Jātaka 434

Die Erzählung von der Goldgans (Cakkavaka-Jātaka)

„Die Vögel grüß ich mit den gelben Kleidern“

Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf einen gierigen Mönch. Dieser nämlich war gierig und ganz versessen auf Gaben. Unter Vernachlässigung seiner Pflichten gegen seine Lehrer und Unterweiser ging er schon in der Frühe nach Savatthi hinein und genoss im Hause der Visakha vorzüglichen Reisschleim mit vielen Kuchen als Zukost. Nachdem er dann untertags noch Reiskörner, Fleisch und Reisbrei von verschiedenem höchstem Wohlgeschmack gegessen, ging er, auch damit noch nicht zufrieden, in das Haus des Culla-Anāthapindika oder des Königs von Kosala und bettelte dort.

Eines Tages nun begannen in der Lehrhalle die Mönche ein Gespräch wegen seiner Essgier. Da kam der Meister und fragte: „Zu welcher Unterhaltung, ihr Mönche, habt ihr euch jetzt hier versammelt?“ Als sie antworteten: „Zu der und der“, ließ er jenen Mönch zu sich rufen und fragte: „Ist es wahr, dass du so gierig bist?“ Als dieser erwiderte: „Es ist wahr, Herr“, sprach der Meister: „O Mönch, warum bist du gierig? In der Vorzeit wurdest du infolge deiner Gier zu Benares durch die Körper von Elefanten u. dgl. nicht befriedigt, sondern verließest diesen Ort, zogst am Gangesufer entlang und kamst bis in den Himalaya.“ Nach diesen Worten erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, nährte sich eine gierige Krähe zu Benares beständig von den Leichnamen von Elefanten u. dgl. Damit war sie aber nicht zufrieden, sondern sagte: „Am Gangesufer will ich Fischfett fressen“, und verzehrte dort tote Fische. Nachdem sie ein paar Tage dort verweilt, zog sie nach dem Himalaya, wo sie sich von mannigfachen Waldfrüchten ernährte. Dabei gelangte sie auch an einen großen Lotosteich, der voll war von Fischen und Schildkröten. Dort sah sie zwei Goldgänse von goldener Farbe, die Wasserpflanzen verzehrten und dort wohnten. Da dachte sie: „Diese Vögel sind von überaus schöner Farbe und von großer Schönheit; ihre Nahrung wird angenehm sein. Ich will sie nach ihrer Nahrung fragen und diese selbst verzehren; so werde ich auch goldfarbig werden.“

Darauf ging sie zu ihnen hin, begann eine liebenswürdige Unterhaltung mit ihnen und sprach, auf dem Ende eines Zweiges sitzend, folgende zu ihrem Lob passende erste Strophe:

„Die Vögel grüß ich mit den gelben Kleidern,
die ihr zu zweien wandelt voller Freude;
mit welchem Namen preist man euch, ihr Vögel,
unter den Menschen? Sagt mir dieses, bitte!“

Als dies die eine Goldgans hörte, sprach sie folgende zweite Strophe:

„Einträchtige Goldgänse nennt man uns
unter den Menschen, Menschenschädiger;
ob unsrer Güte ehren uns die Vögel,
nicht Furcht erregend weilen wir am Wasser.“

Da dies die Krähe hörte, sprach sie folgende dritte Strophe:

„Wie, was für Früchte esst ihr in dem Wasser
und wessen Fleisch verzehrt ihr, goldne Gänse?
Von welcher Speise nährt ihr euch, ihr Hohen?
Denn groß an Stärke scheint ihr und an Schönheit.“

Darauf sprach die Goldgans folgende vierte Strophe:

„Nicht Früchte gibt 's im Wasser, du Krummschnabel,
und wessen Fleisch sollten wir Gänse fressen?
Wir essen Wasserpflanzen ohne Rinde,
der Nahrung wegen tuen wir nichts Böses.“

Darauf sprach die Krähe die beiden folgenden Strophen:

„Dieses gefällt mir nicht, ihr goldnen Gänse.
Ich glaubte früher, eurem Aussehn gliche
die Nahrung, die ihr habt; jetzt weiß ich 's anders.
Doch jetzt noch bin darüber ich im Zweifel.

Denn ich ernähre mich von Fleisch und Früchten,
von Speisen, die mit Salz und Öl bereitet.
Ich raube bei den Menschen mir das Beste,
so wie ein Held, der in der Schlacht gesiegt;
und doch besitz ich nicht die Schönheit,
wie du sie hast, du goldne Gans.“

Um aber der Krähe zu erklären, warum sie nicht mit Schönheit ausgestattet, sie selbst aber so schön sei, sprach die Goldgans folgende übrige Strophen:

„Unrein ist deine Nahrung, rasch erhascht,
mit Anstrengung erhältst du Trank und Speise;
zufrieden bist du nicht mit Baumesfrüchten
und mit dem Fleisch, das auf dem Leichenfelde.

Wer mit Gewalt die Nahrung nur erhält
und sie verzehrt im Augenblick erhascht,
der ist im Innern nicht damit zufrieden
und voll Verdruss verliert er Kraft und Schönheit.

Doch wer auch wenig nur verzehrt im Frieden
ohne Gewalt, die andern nicht verletzend,
bei dem gedeiht die Schönheit wie die Kraft;
denn nicht allein vom Essen kommt die Schönheit.“

So tadelte die Goldgans auf mancherlei Art dir Krähe. Trotz des Tadels aber erwiderte die Krähe: „Ich brauche deine Schönheit nicht“, und krächzend flog sie davon.

Nachdem der Meister diese Unterweisung beschlossen und die Wahrheiten verkündigt hatte, verband er das Jātaka mit folgenden Worten (am Ende der Wahrheitsverkündigung aber gelangte jener gierige Mönch zur Frucht der Nichtrückkehr): „Damals war die Krähe der gierige Mönch, die weibliche Goldgans war die Mutter Rāhulas, die männliche Goldgans aber war ich.“

Ende der Erzählung von der Goldgans