Jātaka 458

Die Erzählung von Udaya (Udaya-Jātaka)

„Du sitzt allein“

Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf einen unzufriedenen Mönch.

Die Begebenheit wird im Kusa-Jātaka erzählt werden.—

Als aber der Meister jenen Mönch angeredet und gefragt hatte: „Ist es wahr, Mönch, dass du unzufrieden bist?“, und dieser zur Antwort gab: „Es ist wahr, Herr“, sprach der Meister weiter: „O Mönch, warum bist du durch die Macht der Begierde mit dieser so zum Heile führenden Lehre unzufrieden geworden? Die Weisen der Vorzeit, die in der prächtigen, zwölf Yojanas im Umkreis messenden Stadt Surundhana die Herrschaft führten und mit einem den Göttermädchen an Schönheit gleichenden Weibe siebenhundert Jahre lang in einem Gemache wohnten, missbrauchten ihre Sinne nicht und sahen es in sinnlicher Begierde nicht einmal an.“ Nach diesen Worten erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

Ehedem herrschte im Reiche Kasi in der Stadt Surundhana der König von Kasi; dieser hatte keinen Sohn und keine Tochter. Er sagte aber zu seinen Gattinnen: „Wünscht euch Söhne!“ Damals verließ der Bodhisattva die Brahmawelt und nahm im Schoße der ersten Gemahlin des Königs seine Wiedergeburt. Da er aber durch seine Geburt das Herz vieler Menschen erfreute, gab man ihm den Namen Udayabhadda (= Ursprung des Glücks). Als der Prinz das Alter erreicht hatte, dass er gehen konnte, verließ ein anderes Wesen die Brahmawelt und nahm seine Wiedergeburt als ein Mädchen im Schoße einer anderen Gemahlin des Königs; ihr gab man ebenfalls den Namen Udayabhadda.

Als der Prinz herangewachsen war, erreichte er die Vollendung in allen Künsten. Er führte aber von Natur aus einen heiligen Wandel; selbst im Traume kannte er keine Betätigung der Unreinheit und sein Herz war nicht an die Lust gefesselt. Der König weihte seinen Sohn zu seinem Nachfolger und gab den Auftrag, ihm Tänzerinnen zu besorgen. Der Bodhisattva aber wies ihn zurück mit den Worten: „Mich verlangt nicht nach dem Thron; mein Herz ist nicht an die Lüste gefesselt.“ Als er jedoch immer aufs Neue darum angegangen wurde, ließ er eine Frauengestalt aus rotem Golde machen und schickte sie seinen Eltern mit der Nachricht: „Wenn ich eine solche Frau erhalte, werde ich den Thron besteigen.“ Diese ließen das goldene Bild auf dem ganzen Jambu-Erdteil herumtragen. Als sie aber ein solches Weib nicht fanden, schmückten sie Udayabhadda und stellten sie daneben; da übertraf sie das goldene Bild an Schönheit. Darauf machten sie gegen den Willen der beiden seine Stiefschwester, die Prinzessin Udayabhadda, zu seiner ersten Gemahlin und erteilten dem Bodhisattva die Königsweihe. Die beiden aber führten ihren reinen Wandel weiter.

In der Folgezeit bestieg der Bodhisattva nach dem Tode seiner Eltern den Thron. Obwohl jetzt die beiden in einem Gemache wohnten, missbrauchten sie ihre Sinne nicht und schauten einander in sinnlicher Lust nicht einmal an. Sie machten aber folgenden Vertrag: „Wer von uns zuerst stirbt, der soll von dem Orte, an den er gekommen ist, zurückkehren und dem anderen melden, er sei an dem und dem Orte wiedergeboren.“

Der Bodhisattva aber starb siebenhundert Jahre, nachdem er zum König geweiht worden war. Kein anderer wurde König, sondern es galt nur der Wille der Udayabhadda und die Minister führten die Verwaltung des Reiches.—Der Bodhisattva hatte im Himmel der dreiunddreißig Götter die Würde des Gottes Sakka erhalten und vermochte infolge der Größe seiner Ehrung sich sieben Tage lang nicht daran zu erinnern. Nach Ablauf von siebenhundert Jahren nach menschlicher Berechnung sann er darüber nach und dachte: „Ich will die Königstocher Udayabhadda durch Geld auf die Probe stellen und sie den Löwenruf ausstoßen lassen; dann werde ich sie in der Wahrheit unterweisen, meinen Vertrag auflösen und hierher zurückkehren.“

