Jātaka 462

Die Erzählung von Samvara (Samvara-Jātaka)

„Da, o Großkönig, wohl erkannte“

Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf einen Mönch, der in seinem Streben nachgelassen hatte. Dieser nämlich, ein zu Savatthi wohnender Sohn aus guter Familie, war auf die Predigt des Meisters hin Mönch geworden. Er erfüllte die Vorschriften seiner Lehrer und Unterweiser und machte sich die beiden Patimokkhas zu eigen. Nach Ablauf von fünf Jahren dachte er: „Ich will mir einen Betrachtungsstoff geben lassen und im Walde wohnen.“ Er verabschiedete sich von seinen Lehrern und Unterweisern und begab sich nach einem Grenzdorfe im Reiche Kosala. Da dort die Leute von seinem edlen Wandel befriedigt waren, erbauten sie ihm eine Laubhütte und dienten ihm. Hier nahm er für die Regenzeit seinen Aufenthalt und strebte, rang und meditierte mit angespannter Kraft. Als er aber drei Monate lang die Betrachtung betätigt hatte und noch keinen Schimmer davon verstehen konnte, dachte er bei sich: „Sicherlich bin ich unter den vier Arten der Männer, die der Meister lehrt, der Weltlichkeit am nächsten; was soll mir der Aufenthalt im Walde?“ Und er beschloss: „Ich will nach dem Jetavana gehen, des Vollendeten herrliche Gestalt anschauen, seiner Predigt lauschen und darüber nachdenken.“ So gab er sein Streben auf, ging von dort weg und gelangte allmählich wieder nach dem Jetavana. Hier fragten ihn seine Lehrer und Unterweiser, seine Freunde und Vertrauten nach der Ursache seines Kommens. Als er ihnen die Sache mitteilte, tadelten sie ihn mit den Worten: „Warum hast du also getan?“, und führten ihn zu dem Meister hin.

Dieser fragte: „Warum, ihr Mönche, führt ihr diesen Mönch gegen seinen Willen herbei?“ Als sie erwiderten: „Dieser, o Herr, hat in seinem Streben nachgelassen“, fragte der Meister weiter: „Ist dies wahr?“, und erhielt zur Antwort: „Ja, es ist wahr, Herr.“ Darauf sprach der Meister: „Warum, o Mönch, hast du in deinem Streben nachgelassen? In dieser meiner Lehre nämlich ist für einen schwächlichen, trägen Mann die höchste Frucht, die Heiligkeit nicht zu erreichen; wer jedoch seine Kraft anstrengt, der erfüllt diese Lehre. Früher aber warst du kraftvoll und der Belehrung zugänglich; aus diesem Grunde hast du, obwohl du von den hundert Söhnen des Königs von Benares der allerjüngste warst, dennoch durch dein Beharren bei der Ermahnung der Weisen den weißen Sonnenschirm erlangt.“ Nach diesen Worten erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

Als ehedem zu Benares Brahmadatta regierte, war der Prinz Samvara der jüngste von den hundert Söhnen des Königs. Der König aber übergab sie mit den Worten: „Lehret einen jeden meiner Söhne das, was lernenswert ist“, jeden einem einzelnen Minister. Der Minister, der der Lehrer des Prinzen Samvara war, war der Bodhisattva, weise und gelehrt, der an dem Königssohn Vaterstelle vertrat.

Nachdem aber die Minister die Königssöhne unterrichtet hatten, stellten sie dieselben dem König vor. Der König gab ihnen ein Stück Land und schickte sie fort. Als auch der Prinz Samvara die Vollendung in allen Künsten erreicht hatte, fragte er den Bodhisattva: „Vater, wenn mich mein Vater auf das Land schickt, was soll ich da tun?“ Dieser erwiderte: „Mein Sohn, wenn dir ein Stück Land gegeben wird, so nimm es nicht an, sondern sprich: ‚O Fürst, ich bin der allerjüngste; wenn auch ich fortgehe, wird der Platz zu Euren Füßen leer sein. Ich will immer zu Euren Füßen weilen.‘“

Als nun eines Tags der Prinz Samvara seinen Vater begrüßt hatte und ihm zur Seite stand, fragte der König: „Mein Sohn, hast du die Künste zu Ende erlernt?“ „Ja, o Fürst“, war die Antwort. „Wünsche dir ein Land“, fuhr der König fort. Doch der Prinz erwiderte: „O Fürst, der Platz zu Euren Füßen wird leer werden; ich möchte immer zu Euren Füßen bleiben.“ Befriedigt gab der König seine Zustimmung.

