Jātaka 444

Die Erzählung von Kanhadipayana (Kanhadipayana-Jātaka)

„Nur sieben Tage“

Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf einen unzufriedenen Mönch.

Die Begebenheit wird im Kusa-Jātaka erzählt werden.—

Nachdem aber der Meister den Mönch gefragt hatte: „Ist es wahr, dass du unzufrieden bist?“, und zur Antwort erhielt: „Es ist wahr“, sprach er: „O Mönch, in der Vorzeit, als der Buddha noch nicht erschienen war, haben Weise, die in ketzerischer Lehre die Weltflucht betätigten, nachdem sie mehr als fünfzig Jahre lang ohne wahre Freude den heiligen Wandel geführt, aus Furcht, die Scham und die Scheu vor der Sünde zu verletzen, niemand von ihrer Unzufriedenheit erzählt; warum hast aber du, der du in dieser zum Heile führenden Lehre Mönch geworden, vor dem Angesicht von mir, dem ehrwürdigen Buddha, inmitten der vierfachen Versammlung diese Unzufriedenheit kundgetan? Warum hast du deine Scham und deine Scheu vor der Sünde nicht bewahrt?“ Nach diesen Worten erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

Ehedem regierte im Reiche Vamsa in der Stadt Kosambi ein König namens Kosambika. Damals waren in einem Flecken des Landes zwei Brahmanen, die ein Vermögen von achthundert Millionen besaßen, einander lieb und befreundet. Da sie die Sünde der Lust einsahen, spendeten sie ein großes Almosen, gaben beide die Lüste auf und zogen fort, während viel Volks klagte und weinte. Im Himalaya-Gebirge erbauten sie sich eine Einsiedelei und betätigten dort die Weltflucht. Indem sie sich von übrig gebliebenen Ähren und von den Wurzeln und Früchten des Waldes nährten, blieben sie dort fünfzig Jahre; doch erlangten sie nicht die Fähigkeit der Ekstase.

Nach Ablauf von fünfzig Jahren wandelten sie einmal, um sich mit Salz und Saurem zu versehen, durch das Land und gelangten dabei auch in das Königreich Kasi. Dort lebte in einem Marktflecken ein Laienfreund des Asketen Dipayana, Mandavya mit Namen. Die beiden kamen zu ihm hin. Als er sie sah, ließ er hocherfreut für sie eine Laubhütte errichten und versorgte die beiden mit den vier Hilfsmitteln. Nachdem sie dort drei oder vier Jahre verbracht hatten, nahmen sie Abschied von ihm und setzten ihre Wanderung fort. Dabei gelangten sie nach Benares und nahmen in dem Atimuttaka-Leichenfelde ihre Wohnung. Nachdem dort Dipayana, solange es ihm gefiel, verweilt hatte, kehrte er wieder zu seinem Freunde zurück; der Asket Mandavya aber blieb dort.

Eines Tages nun hatte ein Dieb in der Stadt eine Räuberei ausgeführt und flüchtete mit einem Haufen Geldes. Die Besitzer des Hauses, die merkten, dass ein Dieb da war, wachten auf und verfolgten ihn zusammen mit den Stadtwächtern. Der Dieb flüchtete durch den Abzugskanal, drang rasch in das Leichenfeld ein, warf an der Türe der Laubhütte des Asketen sein Bündel fort und entfloh.

Als die Besitzer des Geldes das Bündel sahen, riefen sie: „Holla, du falscher Asket! Bei Nacht verübst du Räubereien und bei Tag gehst du umher, als seiest du ein Büßer!“ Sie bedrohten und schlugen ihn und führten ihn vor den König. Ohne die Sache zu untersuchen, gebot dieser: „Gehet und spießet ihn an einem Pfahle auf!“ Sie führten ihn auf das Leichenfeld und wollten ihn an einen Akazienpfahl spießen; aber der Pfahl drang nicht in den Körper des Asketen ein. Hierauf brachten sie einen Pfahl von Nimba-Holz; aber auch dieser drang nicht ein. Endlich brachte man einen eisernen Pfahl herbei; aber auch dieser drang nicht ein.

Der Asket aber betrachtete, was seine früheren Taten waren. Da kam ihm die Erkenntnis der Erinnerung an seine früheren Existenzen; dadurch erkannte er seine früheren Taten, während er darüber nachdachte. Was aber war seine frühere Tat? Die Tötung einer Mücke mit einem Pfahl aus Ebenholz. In einer früheren Existenz nämlich war er ein Zimmermannssohn gewesen und an den Ort gegangen, wo sein Vater die Bäume behieb. Dabei fing er eine Mücke und steckte sie auf einen Ebenholzsplitter. An diese Übeltat erinnerte er sich, als er soweit gekommen. Er erkannte, er könne so von diesem Leiden nicht loskommen, und sprach deshalb zu den Leuten des Königs: „Wenn ihr mich auf einen Pfahl aufspießen wollt, so bringt einen Ebenholzpfahl herbei.“ Jene taten so, spießten ihn auf den Pfahl, stellten eine Wache dabei auf und gingen wieder davon. Die Wächter aber versteckten sich und beobachteten die, welche in seine Nähe kamen.

