Jātaka 465

Die Erzählung von Bhaddasāla (Bhaddasāla-Jātaka)

„Wer bist du, der die Kleider aufhebt“

Dies erzählte der Meister, da er im Jetavana verweilte, mit Beziehung auf die Wohltaten gegen Verwandte.—Zu Savatthi nämlich wurde im Hause des Anāthapindika beständig für fünfhundert Mönche das Mahl hergerichtet, ebenso im Hause der Visakha und im Palaste des Königs von Kosala. Obwohl aber bei letzterem Speise von verschiedenartigem höchstem Wohlgeschmacke gereicht wurde, war dort niemand mit den Mönchen befreundet. Darum speisten die Mönche nicht in dem Palaste des Königs, sondern sie nahmen die Speise mit, gingen in das Haus des Anāthapindika oder der Visakha oder von anderen, die ihnen befreundet waren, und verzehrten sie dort. Eines Tages nun schickte der König vorzügliche Speise fort mit den Worten: „Das Geschenk ist gebracht, gebt es den Mönchen!“ Doch man erwiderte ihm: „Bei der vorzüglichen Speise sind keine Mönche.“ Als er weiter fragte: „Wohin sind sie gegangen?“, erhielt er zur Antwort: „Sie sitzen in den Häusern ihrer Freunde und verzehren dort ihr Mahl.“ Als er dies hörte, begab er sich nach dem Frühmahle zu dem Meister hin und fragte: „Herr, welche Speise ist die beste?“ Dieser erwiderte: „Die Freundschaftsspeise, o Großkönig; selbst saurer Reisschleim wird süß, wenn er von lieber Hand gespendet wird.“ Der König fragte weiter: „Herr, mit wem haben denn die Mönche Freundschaft?“ Der Meister antwortete: „Mit ihren Verwandten oder auch mit den Leuten vom Sakya-Stamme (aus dieser Familie von Edlen stammte Buddha selbst).“

Da dachte der König bei sich: „Ich werde eine Sakya-Tochter heimführen und sie zu meiner ersten Gemahlin machen; auf diese Weise werden die Mönche mit mir befreundet werden wie mit einem Verwandten.“ Er stand von seinem Sitz auf, kehrte in seine Behausung zurück und schickte nach Kapilavatthu einen Boten mit folgender Nachricht: „Sie sollen mir eine Tochter geben; ich wünsche, mit euch verwandt zu werden.“ Als die Sakyas die Worte des Boten vernahmen, versammelten sie sich und beratschlagten folgendermaßen: „Wir leben unter der Oberherrschaft des Königs von Kosala. Wenn wir ihm keine Tochter geben, wird große Feindschaft daraus entstehen; wenn wir sie ihm aber geben, wird die Tradition unserer Familie dadurch zerstört. Was ist da zu tun?“ Da sprach Mahanama (einer der Sakyas) zu ihnen: „Habt keine Besorgnis! Meine Tochter, die Vasabha-Edle mit Namen, stammt aus dem Schoße der Sklavin Nagamunda; sie steht im Alter von sechzehn Jahren und ist von äußerster Schönheit und Herrlichkeit. Durch die Familie ihres Vaters ist sie eine Edle; sie wollen wir ihm schicken als Mädchen aus fürstlichem Stamme.“ Die Sakyas stimmten dem Vorschlage bei; sie ließen die Boten herbeirufen und sagten: „Es ist gut; wir wollen euch ein Mädchen geben. Nehmt sie jetzt mit euch und geht!“

Die Boten aber dachten: „Diese Sakyas sind im Punkte der Geburt allzu stolz. Sie könnten sagen, dies sei eine ebenbürtige Tochter, und uns doch eine unebenbürtige geben. Wir werden nur eine solche nehmen, die mit ihnen zusammen speist.“ Und sie sprachen zu ihnen: „Wenn wir eine mitnehmen sollen, so werden wir nur die mitnehmen, die mit euch zusammen speist.“ Darauf wiesen ihnen die Sakyas einen Aufenthaltsort an und überlegten, was sie tun sollten. Mahanama sagte: „Seid unbesorgt; ich werde eine List anwenden. Zur Zeit, da ich das Mahl einnehme, bringet die Vasabha-Edle herbei. Sobald ich aber einen einzigen Bissen genommen habe, dann gebt mir einen Brief und sagt dabei: ‚Der König so und so schickt Euch einen Brief; vernehmet sogleich seine Botschaft!‘“

