Jātaka 446

Die Erzählung von der Knolle (Takkala-Jātaka)

„Nicht gibt es Knollen hier oder Bataten“

Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf einen Laienbruder, der seinen Vater ernährte, dieser nämlich war in einer armen Familie wiedergeboren worden. Als seine Mutter gestorben war, stand er in der Frühe auf, holte Zahnstocher, Wasser zum Gesicht Waschen u. dgl. herbei, dann arbeitete er für Lohn oder trieb Feldarbeit; je nach dem Gelde, das er dafür erhielt, bereitete er Reisschleim, Reisbrei u. dgl. Speisen und ernährte damit seinen Vater. Sein Vater aber sprach zu ihm: „Mein Sohn, du verrichtest allein die Arbeit in und außer dem Hause; wir werden dir eine Tochter von guter Familie als Frau zuführen, diese wird verrichten, was im Hause zu tun ist.“ Der Sohn erwiderte: „Vater, die Frauen, die in das Haus kommen, werden weder mir noch Euch nach Gefallen tun. Denket nicht an dergleichen! Ich werde Euch zeitlebens ernähren und nach Eurem Tode werde ich weiter sehen!“

Obwohl dieser es aber nicht wünschte, führte ihm sein Vater doch ein Mädchen als Frau zu; diese war ihrem Schwiegervater sowohl wie ihrem Gatten eine große Hilfe und treu ergeben. Ihr Gatte freute sich über sie, dass sie seinem Vater eine solche Hilfe war, und brachte ihr alles Schöne, das er erhielt; sie aber erfreute damit ihren Schwiegervater. In der Folgezeit aber dachte sie: „Mein Gatte gibt alles, was er erhält, nicht seinem Vater, sondern er schenkt es nur mir. Sicherlich hat er die Liebe zu seinem Vater verloren. Ich will den Alten durch eine List mit meinem Gatten verfeinden und dadurch bewirken, dass er aus dem Hause kommt.“ Von da an gab sie ihm Wasser, das zu heiß oder zu kalt war, entweder zu sehr gesalzen oder zu wenig gesalzen, den Reisbrei entweder zu dick oder zu dünn. So tat sie ihm noch anderes, das seinen Zorn erregen musste. Als er nun zornig wurde, sagte sie: „Wer wird im Stande sein, diesen Alten zu ertragen?“, und vermehrte durch diese rauen Worte noch den Streit. Allenthalben verstreute sie Speichelklumpen u. dgl. und machte damit ihren Gatten gereizt, indem sie sagte: „Siehe, was dein Vater getan hat; wenn man ihm aber sagt, er solle dies und das nicht tun, so wird er zornig. Entweder lasse deinen Vater im Hause wohnen oder mich!“ Ihr Mann aber versetzte: „Liebe, du bist noch jung, du kannst dir überall den Lebensunterhalt erwerben. Mein Vater aber ist alt; wenn du ihn nicht aushalten kannst, so verlasse dieses Haus!“ Da dachte die Frau voll Furcht: „Von jetzt an werde ich nicht mehr so tun“, sie fiel ihrem Schwiegervater zu Füßen, bat ihn um Verzeihung und begann, ihn wieder auf die frühere Weise zu pflegen.

Während aber jener Laienbruder an den vorhergehenden Tagen wegen der Belästigung durch seine Frau nicht zum Meister gekommen war, um die Predigt zu hören, kam er wieder dorthin, als seine Frau wieder geworden war wie zuvor. Da fragte ihn der Meister: „O Laienbruder, warum bist du sieben oder acht Tage nicht zum Anhören der Predigt gekommen?“ Jener erzählte die Sache. Darauf sprach der Meister: „Jetzt hast du ihre Rede nicht befolgt und deinen Vater nicht aus dem Hause getrieben. Früher aber befolgtest du ihre Worte, brachtest deinen Vater auf das Leichenfeld und wolltest ihn in eine Grube eingraben; als er aber schon sterben wollte, erklärte ich, der ich damals ein Knabe von sieben Jahren war, dir den Vorzug der Eltern und hielt dich dadurch von der Ermordung deines Vaters ab. Damals nahmest du meine Worte an, pflegtest zeitlebens deinen Vater und kamst dadurch in den Himmel. Die Ermahnung aber, die ich dir damals gab, hat dich, auch nachdem du in eine andere Existenz gekommen bist, nicht verlassen; aus diesem Grunde befolgtest du jetzt nicht die Worte deiner Frau und vertriebst nicht deinen Vater.“ Nach diesen Worten erzählte er, von jenem gebeten, folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, lebte in einem Dorfe des Reiches Kasi ein einziger Sohn einer Familie, Vasitthaka mit Namen. Dieser pflegte seine Eltern. Als in der Folgezeit seine Mutter gestorben war, ernährte er seinen Vater usw. ganz wie in der Erzählung aus der Gegenwart. Folgendes aber war verschieden: Als damals jenes Weib gesagt hatte: „Siehe, was dein Vater getan hat; wenn man ihm aber sagt, er solle dies und das nicht tun, so wird er zornig“, log sie noch hinzu: „Herr, dein Vater ist rau und grob und fängt beständig Streit an; vom Alter beschwert und durch Krankheit bedrückt wird er in kurzer Zeit sterben. Ich kann nicht mit ihm in einem Hause wohnen; er selbst aber wird vielleicht schon in wenigen Tagen sterben. Darum bringe ihn auf das Leichenfeld, grabe eine Grube, wirf ihn da hinein und zerschmettere ihm mit dem Spaten das Haupt. Nachdem du ihn so getötet, decke ihn mit Schmutz zu und komme dann zurück.“

