Jātaka 461

Die Erzählung von Dasaratha (Dasaratha-Jātaka)

„Kommt, Lakkhana und Sita, her“

Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf einen Gutsbesitzer, dessen Vater gestorben war. Nach dem Tode seines Vaters nämlich war dieser von Kummer erfüllt; er ließ alle Geschäfte im Stich und gab sich ganz seinem Schmerze hin.—

Als aber zur Zeit der Morgendämmerung der Meister die Welt betrachtete, bemerkte er, dass jener die Fähigkeit zur Erlangung der Frucht der Bekehrung besaß. Nachdem er am nächsten Tage in Savatthi seinen Almosengang gemacht, schickte er nach Beendigung des Mahles die Mönche fort, nahm nur einen einzigen Mönch als Begleiter mit und begab sich nach dem Hause jenes Mannes. Als dieser ihn begrüßt und sich zu ihm gesetzt hatte, sprach er mit süßer Stimme ihn anredend: „Du bist betrübt, Laienbruder?“ Dieser antwortete ihm: „Ja, Herr, die Trauer um meinen Vater drückt mich zu Boden.“ Darauf sagte der Meister: „O Laienbruder, die Weisen der Vorzeit, welche die acht weltlichen Dinge der Wahrheit gemäß kannten, zeigten nach ihres Vaters Tode auch nicht die geringste Trauer.“ Nach diesen Worten erzählte er auf die Bitte von jenem folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

Ehedem gab zu Benares der König Dasaratha den Weg des Unrechts auf und führte seine Herrschaft in Gerechtigkeit. Die älteste von seinen sechzehntausend Frauen, seine erste Gemahlin, gebar ihm zwei Söhne und eine Tochter. Der älteste Sohn hieß der weise Rama, der jüngste der Prinz Lakkhana, die Tochter hieß die Fürstin Sita. In der Folgezeit starb seine erste Gemahlin. Nach ihrem Tode versank der König lange Zeit in Trauer; doch ließ er sich von seinen Ministern trösten, erwies ihr die schuldige letzte Ehrung und setzte eine andere als seine erste Gemahlin ein. Diese war dem König lieb und hold. Auch diese empfing in der Folgezeit und gebar, nachdem ihre Leibesfrucht sorgfältige Behütung erfahren hatte, einen Sohn; diesem gab man den Namen Prinz Bharata.

Aus Liebe zu seinem Sohne sagte nun der König zu ihr: „Liebe, ich gewähre dir einen Wunsch; sprich ihn aus!“ Sie nahm es an, hob jedoch ihren Wunsch auf. Als aber ihr Sohn sechzehn Jahre alt geworden war, ging sie zu dem König hin und sagte: „Fürst, Ihr habt für meinen Sohn einen Wunsch zugesichert; gewährt ihm jetzt denselben!“ „Sprich ihn aus, Liebe“, antwortete der König. Sie sprach: „Gebet meinem Sohne das Reich!“ Da schnippte der König mit den Fingern und flößte ihr Furcht ein mit folgenden Worten: „Geh zugrunde, du schlechtes Weib! Meine beiden Söhne glänzen wie loderndes Feuer; willst du sie töten, dass du für deinen Sohn um die Herrschaft bittest?“ Voll Furcht zog sie sich in ihr fürstliches Schlafgemach zurück; an den nächsten Tagen aber bat sie immer wieder den König um die Herrschaft.

Der König gewährte ihr ihren Wunsch nicht, aber er dachte: „Das weibliche Geschlecht ist undankbar und verräterisch gegen seine Freunde; diese könnte einen falschen Brief von mir anfertigen oder eine Bestechung ins Werk setzen und so meine Söhne töten lassen.“ Er ließ seine Söhne zu sich kommen, erzählte ihnen die Sache und sprach zu ihnen: „Meine Söhne, wenn ihr hier wohnen bleibt, könnte für euch eine Gefahr entstehen. Gehet in ein benachbartes Reich oder in den Wald; kommt dann, wenn ich verbrannt bin, zurück und nehmet das der Familie gehörige Reich in Besitz!“ Nach diesen Worten ließ er wieder die Zeichendeuter rufen und fragte sie nach seinem Lebensende. Als er von ihnen vernahm: „Du wirst noch weitere zwölf Jahre leben“, sagte er: „Meine Söhne, nach Ablauf von zwölf Jahren von jetzt an kehret zurück und erhebet den Sonnenschirm!“ Sie erwiderten: „Gut“, grüßten ihren Vater und stiegen weinend von dem Palast herunter. Die Fürstin Sita aber sagte: „Ich will auch mit meinen Brüdern gehen“, grüßte ihren Vater und ging auch weinend fort.