Als er nun von da an immer zu den Füßen des Königs weilte, fragte er den Bodhisattva: „Vater, was soll ich weiter tun?“ Dieser erwiderte: „Bitte den König um einen alten Park!“ Der Prinz stimmte dem bei, bat um einen Park und gewann durch die dort wachsenden Blumen und Früchte die einflussreichen Leute in der Stadt für sich. Dann fragte er abermals: „Was soll ich tun?“ Der Bodhisattva sagte ihm: „Mein Sohn, bitte den König um Erlaubnis und verteile du allein in der Stadt das Speisegeld!“ Jener tat so und verteilte in der Stadt das Speisegeld, ohne irgend jemand etwas davon abzuziehen. Dann fragte er wiederum den Bodhisattva und verteilte mit der Genehmigung des Königs in der Stadt auch an die Sklaven, die Pferde und auch an das Heer die Nahrung, ohne einen auszunehmen; für die Boten, die aus fremden Ländern kamen, besorgte er die Wohnung u. dgl., für die Kaufleute bestimmte er die Abgaben: alles, was zu tun war, tat er allein. So fesselte er, indem er die Ermahnung des großen Wesens befolgte, das ganze Volk in und außer der Stadt, die Städter, die Bewohner des Reiches und die Fremden durch seine Leutseligkeit wie mit einem eisernem Bande an sich und gewann sie für sich; allen war er lieb und hold.

Als nun in der Folgezeit der König auf seinem Sterbebette lag, fragten ihn seine Minister: „O Fürst, wem sollen wir nach Eurem Tode den weißen Sonnenschirm geben?“ Der König antwortete: „Mein Lieber, meine Söhne sind alle Herren des weißen Sonnenschirmes; wer aber euer Herz gewinnt, dem sollt ihr ihn geben.“ Nachdem er aber gestorben war und sie seinem Leichname die letzte Ehrung erwiesen hatten, versammelten sie sich am siebenten Tage und sprachen: „Der König hat gesagt: ‚Wer euer Herz gewinnt, über den erhebet den Sonnenschirm‘; unsern Sinn aber hat dieser Prinz Samvara gewonnen.“ Und sie erhoben den von ihren Verwandten umgebenen, mit goldenen Kränzen geschmückten weißen Sonnenschirm über ihn. Der Großkönig Samvara führte aber in Gerechtigkeit seine Regierung, indem er die Ermahnung des Bodhisattva befolgte.

Es sprachen aber die übrigen neunundneunzig Prinzen: „Unser Vater ist gestorben und man hat über Samvara den Sonnenschirm erhoben. Er aber ist der allerjüngste, ihm steht der Sonnenschirm nicht zu; wir wollen ihn über den allerältesten von uns erheben lassen.“ Sie kamen alle zusammen, schickten dem Großkönig Samvara die Botschaft: „Er soll uns den Sonnenschirm geben oder mit uns kämpfen“, und umlagerten die Stadt. Der König teilte dem Bodhisattva die Angelegenheit mit und fragte: „Was sollen wir jetzt tun?“ Dieser antwortete: „O Großkönig, du brauchst mit deinen Brüdern nicht zu kämpfen. Mache aus dem Vermögen, dass deinem Vater gehörte, hundert Teile, schicke neunundneunzig davon Deinen Brüdern und füge folgende Botschaft bei: ‚Nehmet diesen Teil von dem Eigentum eures Vaters; ich werde nicht mit euch kämpfen.‘“ Jener tat also.

Darauf sprach der älteste von allen Brüdern, der Prinz Uposatha, zu den übrigen: „Meine Lieben, einen König zu besiegen, ist niemand im Stande; dieser unser jüngster Bruder aber hält, obwohl er unser Feind ist, uns nicht stand, sondern er schickt uns das Vermögen unseres Vaters mit der Botschaft, er werde nicht mit uns kämpfen. Wir können aber nicht alle in ein und demselben Augenblick den Sonnenschirm erheben lassen; darum wollen wir ihn nur über einen einzigen erheben und dieser nur soll König sein. Kommt, wir wollen ihn aufsuchen, ihn das Eigentum des Königs zurücknehmen lassen und in unser Land zurückkehren.“

Darauf ließen alle Prinzen die Stadt öffnen und zogen, nicht mehr in feindlicher Absicht, in die Stadt ein. Der König aber ließ ihnen seine Minister entgegengehen, um ihnen Ehrung zu erweisen. Die Prinzen kamen mit großem Gefolge zu Fuß herbei, stiegen in den königlichen Palast hinauf, bezeigten dem Großkönig Samvara ihre Unterwürfigkeit und ließen sich auf einem niedrigen Sitze nieder. Der Großkönig Samvara aber setzte sich unter den weißen Sonnenschirm auf den Löwensitz; groß war seine Ehrung und groß der Glanz seiner Majestät; jede Stelle, auf die er blickte, erzitterte.