Die andern gaben ihre Zustimmung und schmückten, während jener speiste, das Mädchen. Darauf sprach Mahanama: „Bringet meine Tochter herbei; sie soll mit mir zusammen speisen!“ Sie antworteten: „Sogleich, sobald sie geschmückt ist“, zögerten eine kleine Weile und brachten dann das Mädchen herbei. Diese dachte: „Wir werden mit dem Vater zusammen speisen“, und streckte seine Hand in dieselbe Schüssel. Mahanama nahm darauf einen Bissen zusammen mit seiner Tochter und steckte ihn in den Mund. Sobald er aber seine Hand nach dem zweiten Bissen ausstreckte, brachte man ihm einen Brief herbei mit den Worten: „O Fürst, von dem Könige so und so ist Euch ein Brief geschickt worden; vernehmet sogleich diese Botschaft!“ Mahanama versetzte: „Iss nur, meine Tochter!“; die rechte Hand behielt er in der Schüssel, mit der linken aber nahm er den Brief und las ihn. Während er aber so die Botschaft überlegte, nahm die andere ihr Mahl ein. Nachdem sie aber gespeist hatte, wusch er sich die Hand und spülte den Mund aus.

Mit Bestimmtheit kamen nun die Boten zu der Gewissheit: „Sie ist seine Tochter“; den Unterschied konnten sie nicht wahrnehmen. Mahanama aber entließ mit großer Pracht seine Tochter. Die Boten verbrachten sie nach Savatthi und sagten: „Diese Prinzessin ist die hoch edle Tochter des Mahanama.“ Befriedigt ließ der König die ganze Stadt zieren; das Mädchen stellte er auf einen Haufen von Edelsteinen und ließ sie feierlich zu seiner ersten Gemahlin weihen. Sie war aber dem König lieb und hold. Nicht lange danach entstand in ihrem Schoße eine Leibesfrucht. Der König ließ ihr die Ehrung der Empfängnis zu teil werden; nach Ablauf von zehn Monaten gebar sie einen Sohn, der die Farbe des Goldes hatte.

Am Namengebungstage aber schickte der König zu seiner Großmutter und ließ ihr melden: „Vasabhakhattiya, die Tochter des Sakya-Königs, hat einen Sohn geboren; welchen Namen soll man ihm geben?“ Der Minister aber, der mit dieser Botschaft fortging, war von Natur etwas schwerhörig; dieser ging hin und erstattete der Großmutter des Königs die Meldung. Als diese es hörte, sagte sie: „Auch ohne dass die Vasabha-Edle dem Könige einen Sohn gebar, übertraf sie alle Leute; jetzt aber wird sie um so mehr die Favoritin des Königs werden.“ Der schwerhörige Minister hörte aber das Wort „Favoritin“ (pali: „vallabha“) schlecht und verstand „Vidudabha“; er ging zum König hin und sprach: „O Fürst, gebet dem Prinzen den Namen Vidudabha.“ Der König dachte: „Es wird ein früher unserer Familie gegebener Name sein“, und gab ihm wirklich den Namen Vidudabha.

Von da an wuchs der Prinz mit der einem Prinzen zustehenden Ehrung heran. Als er sieben Jahre alt geworden war und sah, wie den anderen Prinzen von der Familie ihrer Großeltern Elefantenfiguren, Pferdefiguren u. dgl. gebracht wurden, fragte er seine Mutter: „Mutter, anderen werden von der großelterlichen Familie Geschenke gebracht, mir aber schickt niemand etwas; hast du denn keine Eltern?“ Sie aber täuschte ihn mit den Worten: „Mein Sohn, deine Großväter sind die Sakya-Könige; sie wohnen aber weit und darum schicken sie dir nichts.“—Als er dann sechzehn Jahre alt war, bat er seine Mutter: „Mutter, ich möchte die Familie meines Großvaters besuchen.“ Doch sie entgegnete: „Genug, mein Sohn, was willst du denn dort tun?“ Obwohl er aber so von ihr abgewiesen wurde, bat er immer wieder darum. Da gab ihm seine Mutter die Erlaubnis mit den Worten: „Gehe also hin.“ Jener meldete es seinem Vater und verließ mit großem Gefolge die Stadt.

Die Vasabha-Edle aber schickte zuvor folgenden Brief dorthin: „Ich lebe hier glücklich; mögen die Herren ihm kein Hindernis bereiten.“ Als nun die Sakyas von dem Kommen des Vidudabha hörten, sagten sie: „Wir können ihn nicht begrüßen“, und schickten deshalb alle jungen Prinzen aufs Land. Da aber der Prinz nach Kapilavatthu gekommen war, versammelten sich die Sakyas in dem Stadthause. Der Prinz begab sich in das Stadthaus und blieb dort stehen. Man sagte ihm: „Dies ist dein Großvater, dies dein Oheim.“ Darauf ging er umher, indem er ihnen alle seine Ehrfurcht bezeigte. Als er sie begrüßte, bis ihn der Rücken schmerzte, und keinen sah, der ihn wieder grüßte, fragte er: „Warum ist niemand, der mich grüßt?“ Die Sakyas antworteten: „Lieber, die jungen Prinzen sind auf das Land gegangen“, und erwiesen ihm große Ehrung. Nachdem er einige Tage dort verweilt hatte, verließ er wieder mit großem Gefolge die Stadt.

