Jātaka 436

Die Erzählung von dem Korbe (Samugga-Jātaka)

„Holla, wo kommt ihr her da?“

Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf einen unzufriedenen Mönch. Als diesen nämlich der Meister fragte: „Ist es wahr, o Mönch, dass du unzufrieden bist?“, und zur Antwort erhielt: „Es ist wahr, Herr“, sprach er: „Warum, o Mönch, verlangst du nach einem Weibe? Das Weib ist unzuverlässig und undankbar. In früherer Zeit waren Danava-Dämonen nicht im Stande, ein Weib, obwohl sie es verschluckt hatten und im Leibe herumtrugen, zu behüten und es an einen einzigen anhänglich zu machen. Wie wirst du es können?“ Nach diesen Worten erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, gab der Bodhisattva die Lüste auf, zog in den Himalaya und wurde Asket. Er erlangte die Erkenntnisse und die Vollkommenheiten und lebte dort, indem er sich von den Früchten des Waldes nährte. Unweit von seiner Laubhütte hauste ein Danava-Dämon. Ab und zu besuchte er den Bodhisattva und hörte bei ihm die Wahrheit; im Walde aber stellte er sich an den Weg, wo die Menschen vorbeizukommen pflegten, fing die Menschen und fraß sie auf.

Zu dieser Zeit hielt sich die Tochter einer vornehmen Familie im Reiche Kasi, die von höchster Schönheit war, in einem Grenzdorfe auf. Als sie eines Tages von einem Besuche bei ihren Eltern zurückkam, sah der Danava die Leute ihres Gefolges und sprang hervor, indem er eine Schrecken erregende Gestalt annahm. Die Leute warfen die Waffen, die sie ergriffen hatten, fort und liefen davon. Als der Dämon das schöne Weib im Wagen sitzen sah, ward sein Herz an sie gefesselt; er nahm sie mit in seine Höhle und machte sie zu seiner Frau. Von da an gab er ihr zerlassene Butter, Reis, Fische, Fleisch u. dgl. sowie süße Früchte zu essen und ernährte sie so; auch zierte er sie mit Kleidern und Schmuck. Um sie aber zu behüten, ließ er sie sich in einen Korb legen, verschluckte den Korb und trug sie so in seinem Leibe herum.

Eines Tages bekam er Lust zu baden und begab sich nach einem Teiche. Hier gab er den Korb wieder von sich, zog seine Frau heraus, ließ sie baden, salbte und schmückte sie. Dann ließ er sie mit den Worten: „Lass deinen Körper sich für kurze Zeit ausstrecken“, in der Nähe des Korbes stehen; er selbst stieg nach der Badestelle hinab, entfernte sich etwas weiter, da er an nichts Böses dachte, und badete.

Während dieser Zeit aber kam der Sohn des Vayu, ein Zauberer, mit einem Schwert umgürtet durch die Luft daher. Als ihn die Frau sah, gab sie ihm mit der Hand ein Zeichen, er solle kommen. Der Zauberer stieg rasch herab. Darauf legte ihn die Frau in den Korb und setzte sich selbst auf den Korb, indem sie auf das Kommen ihres Mannes wartete. Als sie ihn herankommen sah, zeigte sie sich ihm, öffnete dann, bevor er noch in die Nähe des Korbes gekommen war, den Korb, schlüpfte hinein, legte sich auf den Zauberer und verdeckte ihn mit ihrem Gewande.

Als nun der Danava kam, untersuchte er den Korb nicht, sondern in der Meinung, es sei nur sein Weib darin, verschluckte er den Korb und wollte wieder in seine Höhle gehen. Unterwegs aber dachte er: „Ich habe schon lange den Asketen nicht mehr besucht; heute will ich gleich zu ihm hingehen und ihm meine Ehrfurcht bezeigen.“ Und er ging zu ihm hin.

