Jātaka 435

Die Erzählung von der gelben Gier (Haliddiraga-Jātaka)

„Gut hältst du in dem Walde aus“

Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf die Verlockung durch ein törichtes Mädchen.

Die Begebenheit wird im dreizehnten Buche im Cullanarada-Jātaka (Jātaka 477) erzählt werden.

Als aber in der Begebenheit aus der Vergangenheit das Mädchen bei dem Asketensohn die Tugend zerstört hatte und merkte, dass er in ihrer Gewalt sich befinde, dachte sie: „Ich will ihn täuschen und ihn dadurch in das Bereich der Menschen zurückbringen.“ Und sie sagte zu ihm: „Im Walde, wo die durch Schönheit u. dgl. erzeugte Lust ausgeschlossen ist, ist es kein großes Verdienst, die Tugend zu bewahren; aber im Bereich der Menschen, wo es Schönheit u. dgl. zu sehen gibt, da bringt dies reiche Frucht. Komm, gehe mit mir dorthin und bewahre dort deine Tugend; was sollst du im Walde?“ Darauf sprach sie folgende erste Strophe:

„Gut hältst du in dem Walde aus,
wo weitab von der Welt du wohnst;
doch die im Dorfe halten aus,
die sind wohl größer noch als du.“

Als dies der Asketenknabe hörte, antwortete er: „Mein Vater ist in den Wald gegangen; wenn er zurückkommt, will ich mich von ihm verabschieden und fortgehen.“ Da dachte sie: „Er hat auch einen Vater; wenn dieser mich sieht, wird er mich mit den Stricken seiner Tragstange schlagen und mich verderben. Ich muss zuerst fortgehen.“ Und sie sprach zu ihm: „Darum will ich am Wege dir ein Zeichen geben und zuerst weggehen; komme du hinterdrein!“

Als sie aber fort gegangen war, holte jener kein Holz und stellte auch kein Wasser auf, sondern er saß nur nachdenklich da, und als sein Vater kam, ging er ihm nicht entgegen, um ihn zu begrüßen. Da merkte sein Vater, dass er in eines Weibes Gewalt geraten sei, und er fragte: „Mein Lieber, warum hast du kein Holz geholt und kein Wasser und keine Speisen aufgestellt, sondern sitzest immer nachdenklich da?“ Der Asketenknabe erwiderte: „Vater, im Walde die Tugend zu bewahren, bringt keine große Frucht, aber im Bereiche der Menschen ist es ein großes Verdienst. Ich will dorthin gehen und dort die Gebote halten. Mein Freund hat mir gesagt: ‚Komme nach‘, und ist vorausgegangen; ich will mit ihm gehen. Wenn ich aber dort weile, wie beschaffen muss der Mann sein, dem ich dienen soll?“ Und indem er dieses fragte, sprach er folgende zweite Strophe:

„Wenn ich vom Walde komm ins Dorf,
wie soll beschaffen sein der Mann,
dem ich dort dienen soll, mein Vater?
O sag es mir, der ich dich frage!“

Um ihm dies mitzuteilen, sprach der Vater die folgenden übrigen Strophen:

„Wer dir Vertrauen zeigt, mein Sohn,
wer mit dir freundlich hat Geduld,
wer auf dich hört, langmütig ist,
dem diene, wenn von hier du scheidest.

Wer mit dem Körper, mit der Zunge
und mit dem Geist nichts Böses tut,
wer an sein Herz dich freundlich nimmt,
dem diene, wenn von hier du scheidest.

Wer in Gerechtigkeit nur wandelt,
auch wenn er drum wird nicht geehrt,
wer Reines tut und voll von Weisheit,
dem diene, wenn von hier du scheidest.

Wer gelber Gier voll wie ein Affe,
und wer bald Lust, bald Unlust zeigt,
dem Manne diene nicht, mein Sohn,
auch wenn du einsam müsstest sein.

Wie, wenn sie zürnt, die gift'ge Schlange,
wie einen kotbeschmutzten Weg
so halt ihn fern von dir, so wie
ein Fuhrmann meidet schlechte Straßen.

In Schaden stürzt man mehr und mehr,
wenn man zu sehr dem Toren dient.
Befreunde dich nicht mit dem Toren,
behandl' ihn stets als einen Feind.

Darum, mein Sohn, möcht ich dich bitten,
o handle doch nach meinen Worten!
Befreunde dich nicht mit den Toren;
denn Unglück bringt der Toren Freundschaft.“

Als der Junge so von seinem Vater ermahnt wurde, sagte er: „Vater, wenn ich zu dem Bereich der Menschen gehe, werde ich keinen Weisen finden, der dir gleicht. Ich fürchte mich, dorthin zu gehen; hier nur, bei Euch will ich bleiben.“ Nachdem ihn aber sein Vater noch mehr ermahnt, lehrte er ihn die Mittel zur Herbeiführung der Ekstase. Nach kurzer Zeit erlangte jener die Erkenntnisse und die Vollkommenheiten und gelangte dann mit seinem Vater in den Brahma-Himmel.

Nachdem der Meister diese Unterweisung beschlossen und die Wahrheiten verkündigt hatte, verband er das Jātaka mit folgenden Worten (am Ende der Wahrheitsverkündigung aber gelangte jener Unzufriedene zur Frucht der Bekehrung): „Damals war der Asketenknabe der unzufriedene Mönch, das Mädchen war dasselbe, der Vater aber war ich.“

Ende der Erzählung von der gelben Gier