So verließen die drei von einer großen Volksmenge umgeben die Stadt; hierauf ließen sie die Volksmenge wieder umkehren und gelangten allmählich nach dem Himalaya. An einem Orte, der mit Wasser versehen war und wo man sich leicht Waldfrüchte verschaffen konnte, errichteten sie sich eine Einsiedelei und wohnten dort, indem sie von Waldfrüchten lebten. Es baten aber der weise Lakkhana und Sita den weisen Rama: „Ihr steht uns an Vaters statt, darum bleibt immer in der Einsiedelei; wir wollen die Waldfrüchte herbeiholen und Euch damit ernähren“, und sie erhielten seine Zustimmung. Von da an blieb der weise Rama immer dort; die andern holten die Waldfrüchte herbei und pflegten ihn.

Während diese nun so von Waldfrüchten lebten, starb der Großkönig Dasaratha aus Trauer um seine Kinder im neunten Jahre. Nachdem die Fürstin ihm die letzten Ehren erwiesen, sagte sie zu ihrem Sohn, dem Prinzen Bharata: „Erhebet den Sonnenschirm!“ Die Minister aber gaben ihm denselben nicht und sprachen: „Die Herren des Sonnenschirmes wohnen im Walde!“ Da versetzte der Prinz Bharata: „Ich werde meinen Bruder, den weisen Rama, aus dem Walde holen und ihn den Sonnenschirm erheben lassen.“ Er nahm die fünf Königsinsignien mit und zog mit einem aus vier Teilen bestehenden Heere nach dessen Aufenthaltsort. Unweit davon schlug er ein befestigtes Lager; mit nur wenigen Ministern betrat er dann zur Zeit, als der weise Lakkhana und Sita in den Wald gegangen waren, die Einsiedelei. An der Tür der Einsiedelei traf er den weisen Rama, der einer wohl hingesetzten goldenen Figur gleichend ohne Furcht in seinem Glücke dasaß. Er begrüßte ihn und erzählte ihm, während er neben ihm stand, wie es mit dem Könige gegangen war. Darauf fiel er ihm mit den Ministern zu Füßen und weinte. Der weise Rama aber trauerte und weinte nicht; nicht einmal eine Veränderung in seinen Zügen war bei ihm wahrzunehmen.

Als aber Bharata sich ausgeweint und sich niedergesetzt hatte, kamen zur Abendzeit die anderen zwei mit ihren Waldfrüchten. Da dachte der weise Rama: „Sie sind noch jung; sie haben nicht die Weisheit des Erfassens wie ich. Wenn sie plötzlich hören ‚Euer Vater ist tot‘, so könnten sie vielleicht den Schmerz nicht ertragen und das Herz könnte ihnen brechen. Durch eine List werde ich sie ins Wasser hinabsteigen lassen und ihnen die Begebenheit mitteilen.“ Darauf zeigte er nach einer Wasserstelle vor ihnen und sagte: „Ihr seid zu spät gekommen. Dies soll eure Strafe sein: steiget in dies Wasser hinab und bleibet darin stehen.“ Und er sprach sogleich folgende Halbstrophe:

„Kommt, Lakkhana und Sita, her
und steiget beide in dies Wasser!“

Bei seinem ersten Wort stiegen sie in das Wasser hinab und blieben darin stehen. Darauf sprach er, um ihnen die Begebenheit mitzuteilen, die übrige Halbstrophe:

„So hat gesprochen Bharata:
‚Tot ist Dasaratha, der König.‘“

Als aber jene die Nachricht von dem Tode ihres Vaters vernahmen, verloren sie die Besinnung. Abermals erzählte er es ihnen und abermals wurden sie besinnungslos. Als sie so zum dritten Male die Besinnung verloren hatten, hoben sie die Minister auf, zogen sie aus dem Wasser heraus und setzten sie auf dem Boden nieder. Nachdem diese sich getröstet hatten, saßen sie alle da, indem sie miteinander weinten und klagten.

Da kam dem Prinzen Bharata folgender Gedanke: „Mein Bruder, der Prinz Lakkhana, und meine Schwester, die Fürstin Sita, konnten auf die Kunde vom Tode ihres Vaters den Schmerz nicht ertragen; der weise Rama aber ist nicht betrübt und klagt nicht. Was ist wohl der Grund, dass er nicht traurig ist? Ich will ihn fragen.“ Und um ihn zu fragen, sprach er folgende zweite Strophe:

„Durch welche Kraft, o Rama, bist
bei Schmerzlichem du nicht betrübt?
Da du des Vaters Tod vernommen,
vermag das Leid nichts über dich.“

Darauf erklärte ihm der weise Rama den Grund, warum er nicht betrübt sei, mit folgenden Worten:

„Wovor ein Mann sich nicht kann schützen,
wenn auch die andern vieles reden,
warum soll sich darüber quälen
der Weise, der Verständige?

Die Jungen nämlich wie die Alten,
die Törichten wie auch die Weisen,
die Reichen und dazu die Armen,
sie alle sind dem Tod verfallen.