Damals aber währte das Leben der Menschen zehntausend Jahre. An diesem Tage hatte sich nun die Königstocher zur Nachtzeit bei wohlverschlossenen Türen, vor die eine Wache gestellt war, auf der Fläche des siebenten Stockwerkes ihres Palastes in ihrem reich geschmückten königlichen Schlafgemach allein unbeweglich niedergesetzt, indem sie über die Tugend eine Betrachtung anstellte. Da kam Gott Sakka mit einer goldenen Schüssel, die mit Goldmünzen gefüllt war, herbei und wurde in ihrem Schlafgemache sichtbar. Ihr zur Seite tretend begann er ein Gespräch mit ihr und sprach dabei folgende erste Strophe:

„Du sitzest allein, du Reine, in schöner Haltung,
herauf zum Söller stiegst du, Tadellose;
ich bitte dich mit deinen Nymphenaugen:
die eine Nacht lass uns zusammen bleiben!“

Darauf sprach die Königstochter folgende zwei Strophen:

„Von festgetürmtem Wall umgeben,
von starken Tortürmen und Erkern,
bewacht von Kriegern schwertumgürtet
ist schwer zugänglich diese Stadt.

Dass hier ein zarter junger Mann
hereinkommt, das kommt sonst nicht vor;
doch sage mir, aus welchem Grunde
wünschst du Vereinigung mit mir?“

Hierauf sprach Sakka folgende vierte Strophe:

„Ich bin ein Dämon, schöne Frau,
ich kam hierher um deinetwillen.
Erfreue du mich, Heil sei dir!
Ich geb dir auch die goldne Schüssel.“

Als dies die Königstochter hörte, sprach sie folgende fünfte Strophe:

„Ob Gott, ob Dämon oder auch ob Mensch,
nach keinem ich verlang als nach Udaya.
Geh du nur wieder, Dämon, groß von Macht,
entferne dich und komme niemals wieder!“

Als er diesen ihren Löwenruf vernommen, stellte er sich, als bleibe er nicht und gehe fort; unsichtbar aber blieb er dort. Am nächsten Tage hatte er eine mit Goldmünzen gefüllte silberne Schüssel bei sich und er sprach, indem er sie anredete, folgende sechste Strophe:

„Den größten Reiz, den Liebesfreunde kennen,
um dessentwillen man auch Unrecht tut,
lass ihn nicht schwinden, nur bedacht auf Reinheit!
Ich geb dir goldgefüllt die Silberschüssel.“

Da dachte die Königstochter bei sich: „Dieser wird, wenn er sich mit mir unterhalten darf, immer wieder kommen; ich werde jetzt nicht mehr mit ihm reden.“ Und sie erwiderte nichts. Als nun Sakka merkte, dass sie nichts mehr entgegnete, machte er sich wieder unsichtbar und blieb dort.

Am nächsten Tage kam er mit einer eisernen Schüssel, die mit Kahapanas gefüllt war, herbei und sagte: „Liebe, erfreue mich durch Liebesgenuss; ich will dir diese mit Kahapanas gefüllte eiserne Schüssel dafür geben.“ Als ihn die Königstochter sah, sprach sie folgende siebente Strophe:

„Ein Mann, der eine Frau bewegen will,
dass sie sich hingibt, steigert doch den Preis.
Das Gegenteil tust du nach Götterart,
denn jedes Mal bringst weniger du her.“

Als dies der Bodhisattva hörte, antwortete er: „Liebe Königstochter, ich bin ein erfahrener Kaufmann; für Unnützes verliere ich kein Geld. Wenn du an Jugendblüte oder an Schönheit wachsen würdest, dann würde auch ich immer ein vergrößertes Geschenk herbeibringen. Du aber nimmst immer ab, darum lasse auch ich immer das Geld abnehmen.“ Und er sprach folgende drei Strophen:

„Die Jugend und die Schönheit, schöne Frau,
nimmt bei den Menschen immer ab auf Erden;
und um der Schönheit willen wird dein Geld
auch weniger, denn älter bist du heute.

Und während ich dich so beschaute,
du ruhmgekrönte Königstochter,
nahm immer mehr die Schönheit ab
in dem Umlauf von Tag und Nacht.