Eine Magd aber schalt die Bank, auf der jener in der Stadthalle gesessen hatte: „Dies ist die Bank, wo der Sohn der Sklavin Vasabhakhattiya saß!“, und wusch sie mit Milchwasser ab. Ein Mann jedoch, der seine Waffe vergessen hatte, war umgekehrt und hatte, während er sie an sich nahm, die Scheltworte gegen den Prinzen Vidudabha vernommen; deshalb fragte er nach der Sache. Da erfuhr er, dass die Vasabha-Edle aus dem Schoße einer Sklavin dem Mahanamasakka geboren sei; er ging hin und erzählte es dem ganzen Heere.

Jetzt entstand ein großes Geschrei: „Die Vasabha-Edle ist einer Sklavin Tochter!“ Als der Prinz dies hörte, fasste er bei sich folgenden Entschluss: „Sie sollen nur die Bank, auf der ich saß, mit Milchwasser abwaschen; wenn ich aber den Thron bestiegen habe, werde ich das Blut ihrer Kehle nehmen und damit die Bank abwaschen, auf der ich sitze.“

Als er nach Savatthi zurückgekehrt war, verkündeten die Hofleute die ganze Begebenheit dem Könige. Der König wurde zornig auf die Sakyas, weil sie ihm die Tochter einer Sklavin gegeben hätten; der Ehrung aber, die der Vasabha-Edlen und ihrem Sohne erwiesen wurde, machte er ein Ende und ließ ihnen nur soviel geben, als den Sklaven und Sklavinnen zu erhalten gebührte.—Nach Ablauf einiger Tage kam der Meister in den Palast des Königs und setzte sich nieder. Der König kam herbei, begrüßte ihn ehrfurchtsvoll und sagte dann: „Herr, von Euren Verwandten wurde mir die Tochter einer Sklavin gegeben; darum nahm ich ihr samt ihrem Sohne die Ehrung und ließ ihnen nur das geben, was den Sklaven und Sklavinnen zu erhalten gebührte.“ Der Meister erwiderte: „Unrecht, o Großkönig, haben die Sakyas getan; wenn sie dir eine Tochter geben wollten, mussten sie dir eine ebenbürtige geben. Aber ich sage dir auch folgendes, o Großkönig: Die Königstochter Vasabhakhattiya erhielt im Hause eines Königs der Edlen die Weihe; Vidudabha ist von einem König der Edlen erzeugt. Was soll die Abstammung der Mutter ausmachen? Die Abstammung des Vaters ist allein der Maßstab. So dachten die Weisen der Vorzeit und verliehen einem armen Weibe, einer Holzsammlerin, die Stelle der ersten Gemahlin; der Sohn aber, der ihrem Schoße entsprossen war, erhielt in dem zwölf Yojanas umfassenden Benares die Königswürde und wurde der König Holzsammler.“ Und er erzählte ihm das Katthahari-Jātaka (Jātaka 7). Als aber der König diese Lehrunterweisung vernommen, dachte er befriedigt: „Die Abstammung des Vaters ist allein der Maßstab“, und ließ Mutter und Sohn wieder die frühere Ehrung erweisen.—

Der König aber hatte einen Heerführer namens Bandhula. Dieser sprach zu seiner Gattin, welche Mallikā hieß und unfruchtbar war: „Gehe du nur wieder in das Haus deiner Familie“, und schickte sie nach Kusinara. Diese dachte: „Ich will zuvor den Meister besuchen und dann fortgehen“; sie ging in das Jetavana hinein, begrüßte ehrfurchtsvoll den Vollendeten und stellte sich ihm zur Seite. Als er sie fragte: „Wohin gehst du?“, antwortete sie: „Mein Gebieter schickt mich in das Haus meiner Familie zurück, Herr.“ Auf seine weitere Frage: „Warum?“, antwortete sie: „Herr, ich bin unfruchtbar und habe keine Kinder.“ Darauf sprach der Meister: „Wenn es sich so verhält, so brauchst du nicht fortzugehen; kehre um!“ Hochbeglückt grüßte sie den Meister und kehrte in ihr Haus zurück. Als sie ihr Gatte fragte, warum sie zurückgekehrt sei, antwortete sie: „Von dem mit den zehn Kräften Ausgestatteten bin ich zurückgeschickt worden, Gebieter.“ Darauf versetzte der Heerführer: „Der Vollendete wird den Grund schon wissen.“

