Jātaka 442

Die Erzählung von Samkha (Samkha-Jātaka)

„Gar hochgelehrt und weisheitsvoll“

Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf eine Spendung von allen Hilfsmitteln. Zu Savatthi nämlich hatte ein Laienbruder, der die Predigt des Vollendeten vernommen hatte, ihn für den nächsten Tag eingeladen. An seiner Haustüre hatte er einen Pavillon errichtet und geschmückt und ließ ihm dann am nächsten Tage melden, es sei Zeit zum Mahle. Umgeben von fünfhundert Mönchen begab sich der Meister dorthin und ließ sich auf dem hergerichteten Sitze nieder. Nachdem der Laienbruder der Mönchsgemeinde, die Buddha zum Haupte hatte, ein großes Almosen gespendet, lud er sie wieder für den nächsten Tag ein und so fort sieben Tage lang; jeden Tag verteilte er ein großes Almosen. Am siebenten Tage schenkte er eine Spende von sämtlichen Hilfsmitteln. Bei dieser Gabe zeichnete er sich bei der Spendung der Schuhe am meisten aus. Das Schuhepaar, dass der mit den zehn Kräften Ausgestattete erhielt, war tausend Kahapanas wert, die für die beiden ersten Schüler bestimmten fünfhundert, die für die anderen Mönche bestimmten hundert Kahapanas.

Nachdem er so diese Spende von allen Hilfsmitteln verteilt hatte, setzte er sich mit seinem Gefolge neben den Erhabenen. Darauf brachte ihm der Meister mit süßer Stimme die Danksagung dar und sprach: „O Laienbruder, gewaltig ist deine Spende von allen Hilfsmitteln. Sei fröhlich! In früherer Zeit, als der Buddha noch nicht erschienen war, gaben Leute einem Paccekabuddha ein Paar Schuhe und fanden darum, als ihr Schiff zertrümmert wurde, auf dem Ozean, der doch keine Hilfe bietet, infolge der Spendung der Schuhe Rettung. Du aber hast der Gemeinde, die Buddha zum Haupte hat, ein aus sämtlichen Hilfsmitteln bestehendes Almosen gespendet; warum soll also deine Schenkung der Schuhe dir nicht auch zur Rettung gereichen?“ Nach diesen Worten erzählte er auf die Bitte des Laienbruders folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

Ehedem hieß das jetzige Benares Molini. Als in der Stadt Molini Brahmadatta regierte, lebte dort ein Brahmane namens Samkha; der war vermögend und sehr begütert. An den vier Stadttoren, in der Mitte der Stadt und am Tore seines Hauses, an diesen sechs Stellen ließ er Almosenhallen errichten und spendete dort den Armen und Bettlern große Almosen, indem er jeden Tag hunderttausend Geldstücke dafür verwendete. Eines Tages dachte er bei sich: „Wenn in meinem Hause das Geld zu Ende gegangen ist, werde ich keine Almosen mehr spenden können. So lange das Geld noch nicht zu Ende ist, werde ich zu Schiffe nach dem Goldlande fahren und dort Gold holen.“ Er ließ ein Schiff ausrüsten und mit Waren füllen; dann verabschiedete er sich von Weib und Kind und fügte hinzu: „Bis ich zurückkomme, spendet Almosen, ohne eine Pause darin eintreten zu lassen.“ Nach diesen Worten reiste er, umgeben von Sklaven und Dienern, mit seinem Sonnenschirm, nachdem er seine Schuhe angezogen, zur Mittagszeit in der Richtung des Hafenortes ab.

In diesem Augenblicke bemerkte in der Gandhamadana-Höhle ein Paccekabuddha bei seiner Weltbetrachtung, wie jener fortreise, um Geld herbeizuholen. Er überlegte: „Dieser große Mann geht fort, um Geld zu holen; wird ihm auf dem Meere eine Gefahr drohen oder nicht?“ Als er merkte, dies werde so kommen, dachte er: „Wenn dieser mich sieht, wird er mir seinen Sonnenschirm und seine Schuhe geben. Infolge der Spendung der Schuhe wird ihm auf dem Meere, wenn sein Schiff zugrunde geht, Rettung zuteil werden. Ich werde ihm diesen Beistand gewähren.“ Er flog durch die Luft herbei und ließ sich in der Nähe von jenem auf die Erde nieder. So kam er ihm vor Augen, indem er in der glühenden Hitze auf dem einem Haufen glühender Kohlen gleichenden heißen Sande daher schritt.