Als sie immer wieder so zu ihm sprach, sagte er: „Liebe, einen Mann zu töten ist eine schwere Schuld; wie soll ich ihn töten können?“ Doch sie erwiderte: „Ich will dir eine List verraten.“ „Tue dies nur!“ Darauf sagte die Frau: „Herr, begib dich zur Zeit der Morgendämmerung an den Ort, wo dein Vater liegt, und erhebe dort deine Stimme, so dass alle es hören können, und sage: ‚Vater, in dem Dorfe so und so wohnt ein Schuldner von dir. Wenn ich zu ihm komme, gibt er mir das Geld nicht; wenn du tot bist, wird er es mir auch nicht geben. Darum wollen wir uns morgen auf einen Wagen setzen und in der Frühe fortfahren.‘ Zu der angegebenen Zeit stehe dann auf, schirre die Tiere an den Wagen und lasse ihn sich darauf setzen; bringe ihn aber auf das Leichenfeld und vergrabe ihn in eine Grube. Sodann rufe, du seiest von Dieben beraubt worden, wasche dein Haupt und komme zurück!“ Vasitthaka erwiderte: „Dies ist ein Mittel“; er stimmte dem Plane bei und machte den Wagen reisefertig.

Er hatte aber einen Knaben von sieben Jahren; der war weise und klug. Als dieser die Worte seiner Mutter vernahm, dachte er: „Meine Mutter tut Böses; sie veranlasst meinen Vater zum Vatermord. Ich aber werde nicht zugeben, dass er den Vatermord ausführt.“ Er ging leise hin und legte sich neben seinen Großvater.—Zu der Zeit aber, die jenem seine Frau angegeben hatte, schirrte er die Tiere an den Wagen und rief: „Komm, Vater, wir wollen deine Schuld ins Reine bringen.“ Mit diesen Worten ließ er seinen Vater sich auf den Wagen setzen. Der Knabe aber war schon zuerst auf den Wagen gestiegen. Da ihn Vasitthaka nicht zurückhalten konnte, fuhr er mit ihm nach dem Leichenfeld. Hier ließ er seinen Vater und seinen Sohn mit dem Wagen beiseite warten. Er selbst stieg ab, nahm einen Spaten und einen Korb mit und begann, an einer verborgenen Stelle eine viereckige Grube zu graben. Der Knabe stieg auch vom Wagen herab, ging zu seinem Vater hin, und indem er, als wenn er von nichts wüsste, eine Unterhaltung begann, sprach er folgende erste Strophe:

„Nicht gibt es Knollen hier oder Bataten,
nicht Kätzchenzwiebeln noch Kalumba-Wurzeln;
allein in dem Gehölz am Leichenfelde,
warum, o Vater, gräbst du eine Grube?“

Darauf sprach sein Vater folgende Strophe:

„Mein Sohn, dein Großvater ist schon recht schwach,
von mancher Krankheit Leid ist er getroffen.
Drum will ich ihn in dieser Grub' vergraben;
an seinem Leben find ich kein Gefallen.“

Als dies der Sohn hörte, sprach er folgende Halbstrophe:

„Gar schlimm ist der Gedanke, den du fasstest;
zum Unglück dir tust du die grause Tat.“

Nach diesen Worten aber nahm er seinem Vater den Spaten aus der Hand und begann, eine andere Grube zu graben. Da ging sein Vater zu ihm hin und fragte: „Warum gräbst du eine Grube, mein Sohn?“

Um es ihm zu erklären, sprach dieser folgende dritte Strophe:

„Von mir auch wird zuteil dir werden, Vater,
dieselbe Tat, wenn du einst alt geworden;
indem ich der Familie Pflicht erfülle,
werde auch ich dich in der Grub' vergraben.“

Darauf sprach sein Vater folgende vierte Strophe:

„Mit grausen Worten mich bedrängend, Knabe,
und schwer mich treffend hast du dies gesprochen.
Denn du, der du doch bist mein leiblich Kind,
bist gegen mich unfreundlich, mitleidslos.“

Nach diesen Worten sprach der weise Knabe eine Strophe als Antwort und zwei Strophen als begeisterten Ausruf, nämlich folgende drei Strophen:

„Nicht unfreundlich, mitleidslos gegen dich,
nein, lieb und mitleidsvoll bin ich dir, Vater;
doch da du vorhast eine schlimme Tat,
muss ich davon zurück dich halten, Vater.

Wer Vater oder Mutter, o Vasittha,
die ihm nichts schaden, böswillig verletzt,
der findet nach dem Tode ohne Zweifel
die Hölle nur als sein zukünftig Los.