Kurze Zeit darauf empfing sie eine Leibesfrucht. Es entstand in ihr ein Gelüste und sie teilte ihrem Gatten mit, dass sie ein Gelüste habe. „Was für ein Gelüste?“, fragte dieser. Sie antwortete: „Herr, ich möchte in der Stadt Vesali in den geweihten königlichen Lotosteich der dortigen Königsfamilie hinabsteigen, dort baden und Wasser trinken.“ Der Heerführer versetzte: „Gut.“ Er nahm seinen Bogen mit, der die Stärke von tausend besaß, ließ sie auf einen Wagen steigen und verließ Savatthi. Auf seinem Wagen fahrend drang er in Vesali ein.

Zu der Zeit wohnte ein Mann dort, der mit Bandhula, dem Heerführer des Königs von Kosala, bei demselben Lehrer die Künste erlernt hatte, ein Licchavi namens Mahali. Dieser war blind und weilte, indem er die Licchavis in weltlichen und geistlichen Dingen unterrichtete, immer in der Nähe des Tores. Als dieser nun hörte, wie der Wagen an die Torschwelle stieß, sprach er: „Dieser Laut kommt von dem Wagen, auf dem der Kämpfer Bandhula fährt; heute wird den Licchavis Gefahr drohen.“—Innerhalb und außerhalb des Lotosteiches war ein starker Wächter, darüber war ein eisernes Netz ausgespannt; selbst für Vögel bot sich keine Möglichkeit hineinzukommen. Der Heerführer aber stieg von seinem Wagen herunter, schlug die Wächter mit dem Schwerte, dass sie entflohen, und zerhieb das eiserne Netz. Hierauf ließ er seine Gattin dortselbst baden und Wasser trinken und nahm auch selbst ein Bad. Danach ließ er Mallikā wiederum auf den Wagen steigen, verließ die Stadt und fuhr auf dem Wege zurück, den er gekommen war.

Die Wächter aber gingen hin und sagten es den Licchavis. Da wurden die Licchavi-Könige zornig, bestiegen, fünfhundert an der Zahl, fünfhundert Streitwagen und zogen fort, um den Kämpfer Bandhula zu fangen.

Diese Begebenheit teilte man dem Mahali mit. Mahali sagte: „Gehet nicht fort, er wird euch alle töten.“ Doch sie erwiderten: „Wir werden doch gehen.“ Darauf sprach er zu ihnen: „Wenn ihr also sehet, wie ein Rad bis an die Nabe einsinkt, so kehret an dieser Stelle um. Wenn ihr aber hier nicht umkehret, so werdet ihr vor euch ein Geräusch hören, das dem Donner gleicht; an diesem Orte kehret um. Wenn ihr aber auch da nicht umkehret, so werdet ihr am Joch eurer Wagen ein Loch sehen; an dieser Stelle aber kehret um und fahret nicht weiter!“ Sie aber kehrten auf seine Worte nicht um, sondern setzten die Verfolgung fort.

Mallikā sah sie und sagte: „Herr, es sind Wagen zu sehen.“ Er antwortete: „Melde mir also, sobald du immer einen Wagen siehst.“ Weil aber alle Wagen so aussahen, als wären sie nur ein einziger, deshalb sagte sie: „Herr, ich sehe nur einen einzigen Wagenkopf.“ Bandhula versetzte: „Nimm also diese Zügel“, gab ihr die Zügel und hob auf dem Wagen stehend seinen Bogen. Da sank das Rad des Wagens bis an die Nabe in die Erde ein; als aber die Licchavis auf ihrer Fahrt an diese Stelle kamen und es sahen, kehrten sie trotzdem nicht um. Nachdem der andere ein wenig weiter gefahren war, zog er die Sehne an; da gab es einen Schall wie vom Donner. Aber auch da kehrten sie nicht um, sondern verfolgten ihn weiter.

