Jātaka 456

Die Erzählung von Junha (Junha-Jātaka)

„Vernimm die Worte mein, du Völkerfürst“

Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf die Erfüllung der Wünsche des Thera Ananda. In der ersten Zeit der Erleuchtung nämlich hatte zwanzig Jahre lang der Erhabene keine beständigen Aufwärter; einmal diente ihm der Thera Nagasamala, ein andermal Nagita, Upavana, Sunakkhatta, Cunda, Sagala, ein andermal wieder Meghiya. Da sprach eines Abends der Erhabene zu den Mönchen: „Ihr Mönche, jetzt bin ich schon alt. Einige Mönche aber gehen anderswohin, wenn gesagt ist, wir wollen auf dem und dem Wege gehen; einige werfen meine Almosenschale und mein Obergewand zu Boden: ernennt einen Mönch zu meinem beständigen Aufwärter!“ Da erhoben sich der Thera Sāriputta und andere, hoben die gefalteten Hände an das Haupt empor und sprachen: „Herr, ich will dir dienen, ich will dir dienen!“ Er aber wies sie zurück mit den Worten: „Euer Wunsch hat sein Ende erreicht; genug!“ Darauf sagten die Mönche zu dem Thera Ananda: „Lieber, bitte du um die Stelle des Dieners!“ Der Thera antwortete:

  1. Wenn mir der Erhabene das Gewand, das er selbst erhält, nicht geben wird,
  2. wenn er mir von seiner Almosenspeise nichts mitteilen wird,
  3. wenn er mich nicht in seinem duftenden Gemache wohnen lässt,
  4. wenn er mich nicht zu einer Einladung für ihn mitnehmen wird;
  5. wenn aber der Erhabene zu einer für mich bestimmten Einladung hingehen wird,
  6. wenn ich die Leute, die von einem auswärtigen Reiche, aus dem Auslande kommen, um den Erhabenen zu besuchen, im Augenblick ihres Kommens zu ihm führen darf,
  7. wenn ich, sobald mich ein Zweifel befällt, zu dem Erhabenen hingehen darf,
  8. wenn der Erhabene die Predigt, die er in meiner Abwesenheit gehalten, bei seiner Rückkehr mir nochmals hält:

unter diesen Bedingungen will ich dem Erhabenen dienen.“ So bat er um die Erfüllung von acht Wünschen, vier Zurückweisungen und vier Begehrungen. Der Erhabene gewährte sie ihm. Von da an war ihm Ananda fünfundzwanzig Jahre lang sein beständiger Diener.

Nachdem er so unter den fünf Plätzen den besten erhalten hatte, wurde er mit den sieben Segnungen ausgestattet, nämlich

  • (1.) der Segnung des Kommens,
  • (2.) der Segnung der Erreichung,
  • (3.) der Segnung der ersten Grundlage,
  • (4.) der Segnung der Frage nach dem eigenen Interesse,
  • (5.) der Segnung des beständigen Bleibens,
  • (6.) der Segnung der erleuchteten Aufmerksamkeit und
  • (7.) der Segnung der Buddha-Grundlage.

Nachdem er dazu von Buddha die acht Wünsche zum Geschenk erhalten hatte, wurde er berühmt im Orden des Buddha und leuchtete hervor wie der Mond in der Mitte des Himmels.—

Eines Tages nun begannen die Mönche in der Lehrhalle folgendes Gespräch: „Freund, der Vollendete hat den Thera Ananda durch die Gewährung seiner Wünsche völlig befriedigt.“ Da kam der Meister und fragte: „Zu welcher Unterhaltung, ihr Mönche? habt ihr euch jetzt hier niedergelassen?“ Als sie antworteten: „Zu der und der“, sprach er weiter: „Nicht nur jetzt ihr Mönche, sondern auch früher schon befriedigte ich Ananda durch die Gewährung eines Wunsches; auch früher schon gab ich ihm, was immer er wünschte.“ Nach diesen Worten erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, erlernte sein Sohn, der Prinz Junha, zu Takkasilā die Künste und studierte eifrig bei einem Lehrer. Als er zur Nachtzeit, als es dunkel war, einmal das Haus seines Lehrers verließ und sich rasch nach seiner Wohnung begab, bemerkte er einen Brahmanen nicht, der seinen Almosengang beendigt hatte und nach Hause ging; er stieß an ihn mit dem Arme und zerbrach dadurch dessen Almosenschale. Der Brahmane fiel zu Boden und schrie. Aus Mitleid kehrte der Prinz um, fasste ihn an der Hand und hob ihn auf. Darauf sprach der Brahmane: „Mein Sohn, du hast meine Almosenschale zerbrochen, gib mir den Preis für die Almosenspeise!“ Der Prinz erwiderte: „Brahmane, ich kann dir nicht sogleich den Preis für deine Speise geben. Ich bin aber der Prinz Junha, der Sohn des Königs von Kasi; wenn ich den Thron bestiegen habe, so komme und bitte mich um eine Gabe!“—Als er hierauf die Künste zu Ende erlernt hatte, verabschiedete er sich von seinem Lehrer, ging nach Benares und zeigte seinem Vater, was er gelernt hatte. Sein Vater sagte: „Ich habe noch die Rückkehr meines Sohnes erlebt, ich will ihn auch als König sehen“, und er erteilte ihm die Königswürde. Der Sohn wurde der König Junha und führte seine Herrschaft in Gerechtigkeit.

