Jātaka 437

Die Erzählung von Putimamsa (Putimamsa-Jātaka)

„Es kann mir nicht gefallen, Freundin“

Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf die Bezähmung der Sinne.—Zu einer Zeit nämlich behüteten viele Mönche nicht ihre Sinnesorgane. Der Meister sagte zum Thera Ānanda: „Man muss diesen Mönchen eine Ermahnung geben“, und ließ die Mönchsgemeinde wegen ihrer Nichtzurückhaltung sich versammeln. Er selbst bestieg seinen geschmückten, herrlichen Polstersitz und sprach zu den Mönchen: „Ihr Mönche, ein Mönch darf bei geistigen und körperlichen Vorzügen durch den Einfluss eines günstigen Eindrucks keine Vorliebe für jemand fassen. Wenn er nämlich bei dieser Gelegenheit stirbt, so wird er in der Hölle und ähnlichen Straforten wiedergeboren. Darum verliebt euch nicht in körperliche Schönheit u. dgl.! Ein Mönch soll sich nicht an geistigen oder körperlichen Vorzügen erfreuen; denn wer sich an körperlichen Vorzügen u. dgl. erfreut, stürzt schon in dieser Welt in großes Verderben. Darum ist es besser, ihr Mönche, euer Auge wäre mit einem glühenden Eisenstift geläutert.“ Nachdem er dies ausgeführt, fuhr er fort: „Es gibt für euch eine Zeit, wo ihr Schönheit betrachten müsst und wo ihr sie nicht betrachten müsst. Wenn ihr sie betrachten müsst, so schaut sie nicht an unter dem Eindruck von etwas Angenehmem, sondern von etwas Unangenehmem. So werdet ihr eures eigenen Gebietes nicht verlustig gehen.

Was ist aber euer Gebiet?

  • Es sind dies die vier Erwägungen,
  • der edle achtgliedrige Weg,
  • die neun überweltlichen Dinge.

Wenn ihr euch in diesem eurem Gebiet bewegt, so findet Mara keinen Eingang bei euch. Wenn ihr aber euch in die Gewalt der Lust begebt und etwas unter dem Einfluss eines günstigen Eindruckes anschaut, so werdet ihr eures eigenen Gebietes verlustig gehen wie der Schakal Putimamsa.“ Nach diesen Worten erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, wohnten am Abhang des Himalaya in einer waldigen Gegend in einer Berghöhle viele hundert Ziegen. Unweit von ihrem Wohnort weilte in einer Höhle ein Schakal, Putimamsa (= „faules Fleisch“) mit Namen, mit seiner Gattin, welche Veni hieß. Als er eines Tages mit seinem Weibchen umherging, dachte er: „Durch eine List muss ich dazukommen, ihr Fleisch zu fressen.“ Und wirklich erlegte er durch List so manche Ziege. Während aber die beiden sich vom Fleisch der Ziegen nährten, wurden sie stark und dickleibig.

Allmählich aber nahmen die Ziegen sehr ab. Unter ihnen befand sich jedoch eine kluge Ziege, „die Mela-Mutter“ (Melamata) mit Namen. Da der der Listen kundige Schakal diese nicht erlegen konnte, besprach er sich eines Tages folgendermaßen mit seiner Gattin: „Liebe, die Ziegen sind zu Ende gegangen; diese Ziege müssen wir noch durch eine List zur Nahrung bekommen. Folgendes aber ist die List: Gehe du allein hin und werde ihre Freundin. Wenn sie dann Vertrauen zu dir gefasst hat, werde ich mich niederlegen und mich tot stellen. Dann gehe du zu ihr hin und sprich: ‚Freundin, meine Gatte ist gestorben und ich bin ohne Hilfe; außer dir habe ich keinen andern Verwandten. Komm, wir wollen weinen und jammern und seinen Leichnam verbrennen.‘ Komme hierauf mit ihr herbei; dann werde ich aufspringen, sie in die Kehle beißen und töten.“ Seine Frau gab freudig ihre Zustimmung und begann ein Freundschaftsverhältnis mit der Ziege.

Als diese nun Vertrauen zu ihr gefasst, sagte sie der Ziege das Verabredete. Die Ziege erwiderte: „Freundin, von deinem Manne sind alle meine Verwandten aufgefressen worden. Ich habe Furcht, ich kann nicht hingehen.“ Das Schakalweibchen versetzte: „Freundin, fürchte dich nicht; was kann dir der Tote tun?“ Doch die Ziege antwortete: „Dein Mann ist ein gewaltiger Zauberer; ich fürchte mich eben vor ihm.“ Als sie aber immer wieder von ihrer Freundin gebeten wurde, dachte sie: „Er wird sicherlich gestorben sein“, stimmte zu und ging mit ihr dorthin. Beim Gehen aber dachte sie: „Wer weiß, was geschehen wird?“; und aus Misstrauen gegen ihn ließ sie das Schakalweibchen vorangehen und ging hinterdrein, indem sie immer den Schakal beobachtete.

