Jātaka 455

Die Erzählung von dem seine Mutter Ernährenden (Matuposika-Jātaka)

„Durch die Entfernung dieses Elefanten“

Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf einen Mönch, der seine Mutter ernährte.

Die Erzählung aus der Gegenwart gleicht der im Sama-Jātaka berichteten.

Damals aber sprach der Meister zu den Mönchen: „Ihr Mönche, seid nicht aufgebracht über diesen! Als die Weisen der Vorzeit, obwohl sie im Tiergeschlechte ihre Wiedergeburt genommen hatten, von ihrer Mutter getrennt sieben Tage lang gehungert hatten und dadurch ganz vertrocknet waren, erhielten sie Speise, die eines Königs würdig war. Doch sie sagten: ‚Ohne unsere Mutter werden wir nichts essen‘ und sie nahmen das Mahl erst an, nachdem sie ihre Mutter gesehen hatten.“ Nach diesen Worten erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, nahm der Bodhisattva in einer Elefantenfamilie im Himalaya-Gebirge seine Wiedergeburt. Er war ganz weiß, schön von Aussehen und war von achtzigtausend Elefanten umgeben. Seine Mutter aber war blind. Deshalb übergab er alle süßen Waldfrüchte den anderen Elefanten und schickte sie seiner Mutter; die Elefanten aber gaben sie ihr nicht, sondern verzehrten sie selbst. Als er sie beobachtete und den Sachverhalt bemerkte, dachte er: „Ich will die Herde verlassen und meine Mutter ernähren.“ Zur Nachtzeit nahm er, ohne dass es die anderen Elefanten bemerkten, seine Mutter mit sich und begab sich in das Candorana-Gebirge. Dort verbrachte er seine Mutter in eine Berghöhle, die in der Nähe eines Teiches lag, und ernährte sie.

Ein Bewohner von Benares aber, ein Waldläufer, verirrte sich dort; als er die Himmelsgegenden nicht mehr unterscheiden konnte, jammerte er laut. Da der Bodhisattva seine Stimme vernahm, dachte er: „Dieser Mann ist hilflos; es ziemt sich aber nicht für mich, dass dieser hier sterbe, solange ich am Leben bin.“ Er ging zu ihm hin, und als er sah, dass jener aus Furcht vor ihm davonlief, sagte er zu ihm: „Holla, Mann, du brauchst vor mir keine Furcht zu haben. Laufe nicht davon! Warum jammerst du beständig so?“ Der Mann antwortete: „Herr, ich habe mich unterwegs verirrt; heute ist der siebente Tag.“ Doch der Elefant erwiderte: „He, Mann, fürchte dich nicht, ich werde dich in das Bereich der Menschen zurückbringen.“ Er ließ ihn sich auf seinen Rücken sitzen und trug ihn aus dem Walde heraus; dann kehrte er nach Hause zurück.

Jener Bösewicht aber hatte sich gedacht: „Wenn ich in die Stadt komme, werde ich es dem Könige sagen“, und hatte sich Zeichen an den Bäumen und an den Bergen gemacht. Als er aus dem Walde heraus war, ging er nach Benares.

Zu dieser Zeit starb der Leibelefant des Königs. Da ließ der König durch Trommelschlag verkünden: „Wenn jemand irgendwo einen Elefanten gesehen hat, der das passende Äußere für ein Reittier besitzt, so soll er es sagen!“ Der Mann ging zum Könige hin und sprach zu ihm: „O Fürst, ich habe einen ganz weißen, tugendhaften Elefantenkönig gesehen, der das passende Aussehen besitzt, um Euer Reitelefant zu werden. Ich werde den Weg zeigen; schickt Elefantenabrichter mit mir und lasst ihn fangen!“ Der König war damit einverstanden und schickte mit dem Jäger einen Elefantenabrichter, von großem Gefolge begleitet. Dieser ging mit ihm und erblickte den Bodhisattva, wie er in den Teich hineingegangen war und sich Futter suchte.

Auch der Bodhisattva bemerkte den Elefantenabrichter. Da dachte er: „Diese Gefahr kommt für mich nicht anderswoher, sondern sie wird mir von jenem Manne kommen. Ich aber bin sehr stark und kann selbst tausend Elefanten zerschmettern. Wenn ich zornig werde, vermag ich Heer und Wagen eines ganzen Königreiches zu vernichten. Wenn ich aber zornig werde, wird meine Tugend zugrunde gehen; deshalb werde ich mich heute nicht erzürnen, auch wenn ich mit Speeren getroffen werden sollte.“ Nachdem er diesen Entschluss gefasst, beugte er sein Haupt und blieb unbeweglich stehen.

Der Elefantenabrichter stieg nun in den Lotosteich hinab; als er die Fülle der Abzeichen an ihm sah, rief er: „Komm, mein Sohn“, und fasste ihn an seinem einem silbernen Bande gleichenden Rüssel. So gelangte er am siebenten Tage nach Benares.

