Jātaka 440

Die Erzählung von Kanha (Kanha-Jātaka)

„Von schwarzer Farbe ist der Mann“

Dies erzählte der Meister, da er bei Kapilavatthu im Nigrodha-Parke verweilte, mit Beziehung auf ein Lächeln, das er zeigte. Als nämlich damals der Meister zur Abendzeit im Nigrodha-Parke umgeben von der Mönchsgemeinde einen Spaziergang machte, zeigte er an einer gewissen Stelle ein Lächeln. Der Thera Ananda dachte: „Was ist wohl der Grund, was ist die Veranlassung, dass der Erhabene lächelt? Nicht ohne Grund lächeln die Vollendeten; ich will ihn fragen.“ Er faltete die Hände gegen ihn und fragte nach der Veranlassung des Lächelns. Da sagte zu ihm der Meister: „In der Vergangenheit, Ananda, war hier ein Weiser namens Kanha. Dieser weilte an dieser Stelle, ein Ekstatiker, der Ekstase sich erfreuend. Infolge des Glanzes seiner Tugend erzitterte der Thron Sakkas.“ Nachdem er so die Veranlassung zu seinem Lächeln gesagt hatte, erzählte er, weil diese Geschichte noch nicht bekannt war, auf die Bitte des Thera folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, lebte zu Benares ein kinderloser Brahmane, der ein Vermögen von achthundert Millionen besaß und die Tugend betätigte. Er wünschte sich einen Sohn. Da nahm der Bodhisattva im Schoße von dessen Gattin seine Wiedergeburt; wegen seiner dunkeln Farbe aber gab man ihm am Namengebungstage den Namen Prinz Kanha (= Schwarz). Nachdem er sechzehn Jahre alt geworden war, glich er an Schönheit einer Edelsteinschüssel. Von seinem Vater wurde er, um die Wissenschaften zu erlernen, fortgeschickt und erlernte zu Takkasilā alle Künste; dann kehrte er nach Hause zurück. Hierauf vermählte ihn sein Vater mit einem für ihn passenden Mädchen. In der Folgezeit erhielt er die ganze Herrlichkeit seiner Eltern.

Als er eines Tages seine Edelsteinvorratshäuser betrachtet hatte, setzte er sich auf sein herrliches Polster und ließ sich die goldene Platte bringen. Da sah er die von seinen früheren Verwandten auf der Goldplatte eingeritzten Zeichen, die besagten, soviel habe der erworben und soviel jener. Hierbei kam ihm folgender Gedanke: „Diejenigen, welche dieses Vermögen erworben haben, existieren nicht mehr, nur das Geld existiert noch. Kein einziger hat es bei seinem Weggehn mitgenommen; man kann ja nicht das Geld in ein Bündel packen und in die andre Welt mitnehmen. Wertvoller als das Geld, das, weil es mit den fünf Sünden behaftet ist, nicht das Wertvollste ist, ist das Spenden von Almosen; wertvoller als der Körper, der, weil er mit vielen Krankheiten behaftet ist, nicht das Wertvollste ist, sind der ehrfurchtsvolle Gruß an die Tugendhaften und ähnliche Dienstleistungen; wertvoller als das Leben, das, weil es der Unbeständigkeit unterworfen ist, nicht das Wertvollste sein kann, ist die übernatürliche Einsicht von der Unbeständigkeit u. dgl. Damit ich also etwas Wertvolleres erhalte als diese wertlosen Schätze, will ich Almosen spenden.“ Er erhob sich von seinem Sitze, begab sich zum Könige, bat ihn um Erlaubnis und ließ große Almosen verteilen.

Als er aber bis zum siebenten Tage sein Vermögen noch nicht zu Ende gehen sah, dachte er bei sich: „Was soll ich mit dem Gelde? Solange mich das Alter noch nicht überwältigt, will ich die Welt verlassen, die Erkenntnisse und die Vollkommenheiten betätigen und dadurch ein Bewohner der Brahmawelt werden.“ In seinem Hause ließ er alle Türen öffnen und verkünden: „Man soll das Geschenkte nur forttragen!“ So gab er die Freude an weltlichen Dingen auf als etwas Unreines, und verließ die Stadt, während viel Volks darüber klagte und weinte.

Er zog nach dem Himalaya und betätigte dort die Weltflucht der Weisen. Als er sich nach einem lieblichen Fleckchen Erde umsah, um dort zu wohnen, fand er ein solches und sagte sich: „Hier will ich bleiben.“ Einen Koloquintenbaum machte er zu seinem Nahrungsbereich, blieb dort und nahm dort seine Wohnung. Er gab den Aufenthalt in der Nähe seines Dorfes auf und wurde ein Waldbewohner. Er verfertigte sich keine Laubhütte, sondern wohnte am Fuße des Baumes unter freiem Himmel in sitzender Stellung; wenn er Lust bekam, sich niederzulegen, so legte er sich auf den nackten Boden. Zum Zerkleinern der Speise benutzte er nur die Zähne und verzehrte nur Speisen, die nicht mit Feuer gekocht waren. Auch aß er nichts, was noch mit der Hülse umgeben war; jeden Tag nahm er nur einmal Nahrung zu sich und behielt einen Sitz bei. So lebte er in Geduld; der Erde, dem Wasser, dem Feuer, der Luft gleich beobachtete er genau diese vielen Vorschriften.