Da schoss Bandhula auf dem Wagen stehend einen Pfeil ab; dieser machte in den Wagenkopf von allen fünfhundert Wagen ein Loch, durchbohrte alle fünfhundert Könige an der Stelle, wo der Gürtel befestigt ist, und drang dann in die Erde ein. Sie aber merkten nicht, dass sie verwundet waren, sondern verfolgten ihn immer weiter mit dem Rufe: „Holla, bleib stehen, holla, bleib stehen!“ Bandhula ließ seinen Wagen halten und sprach: „Ihr seid tot; mit Toten kämpfe ich nicht.“ Sie erwiderten: „Gewiss, die Toten sehen so aus wie wir!“ Doch jener versetzte: „Löst nur dem allervordersten den Gürtel auf!“ Sie taten so; sobald ihm aber der Gürtel gelöst war, fiel er tot zur Erde. Hierauf sprach er weiter zu ihnen: „Ihr seid alle derartig. Gehet nach Hause, ordnet, was noch zu ordnen ist, gebet euren Frauen und Kindern noch eine Ermahnung und macht dann die Rüstung los!“ Sie taten so und mussten alle sterben. Bandhula aber führte seine Gattin Mallikā nach Savatthi zurück.

Sie gebar ihm sechsmal Zwillingssöhne; diese waren alle Helden und voll Stärke und sie alle erlangten die Vollendung in allen Künsten. Jeder einzelne hatte ein Gefolge von tausend Mann; wenn sie mit ihrem Vater in den Palast zogen, wurde von ihnen der Hof des Palastes ganz angefüllt.—Eines Tages nun hatten vor Gericht Leute wegen falscher Entscheidung der Sache ihren Prozess verloren. Als sie den Bandhula herankommen sahen, erhoben sie ein lautes Geschrei und erzählten ihm, wie die Gerichtsbeamten ihre Sache falsch entschieden hätten. Darauf ging er selbst vor Gericht, entschied die Sache und machte den zum Herrn des Geldes, dem es gebührte. Eine große Volksmenge ließ mit lauter Stimme ihren Beifall ertönen. Der König fragte, was dies sei. Als er die Begebenheit vernahm, war er hoch befriedigt; er nahm all jenen Beamten ihr Amt und übertrug dem Bandhula allein die Rechtsprechung. Von da an richtete dieser gerecht.

Als aber hierauf die früheren Richter keine Geschenke mehr erhielten und wenig geehrt wurden, verleumdeten sie Bandhula beim Könige, er strebe nach dem Throne. Der König nahm ihre Worte an und konnte diesen Gedanken nicht mehr bezwingen. Dann aber dachte er wieder: „Wenn jener hier am Orte getötet wird, werde ich darüber getadelt werden.“ Deshalb ließ er durch Beauftragte das Grenzland plündern, ließ dann Bhandula zu sich rufen und sprach zu ihm: „Das Grenzland ist in Aufruhr; gehe mit deinen Söhnen hin und nimm die Räuber gefangen.“ Nachdem er ihn aber so fortgeschickt hatte, sandte er noch andere fähige Kämpfer mit ihm fort, denen er den Auftrag gab, sie sollten ihm und seinen zweiunddreißig Söhnen das Haupt abschlagen und ihm bringen.

Als jener aber nach dem Grenzlande zog, dachten sogleich die beauftragten Räuber: „Der Heerführer kommt“, und entflohen. Nachdem jener das Grenzland unterworfen und das Land wieder beruhigt hatte, kehrte er zurück. Unweit von der Stadt aber schlugen ihm jene Krieger samt seinen Söhnen das Haupt ab.

An diesem Tage waren von Mallikā die zwei ersten Schüler zugleich mit fünfhundert Mönchen eingeladen. An demselben Morgen hatte man ihr einen Brief gebracht, der folgenden Inhalt hatte: „Deinem Gatten mitsamt seinen Söhnen ist das Haupt abgeschlagen worden.“ Als sie diese Begebenheit erfuhr, sagte sie niemand etwas davon, sondern sie steckte den Brief in den Bausch ihres Gewandes und bediente die Mönchsgemeinde weiter. Als nun ihre Dienerinnen den Mönchen Reisbrei gegeben hatten und eine Schüssel mit zerlassener Butter herbei trugen, zerbrach ihnen vor den Theras die Schüssel. Der Heerführer der Lehre sagte darauf: „Etwas, das zum Zerbrechen bestimmt war, ist zerbrochen; darüber darf man sich nicht betrüben.“ Da zog jene aus ihrem Gewande den Brief und sprach: „Man brachte mir diesen Brief, dass meinen zweiunddreißig Söhnen samt ihrem Vater das Haupt abgeschlagen worden sei; obwohl ich aber dies hörte, betrübe ich mich nicht darüber. Was soll ich mich da betrüben, wenn eine Butterschüssel zerbricht?“ Der Heerführer der Lehre entgegnete: „Unbezeichnet und unbekannt“, usw., erhob sich von seinem Sitze, nachdem er die Lehre verkündet, und kehrte in das Kloster zurück. Jene aber ließ ihre zweiunddreißig Schwiegertöchter zu sich rufen und ermahnte sie: „Eure schuldlosen Gatten haben die Frucht einer früheren Tat empfangen; seid nicht traurig. Heget auch gegen den König in Gedanken keinen Hass!“

