Jātaka 449

Die Erzählung von dem glänzenden Ohrring (Mattakundali-Jātaka)

„Mit Ohrringen geschmückt, mit glänzenden“

Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf einen Gutsbesitzer, dessen Sohn gestorben war. Zu Savatthi nämlich starb einem Gutsbesitzer, der ein treuer Buddha-Anhänger war, sein lieber Sohn. Von Trauer über seinen Sohn erfüllt wusch er sich nicht mehr, er aß nicht mehr, besorgte nicht mehr seine Geschäfte und kam auch nicht mehr zur Buddha-Aufwartung; er lallte nur immer vor sich hin: „Mein teures Söhnchen, du hast mich verlassen und bist zuerst fortgegangen“, u. dgl.

Als nun zur Zeit der Morgendämmerung der Meister die Welt betrachtete, sah er, dass jener die Fähigkeit zur Erlangung der Frucht der Bekehrung besaß. Nachdem er am nächsten Tage umgeben von der Mönchsgemeinde in Savatthi seinen Almosengang gemacht, schickte er nach Einnahme des Mahles die Mönche fort und begab sich nur von dem Thera Ananda begleitet nach dem Hause jenes Mannes. Man meldete dem Gutsbesitzer die Ankunft des Meisters. Die Leute in seinem Hause richteten einen Sitz her, ließen den Meister Platz nehmen, holten den Hausherrn herbei und führten ihn zum Meister. Als er ihn begrüßt und sich neben ihn gesetzt hatte, fragte ihn der Meister mit von Mitleid erfüllter Stimme: „O Laienbruder, betrauerst du deinen einzigen Sohn?“ Auf dessen bejahende Antwort sprach er weiter: „O Laienbruder, in der Vorzeit haben Weise, die wegen des Todes ihres Sohnes beständig von Kummer erfüllt waren, aus der Rede von Weisen der Wahrheit gemäß erkannt, dass dies ein unwiederbringliches Gut sei, und deshalb auch den geringsten Kummer aufgegeben.“ Nach diesen Worten erzählte er auf die Bitte von jenem folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, wurde der Sohn eines reich begüterten Brahmanen im Alter von fünfzehn oder sechzehn Jahren von einer Krankheit ergriffen; er starb und wurde in einer Götterwelt wiedergeboren. Seitdem er aber gestorben war, ging der Brahmane immer auf das Leichenfeld und jammerte, indem er seinen Aschenhaufen betrachtete; alle Geschäfte ließ er liegen und war beständig von Schmerz erfüllt.

Als der Göttersohn bei seinem Umherblicken dies sah, dachte er: „Durch eine List werde ich ihm seinen Kummer nehmen.“ Zur Zeit, da sein Vater nach dem Leichenfelde ging und dort klagte, nahm er das Aussehen von dessen Sohne an und stellte sich mit allem Schmuck geziert an seine Seite. Er legte die beiden Hände auf das Haupt und jammerte laut. Als der Brahmane diese Töne hörte, blickte er sich nach ihm um; da wurde die Vaterliebe in ihm wach. Er trat an seine Seite und fragte: „Mein lieber Brahmanenjüngling, warum klagst du so inmitten des Leichenfeldes?“ Dabei sprach er folgende erste Strophe:

„Mit Ohrringen geschmückt, mit glänzenden,
trägst Kränze du besprengt mit goldnem Sandel
und deine Arme streckst du aus und jammerst;
was bist unglücklich du in Waldesmitten?“

Um es ihm zu verkünden, sprach der junge Brahmane folgende zweite Strophe:

„Von Gold gefertigt und gar prächtig glänzend
hatt' ich erhalten einen Wagenkasten,
doch find ich nicht dazu das Räderpaar;
aus Schmerz darüber möcht ich lieber sterben.“

Ihm dies gewährend sprach der Brahmane folgende dritte Strophe:

„Sei er aus Gold gemacht, aus Edelstein,
sei er aus Eisen oder auch aus Silber,
sag es, den Wagen lasse ich dir machen,
ein Räderpaar auch geb ich dir dazu.“

Als dies der junge Brahmane hörte, sprach er folgendes:

Doch ihm erwidert' der Brahmanenjüngling.

Diesen ersten Vers sprach der Meister, als er völlig erleuchtet geworden.

„Die Sonne und der Mond, die beiden Brüder,
sie sollen sein das Räderpaar, von dem
der goldgemachte Wagen mein erglänzt.“

Diese übrigen Verse sprach der Jüngling. Die Antwort darauf lautete:

„Ein Tor bist du, Brahmanenjüngling,
der du nicht zu Erreichendes begehrst;
ich glaube, eher wirst du sterben,
denn nicht kannst Mond und Sonne du erhalten.“

Darauf versetzte der Jüngling:

„Man sieht den Aufgang, sieht den Untergang,
auch die Gestalt und Form und ihre Bahnen;
von einem Toten aber sieht man nichts:
wer ist denn törichter als der, der klagt?“

Als der Jüngling aber so redete, verstand es der Brahmane und er sprach folgende Strophe:

„Fürwahr, die Wahrheit redest du, o Jüngling,
ich bin noch törichter als die, die weinen;
denn wie ein Knabe nach dem Monde jammert,
so sehn' ich mich nach einem toten Leichnam.“—

Nachdem so der Brahmane durch die Worte des Jünglings von seinem Kummer befreit war, sprach er, um ihn zu preisen, noch die folgenden übrigen Strophen:

„Da ich vor Kummer brannt' wie Feuer,
in das man flüss'ge Butter schüttet,
hat er mir allen Schmerz genommen,
wie wenn er ihn mit Wasser löschte.

Befreit hat er mich von dem Kummer,
der mir in meinem Herzen wohnte,
er, der den Vaterschmerz mir nahm,
der mich bisher so ganz erfüllte.

Jetzt bin ich frei von meinem Kummer,
der Schmerz ist fort und ich bin heiter;
nicht traure ich und weine fürder,
nachdem ich dich gehört, o Jüngling.“

Darauf ermahnte ihn der Jüngling noch mit folgenden Worten: „Brahmane, ich bin dein Sohn, um dessentwillen du weinst. Ich bin in der Götterwelt wiedergeboren; betrauere mich von jetzt an nicht mehr. Gib Almosen, halte die Gebote, beobachte das Uposatha!“ Dann kehrte er an seinen Ort zurück. Der Brahmane aber beharrte bei dessen Ermahnung, verrichtete gute Werke wie Almosen Geben u. dgl. und wurde nach seinem Tode in der Götterwelt wiedergeboren.

Nachdem der Meister diese Unterweisung beschlossen und die Wahrheiten verkündigt hatte, verband er das Jātaka (am Ende der Wahrheitsverkündigung aber gelangte der Gutsbesitzer zur Frucht der Bekehrung) mit folgenden Worten: „Damals war ich der Göttersohn, der die Wahrheit verkündete.“

Ende der Erzählung von dem glänzenden Ohrring