In diesem Jātaka aber war der Bodhisattva äußerst genügsam. Nach kurzer Zeit erlangte er die Erkenntnisse und die Vollkommenheiten. Der Wonne der Ekstase sich erfreuend, blieb er immer an diesem Orte; er ging nicht anderswohin, um sich Waldfrüchte zu holen. Zur Zeit, da der Baum Früchte trug, verzehrte er die Früchte; wenn der Baum blühte, nährte er sich von den Blüten; wenn der Baum voll Blätter war, aß er die Blätter, und wenn der Baum ohne Blätter war, nährte er sich von der Rinde. So weilte er in äußerster Zufriedenheit lange Zeit an diesem Orte. Wenn er an einem Tage zur Vormittagszeit die Früchte von diesem Baume gesammelt hatte, so stand er nicht mehr in törichter Gier auf und holte sich noch an einem andern Orte solche; sondern beim Sitzen streckte er die Hand aus und sammelte die Früchte, die sich im Bereiche seiner Hand befanden. Auch untersuchte er nicht, welche Früchte schön waren oder nicht schön, sondern er nahm sie, wie er sie fand.

Während er aber so außerordentlich genügsam war, wurde durch den Glanz seiner Tugend der mit gelben Tüchern belegte Steinsitz Sakkas heiß. Dieser Thron aber wurde heiß, entweder wenn die Lebenszeit Sakkas zu Ende war oder wenn seine Verdienste zu Ende waren oder wenn ein anderes Wesen von großer Macht diesen Ort begehrte, oder auch durch den Tugendglanz tugendhafter Asketen oder Brahmanen von großer Wunderkraft. Sakka überlegte nun: „Wer will mich verdrängen?“ Da sah er, wie der Seher Kanha an jenem Orte im Walde wohnte und sich Früchte sammelte, und er dachte bei sich: „Dieser Weise lebt in strenger Askese und hat seine Sinne völlig ertötet. Ich will ihn bei seiner Verkündigung der Lehre den Löwenruf ausstoßen lassen, die Ursache seines Glückes von ihm vernehmen, ihm seinen Wunsch erfüllen und für ihn dem Baume immerwährende Früchte verleihen; dann werde ich zurückkehren.“

Vermöge seiner großen Wunderkraft stieg er rasch herunter und trat an dem Fuße des Baumes hinter jenen. Da er erproben wollte, ob jener ihm zürnen werde, wenn er von seiner Unschönheit redete, sprach er folgende erste Strophe:

„Von schwarzer Farbe ist der Mann,
schwarz ist die Speise, die er isst,
auf diesem schwarzen Boden lebt er;
nicht kann er meinem Sinn gefallen.“

Als Kanha dessen Worte vernahm, überlegte er mit seiner göttlichen Einsicht: „Wer spricht denn mit mir?“ Da merkte er, es sei Sakka, und, ohne sich umzuwenden und ohne ihn anzuschauen, sprach er folgende zweite Strophe:

„Nicht gilt die Schwärze von der Haut;
im Innern gut ist der Brahmane.
Doch wessen Werke böse sind,
der nur ist schwarz, Sujampati!“

Nach diesen Worten aber legte er die bösen Taten der Wesen, die die Schwärze verursachen, in ihren einzelnen Teilen dar, tadelte sie alle und pries die Tugenden und die anderen Vorzüge. Wie wenn er am Himmel den Mond aufsteigen ließe, so verkündigte er Sakka die Lehre.

Als Sakka seine Predigt vernommen, lud er erfreut und befriedigt das große Wesen ein, einen Wunsch zu äußern, und sprach dabei folgende dritte Strophe:

„Da du so gut gesprochen hast,
Brahmane, und so wohl geziemend,
will ich dir einen Wunsch gewähren,
was immer du im Herz begehrst.“

Da dies der Bodhisattva hörte, dachte er bei sich: „Dieser hat mich auf die Probe gestellt, ob ich ihm zürnen würde, wenn er von meiner Unschönheit redete, und hat meine Hautfarbe, meine Nahrung und meinen Aufenthaltsort getadelt. Jetzt, da er gemerkt hat, dass ich ihm nicht zürne, gewährt er mir befriedigten Herzens einen Wunsch. Er könnte aber auch von mir meinen, ich führe den heiligen Wandel, um die Sakka-Herrlichkeit oder die Brahma-Herrlichkeit zu erlangen. Um ihm deshalb diese Ungewissheit zu nehmen, muss ich mir folgende vier Wünsche wählen:

(1.)Mir möge kein Zorn oder Hass gegen andere zuteil werden,
(2.)keine Begierde nach dem Glücke anderer und
(3.)keine Liebe zu anderen soll mich erfüllen,
(4.)wunschlos möge ich werden.“

Um den Gott also von seiner Ungewissheit zu befreien, sprach er, indem er die vier Wünsche äußerte, folgende vierte Strophe:

„Wenn du mir einen Wunsch gewährst,
Sakka, Beherrscher aller Wesen:
Frei sein von Zorn, vom Hasse frei,
frei von Begierde, frei von Liebe,
so, wünsch ich, soll mein Wesen sein;
so lauten die vier Wünsche mein.“

Darauf dachte Sakka: „Der weise Kanha hat bei seinen Wünschen Dinge gewählt, die allzu lobwürdig sind; ich will ihn nach dem Vorzug oder dem Fehler dieser Wünsche fragen.“ Und indem er ihn danach fragte, sprach er folgende fünfte Strophe:

„Was findest du im Zorn, im Hasse,
in der Begierde, in der Liebe
für einen Nachteil, o Brahmane?
Sage es mir, der ich dich frage!“

Hierauf erwiderte der Bodhisattva: „Höre also zu“, und sprach folgende vier Strophen:

„Erst war er klein, dann wird er groß,
ohne Geduld wächst er heran,
voll Gier ist er und voll Verzweiflung;
drum lass den Zorn dir nicht gefallen.

Beim Hass ertönt zuerst die Rede,
dann folgen die Berührungen,
dann kommt 's zum Faustschlag und zum Stock,
zuletzt greift man zum Schwerte noch.
Der Hass geht aus dem Zorn hervor;
drum mög' dir nicht der Hass gefallen.

Gewalttaten und Räubereien,
Täuschungen und Betrügereien
sieht man bei der Begierde Werken;
drum lass Begier dir nicht gefallen.

Die durch die Liebe sind gefesselt,
die liegen abseits mit den Wünschen,
die quälen sie damit gar sehr;
drum mög' dir Liebe nicht gefallen.“

Als Sakka diese Beantwortung seiner Frage vernommen, versetzte er: „Du weiser Kanha, du hast diese Fragen mit Buddha-Anmut erörtert. Gar sehr bin ich von dir befriedigt; nenne noch einen andern Wunsch!“ Und er sprach folgende zehnte Strophe:

„Da du so gut gesprochen hast,
Brahmane, und so wohl geziemend,
will ich dir einen Wunsch gewähren,
was immer du im Herz begehrst.“

Darauf sprach unmittelbar der Bodhisattva folgende Strophe:

„Wenn du mir einen Wunsch gewährst,
Sakka, Beherrscher aller Wesen,
so mög', so lang im Wald ich weile
und stets in Einsamkeit hier lebe,
mich keine Krankheit mehr befallen,
die mich in der Askese hindert.“

Als dies Sakka hörte, dachte er bei sich: „Da der weise Kanha sich einen Wunsch wählte, wünschte er sich nichts, was mit der sinnlichen Lust zusammenhängt, sondern er wählte sich das auf die Askese Bezügliche.“ Und noch mehr befriedigt sprach er, um ihm noch einen Wunsch zu gewähren, folgende andere Strophe:

„Da du so gut gesprochen hast,
Brahmane, und so wohl geziemend,
will ich dir einen Wunsch gewähren,
was immer du im Herz begehrst.“

Indem ihm nun der Bodhisattva durch seine Art, einen Wunsch zu äußern, die Wahrheit verkündigte, sprach er folgende Schlussstrophe:

„Wenn du mir einen Wunsch gewährst,
Sakka, Beherrscher aller Wesen:
Nicht soll ein Geist und nicht ein Körper,
o Sakka, durch die Schuld von mir
jemals Beschädigung erleiden:
dieses, o Sakka, ist mein Wunsch.“

So wählte das große Wesen, da es für sich doch bei sechs Gelegenheiten einen Wunsch äußern konnte, nur das, was mit seiner Weltentsagung zusammenhing.

Er wusste ja, dass sein Körper Krankheiten ausgesetzt sei und dass er nicht durch Sakka von der Krankheit befreit werden könne. Auch dass die Wesen an den drei Toren rein bleiben, hängt nicht von Sakka ab; trotzdem wählte er diese Wünsche, um ihn zu belehren. Nachdem aber Sakka dem Baume immerwährende Früchte verliehen hatte, grüßte er den Bodhisattva, führte die gefalteten Hände an seinen Kopf und sprach: „Bleibet hier in Gesundheit wohnen.“ Nach diesen Worten kehrte er an seinen Wohnort zurück. Der Bodhisattva aber gelangte, ununterbrochener Ekstase sich erfreuend, in die Brahmawelt.

Nachdem der Meister diese Unterweisung beschlossen, fügte er hinzu: „Ananda, dies war früher mein Wohnort“, und verband sodann das Jātaka mit folgenden Worten: „Damals war Sakka Anuruddha, der weise Kanha aber war ich.“

Ende der Erzählung von Kanha