Doch wer, Vasittha, Vater oder Mutter
eifrig versorgt mit Speise und mit Trank,
der findet nach dem Tode ohne Zweifel
das Himmelreich als sein zukünftig Los.“

Als aber der Vater diese Unterweisung seines Sohnes vernommen, sprach er folgende achte Strophe:

„Nicht unfreundlich und mitleidslos, mein Sohn,
nein, lieb bist du zu mir und mitleidsvoll;
von deiner Mutter überredet wollte
ich eine solch grausame Tat begehen.“

Als dies der Knabe hörte, antwortete er: „Vater, wenn einmal die Frauen in Sünde gefallen sind, so können sie sich nicht bezwingen und tun immer wieder Böses; wir müssen aber meine Mutter niederbeugen, damit sie nicht mehr dergleichen tue.“ Und er sprach folgende neunte Strophe:

„Die deine Gattin ist, die Unedle,
sie ist die Mutter mein, die mich gebar;
vom eignen Hause wollen wir sie treiben,
sie könnte dir noch andres Unheil bringen.“

Als Vasitthaka diese Worte seines weisen Sohnes vernommen, sagte er voller Freude: „Lass uns gehen, mein Sohn“, setzte sich mit seinem Sohn und seinem Vater auf den Wagen und fuhr fort.—Jenes lasterhafte Weib aber hatte gedacht: „Fortgegangen ist aus unserm Hause der Unglücksrabe“; hocherfreut hatte sie das Haus mit feuchtem Kuhmist ausgefegt, Reisbrei gekocht und schaute auf den Weg, wo sie zurückkehren mussten. Als sie die anderen kommen sah, dachte sie voll Zorn: „Jetzt hat er den weggezogenen Unglücksraben doch wieder mitgebracht“, und sie schalt mit folgenden Worten: „Holla, du Elender, du hast ja den fortgegangenen Unglücksraben wieder mit dir zurückgebracht!“ Ohne ein Wort zu sagen, schirrte Vasitthaka die Tiere vom Wagen; dann rief er: „Du Lasterhafte, was redest du?“, prügelte sie tüchtig durch, packte sie mit den Worten: „Von jetzt an betritt nicht mehr dieses Haus!“, am Fuße und warf sie hinaus. Darauf ließ er seinen Vater und seinen Sohn sich baden, wusch sich selbst und nun verzehrten die drei den Reisbrei. Das böse Weib aber blieb einige Tage in einem andern Hause.

Zu der Zeit sprach der Sohn zu seinem Vater: „Vater, meine Mutter wird auch durch all dies noch nicht belehrt. Um meine Mutter mürbe zu machen, saget: ‚In dem Dorfe so und so lebt die Tochter eines Onkels von mir; diese wird meinen Vater, meinen Sohn und mich selbst pflegen; sie will ich als Frau heimführen.‘ Nehmt Kränze, wohlriechende Substanzen u. dgl. mit, verlasset auf dem Wagen das Dorf, haltet Euch auf dem Felde auf und kommt dann am Abend zurück!“ Jener tat so.

Da meldeten jener die Nachbarfrauen: „Dein Gatte ist in das Dorf so und so gegangen, um sich eine andere Gattin heimzuführen.“ Voll Furcht und Schrecken dachte sie: „Jetzt bin ich verloren; ich habe keine Gelegenheit mehr!“ Da kam ihr der Gedanke: „Ich will meinen Sohn bitten.“ Rasch ging sie zu ihrem Sohne hin, fiel ihm zu Füßen und sprach: „Außer dir habe ich keine Zuflucht mehr. Von heute an will ich deinen Vater und deinen Großvater wie ein geschmücktes Monument behüten; bewirke nur, dass ich wieder in dies Haus darf.“ Der Sohn antwortete: „Gut, Mutter; wenn Ihr nicht mehr derartiges tun werdet, werde ich dies bewirken. Lasset nicht nach in Eurem Streben!“ Als dann sein Vater kam, sprach er folgende zehnte Strophe:

„Die deine Gattin ist, die Unedle,
sie ist die Mutter mein, die mich gebar;
wie ein gezähmter Elefant zum Folgen
gezwungen mag die Böse wieder kommen.“

Nachdem er so zu seinem Vater gesprochen, ging er hin und holte seine Mutter. Diese bat ihren Gatten und ihren Schwiegervater um Verzeihung und war von da an bezähmt. Mit Tugend ausgestattet pflegte sie ihren Gatten, ihren Schwiegervater und ihren Sohn. Die beiden aber beharrten bei der Ermahnung des Sohnes, taten gute Werke wie Almosen Geben u. dgl. und gelangten dann in den Himmel.

Nachdem der Meister diese Unterweisung beschlossen und die Wahrheiten verkündigt hatte, verband er das Jātaka (am Ende der Verkündigung der Wahrheiten aber gelangte der Mann, der seinen Vater ernährte, zur Frucht der Bekehrung) mit folgenden Worten: „Damals waren der Vater, der Sohn und die Schwiegertochter dieselben wie jetzt, der weise Knabe aber war ich.“

Ende der Erzählung von der Knolle