Als jener ihn sah, dachte er: „Ich habe ein Feld zur Betätigung eines guten Werkes erhalten; heute muss ich da Aussaat halten.“ Voll Freude kam er auf ihn zu, begrüßte ihn und sagte: „Herr, geht, um uns eine Gunst zu erweisen, etwas vom Wege ab und kommt hierher zum Fuße dieses Baumes.“ Als darauf jener an den Fuß des Baumes kam, ließ der Kaufmann den Sand am Fuße des Baumes entfernen, legte sein Obergewand dort nieder und ließ den Paccekabuddha darauf Platz nehmen. Mit parfümiertem, gereinigtem Wasser wusch er ihm die Füße und beträufelte sie mit wohlriechendem Öle; dann löste er sich die Schuhe von seinen Füßen, wischte sie ab, rieb sie mit wohlriechendem Öl ein und band sie ihm an die Füße. Hierauf sagte er: „Herr, steiget auf diese Schuhe, haltet den Sonnenschirm über Euer Haupt und geht so Eures Weges weiter.“ Mit diesen Worten schenkte er ihm den Sonnenschirm und die Schuhe. Um dem Kaufmann diesen Vorteil zu verschaffen, nahm sie jener an und flog, während jener ihm noch nachschaute, um seine Freude zu vermehren, in die Höhe, worauf er nach der Gandhamadana-Höhle zurückkehrte. Als dies der Bodhisattva sah, war er gar hoch befriedigt; er zog weiter nach dem Hafen und bestieg sein Schiff.

Als er aber auf die hohe See gelangt war, bekam am siebenten Tage das Schiff ein Leck und man konnte das Wasser nicht ausschöpfen. Von Todesfurcht ergriffen brachten die vielen Leute ihren Gottheiten ihre Verehrung dar und erhoben lautes Wehklagen. Der Bodhisattva nahm einen Diener zu sich, bestrich sich den ganzen Körper mit Öl, verzehrte gestoßenen Zucker mit zerlassener Butter, soviel er konnte, und ließ auch den anderen davon essen. Dann bestieg er mit ihm ein Klafter hoch den Mast und stellte die Himmelsrichtung fest, indem er sagte: „In dieser Richtung liegt unsere Stadt.“ Er machte sich frei von der Furcht vor Fischen und Schildkröten und sprang mit seinem Diener ein Usabha weit in das Meer hinaus. Viele Leute fanden damals den Tod; der Bodhisattva aber begann, mit seinem Diener durch das Meer zu schwimmen. Während sie so dahinschwammen, vergingen sieben Tage. Zu dieser Zeit wusch er sich den Mund mit Salzwasser aus, gerade als ob er das Uposatha beginge. Damals aber war von den vier Weltwächtern eine Gottheit mit Namen Manimekhala zur Bewachung des Meeres aufgestellt mit dem Auftrage, wenn in einem untergegangenem Schiffe sich Leute befänden, die die drei Zufluchten angenommen hätten oder die mit Tugend ausgestattet wären oder die ihren Eltern Ehrung erwiesen, diese zu beschützen. In ihrer Macht war sie sieben Tage lang nachlässig. Als sie am siebenten Tage das Meer betrachtete, sah sie den mit tugendhaftem Wandel ausgestatteten Brahmanen Samkha und dachte: „Seit dieser in das Meer fiel, sind sieben Tage verflossen; wenn er stürbe, würde ich sehr tadelnswert sein.“ Voll Reue füllte sie eine goldene Schüssel mit göttlicher Speise von mannigfachem Wohlgeschmack, begab sich mit Windeseile dorthin, stellte sich vor ihm in die Luft und sagte: „Brahmane, du hast sieben Tage lang nichts genossen; verzehre diese göttliche Speise.“ Jener schaute sie an und antwortete: „Nimm nur deine Speise fort; ich halte den Fasttag.“

Sein Diener aber, der hinterdrein kam und die Gottheit nicht sah, sondern nur die Worte hörte, dachte bei sich: „Dieser Brahmane mit seiner zarten Natur ist durch das lange Fasten krank geworden und lallt in seiner Todesangst, glaube ich. Ich will ihn trösten.“ Und er sprach folgende erste Strophe:

„Gar hochgelehrt und weisheitsvoll bist du,
du kennst Asketen und Brahmanen, Samkha;
doch jetzt zur Unzeit fängst du an zu schwatzen.
Wer kann denn außer mir dir Antwort geben?“

Als der andere dessen Worte vernahm, dachte er: „Diese Gottheit zeigt sich ihm nicht, glaube ich.“ Er erwiderte: „Lieber, ich fürchte nicht den Tod, sondern ich habe jemand, der mir antwortet.“ Und er sprach folgende zweite Strophe:

„Ein glänzend Wesen, reich geschmückt die Kleidung,
hält mir entgegen eine goldne Platte
und spricht zu mir: ‚So iss doch von der Speise‘;
doch gläub'gen Herzens sag ich zu ihm: ‚Nein.‘“

Darauf sprach jener folgende dritte Strophe:

„Da einen solchen Dämon du gesehen,
sollst du ihn fragen, wenn du Rettung wünschst.
Erhebe dich, frag ihn, die Hände faltend:
‚Bist eine Gottheit du oder ein Mensch?‘“

Der Bodhisattva erwiderte: „Gut hast du geredet“; und indem er sie fragte, sprach er folgende vierte Strophe:

„Die du mich anschaust mit so lieben Blicken
und zu mir sprichst: ‚Verzehre doch die Speise‘,
ich frage dich, du Frau von großer Macht:
Bist eine Göttin du oder ein Weib?“

Darauf sprach die Gottheit folgende zwei Strophen:

„Ich bin, o Samkha, eine mächt'ge Göttin;
ich kam hierher in dieses Meeres Mitte
voll Mitleid, nicht verräterischen Sinnes;
um deinetwillen nur bin ich gekommen.

Hier bring ich Speis und Trank dir und ein Lager
und Wagen von verschiedner Art, o Samkha.
Dies alles biete ich dir zum Geschenke,
was immer du in deinem Herzen wünschest.“

Als dies der Bodhisattva vernahm, dachte er bei sich: „Diese Gottheit sagt zu mir inmitten des Meeres: ‚Dies und das gebe ich dir.‘ Will sie es mir aber geben wegen eines guten Werkes, das ich getan, oder wegen ihrer eigenen Macht? Ich will sie sogleich fragen.“ Und indem er sie fragte, sprach er folgende siebente Strophe:

„Was immer ich geopfert und gespendet,
von alledem bist Herrin du, du Schöne:
Schönhüft'ge du, Schönäugige, du Schlanke,
von welcher Tat ist dies für mich der Lohn?“

Als dies die Gottheit hörte, dachte sie bei sich: „Dieser Brahmane fragt mich, glaube ich, weil er meint, ich kenne sein gutes Werk nicht; jetzt will ich es ihm erzählen.“ Und es verkündend sprach sie folgende achte Strophe:

„Auf heißer Straße hast du einen Mönch,
der zitternd, müde, mit verbrannten Füßen
daherkam, Samkha, wohl versehn mit Schuhen.
Dies gute Werk erfüllt dir heut die Wünsche.“

Als dies der Bodhisattva vernahm, dachte er: „In diesem großen Meere, das wenig Rettung gewährt, ist die Spendung der Schuhe, die ich verschenkte, für mich eine Erfüllerin aller meiner Wünsche geworden. Ach, wie gut gegeben war das Almosen für den Paccekabuddha.“ Und hocherfreut sprach er folgende neunte Strophe:

„Ein Schiff soll mir erstehn aus neuen Brettern,
vom Wind geschwellt, für Wasser undurchdringlich;
für anderes Gefährt ist hier kein Platz.
Noch heut lass Molini mich wieder schauen.“

Da die Gottheit dessen Worte vernommen, erschuf sie befriedigten Herzens ein aus den sieben Arten der Kostbarkeiten bestehendes Schiff; dies war acht Usabhas lang, vier Usabhas breit und zwanzig Klafter tief. Es hatte drei Masten aus Saphir bestehend; sein Tauwerk bestand aus Gold, seine Segel aus Silber und seine zahlreichen Ruder waren auch aus Gold. Die Gottheit füllte das Schiff mit den sieben Arten der Kostbarkeiten an; dann umfasste sie den Brahmanen und hob ihn auf das geschmückte Schiff; seinen Diener aber sah sie nicht an. Da gab diesem der Brahmane Anteil an dem guten Werke, das er selbst getan, und jener dankte; darauf umfasste auch ihn die Gottheit und stellte ihn auf das Schiff. Sodann brachte sie das Schiff nach der Stadt Molini, legte im Hause des Brahmanen die Schätze nieder und kehrte dann an ihren Aufenthaltsort zurück.

Als der Meister der völlig Erleuchtete geworden, sprach er folgende Schlussstrophe:

Voll Freude, hochbefriedigt und entzückt
erschuf die Gottheit ein gar schönes Schiff;
mit seinem Diener brachte sie den Samkha
in seine Stadt, die liebliche, zurück.

Der Brahmane aber wohnte von da an zeitlebens in seinem mit unermesslichen Schätzen gefüllten Hause, spendete Almosen und hielt die Gebote. Am Ende seines Lebens gelangte er samt seinen Leuten nach der Götterstadt.

Nachdem der Meister diese Unterweisung beschlossen und die Wahrheiten verkündigt hatte, verband er das Jātaka mit folgenden Worten (am Ende der Verkündigung der Wahrheiten aber gelangte jener Laienbruder zur Frucht der Bekehrung): „Damals war die Gottheit Uppalavanna, der Mann war Ananda, der Brahmane Samkha aber war ich.“

Ende der Erzählung von Samkha.