Als aber der Schakal den Schall ihrer Schritte hörte, dachte er: „Ist wohl die Ziege mitgekommen?“ Er hob seinen Kopf empor, drehte die Augen herum und schaute sie an. Als nun die Ziege ihn so tun sah, dachte sie: „Dieser Bösewicht möchte mich betrügen und umbringen; er hat sich nur hingelegt und stellt sich tot.“ Sie wandte sich um und lief davon. Als das Schakalweibchen sie fragte, warum sie davonlaufe, sprach sie, um den Grund anzugeben, folgende erste Strophe:

„Es kann mir nicht gefallen, Freundin,
wie Putimamsa nach mir schaut.
Von solchen Freunden geh ich fort
und halte mich auf meiner Hut.“

Nach diesen Worten aber wandte sie sich um und kehrte in ihre Wohnung zurück.—

Als auch das Schakalweibchen die Ziege nicht zur Umkehr bewegen konnte, wurde es zornig auf sie; es begab sich zu seinem Manne und setzte sich nachdenklich zu ihm. Darauf sprach, um es zu tadeln, der Schakal folgende zweite Strophe:

„Verrückt ist Veni wohl geworden;
sie preist dem Mann die Freundin an
und trauert, weil die Mela-Mutter
nach ihrer Ankunft wieder floh.“

Als dies das Schakalweibchen hörte, sprach es folgende dritte Strophe:

„Verrückt bist du geworden, Lieber,
ganz dumm, hast den Verstand verloren,
der du zuerst dich tot gestellt
und dann zur Unzeit hingeschaut.“

„Nicht möge hinschauen zur Unzeit,
zur rechten Zeit nur schau der Weise;
wie Putimamsa war bekümmert,
da er zur Unzeit hingeschaut.“

Diese Strophe sprach der völlig Erleuchtete.

Darauf tröstete das Schakalweibchen Veni den Putimamsa mit folgenden Worten: „Mein Gatte, sei nicht bekümmert! Ich werde sie dir wieder durch eine List herbeibringen; wenn sie kommt, so erfasse sie kräftig!“ Es ging zur Ziege hin und sagte: „Freundin, dein Kommen hat uns Heil gebracht; denn in dem Augenblicke, da du kamst, ist mein Gatte wieder zur Besinnung gekommen. Jetzt lebt er; gehe und beginne ein liebenswürdiges Gespräch mit ihm!“ Und es sprach folgende fünfte Strophe:

„O Freundin, tu mir etwas Liebes,
das Maß der Freundschaft mache voll.
Am Leben wieder ist mein Gatte;
geh hin und frage, wie es geht.“

Da dachte die Ziege: „Dieses schlechte Geschöpf möchte mich betrügen; es wäre aber unpassend, wenn ich mit ihm in Streit geriete. Durch eine List will ich sie täuschen.“ Und sie sprach folgende sechste Strophe:

„Dir will ich Liebes tun, o Freundin,
das Maß der Freundschaft will ich füllen.
Doch komme ich mit viel Gefolge;
für dieses musst du Speise kochen.“

Das Schakalweibchen fragte sie nach ihrem Gefolge und sprach dabei folgende siebente Strophe:

„Von welcher Art ist dein Gefolge,
für das ich Speise kochen soll?
Welch einen Namen haben alle?
O sag es mir, die ich dich frage.“

Die Namen nennend sprach die Ziege folgende achte Strophe:

„Maliya ist 's und Caturakkha,
auch Pingiya und Jambuka.
Von dieser Art ist mein Gefolge;
für diese musst du Speise kochen.“

Dann fügte sie hinzu: „Ein jeder von diesen vier ist von fünfhundert Hunden umgeben; also werde ich mit einem Gefolge von zweitausend Hunden erscheinen. Wenn diese kein Futter erhalten, werden sie auch euch zwei umbringen und auffressen.“

Da dies das Schakalweibchen hörte, dachte es voller Furcht: „Genug mit ihrem Dorthingehen! Durch eine List werde ich bewirken, dass sie nicht kommt.“ Und es sprach folgende neunte Strophe:

„Wenn du aus deiner Wohnung gehst,
wird dir dein Gut verloren gehen.
Der Freundin Grüße will ich melden;
du bleibe hier und komme nicht.“

Nach diesen Worten aber eilte sie von Todesfurcht erfüllt rasch zu ihrem Gatten und lief mit ihm davon. Sie getrauten sich aber nicht mehr, an diesen Ort zu kommen.

Nachdem der Meister diese Unterweisung beschlossen hatte, verband er das Jātaka mit folgenden Worten: „Damals war ich die Gottheit, die im ältesten Baume des Waldes an diesem Orte wohnte.“

Ende der Erzählung von Putimamsa