Als nun der Prinz Uposatha die Herrlichkeit des Großkönigs Samvara betrachtete, dachte er bei sich: „Unser Vater hat gewusst, dass nach seinem Tode der Prinz Samvara König werde, glaube ich; deshalb hat er uns Länder gegeben, jenem aber nicht.“ Und indem er den König anredete, sprach er folgende drei Strophen:

„Da, o Großkönig, wohl erkannte
den Vorzug dein der Völkerfürst,
hat er die Prinzen hier geehrt,
doch dich hat er mit nichts beschenkt.

War 's, als der Großkönig noch lebte,
war 's, da als Gott er war im Himmel,
dass die Verwandten dich erwählten,
da ihren Vorteil sie bedachten?

Durch welchen Vorzug, Samvara,
hast deine Brüder du besiegt?
Warum hat dich nicht überwunden
der Brüder Schar, die sich vereinte?“

Als dies der Großkönig Samvara vernahm, sprach er, um seinen Vorzug zu schildern, folgende sechs Strophen:

„Nicht neidisch bin ich, Königssohn,
gegen die heiligen Asketen;
ihnen erzeig ich alle Ehrfurcht
und ihre Füße ich verehre.

Und mich, der ich nach Wahrheit strebe
voll Lernbegier und frei vom Neide,
belehren wieder die Asketen,
die Weisen, die die Tugend lieben.

Nachdem ich so das Wort vernommen
von diesen heiligen Asketen,
zeig ich Verachtung gegen nichts,
an Tugend sich mein Herz erfreut.

Die Reiter, Elefantenkämpfer,
die Wagenkämpfer, Fußsoldaten,
diesen verkürze ich beständig
nicht ihren wohl verdienten Lohn.

Auch dienen mir viel weise Leute,
die ihren guten Rat mir spenden;
und reich versehen ist Benares
mit vielem Fleisch, Branntwein und Wasser.

Auch geht es gut den Kaufleuten,
die aus verschiednen Ländern kommen;
sie stehen unter meinem Schutz.
Jetzt weißt du es, Uposatha.“

Als aber der Prinz Uposatha die Tugend jenes vernommen, sprach er folgende zwei Strophen:

„Führ in Gerechtigkeit die Herrschaft
über uns Brüder, Samvara;
verständig bist du ja und weise,
so bringst du Glück auch den Verwandten.

Und so umringt von deinen Brüdern,
geschmückt mit deinen Kronjuwelen,
bleibst unbesiegt du von den Feinden
wie Indra vom Dämonenfürsten.“

Darauf ließ der Großkönig Samvara allen seinen Brüdern große Ehrung zuteil werden. Nachdem sie bei ihm anderthalb Monate verbracht hatten, sprachen sie: „O Großkönig, wir wollen sehen, ob nicht in unseren Ländern Räuber sich erhoben haben; genieße du das Glück des Königtums.“ Und sie gingen ein jeder in sein Land. Der König aber beharrte bei den Ermahnungen des Bodhisattva und gelangte am Ende seines Lebens in die Götterstadt.

Nachdem der Meister diese Unterweisung beschlossen hatte, fügte er hinzu; „O Mönch, der du früher so geduldig die Ermahnungen befolgtest, warum hast du jetzt dein Streben nicht betätigt?“

Sodann verkündete er die Wahrheiten (am Ende der Verkündigung der Wahrheiten aber gelangte jener Mönch zur Frucht der Bekehrung) und verband das Jātaka mit folgenden Worten: „Damals war der Großkönig Samvara dieser Mönch, der Prinz Uposatha war Sāriputta, die übrigen Brüder waren die oberen und unteren Theras, die Versammlung war die Buddhaschar, der die Ermahnung gebende Minister aber war ich.“

Ende der Erzählung von Samvara