Es hörten aber die Späher des Königs diese Worte; sie gingen hin und erzählten dem König, dass jene schuldlos gewesen seien. Voll Reue begab sich der König in Mallikās Haus, bat diese und ihre Schwiegertöchter um Verzeihung und gewährte Mallikā die Erlaubnis, einen Wunsch zu äußern. Diese erwiderte: „Ich nehme es an.“ Als er dann wieder fortgegangen war, spendete sie Totenspeise, nahm ein Bad, suchte hierauf den König auf und sprach: „O Fürst, Ihr habt mir einen Wunsch zugestanden. Ich wünsche mir aber nichts anderes, sondern erlaubt nur, dass ich und meine Schwiegertöchter in das Haus unserer Familien zurückkehren.“ Der König erteilte seine Zustimmung. Darauf schickte sie ihre zweiunddreißig Schwiegertöchter eine jede in ihre Familie zurück; sie selbst ging nach der Stadt Kusinara in das Haus ihrer Familie.—Hierauf verlieh der König die Heerführerstelle dem Neffen des Heerführers Bandhula, Dighakarayana mit Namen. Dieser aber dachte: „Mein Oheim wurde von ihm getötet“, und suchte beständig nach Fehlern des Königs.

Seitdem aber der schuldlose Bandhula getötet war, hatte der König immer Gewissensbisse; er hatte keine angenehmen Gedanken mehr und genoss nicht mehr sein königliches Glück.

Damals verweilte der Meister in einem Flecken der Sakyas, der Ulumpa hieß. Der König begab sich dorthin, schlug unweit von dem Kloster ein befestigtes Lager und ging mit geringem Gefolge nach dem Kloster hin, um den Meister zu begrüßen. Die fünf Teile der Kroninsignien gab er Karayana und betrat allein das duftende Gemach des Meisters. Es folgt alles so, wie es im Dhammacetiya-Sutta (M.89) ausgeführt ist.

Als jener aber in das duftende Gemach hineingegangen war, nahm Karayana die königlichen Kroninsignien mit sich und machte Vidudabha zum Könige. Ein Pferd und eine Frau ließ er (für den König) als Dienerin zurück und zog nach Savatthi.—Da aber der König mit dem Meister eine liebe Unterredung gepflogen hatte und herauskam, sah er sein Heer nicht mehr. Er fragte das Weib; und als er die Begebenheit erfuhr, dachte er: „Ich will mit meinem Neffen hingehen und Vidudabha gefangen nehmen“, und zog nach der Stadt Rājagaha. Da er aber zur Unzeit ankam, als die Tore schon geschlossen waren, musste er sich in einer Halle niederlegen. Von Wind und Hitze gequält starb er dort während der Nacht. Als die Morgendämmerung anbrach, hörten die Leute, wie jenes Weib vor sich hinlallte: „Der König von Kosala liegt hilflos da, o Fürst“, und sie teilten dies dem König mit. Dieser ließ seinem Oheim mit großer Pracht die letzte Ehrung zuteil werden.—

Nachdem aber Vidudabha auf den Thron gekommen war, erinnerte er sich an seinen Hass; er dachte: „Ich will alle Sakyas töten“, und zog mit einem großen Heere fort. Als an diesem Tage der Meister zur Zeit der Morgendämmerung die Welt betrachtete, bemerkte er, welches Verderben der Schar seiner Verwandten drohte, und dachte: „Ich muss meinen Verwandten eine Gunst erweisen.“ Nachdem er zur Zeit des Vormittags seinen Almosengang gemacht hatte und nach beendigtem Mahle zurückgekehrt war, nahm er in seinem duftenden Gemache die Löwenlage ein. Zur Abendzeit flog er darauf durch die Luft davon und setzte sich in der Nähe von Kapilavatthu am Fuße eines Baumes nieder, der nur dünnen Schatten warf. Unweit davon stand an der Grenze des Reiches von Vidudabha ein großer Nigrodha-Baum mit dichtem Schatten. Als Vidudabha den Meister sah, ging er zu ihm hin, begrüßte ihn ehrfurchtsvoll und sagte zu ihm: „Herr, warum habt Ihr Euch in dieser heißen Zeit am Fuße dieses Baumes mit so dünnem Schatten niedergelassen? Setzt Euch doch hier an diesen tiefen Schatten werfenden Nigrodha-Baum, Herr!“ Der Meister antwortete: „Lasst es gut sein, o Großkönig; der Schatten der Verwandten ist kühl.“ Da dachte der König: „Um seine Verwandten zu schützen, wird der Meister gekommen sein“; er grüßte den Meister, kehrte um und zog nach Savatthi zurück. Der Meister aber flog wieder in die Luft empor und begab sich nach dem Jetavana zurück.