Als der Brahmane diese Begebenheit vernahm, dachte er: „Jetzt werde ich mir den Preis für meine Speise holen“, und er zog nach Benares. Er traf den König gerade, wie er die reich geschmückte Stadt von rechts umfuhr; an einem erhöhten Platze stellte er sich auf, streckte die Hand aus und wünschte dem König Sieg. Der König aber fuhr vorüber, ohne aufzublicken. Als der Brahmane merkte, dass ihn der König nicht gesehen habe, sprach er, um ein Gespräch zu beginnen, folgende erste Strophe:

„Vernimm die Worte mein, o Völkerfürst,
des Junha wegen bin ich hergekommen;
wenn wandernde Brahmanen stehn am Wege,
darf man vorbei nicht gehn, so sagen Weise.“

Als der König diese Worte vernahm, hielt er seinen Elefanten mit der Spitze des Stachels zurück und sprach folgende zweite Strophe:

„Ich höre und ich warte. Sprich, Brahmane,
aus welchem Grunde du hierher gekommen;
und was du für ein Ding von mir verlangend
hierher kamst, das, Brahmane, sage mir.“

Darauf wurden von dem Brahmanen und dem König zur Rede und Gegenrede folgende Strophen gesprochen:

„Fünf Dörfer schenke mir nach freier Wahl
und hundert Mägde, siebenhundert Kühe,
dann mehr als tausend Halsketten aus Gold
und auch zwei Gattinnen, die meiner wert sind.“

„Brahmane, ist so furchtbar deine Buße,
sind deine Zaubersprüche so allmächtig,
hast du Dämonen, die dir dienstbar sind,
oder hast du mir einen Dienst erwiesen?“

„Nicht hab ich Buße und nicht Zaubersprüche,
auch die Dämonen sind nicht dienstbar mir,
auch habe ich dir keinen Dienst erwiesen,
nur einmal kam zusammen ich mit dir.“

„Hast du beim ersten Sehen mich gekannt?
Ich kann mich dein von früher nicht erinnern.
Erzähl, da ich dich frage, mir die Sache,
wann und auch wo wir einst zusammentrafen.“

„In des Gandhara-Königs schöner Stadt,
zu Takkasilā wohnten wir, o Fürst;
dort stießen wir einst in der dunklen Nacht
Schulter an Schulter beide aneinander.

Wir blieben beide stehen, Völkerfürst,
und wechselten zusammen liebe Worte;
dies war das einzige Zusammensein
für uns und niemals später, niemals früher.“

„Wo immer bei den Menschen man, Brahmane,
mit einem weisen Mann zusammenkommt,
da geben Kluge nicht die Freundschaft auf,
die jüngst entstandne wie die altgewohnte.

Die Toren aber geben auf die Freundschaft,
die jüngst entstandne wie die altgewohnte.
Auch viele Wohltat geht beim Tor verloren,
denn undankbaren Sinnes sind die Toren.

Jedoch die Weisen brechen nicht die Freundschaft,
die jüngst entstandne, wie die altgewohnte.
Nicht geht bei Weisen weniges verloren,
denn voll dankbaren Sinnes sind die Weisen.

Ich schenke dir fünf Dörfer, frei nach Wahl,
und hundert Mägde, siebenhundert Kühe,
dann mehr als tausend Halsketten aus Gold
und auch zwei Gattinnen, die deiner wert sind.“

„So geht 's bei Weisen in Erfüllung, König;
so wie der Sterne König bei den Sternen,
so steh ich glanzvoll da, du Herrscher Kasis;
heut ward mir Lohn für unsere Begegnung.“

Der Bodhisattva aber ließ ihm große Ehrung zuteil werden.

Nachdem der Meister diese Unterweisung beschlossen hatte, fügte er hinzu: „Nicht nur jetzt, ihr Mönche, sondern auch früher schon befriedigte ich Ananda durch die Erfüllung seiner Wünsche“, und verband hierauf das Jātaka mit folgenden Worten: „Damals war der Brahmane Ananda, der König aber war ich.“

Ende der Erzählung von Junha