Damals aber hatte Dipayana gedacht: „Lange ist es her, dass ich meinen Freund gesehen“, und wollte den Mandavya besuchen. Da hörte er an demselben Tage: „Er ist an einen Pfahl gespießt worden.“ Er begab sich nach diesem Orte und fragte, ihm zur Seite tretend: „Was hast du getan, Lieber?“ Als dieser antwortete: „Ich habe nichts getan“, fragte er weiter: „Hast du, Lieber, deine Gedankensünde zurückhalten können oder konntest du es nicht?“ Jener erwiderte: „Lieber, weder gegen diejenigen, die mich ergriffen, noch gegen den König habe ich eine Gedankensünde begangen.“ Darauf versetzte Dipayana: „Wenn es sich so verhält, so ist der Schatten eines so Tugendhaften glückbringend für mich“; und er setzte sich neben dem Pfahle nieder. Auf seinen Körper aber fielen vom Leibe des Mandavya blutige Tropfen nieder; sobald diese auf den goldfarbigen Körper gefallen waren, vertrockneten sie und wurden schwarz. Von da an trug jener den Namen Kanhadipayana (= der schwarze Dipayana).

Die ganze Nacht hindurch blieb er dort sitzen. Am nächsten Tage gingen die Wachleute hin und meldeten die Begebenheit dem Könige. Der König dachte: „Unachtsam habe ich gehandelt“; schnell begab er sich dorthin und fragte den Dipayana: „Du Weltflüchtling, warum sitzest du neben dem Pfahle?“ Dieser antwortete: „O Großkönig, ich sitze hier und bewache diesen Asketen. Tust du aber so, nachdem du seine Schuld erkannt hast oder nicht?“ Jener bekannte, er habe die Sache nicht untersucht. Da sprach Dipayana zu ihm: „O Großkönig, du musst immer achtsam handeln. ‚Nicht gut ist's, wenn ein Laie träg den Lüsten lebt ‘“; mit solchen und ähnlichen Worten erklärte er ihm die Wahrheit.

Als nun der König die Schuldlosigkeit des Mandavya erkannt hatte, befahl er: „Ziehet den Pfahl heraus.“ Da sie aber den Pfahl herausziehen wollten, konnten nie es nicht. Da sagte Mandavya: „O König, ich bin durch die Schuld einer früher begangenen Tat zu solcher Unehre gekommen; aus meinem Leibe kann man den Pfahl nicht mehr herausziehen. Wenn du mir das Leben schenken willst, so lasse eine Säge herbeibringen und lasse den Pfahl abschneiden, dass er nicht über den Körper hinaussteht.“ Der König ließ so tun; in dem Körper des Asketen aber blieb der Pfahl drinnen.—Damals nämlich hatte der Asket einen feinen Diamantsplitter der Mücke in den After gesteckt; dieser blieb in ihrem Körper. Darum fand sie damals nicht den Tod, sondern starb erst, als ihr natürliches Lebensende gekommen war. Aus diesem Grunde starb auch der Asket nicht daran.—Der König aber bezeigte den beiden seine Verehrung und bat sie um Verzeihung; er ließ sie beide in seinem Parke wohnen und behütete sie. Von da an aber erhielt der Asket Mandavya den Namen Animandavya (= Pflock-Mandavya).

Dieser blieb bei dem Könige wohnen. Nachdem aber Dipayana dessen Wunde geheilt hatte, kehrte er zu seinem Laienfreund Mandavya zurück. Als er in seine Laubhütte hineinging, sah man ihn und meldete es seinem Freunde. Auf die Kunde hiervon war dieser hocherfreut; er nahm viel wohlriechende Substanzen, Kränze, Öl, Butter u. dgl. mit und begab sich mit Weib und Kind nach der Laubhütte. Hier begrüßte er Dipayana, wusch ihm seine Füße, salbte sie und gab ihm Wasser zu trinken; hierauf setzte er sich nieder und vernahm die Begebenheit von Animandavya.

