Jātaka 439

Die Erzählung von den vier Toren (Catudvara-Jātaka)

„Vier Tore diese Stadt besitzt“

Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf einen Ungehorsamen.

Die Erzählung aus der Gegenwart ist schon im ersten Jātaka des neunten Buches ausgeführt.

Als aber hier der Meister auf seine Frage an jenen Mönch: „Ist es wahr, dass du ungehorsam bist?“, die Antwort erhielt: „Es ist wahr, Herr“, sprach er: „Auch früher schon, Mönch, tatest du in deinem Ungehorsam nicht nach dem Worte der Weisen und deshalb gerietest du unter das Schermesserrad.“ Nach diesen Worten erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

Ehedem zur Zeit, da Kassapa Buddha war, lebte zu Benares der Sohn eines Großkaufmanns, der ein Vermögen von achthundert Millionen besaß. Sein Name war Mittavindaka. Seine Eltern waren gläubig, er aber war lasterhaft und ungläubig. Als nun in der Folgezeit sein Vater gestorben war, sagte seine Mutter, die das Vermögen verwaltete, zu ihm: „Lieber, die Existenz als Mensch ist schwer zu erhalten. Spende Almosen, halte die Gebote, befolge die Uposatha-Vorschriften, höre die Predigt.“ Doch er erwiderte: „Mutter, mich verlangt nicht nach Almosen Geben u. dgl. Sage mir nichts; mir wird es gehen nach meinen Werken.“

Obwohl er aber so sprach, sagte eines Tages seine Mutter am Vollmonds-Uposatha zu ihm: „Lieber, heute ist der besonders ausgezeichnete große Uposatha-Tag. Erfülle heute die Uposatha-Bestimmungen, gehe in das Kloster, höre die ganze Nacht die Predigt und komme dann zurück; ich werde dir tausend Kahapanas dafür geben.“ Der Sohn versetzte: „Gut“, und erfüllte aus Geldgier die Uposatha-Bestimmungen. Nach dem Frühmahle ging er in das Kloster, und verbrachte dort den Tag. Bei Nacht legte er sich an einem Orte nieder, so dass auch nicht ein Wort der Predigt sein Ohr traf, und schlief. Am nächsten Tage wusch er in der Frühe sein Antlitz, ging nach Hause und setzte sich dort nieder.

Seine Mutter aber hatte gedacht: „Heute wird mein Sohn, nachdem er die Predigt gehört, mit dem ehrwürdigen Prediger zurückkommen.“ Darum hatte sie Reisschleim, feste und flüssige Speise bereitet, einen Sitz herrichten lassen und erwartete seine Rückkehr. Als sie ihn allein kommen sah, fragte sie ihn: „Warum hast du den Prediger nicht mitgebracht?“ Doch er antwortete: „Ich brauche den Prediger nicht.“ Die Mutter sprach weiter: „Trinke also den Reisschleim.“ Er aber erwiderte: „Du hast mir tausend Geldstücke versprochen; gib mir das Geld, dann werde ich trinken.“ Die Mutter antwortete; „Trinke, Lieber, nachher wirst du sie bekommen.“ Er aber blieb dabei: „Wenn ich sie bekommen habe, dann erst werde ich trinken.“ Darauf stellte seine Mutter einen Beutel mit tausend Kahapanas vor ihn. Nachdem er den Reisschleim getrunken, nahm er den Beutel mit den tausend Geldstücken und trieb Handel damit.

Nach kurzer Zeit hatte er zwanzigmal hunderttausend zusammenbekommen. Da kam ihm folgender Gedanke: „Ich will ein Schiff rüsten lassen und Handel treiben.“ Er rüstete das Schiff aus und sagte dann seiner Mutter: „Mutter, ich will auf einem Schiffe Handel treiben.“ Die Mutter aber hielt ihn zurück mit den Worten: „Lieber, du bist mein einziger Sohn; in unserm Hause ist viel Geld und das Meer bringt mancherlei Gefahren. Gehe nicht fort!“ Er jedoch erwiderte: „Ich werde doch gehen; du kannst mich nicht zurückhalten.“ Seine Mutter fasste ihn an mit den Worten: „Ich, mein Sohn, werde dich zurückhalten“; da schlug er seine Mutter, dass sie seine Hand losließ, warf sie zu Boden, ging augenblicklich fort und bestieg das Schiff.

Am siebenten Tage blieb das Schiff wegen des Mittavindaka auf hoher See unbeweglich stehen. Als man das Unglücksrabenlos herumgehen ließ, fiel es dreimal auf die Hand des Mittavindaka. Da gaben sie ihm ein Brett und sprachen: „Wegen dieses einen sollen die vielen nicht zugrunde gehen.“ Mit diesen Worten warfen sie ihn in das Meer; und sogleich fuhr das Schiff rasch auf dem Meere dahin.

Jener hatte sich auf das Brett gelegt und gelangte so nach einer Insel. Dort sah er in einem kristallenen Palaste vier Dämoninnen. Diese lebten immer sieben Tage lang in Glück und sieben Tage in Leid. Mit diesen zusammen genoss er göttliche Freuden. Als sie dann weggingen, um ihre Leidenstage zu verbringen, sagten sie zu ihm: „Herr, wir werden am siebenten Tage zurückkehren. Bis wir wiederkommen, bleibe du hier geduldigen Sinnes.“ Mit diesen Worten verließen sie ihn.