Die Mutter des Bodhisattva aber dachte, als ihr Sohn nicht zurückkehrte: „Mein Sohn wird von Hofbeamten des Königs fortgeführt worden sein; jetzt wird infolge seiner Abwesenheit dieses Wäldchen emporwachsen.“ Und klagend sprach sie folgende zwei Strophen:

„Durch die Entfernung dieses Elefanten
da wuchsen Sallakis und Kutajas,
der Rotbaum, Oleander, Lotos, Sama,
am Bergesabhang blühn die Kanikaras.

Doch irgendwo mit Gold gezierte Männer,
die nähren gut den Elefantenfürsten,
damit der König oder auch sein Sohn
des Feindes Macht besiege ohne Furcht.“—

Der Elefantenabrichter aber schickte unterwegs dem Könige Botschaft. Der König ließ die Stadt zieren. Darauf führte der Elefantenabrichter den Bodhisattva in das reich geschmückte Elefantenhaus, wo der Boden mit Wohlgerüchen besprengt war; er ließ ein buntes Zelt um ihn anbringen und meldete dies dann dem Könige. Der König nahm Speise von verschiedenartigem höchstem Wohlgeschmack mit und ließ sie dem Bodhisattva geben. Dieser aber dachte: „Ohne meine Mutter werde ich das Futter nicht annehmen“; und er nahm die Speise nicht an.

Da sprach bittend der König zu ihm folgende dritte Strophe:

„So nimm doch, Elefant, den Bissen,
werde nicht mager, Elefant;
gar viel Geschäfte hat der König,
die du tun sollst, o Elefant.“

Als dies der Bodhisattva hörte, sprach er folgende vierte Strophe:

„Die arme Alte jetzt, die blinde,
die ihres Führers ist beraubt,
sie stößt den Fuß an einen Baumstumpf
und fällt am Berg Candorana.“

Um ihn zu fragen, sprach der König folgende fünfte Strophe:

„Wer ist die Blinde, Elefant,
die ihres Führers ist beraubt,
die ihren Fuß stößt an den Baum
und fällt am Berg Candorana?“

Der Bodhisattva erwiderte:

„Es ist die Mutter mein, o König,
die blinde, die des Sohns beraubt;
sie stößt den Fuß an einen Baum
und fällt am Berg Candorana.“

Als der König durch diese sechste Strophe den Sachverhalt vernommen, sprach er, damit der Elefant losgelassen werde, folgende siebente Strophe:

„Lasst diesen Elefanten los,
der seine Mutter muss ernähren;
er kehr' zurück zu seiner Mutter
mit allen seinen Anverwandten.“

Die achte und neunte Strophe sprach der völlig Erleuchtete folgendermaßen:

Der Elefant, befreit von Banden,
das edle Tier, von Ketten frei,
erholte sich 'nen Augenblick,
dann ging er nach dem Berge hin.

Er ging hierauf zum kühlen Teich,
in dem die Tiere sich erfrischten;
mit seinem Rüssel nahm er Wasser
und sprengte es auf seine Mutter.

Da dachte die Mutter des Bodhisattva: „Ein Gott lässt Regen herabströmen“, und ihn scheltend sprach sie folgende zehnte Strophe:

„Wer ist denn der unedle Gott,
der jetzt zur Unzeit regnen lässt?
Entfernt hat sich mein eigner Sohn,
der mich sonst zu bedienen pflegte.“

Um sie zu trösten, sprach der Bodhisattva folgende elfte Strophe:

„Mutter, steh auf, was liegst du da?
Gekommen ist dein eigner Sohn.
Es ließ mich los der Kasi-König,
Vedeha, der mit Ruhm gekrönte.“

Darauf sprach die Mutter, um dem König ihre Danksagung darzubringen, folgende Schlussstrophe:

„Lang möge dieser König leben
von Kasi und sein Reich vermehren:
Er hat den Sohn mir freigelassen,
bei dem die Ehrung immer wächst.“

Befriedigt über die Vorzüge des Bodhisattva ließ der König für diesen unweit von dem Teiche ein Dorf erbauen und gab es dem Bodhisattva und seiner Mutter zum beständigen Wohnsitz. Als in der Folgezeit die Mutter des Bodhisattva starb, erwies er ihrem Leichnam die letzten Ehren und begab sich sodann nach der Einsiedelei Karandaka. An diesem Orte aber wohnten fünfhundert Asketen, die vom Himalaya herabgestiegen waren; ihnen gab er ihre Pflichten.—Der König ließ ein dem Bodhisattva gleichendes Steinbild anfertigen und hielt es in großen Ehren. Die Bewohner des Jambu-Erdteils aber versammelten sich jedes Jahr und begingen das Elefantenfest.

Nachdem der Meister diese Unterweisung beschlossen und die Wahrheiten verkündigt hatte, verband er das Jātaka (am Ende der Wahrheitsverkündigung aber gelangte jener Mönch, der seine Mutter ernährte, zur Frucht der Bekehrung) mit folgenden Worten: „Damals war der König Ananda, die Elefantenmutter war die große Maya, der seine Mutter ernährende Elefant aber war ich.“

Ende der Erzählung von dem seine Mutter Ernährenden