Als ihn der Asket schon von weitem kommen sah, erkannte er, dass jener zwei Leute in seinem Leibe trage, und ihn anredend sprach er folgende erste Strophe:

„Hallo, wo kommt ihr her da, ihr drei Leute?
Seid mir willkommen, setzet euch hierher!
Geht es euch gut, ihr Herrn, seid ihr gesund?
Schon lange seid ihr nicht hierher gekommen.“

Als dies der Danava hörte, dachte er: „Ich bin doch allein zu diesem Asketen gekommen und er spricht von drei Leuten. Was sagt er da? Redet er so, weil er den Sachverhalt kennt, oder ist er verrückt geworden und redet Unsinn?“ Er ging zu dem Asketen hin, begrüßte ihn, setzte sich ihm zur Seite und sprach mit ihm redend folgende zweite Strophe:

„Ich bin doch heut allein hierher gekommen
und einen zweiten kenn' ich durchaus nicht.
Mit welchem Grund hast du gesagt dies, Weiser:
‚Holla, wo kommt ihr her da, ihr drei Leute?‘“

Der Asket fragte den Dämon: „Willst du, Freund, wirklich die Wahrheit hören?“ Als dieser antwortete: „Ja, Herr“, sagte er: „Höre also zu“, und er sprach folgende dritte Strophe:

„Du bist der eine, dann dein liebes Weib,
das in dem Korbe liegt in deinem Innern;
und dies, das du behütest stets im Leibe,
erlustigt sich dort mit dem Sohn des Vayu.“

Als dies der Danava hörte, dachte er: „Die Zauberer sind zu vielem fähig. Wenn er ein Schwert in der Hand hat, so wird er mir den Leib aufschlitzen und so entkommen.“ Voll Furcht gab er rasch den Korb wieder von sich und stellte ihn vor sich hin.

Als der Meister der völlig Erleuchtete geworden, sprach er, um diese Begebenheit zu schildern, folgende vierte Strophe:

Vor Angst ergriffen ob des Schwertes Kraft
gab dort der Danava den Korb von sich;
da sah er seine Frau, die weiß bekränzte,
wie sie sich mit des Vayu Sohn erfreute.

Sobald aber der Korb geöffnet wurde, sagte der Zauberer einen Zauberspruch her, fasste sein Schwert und flog in die Luft empor. Als dies der Danava sah, sprach er, befriedigt über den Bodhisattva, mit dem Hauptzweck, ihn zu preisen, die folgenden übrigen Strophen:

„Gut hast du dies gesehn, du der Askese Meister.
Niedrig sind Männer, die in Weibs Gewalt geraten,
da diese, ach, die ich bewachte wie mein Leben,
mich hat verraten und dem andern sich ergeben.

Bei Tag und Nacht hab ich mit Eifer ihr gedient
wie ein Asket dem Feuer, der im Walde wohnt;
doch sie verließ das Recht und wandte sich zur Sünde.
Ach, mit den Weibern darf man nicht Vertrautheit pflegen.

‚In meinem Körper drinnen ist sie‘, glaubte ich,
‚mein eigen ist sie‘, diese Böse, Unbezähmte.
Doch sie verließ das Recht und wandte sich zur Sünde;
ach, mit den Weibern darf man nicht Vertrautheit pflegen.

‚Ich hab sie gut verwahrt‘, wie kann man dies noch glauben,
wenn man mit vieler List sie doch nicht kann behüten?
Denn diese sind der Hölle Abgründen vergleichbar,
in denen der Sorglose sein Verderben findet.

Darum sind glücklich und von Kummer frei nur solche,
die von dem weiblichen Geschlecht geschieden leben;
wenn einer darum nach dem höchsten Glück verlangt,
so übe er mit Weibern nicht Vertraulichkeit.“—

Nach diesen Worten fiel der Danava dem Bodhisattva zu Füßen und pries ihn, indem er sagte: „Herr, durch Euch wurde mir das Leben gerettet; fast wäre ich infolge der Schlechtigkeit dieses Weibes durch den Zauberer getötet worden.“ Der Bodhisattva aber verkündigte ihm die Wahrheit und fügte hinzu: „Tue ihr nichts Böses; nimm die Gebote an!“ So befestigte er ihn in den fünf Geboten. Der Danava aber sagte: „Obwohl ich sie in meinem Leibe herumtrug, konnte ich sie nicht behüten; welcher andere wird sie da behüten können?“, und schickte sie fort; er selbst aber kehrte in den Wald zurück.

Nachdem der Meister diese Unterweisung beschlossen und die Wahrheiten verkündigt hatte, verband er das Jātaka mit folgenden Worten (am Ende der Wahrheitsverkündigung aber gelangte jener Unzufriedene zur Frucht der Bekehrung): „Damals war ich der Asket mit dem göttlichen Auge.“

Ende der Erzählung von dem Korbe