In seiner Begierde aber legte er sich wieder auf sein Brett und fuhr weiter auf dem Ozean. Da gelangte er zu einer andern Insel und sah dort in einem silbernen Palaste acht Dämoninnen. Auf dieselbe Weise wie vorher kam er dann zu einem Edelsteinpalaste mit sechzehn Dämoninnen und zu einem goldenen Palaste mit zweiunddreißig Dämoninnen. Auch mit diesen genoss er göttliche Freuden und fuhr dann, als sie sich entfernt hatten, um ihre Leidenszeit zu verbringen, auf dem Meere weiter.

Da sah er eine von Wällen umgebene Stadt mit vier Toren. Dies war die Ussada-Hölle, der Ort, wo viele Höllenbewohner den Lohn für ihre Taten erhielten. Dem Mittavindaka aber kam sie vor, als sei sie eine mit allem Schmuck gezierte Stadt. Er dachte: „Ich werde in die Stadt hineingehen und dort König werden.“ Er betrat den Ort und sah dort einen Höllenbewohner, der das Schermesserrad auf sich hatte nehmen müssen und so gequält wurde; jenem aber kam das Schermesserrad auf dessen Haupte vor, als sei es eine Lotosblume. Die fünffachen Fesseln an seiner Brust erschienen ihm als ein die Brust bedeckender Schmuck; das Blut, das von seinem Körper herabrann, kam ihm vor als eine Salbe aus rotem Sandelholz und sein Klagelaut als ein süßer Gesang. Er ging zu ihm hin und sagte: „He, Mann, du hast schon lange die Lotosblume getragen; gib sie mir!“ Das Höllenwesen antwortete: „Freund, das ist keine Lotosblume, es ist ein Schermesserrad.“ Doch Mittavindaka versetzte: „Du sprichst nur deshalb so, weil du sie mir nicht geben willst.“

Da dachte der Höllenbewohner: „Mein Karma wird verschwunden sein; jener aber wird ebenso wie ich hierher gekommen sein, weil er seine Mutter geschlagen. Ich werde ihm das Schermesserrad geben.“ Und er sprach zu ihm: „He, komme nur und nimm diese Lotosblume.“ Mit diesen Worten warf er das Schermesserrad auf dessen Haupt; es fiel auf seinen Kopf und zerdrückte ihn. In diesem Augenblicke merkte Mittavindaka, dass es wirklich ein Schermesserrad war, und rief jammernd, von Schmerz gepeinigt: „Nimm nur dein Schermesserrad, nimm dein Schermesserrad zurück.“ Der andere aber verschwand.

Damals gelangte gerade der Bodhisattva, als er durch die Ussada-Hölle wandelte, an diesen Ort. Mittavindaka blickte zu ihm empor und sagte: „Herr Götterkönig, dieses Rad kommt auf mich herab und drückt mich zusammen, als sollte es Sesamkörner weich machen. Was habe ich denn Böses getan?“ Und indem er so fragte, sprach er die beiden folgenden Strophen:

„Vier Tore diese Stadt besitzt;
aus Erz ist sie und fest umwallt.
Ich stieg hinauf und dann hinab;
was hab ich Böses denn getan?

Geschlossen waren alle Tore,
dem Vogel gleich stieg ich hinab;
aus welchem Grunde, Dämon,
werd ich von diesem Rade hier gepeinigt?“

Um ihm aber den Grund darzulegen, sprach der Götterkönig folgende sechs Strophen:

„Du hast erhalten hunderttausend
und noch dazu das Zwanzigfache
und tatst doch, Freund, nicht nach dem Worte
deiner mitleidigen Verwandten.

Mit Hast du eiltest übers Meer,
den Ozean, der wenig Glück bringt.
Nach vier bist du zu acht gelangt,
nach acht hast sechzehn du erreicht,

nach sechzehn zweiunddreißig dann.
Dem Rad verfielst du Neues wünschend;
dem Manne, den die Lust vernichtet,
das Höllenrad fällt auf das Haupt.

Wer voller Gier nach Wünschen strebt,
die übergroß, schwer zu erfüllen
und die sich nicht beschränken können,
der muss des Rades Strafe tragen.

Wer nicht auf großes Gut verzichtet
und nicht den rechten Weg bedenkt,
wer dieses sich nicht überlegt,
der muss des Rades Strafe tragen.

Erwäge deine Taten und des Reichtums Größe,
dem Wunsch nicht folge, der dir Schaden bringt;
tu nach dem Worte derer, die voll Mitleid sind;
denn einen solchen Mann trifft nicht das Rad.“

Als dies Mittavindaka vernommen, dachte er: „Dieser Göttersohn kennt meine Taten der Wahrheit gemäß; er wird auch die Länge meiner Qualen kennen. Ich will ihn fragen.“ Und er sprach folgende neunte Strophe:

„Wie lange wird mir noch, o Dämon,
das Rad auf meinem Haupte bleiben?
Wie viele tausend Jahre noch?
O sag es mir, der ich dich frage!“

Um dies ihm zu verkünden, sprach das große Wesen folgende zehnte Strophe:

„Gar lang, sehr lang, o Mittavinda,
wirst du noch leiden, höre mich;
fest bleibt das Rad dir auf dem Haupte
und lebend wirst du es nicht los“,

Nach diesen Worten begab sich der Göttersohn nach seinem Wohnorte; der andere aber musste große Qualen leiden.

Nachdem der Meister diese Unterweisung beschlossen, verband er das Jātaka mit folgenden Worten: „Damals war Mittavindaka der unfolgsame Mönch, der Götterkönig aber war ich.“

Ende der Erzählung von den vier Toren