Sein Sohn, der junge Yannadatta, aber spielte am Ende des Wandelganges mit einem Ball. Dort hauste in einem Ameisenhaufen eine Giftschlange. Der Ball aber, den der Knabe auf den Boden warf, sprang in die Höhe und fiel durch eine Öffnung in dem Ameisenhaufen auf den Kopf der Schlange. Ohne es zu wissen streckte der Knabe seine Hand in die Öffnung hinein. Da biss ihn die zornige Schlange in die Hand; der Knabe aber wurde durch die Kraft des Giftes ohnmächtig und fiel daselbst zu Boden. Als nun seine Eltern merkten, dass ihn eine Schlange gebissen hatte, hoben sie den Knaben auf, brachten ihn zu dem Asketen, legten ihn zu dessen Füßen nieder und sprachen: „O Herr, die Weltflüchtlinge kennen doch ein Heilmittel oder ein Schutzmittel; macht unsern Sohn gesund.“ Der Asket antwortete: „Ich kenne kein Heilmittel; ich betreibe nicht das Gewerbe eines Arztes.“ Doch sie sagten weiter: „Weil Ihr ein Weltflüchtling seid, darum erwecket, Herr, in Euch die Liebe zu diesem Knaben und wirket ein Wunder durch das Bekenntnis der Wahrheit.“ Der Asket versetzte: „Gut, durch Bekenntnis der Wahrheit werde ich ein Wunder wirken“; und indem er seine Hand auf Yannadattas Haupt legte, sprach er folgende erste Strophe:

„Nur sieben Tage führt' ich reinen Wandel
mit freud'gem Herzen, nach der Tugend strebend.
Doch was nach Ablauf dieser kurzen Zeit
ich lebte, fünfzig Jahre und darüber,
führt' ohne Freude ich den heil'gen Wandel.
Aus dieser Wahrheit möge Heil ersprießen;
das Gift sei tot und Yannadatta lebe!“

Zugleich mit dieser Wahrheitsbetätigung aber sprang aus Yannadattas Brust das Gift hoch empor und versank im Boden. Der Knabe schlug die Augen auf, blickte seine Eltern an und sagte: „Mutter!“ Dann drehte er sich um und legte sich zum Schlafen nieder.

Darauf sagte Kanhadipayana zu dem Vater des Knaben: „Ich habe jetzt meine Kraft gezeigt; zeige auch du jetzt deine Kraft!“ Jener antwortete: „Auch ich will die Wahrheit betätigen“; und indem er seine Hand auf die Brust des Knaben legte, sprach er folgende zweite Strophe:

„Dass mich Almosen Geben niemals freute,
wenn einen Gast ich sah, der Wohnung suchte,
und dass mein Unbefriedigtsein nicht merkten
Asketen und Brahmanen, hochgelehrte,
denn ohne Freude spend ich meine Gaben:
aus dieser Wahrheit möge Heil ersprießen;
tot sei das Gift und Yannadatta lebe!“

Als er so die Wahrheit betätigte, sprang aus der Hüfte das Gift heraus und drang in die Erde ein. Der Knabe erhob sich und setzte sich nieder; stehen aber konnte er noch nicht. Da sprach sein Vater zu seiner Mutter: „Liebe, ich habe jetzt meine Kraft gezeigt; wirke auch du jetzt durch Bekräftigung der Wahrheit ein Wunder und mache, dass der Knabe aufsteht und gehen kann.“ Die Frau antwortete: „Ich habe eine Wahrheit; in deiner Gegenwart aber kann ich sie nicht erzählen.“ Doch ihr Gatte versetzte: „Liebe, wie es auch immer sei, mache nur meinen Sohn gesund.“ Sie stimmte zu und sprach, um die Wahrheit zu betätigen, folgende dritte Strophe:

„Die gift'ge Schlang, mein Sohn, voll großer Kraft,
die aus dem Spalt der Erd heraus dich biss,
der Hass, den heut ich fühle gegen sie,
ist größer nicht wie gegen deinen Vater.
Aus dieser Wahrheit möge Heil ersprießen;
tot sei das Gift und Yannadatta lebe!“

Zugleich mit dieser Betätigung der Wahrheit aber sprang der Rest des Giftes heraus und drang in die Erde ein; Yannadatta stand mit dem vom Gift befreiten Körper auf und begann wieder zu spielen. Als sich so der Knabe entfernt hatte, fragte Mandavya den Dipayana nach seiner Absicht, die er dabei habe, und sprach folgende vierte Strophe:

„Die heil'gen Selbstbezwinger, die die Welt
verlassen, sind voll Freude bis auf Kanha;
warum, Dipayana, führst du verdrossen
und lustlos weiter deinen heil'gen Wandel?“

Um ihm die Ursache davon mitzuteilen, sprach jener folgende fünfte Strophe:

„‚Wer gläubig fortgeht und dann wiederkommt,
der gleicht fürwahr dem Taubstummen, dem Toren‘;
ob dieses Spruches führe ich verdrossen
und lustlos meinen heil'gen Wandel weiter.
Gelobt von Weisen, gut ist dieses Leben;
drum führ auch ich den tugendsamen Wandel.“

Nachdem er so seine Absicht, von der er geleitet wurde, verkündigt hatte, fragte er wiederum den Mandavya und sprach folgende sechste Strophe:

„Die wandernden Asketen und Brahmanen
versiehest reichlich du mit Trank und Speise;
dem öffentlichen Wirtshaus gleicht dein Haus,
mit Trank und Speise reichlich ausgestattet.
Ob welches Spruches aber spendest du
voll Überdruss und lustlos diese Gaben?“

Darauf sprach Mandavya, um auch seine Absicht dabei kund zu tun, folgende siebente Strophe:

„Es waren meine Väter und Großväter
voll Glaubens, freigebig und Gaben spendend;
wenn die Familienpflicht ich nicht erfüllte,
‚nicht sei in der Familie ich der letzte‘;
ob dieses Spruches eben spende ich
voll Überdruss und lustlos diese Gaben.“

Nach diesen Worten aber sprach Mandavya, um seine Gattin zu fragen, folgende achte Strophe:

„Du, die ich heimgeführt als junges Mädchen,
noch kindisch, aus verwandtem Stamm, du Schöne,
du ließest deine Unlieb' mich nicht merken,
indem du anderswo Befried'gung suchtest.
Aus welchem Grunde aber bleibst du, Herrin,
in dieser Weise lieb mit mir zusammen?“

Um ihm dies zu erklären, sprach seine Frau folgende neunte Strophe:

„Seit langem gab's noch nie in der Familie
ein Weib, das einen zweiten Mann sich nahm.
Wenn die Familienpflicht ich nicht erfüllte,
‚nicht sei in der Familie ich die letzte‘:
ob dieses Spruches, wenn auch voll Verdrusses
und lustlos, weile ich doch fest bei dir.“

Nach diesen Worten aber dachte sie: „Ich habe bei meinem Gatten ein Geheimnis ausgesprochen, von dem ich noch nie vorher redete; er könnte mir vielleicht darüber zürnen. In Gegenwart des meiner Familie befreundeten Asketen will ich ihn um Verzeihung bitten.“ Und indem sie ihn um Verzeihung bat, sprach sie folgende zehnte Strophe:

„O Mandavya, ich sprach, was ich nicht sollte,
verzeih es heut noch um des Sohnes willen!
Nichts Höh'res gibt es hier als Elternliebe;
es lebt ja Yannadatta, unser Sohn.“

Mandavya aber sprach zu ihr: „Stehe auf, Liebe, ich verzeihe dir. Von jetzt an aber denke nichts Ungütiges mehr; ich werde dir nichts Unliebes tun.“ Auch der Bodhisattva sagte zu Mandavya: „Lieber, nachdem du das schwer zu beschaffende Geld zusammengebracht hast und nicht an eine gute Tat und an eine Frucht davon glaubtest, hast du unrecht getan, dass du Almosen spendetest. Gib von jetzt deine Almosen gläubigen Sinnes!“ Dieser gab seine Zustimmung kund und sprach zu dem Bodhisattva: „Herr, dass du bei dem Almosenempfang von uns bliebest und, ohne Freude daran zu empfinden, heiligen Wandel führtest, damit hast du unrecht getan; von heute an, damit dein Tun reiche Frucht trage, befriedige deinen Sinn, werde reinen Herzens und führe reinen Wandel, indem du dich des Glückes der Ekstase erfreust.“ Nachdem sie dann noch den Bodhisattva gegrüßt hatten, standen sie auf und entfernten sich. Von da an aber war die Gattin voll Liebe zu ihrem Gatten, Mandavya gab freudigen Sinnes im Glauben seine Almosen, der Bodhisattva endlich unterdrückte die Freudlosigkeit, erlangte die Fähigkeit zur Ekstase und die Erkenntnisse und kam dann in die Brahma-Welt.

Nachdem der Meister diese Unterweisung beschlossen und die Wahrheiten verkündigt hatte, verband er das Jātaka mit folgenden Worten (am Ende der Wahrheitsvorkündigung aber gelangte der Unzufriedene zur Frucht der Bekehrung): „Damals war Mandavya Ananda, seine Gattin war Visakha, sein Sohn war Rāhula, Animandavya war Sariputta, Kanhadipayana aber war ich.“

Ende der Erzählung von Kanhadipayana