Wie man bei reifen Früchten stets
sich fürchtet vorm Herunterfallen,
so herrscht bei allen Sterblichen
beständig vor dem Tode Furcht.

Am Abend sieht man manche nicht mehr,
die man in Menge sah am Morgen;
am Morgen sieht man manche nicht mehr,
die man in Menge sah am Abend.

Wenn je mit seinen vielen Klagen
nur irgend etwas würd' erreichen
der Törichte, der selbst sich quält,
so würd' es auch der Weise tun.

Er magert ab, verliert die Farbe,
wenn er sich selber Schmerz zufügt;
doch haben nichts davon die Toten
und ohne Nutzen ist das Klagen.

Wie einer seine Zufluchtsstätte,
die brennende, mit Wasser löscht,
so auch zerstreut der weise Mann,
der Kluge, der Verständige
den Schmerz, wenn eben er sich regt,
wie Wind die Baumwolle verweht.

Ein Sterblicher geht in den Tod,
ein andrer wird geboren grade;
das höchste Glück für alle Wesen
ist die Vereinigung mit andern.

Deshalb bei einem Weisen, Hochgelehrten,
der diese Welt erkennt und auch die andre,
der sich auf Recht versteht, auf Herz und Geist,
verursacht keine Qual auch großes Leid.

So lehrend und so unterweisend
werd ich erhalten die Verwandten;
die übrigen werd ich beschützen,
dies ist die Aufgabe des Weisen.“

Mit diesen Strophen verkündete er die Unbeständigkeit der Dinge. Als aber die Versammlung die Unterweisung des weisen Rama von der Unbeständigkeit der Dinge vernommen hatte, wurde sie von Kummer befreit.

Darauf begrüßte der Prinz Bharata ehrfurchtsvoll den weisen Rama und sagte: „Nehmet das Reich von Benares an!“ Dieser erwiderte: „Mein Lieber, nimm Lakkhana und Sita mit dir und verwaltet ihr das Reich!“ „Was tut aber Ihr, Fürst?“, fragte Bharata. Rama antwortete: „Mein Lieber, mein Vater sagte zu mir: ‚Nach Ablauf von zwölf Jahren kehre zurück und führe die Regierung.‘ Wenn ich jetzt dorthin ginge, würde ich nicht nach seinen Worten handeln; wenn aber weitere drei Jahre verstrichen sind, werde ich zurückkehren.“ „Wer wird aber während dieser ganzen Zeit die Herrschaft führen?“ „Führt Ihr sie!“ „Wir werden sie nicht führen.“ Darauf sprach Rama: „So sollen bis zu meinem Kommen diese Schuhe die Regierung führen“; und er löste seine Grasschuhe von seinen Füßen und gab sie ihnen. Die drei Leute nahmen die Schuhe, grüßten den Weisen und zogen von einer großen Schar umgeben nach Benares.

Drei Jahre lang führten nun die Schuhe die Regierung. Die Minister stellten die Grasschuhe auf das königliche Thronpolster und untersuchten dann den Rechtsstreit. Wenn eine schlechte Entscheidung gefällt war, stießen die Schuhe aneinander; wenn man dies bemerkte, so untersuchte man nochmals. Sobald dann die richtige Entscheidung getroffen war, setzten sich die Schuhe wieder lautlos nieder.

Nach Ablauf von drei Jahren verließ der Weise den Wald, zog nach Benares und betrat den Park. Als die Prinzen seine Ankunft erfuhren, begaben sie sich umgeben von den Ministern nach dem Parke, machten Sita zur ersten Gemahlin des Königs und erteilten den beiden die Weihe. Nachdem so der Bodhisattva die Weihe erhalten, stellte er sich auf einen reich geschmückten Wagen, zog mit großem Gefolge in die Stadt ein, umfuhr sie von rechts und stieg sodann in den Thronsaal des herrlichen Palastes Sucandaka hinauf. Von da an führte er sechzehntausend Jahre lang in Gerechtigkeit die Herrschaft und gelangte darauf in den Himmel.

Folgende Strophe, die der völlig Erleuchtete sprach, erklärt diese Sache:

Zehntausend Jahre lang, dazu noch
sechs weitre tausend Jahre führte
der starke Rama die Regierung,
er, dessen Hals den Muscheln glich.

Nachdem der Meister diese Unterweisung beschlossen, verband er das Jātaka (am Ende der Wahrheitsverkündigung aber gelangte jener Gutsbesitzer zur Frucht der Bekehrung) mit folgenden Worten: „Damals war der Großkönig Dasaratha der Großkönig Suddhodana, die Mutter war die Mutter Maya, Sita war die Mutter Rāhulas, Bharata war Ananda, Lakkhana war Sāriputta, die Versammlung war die Buddhaschar, der weise Rama aber war ich.“

Ende der Erzählung von Dasaratha