Als sich nun der König wieder an die Schuld der Sakyas erinnerte, zog er zum zweiten Male aus; da er aber dort abermals den Meister sah, kehrte er wieder um. Auch zum dritten Male zog er fort, sah ebendort wieder den Meister und kehrte wieder um. Als der König aber zum vierten Male auszog, beobachtete der Meister die früheren Taten der Sakyas und erkannte dabei, wie ihre schlechte Tat, dass sie Gift in den Fluss geworfen hatten, nicht in ihrer Wirkung aufzuhalten sei; deshalb ging er zum vierten Male nicht fort. Da tötete der König Vidudabha von den Milch trinkenden Knaben angefangen alle Sakyas und wusch mit dem Blute ihrer Kehle die Bank ab; dann kehrte er zurück.—

Als aber der Meister zum dritten Male von seinem Gange zurückgekehrt war, ruhte er sich am nächsten Tage, nachdem er seinen Almosengang gemacht und sein Mahl beendigt hatte, in seinem duftenden Gemache aus. Da setzten sich aus allen Himmelsgegenden zusammengekommene Mönche in der Lehrhalle nieder und sagten: „Freund, der Meister hat dadurch, dass er sich ihm zeigte, den König zur Umkehr bewogen und dadurch seine Verwandten von Todesfurcht befreit. So sehr wandelt der Meister zum Nutzen seiner Verwandten.“ So erzählten sie einander die Vorzüge des Erhabenen. Da kam der Meister und fragte: „Zu welcher Unterhaltung, ihr Mönche, habt ihr euch jetzt hier niedergelassen?“ Als sie antworteten: „Zu der und der“, sprach er weiter: „Nicht nur jetzt, ihr Mönche, wandelt der Vollendete zum Heile seiner Verwandten, sondern auch früher tat er so.“ Nach diesen Worten erzählte er folgende Begebenheit aus der Vergangenheit.

Ehedem herrschte zu Benares Brahmadatta in Gerechtigkeit, indem er die zehn Königstugenden betätigte. Da dachte er eines Tages: „Auf dem Jambu-Erdteil wohnen die Könige in Palästen, die viele Säulen haben; deshalb ist die Erbauung eines Palastes mit vielen Säulen nichts Wunderbares. Wie, wenn nun ich einen auf einer einzigen Säule ruhenden Palast mir verfertigen ließe? Dann würde ich der erste von allen Königen werden.“ Er ließ Zimmerleute zu sich rufen und sagte ihnen: „Erbauet mir einen prächtigen Palast, der auf einer einzigen Säule ruht.“ Jene stimmten zu und gingen in den Wald; da sahen sie viele gerade, große Bäume, die geeignet waren für einen auf einer Säule ruhenden Palast. Aber sie bedachten: „Diese Bäume sind da, der Weg aber ist uneben und man kann sie nicht herunterschaffen. Wir wollen es dem Könige melden.“ Und sie taten so. Als der König sagte: „Schaffet die Bäume, auf welche Weise es auch sei, rasch herunter“, antworteten sie: „O Fürst, dies ist auf keine Weise möglich.“ Darauf erwiderte der König: „Suchet darum in meinem Parke einen Baum aus!“

Darauf gingen die Zimmerleute in den Park und sahen dort einen schön gewachsenen, geraden, königlichen Sala-Baum, der von Dörfern und Flecken verehrt wurde und dem auch von der Königsfamilie Opfer dargebracht wurden. Sie gingen zum Könige hin und teilten ihm dies mit. Der König versetzte: „In meinem Parke habt ihr einen Baum gefunden; gehet hin und haut ihn ab!“ Sie stimmten zu und begaben sich mit wohlriechenden Substanzen und Girlanden in den Händen nach dem Parke. Hier besprengten sie den Baum fünf Zoll hoch mit Wohlgerüchen, umgaben ihn mit einer Schnur, befestigten einen Blumenschmuck an ihm, zündeten eine Lampe an und brachten ihm ein Opfer dar. Dann riefen sie: „Am siebenten Tage von heute an werden wir kommen und den Baum umhauen; der König hat es so befohlen. Die in diesem Baume wohnenden Gottheiten sollen anderswohin gehen; unsere Schuld ist es nicht.“

