ausgeht von der Lust, ist grausam.
Aufsuchen will ich seine Wurzel,
vom Grund ausrotten die Begierde!“

Darauf sprach der König zu ihm: „Habe keine Angst, Freund! Jetzt werde ich dir die Prinzessin Candavati und das Königreich und dazu einen Haufen von den sieben Arten der Kostbarkeiten geben. Bringe das Opfer dar!“ Als dies Kassapa hörte, antwortete er: „O Großkönig, mich verlangt nicht nach dieser Befleckung“, und er sprach folgende Schlussstrophe:

„Ein Pfui den Lüsten, die so stark auf Erden;
Abtötung ist wohl besser als Begierde.
Abtötung üb ich jetzt, die Lust verlass ich;
behalte du dein Reich und deine Tochter.“

Nach diesen Worten betätigte er die Mittel zur Herbeiführung der Ekstase und erlangte so die verloren gegangene Fähigkeit zur Ekstase wieder. Hierauf setzte er sich in der Luft mit gekreuzten Beinen nieder, predigte dem Könige die Wahrheit und ermahnte ihn zum Eifer im Guten. Den Opferherd ließ er zerstören und gab so Vielen die Befreiung vom Tode. Trotz der Bitten des Königs flog er sodann in die Luft empor und kehrte an seinen Wohnort zurück. Zeitlebens betätigte er die Vollendungen und gelangte darauf in die Brahma-Welt.

Nachdem der Meister diese Unterweisung beschlossen und die Wahrheiten verkündigt hatte, verband er das Jātaka mit folgenden Worten (am Ende der Verkündigung der Wahrheiten aber gelangte jener unzufriedene Mönch zur Heiligkeit): „Damals war der große Minister Sayha Sāriputta, Lomasakassapa aber war ich.“

Ende der Erzählung von Lomasakassapa