In diesem Alter, das du hast,
du sehr verständ'ge Königstochter,
sollst du den heil'gen Wandel führen;
so steigert sich die Schönheit dein.“

Darauf sprach die Königstochter folgende andere Strophe:

„Die Götter altern nicht so wie die Menschen,
an ihren Gliedern gibt es keine Falten;
dich frage ich, du Dämon groß von Macht:
Warum wohl altert nicht der Götter Leib?“

Um ihr dies zu erklären, sprach Sakka folgende Strophe:

„Die Götter altern nicht so wie die Menschen,
an ihren Gliedern gibt es keine Falten;
von Tag zu Tag wird größer nur bei ihnen
die Götterschönheit und ihr heller Glanz.“

Als sie so von der Herrlichkeit der Götterwelt hörte, fragte sie nach dem Weg, der dorthin führe, und sprach folgende weitere Strophe:

„Sind wohl in Furcht darüber viele Leute?
Der Weg, ist er bekannt, weil viel' ihn gehen?
Ich frage dich, du Dämon groß von Macht:
‚Auf welchem Weg gibt's keine Furcht vorm Jenseits?‘“

Um ihr dies auseinander zu setzen, sprach Sakka folgende weitere Strophe:

„Wenn man mit Wort und Sinn das Rechte will,
wenn mit dem Körper man nichts Böses tut,
viel Trank und Speis im Hause hat zum Spenden,
wenn gläubig, mild, freigebig und leutselig,
wenn freundlich man ist, liebevoll, sanft redend:
auf diesem Weg gibt 's keine Furcht vorm Jenseits.“

Als die Königstochter seine Worte vernommen, sprach sie hierauf, um ihn zu preisen, folgende weitere Strophe:

„Du unterweisest mich, o Dämon,
wie eine Mutter, wie ein Vater;
du schön Gestalteter, dich frag ich:
Wer bist du, Hochgewachsener?“

Darauf sprach der Bodhisattva folgende weitere Strophe:

„Ich bin Udaya, schöne Frau,
um des Vertrages willen kam ich.
Nachdem ich dich gesprochen, geh ich;
befreit bin ich von dem Vertrage.“

Aufatmend entgegnete die Königstochter: „Herr, du bist der König Udayabhadda“; mit einem Strom von Tränen fügte sie hinzu: „Ich kann ohne dich nicht bleiben; belehre mich, dass ich bei dir bleiben kann.“ Und sie sprach folgende weitere Strophe:

„Wenn du Udaya bist und hierher
um des Vertrages willen kamst,
so lehre mich, du Königssohn,
wie wieder wir vereint sein können.“

Um sie zu unterweisen, sprach der Bodhisattva folgende vier Strophen:

„Rasch fliegt das Alter wie ein Augenblick,
nichts Festes gibt es, alle Wesen sterben,
es altert auch der unbeständ'ge Körper;
nicht lasse nach, Udaya, wandle heilig!

Wenn die gesamte Erde voll von Schätzen
einem allein gehörte, keinem andern,
der Lustbefreite würd' darauf verzichten;
nicht lasse nach, Udaya, wandle heilig!

Die Mutter und der Vater und die Brüder,
die Gattin auch, die man für Geld erkaufte,
auch sie müssen verzichten aufeinander;
nicht lasse nach, Udaya, wandle heilig!

Merk, dass dein Körper ist der andern Speise,
erkenne auch, dass beides niedrig ist,
ob du zum Heil, zum Unheil wirst geboren;
nicht lasse nach, Udaya, wandle heilig!“

So gab ihr der Bodhisattva eine Ermahnung. Sie aber, befriedigt von der Erklärung der Wahrheit, sprach, um ihn zu preisen, folgende Schlussstrophe:

„Gut hat gesprochen dieser Dämon:
Gar kurz nur ist des Menschen Leben,
elend ist es und eng begrenzt
und reich mit Unglück ausgestattet.
Darum will ich die Welt verlassen,
aufgeben Königreich und Hauptstadt.“

Nachdem ihr der Bodhisattva diese Ermahnung gegeben hatte, kehrte er an seinen Wohnort zurück. Jene aber übergab am nächsten Tage ihren Ministern die Regierung und betätigte in ihrer eigenen Stadt in einem anmutigen Parke die Weltflucht der Weisen. Nachdem sie heiligen Wandel geübt hatte, wurde sie am Ende ihres Lebens im Himmel der dreiunddreißig Götter als Dienerin des Bodhisattva wiedergeboren.

Nachdem der Meister diese Lehrunterweisung beschlossen und die Wahrheiten verkündigt hatte, verband er das Jātaka (am Ende der Wahrheitsverkündigung aber gelangte jener unzufriedene Mönch zur Frucht der Bekehrung) mit folgenden Worten: „Damals war die Königstochter die Mutter Rāhulas, Sakka aber war ich.“

Ende der Erzählung von Udaya