Als aber der dort wohnende Göttersohn diese Worte vernahm, dachte er bei sich: „Ohne Zweifel werden diese Zimmerleute diesen Baum abhauen und damit meine Wohnung zerstören. Mein Leben ist aber an das Bestehen meiner Wohnung gebunden; auch von den in den rings um diesen Baum stehenden kleineren Sala-Bäumen wohnenden Gottheiten, die meine Verwandten sind, wird die Wohnung zerstört werden. Aber mich bedrückt nicht so sehr mein eigener Untergang als der meiner Verwandten; darum muss ich ihnen das Leben erhalten.“ Zur Mitternachtszeit betrat er darum mit göttlichem Schmucke geziert das Schlafgemach des Königs. Er erfüllte das ganze Gemach mit seinem Glanze und stellte sich weinend an das Kopfende des Bettes. Als ihn der König sah, redete er ihn furchterfüllt an und sprach folgende erste Strophe:

Wer bist du, der die Kleider aufhebt
und dasteht oben in der Luft?
Warum vergießest du die Tränen;
worüber hat dich Furcht befallen?

Als dies der Göttersohn hörte, sprach er folgende zwei Strophen:

In diesem Reiche, Fürst, bin ich
als Bhaddasāla wohl bekannt;
schon sechzigtausend Jahre sind es,
dass ich hier lebe hochverehrt.

Obwohl sie viele Städte bauten
und Häuser auch, du Völkerfürst,
dazu noch mancherlei Paläste,
sie haben niemals mich verunehrt.
So wie mich diese immer ehrten,
erweise du auch Ehrung mir!“

Darauf sprach der König folgende zwei Strophen:

„Ich sehe keinen andern Baum,
der solchen Umfang hat wie du;
nach Länge wie nach Breite bist
du herrlich überaus gewachsen.

Einen Palast möcht ich erbauen
mit einer einz'gen Säule, prächtig.
Dort werde ich dich wohnen lassen;
lang mögest du dort leben, Gottheit.“

Da dies der Götterkönig vernahm, sprach er die folgenden beiden Strophen:

Wenn also nun für mich gekommen
die Trennung von dem Körper mein,
so schlag mich einzeln auseinander
und schneid mich ab in kleinen Stücken.

Schlag erst das Haupt mir ab,
darauf die Mitte und zuletzt die Wurzel;
denn wenn ich so zerspalten würde,
kein Unglück wär' für mich der Tod.“

Darauf sprach der König folgende zwei Strophen:

Wenn Händ' und Füße man erst abschlägt,
auch Nas' und Ohr, solang er lebt,
und hinterdrein das Haupt erst abtrennt,
so ist das doch ein böser Tod.

Lässt du dich gern in Stücke hauen,
Bhaddasāla, du Herr des Waldes?
Aus welchem Grund und Anlass willst
in Stücke du geschlagen werden?“

Um ihm dies zu verkünden, sprach Bhaddasāla folgende zwei Strophen:

Aus welchem Grund und welchem Anlass
—und dieser Grund ist wohlberechtigt—
ich stückweis' möcht zerhauen werden,
dies höre jetzt, du großer König!

Meine Verwandten mir zur Seite
sind wohl gediehn in ihrer Kleinheit;
sie würd ich sonst beschädigen,
für andre wär' dies großes Leid.

Als dies der König hörte, dachte er: „Tugendhaft fürwahr ist der Göttersohn; selbst bei der Vernichtung seiner eigenen Wohnung wünscht er nicht, dass die Wohnung seiner Verwandten vernichtet werde. Er wandelt zum Heile seiner Verwandten; ich werde ihm Schonung gewähren.“ Und hoch befriedigt sprach er folgende Schlussstrophe:

Du denkst, was sich zu denken ziemt,
Bhaddasāla, du Fürst des Waldes.
Du wünschst das Heil deiner Verwandten;
drum Schonung, Freund, ich dir gewähre.

Nachdem aber der Götterkönig dem König die Wahrheit erklärt hatte, ging er wieder fort. Der König beharrte bei dessen Ermahnung, tat gute Werke wie Almosen Spenden u. dgl. und gelangte dadurch in den Himmel.

Nachdem der Meister diese Unterweisung beschlossen, fügte er hinzu: „So, ihr Mönche, wandelte auch früher schon der Vollendete zum Heile seiner Verwandten“, und verband hierauf das Jātaka mit folgenden Worten: „Damals war der König Ananda, die Gottheiten, die in den jungen Sala-Bäumen wohnten, waren die Buddhaschar, der Götterkönig Bhaddasāla aber war ich.“

Ende der Erzählung von Bhaddasāla